Miniatur (Musik)

Begriff aus der klassischen Musik

Miniatur bezeichnet in der klassischen Musik ganz allgemein ein kurzes Musikstück für ein oder wenige Instrumente. Miniatur wird undifferenziert und je nach stilistischem Zusammenhang als Synonym für Begriffe wie musikalische Skizze (engl. musical sketch),[1] musikalische Ekloge (franz. églogue musicale),[2] Impromptu, Bagatelle, Rhapsodie oder Etüde verwendet.[3]

Vexations – eine bekannte Miniatur von Eric Satie, die durch 840malige Wiederholung zu einem Monumentalwerk wird.

Miniatur ist keine Musikgattung. Neben der undifferenzierten Verwendung wird der Begriff vornehmlich für kurze Übungsstücke und auch für längere Werke verschiedener musikalischer Gattungen mit mehreren Instrumenten und/oder Gesang verwendet – beispielsweise Oper oder Pastorale – wenn diese Werke deutlich kürzer sind, als es üblicherweise der Fall ist.

Geschichte und BegriffsverwendungBearbeiten

Metzler Musik Chronik beschreibt die Charakterstücke der französischen Lautenisten im 17. Jahrhundert sowie die „Programmstücke“ der französischen Komponisten François Couperin (1668–1733) und Jean-Philippe Rameau (1683–1764) als frühe Miniaturen. Auch einige Werke von Carl Philipp Emanuel Bach (1714–1788) und Ludwig van Beethovens (1770–1827) Bagatellen werden diesem Begriff zugeordnet.[4]

Bei den Romantikern ist die Miniatur Ausdruck für „das Laut-werden-Lassen eines lyrischen Gefühls“, „das Festhalten eines musikalischen Augenblicks des Glücks“, so beispielsweise bei Felix Mendelssohn Bartholdy (1809–1847) (Lieder ohne Worte), Robert Schumann (1810–1856) (Kinderszenen, Bunte Blätter) und Johannes Brahms (1833–1897) (die späten Intermezzi).[4]

Aus der Sicht des Musiktheoretikers Theodor W. Adorno waren es die Veröffentlichungen Robert Schumanns, „die eigentlich die musikalische Miniatur, das >kleine Stück< in die Welt brachten“.[5]

ÜbungsstückBearbeiten

Als Miniaturen werden beispielsweise Übungsstücke (Etüden) für Tasteninstrumente (z. B. Klavier, Orgel)[6][7], Saiteninstrumente (z. B. Gitarre, Stössel-Laute)[8][9] und Blasinstrumente (z. B. Flöte, Klarinette)[10][11] bezeichnet. Übungsstücke für rein rhythmische Schlaginstrumente werden nicht als Miniaturen bezeichnet.

Künstlerische KompositionBearbeiten

Im 20. Jahrhundert in Frankreich findet sich die Miniatur in der Musik besonders bei Komponisten mit „einem Ideal, das das Kleine gegenüber dem Großen, die Miniatur gegenüber dem Monumentalen, in den Vordergrund stellt“.[12] Eric Satie (1866–1925), ein Vorreiter der Minimal Music, schrieb etwa um das Jahr 1893 die Miniatur Vexations[13], die einmal gespielt etwa zwei Minuten dauert, die aber – nach Saties Vorgabe – 840 Mal gespielt zu einem etwa 24-stündigen Monumentalwerk wird.

Das Werk des Österreichers Anton Webern (1883–1945) umfasst viele Miniaturen, deren Anlage und Ausführung – und was darin nicht ausgeführt wird – intensiv untersucht wurde.[14][15][16]

Auch in der klassischen Musik der Neuzeit ist die Bezeichnung Miniatur nicht unüblich.[17]

Kurzform einer bestimmten MusikgattungBearbeiten

Die Voranstellung von „Miniatur-“ (franz. (en) miniature) oder die im Zusammenhang alleinige Verwendung von „Miniatur“ bei üblicherweise längeren Kompositionen verschiedener Musikgattungen deutet an, dass ein so bezeichnetes Werk erheblich kürzer ist, als es sonst Werke dieser Musikgattung sind. Beispiele sind die „Miniatur-Oper“ (franz. opéra miniature),[18] die „Miniatur-Gavotte[19] und die „Miniatur-Pastorale[20].

Einzelnachweise und ErläuterungenBearbeiten

  1. Patricia Hall und Friedemann Sallis: A Handbook to Twentieth-Century Musical Sketches. Cambridge University Press, 2. Dezember 2004, ISBN 978-0-521-80860-6.
  2. Marie-Claire Le Moigne-Mussat, Herbert Schneider und Jean Gribenski: D'un opéra l'autre: hommage à Jean Mongrédien. Presses Paris Sorbonne, 1996, ISBN 978-2-84050-063-6, S. 38.
  3. Jim Samson: The Cambridge Companion to Chopin. Cambridge University Press, 8. Dezember 1994, ISBN 978-0-521-47752-9, S. 131.
  4. a b Arnold Feil: Metzler Musik Chronik: Vom frühen Mittelalter bis zur Gegenwart. Springer-Verlag, , ISBN 978-3-476-00145-0, S. 595.
  5. Theodor W. Adorno: Musikalische Schriften. Suhrkamp Verlag, 1984, ISBN 978-3-518-57696-0, S. 701.
  6. 13 Miniaturen: für Klavier. Möseler, 1980.
  7. 8 Miniaturen: für Klavier. Wolfgang G. Haas, 1998.
  8. Rudolf Wagner-Régeny: Fünf Miniaturen für Gitarre. Mitteldt. Verlag, 1951.
  9. Carsten Timpe: 5 Miniaturen für die Stössel-Laute - in französischer Lautentabulatur und moderner Notation (Gitarre, Klavier). epubli, 27. Juli 2014, ISBN 978-3-7375-0123-1.
  10. Yoram Paporisz: Sieben Miniaturen: für Flöte. Gerig, 1974.
  11. 12 Miniaturen: für Solo Bassklarinette in B. Musik- und Buchverlag W. Feja, 1991.
  12. Paul Sacher Stiftung (Basel, Switzerland). Internationales Symposion: Die klassizistische Moderne in der Musik des 20. Jahrhunderts. Amadeus-Verlag, 1997, ISBN 978-3-905049-73-2, S. 105.
  13. Richard Skinner: Vade Mecum: Essays, Reviews & Interviews. John Hunt Publishing, 25 September 2015, ISBN 978-1-78535-025-2, S. 99.
  14. Hartmut Krones: Anton Webern: Persönlichkeit zwischen Kunst und Politik. Böhlau Verlag Wien, Januar 1999, ISBN 978-3-205-99072-7, S. 227.
  15. Dieter Rexroth: Opus Anton Webern, Quadriga-Verlag (1983), S. 38.
  16. Eva-Maria Houben: Die Aufhebung der Zeit: zur Utopie unbegrenzter Gegenwart in der Musik des 20. Jahrhunderts. Franz Steiner Verlag, 1992, ISBN 978-3-515-05847-6, S. 44.
  17. Annette Kreutziger-Herr: Ein Traum vom Mittelalter: die Wiederentdeckung mittelalterlicher Musik in der Neuzeit. Böhlau Verlag Köln Weimar, 2003, ISBN 978-3-412-15202-4, S. 234.
  18. Leon Meyer: Bilder Der Musik. Hulton Getty picture, 1996, ISBN 978-3-89508-216-0, S. 62.
  19. Clavier. Instrumentalist Company, 1974, S. 26.
  20. Benjamin G. Cohrs: Weihnachtskantaten – einmal anders, Klassik heute, 2. Dezember 2002; abgerufen am 23. März 2017.