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Le Tombeau d’Edgar Poe

Sonett des französischen Dichters Stéphane Mallarmé über Edgar Allan Poe,aus dem Jahre 1876
Le Tombeau d’Edgar Poe, undatiertes Autograph Mallarmés (entstanden um 1889, monogrammiert mit „SM“ und versehen mit einer Widmung (oben rechts) an seinen britischen Schriftstellerkollegen und Freund Edmund Gosse)[1]

Le Tombeau d’Edgar Poe (französisch Grab[mal] für Edgar Poe) ist ein Sonett des französischen Dichters Stéphane Mallarmé aus dem Jahre 1876 für den von ihm sehr verehrten[2] US-amerikanischen Schriftsteller Edgar Allan Poe, der 1849 gestorben war und dessen Werk Mallarmé zum Teil übersetzt hatte.

Inhaltsverzeichnis

Geschichte und InhaltBearbeiten

VorgeschichteBearbeiten

 
Einweihung von Poes Gedenkstein und neuer Grabstelle am 17. November 1875

Poe war unerwartet und unter bis heute ungeklärten Umständen[3] am 7. Oktober 1849 in Baltimore gestorben. Zwei Tage später wurde er auf dem Friedhof der Westminster Presbyterian Church bestattet. Sein Grab war längere Zeit weder besonders gekennzeichnet, noch gab es einen Grabstein. Über Jahre hinweg wurde immer wieder diskutiert, Poe einen ihm würdigen Grabstein zu setzen, doch erst im Oktober 1865, 16 Jahre nach seinem Tod, gelang es John Basil, Jr., Leiter einer Grammar School in Baltimore und einigen anderen, durch einen Spendenaufruf dieses Ziel zu ermöglichen.[4] Das so finanzierte Grabmal wurde schließlich am 17. November 1875 in einer feierlichen Zeremonie eingeweiht.[5]

Sara Sigourney Rice (1831–1909), eine Lehrerin aus Baltimore[6], brachte 1877 das Buch Edgar Allan Poe. A Memorial Volume zum Gedenken an dieses Ereignis heraus.[7][8] Neben vielen anderen Schriftstellern hatte sie dafür den bedeutenden französischen Poe-Übersetzer Stéphane Mallarmé angeschrieben und um ein paar Zeilen für ihr Buch gebeten. Mallarmé antwortete ihr überschwänglich am 4. April 1876 und versprach einen Beitrag – sein Sonett.[9]

Das SonettBearbeiten

Mallarmés Sonett steht in der französischen Tradition der Tombeaux, einer Art musikalischen Nachrufs, dessen Ursprünge bis ins Barock zurückreichen. Ende des 19. Jahrhunderts erfuhren sie in lyrischer Form unter anderem durch Mallarmé selbst eine Renaissance. Er verfasste noch zwei weitere Tombeaux für seine befreundeten französischen Schriftstellerkollegen Charles Baudelaire und Paul Verlaine.[10] Darüber hinaus verfasste er ähnliche Nachrufe auf den Schriftsteller Théophile Gautier, den Komponisten Richard Wagner und den Maler Puvis de Chavannes. Von Mallarmés Tombeau d’Edgar Poe sind heute sechs leicht von einander abweichende Versionen bekannt.[1]

TextBearbeiten

Le tombeau d’Edgar Poe[11]

Tel qu’en Lui-même enfin l’éternité le change,
Le Poète suscite avec un glaive nu
Son siècle épouvanté de n’avoir pas connu
Que la mort triomphait dans cette voix étrange!

Eux, comme un vil sursaut d’hydre oyant jadis l’ange
Donner un sens plus pur aux mots de la tribu
Proclamèrent très haut le sortilège bu
Dans le flot sans honneur de quelque noir mélange

Du sol et de la nue hostiles, ô grief!
Si notre idée avec ne sculpte un bas-relief
Dont la tombe de Poe éblouissante s’orne

Calme bloc ici-bas chu d’un désastre obscur
Que ce granit du moins montre à jamais sa borne
Aux noirs vols du Blasphème épars dans le futur

Das Grab Edgar Poes[12]

Erst in sich selbst verwandelt von der Ewigkeit
aufscheucht mit nacktem Schwert der Dichter das verstörte
Jahrhundert, das des Todes Siegsgesang nicht hörte
in dieser unerkannten Stimme Seltsamkeit.

Sie, weil der Engel, der landläufigem Wort vor Zeit
reinern Sinn verlieh, die Vipernbrut empörte,
verschrien den Zaubertrank, der flutend sie betörte,
als eine schwarze Mischung der Verworfenheit.

Dem Boden und der Wolke gleich Feindselige, weh!
So draus gemeißelt unserm Geist kein Bild ersteh,
womit Poes Grab sich halb erhaben blendend schmückte,

ruhiger Block, aus dunkelm Unheil her verirrt:
daß, Grenzstein, der Granit auf immer doch entrückte
der Schmähung Krähenflug, der in der Zukunft schwirrt!

Der originale französische Text wurde in Rices Buch fehlerhaft wiedergegeben, da weder sie noch der Setzer der Sprache mächtig waren. In einem zehnseitigen Brief an Rice beschwerte sich Mallarmé darüber.[13] Am 9. Oktober 2018 wurde ein undatiertes Autograph von Mallarmés Sonett für 110.000 € im Auktionshaus Sotheby’s in Paris versteigert.[1]

Interpretationen und ÜbertragungenBearbeiten

Mallarmé gehörte, wie u. a. Charles Baudelaire, ein weiterer einflussreicher französischer Poe-Übersetzer, zu den sogenannten Symbolisten der französischen Literatur des 19. Jahrhunderts und huldigte Poe, einem der Wegbereiter des Symbolismus in Frankreich,[14] in Form dieses symbolistischen Sonetts. Das macht dessen Interpretation schwierig. Einer der Ersten, der sich daran versuchte, war im Oktober 1888 der französische Schriftsteller Jules Lemaître, im 20. Jahrhundert folgten u. a. Charles Chassé und Gardner Davies.[15]

Der US-amerikanische Literaturwissenschaftler Bernard Weinberg deutete Mallarmés Worte vorrangig als eine Zornesäußerung des Autors über die eklatante Fehlbeurteilung Poes und seines Werks zu dessen Lebzeiten durch einige Kritiker und die ihm von Widersachern entgegen gebrachte Feindseligkeit. Des Weiteren sah Weinberg in dem Sonett die Gegenüberstellung von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft der Würdigung Poes.[16]

“The poem is an encomium to the transcendent artist whose grasp of beauty has transformed him into an angelic figure rising above the trials of mortal existence. The symbol of the angel as a deification of the artist was important to the symbolists, representing both artistic transcendence and immortality. Mallarmé reiterated the view of Poe put forward by Baudelaire: that he was a tortured genius doomed by that very isolated genius to special greatness. Poe’s art was the product of suffering and sacrifice accomplished in the face of the world’s ignorance and vulgarity.”

„Das Gedicht ist ein Enkomion auf den transzendenten Künstler, dessen Verständnis von Schönheit ihn in eine engelhafte Gestalt verwandelt hat, die sich über die Prüfungen der sterblichen Existenz erhebt. Das Symbol des Engels als einer Vergöttlichung des Künstlers war den Symbolisten wichtig, da er sowohl die künstlerische Transzendenz, als auch die Unsterblichkeit darstellt. Mallarmé bekräftigte die von Baudelaire vertretene Auffassung von Poe, dass er ein gequältes Genie sei, das wiederum von diesem so einzigartigen Genius zu besonderer Größe verdammt sei. Poes Kunst war das Ergebnis von Leid und Aufopferung, erbracht angesichts einer ignoranten und vulgären Welt.“

Fredrick S. Frank, Anthony Magsitrale: The Poe Encyclopedia. Greenwood Press, Westport 1997, ISBN 0-313-27768-0, S. 218.

Übertragungen in andere Sprachen stammen von dem US-amerikanischen Literaturwissenschaftler und Poe-Biografen Daniel Hoffman[17], seinem US-Kollegen Richard Wilbur[18], dem Schweizer Romanisten und Übersetzer Hans Staub[19] sowie von Mallarmé selbst, der sein Sonett ins Englische übertrug.[20]

RezeptionBearbeiten

In der MalereiBearbeiten

Le Tombeau d’Edgar Poe Künstler: Henri Matisse
Link zum Foto
(Bitte Urheberrechte beachten)

1932 bat der Schweizer Verleger Albert Skira den befreundeten französischen Fauvisten Henri Matisse um 29 Illustrationen für sein Buch Poésies de Stéphane Mallarmé, das im Oktober desselben Jahres in einer Gesamtauflage von nur 165 Exemplaren erschien. Eines von Matisses Werken interpretiert Le Tombeau d’Edgar Poe.[21]

In der MusikBearbeiten

Unter dem Titel Le tombeau d’Edgar Poe wurden folgende Werke veröffentlicht:

Siehe auchBearbeiten

LiteraturBearbeiten

  • Sara Sigourney Rice: Edgar Allan Poe. A Memorial Volume. Turnbull Brothers, Baltimore 1877 (Digitalisat).
  • Bernard Weinberg: A Suggested Reading of Le Tombeau d’Edgar Poe. In: L’Esprit Créateur. Vol. 1, No. 3, Fall 1961 (Stéphane Mallarmé), The Johns Hopkins University Press, Baltimore 1961, S. 117–124.

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. a b c Informationen zur Versteigerung des Autographs auf sothebys.com
  2. Patrick F. Quinn: The French Face of Edgar Poe. Southern Illinois University Press, Carbondale 1957, S. 12.
  3. Frank T. Zumbach: Edgar Allan Poe: Eine Biographie. Winkler, München 1986, ISBN 3-538-06800-3, S. 680 ff.
  4. William F. Gill: The Life of Edgar Allan Poe. New York, Philadelphia, Boston 1877, S. 276.
  5. Sara Sigourney Rice: Dedication of the Monument. Ceremonies of the Occasion. In: Edgar Allan Poe. A Memorial Volume.
  6. Biografie von Miss Sara Sigourney Rice auf eapoe.org.
  7. William F. Gill: The Life of Edgar Allan Poe. S. 267.
  8. Einband, Abbildung auf der Website des J. Paul Getty Museums.
  9. Brief Stéphane Mallarmés an Sara Sigourney Rice vom 4. April 1876
  10. Les « Tombeaux » de Mallarmé (pdf auf Französisch)
  11. Sara Sigourney Rice: Edgar Allan Poe. A Memorial Volume. S. 94. (fehlerkorrigerte Fassung)
  12. Das Grab Edgar Poes auf gutenberg.spiegel.de, Übersetzung von Richard von Schaukal, ohne Jahr.
  13. Brief Stéphane Mallarmés an Sara Sigourney Rice vom 12. Januar 1877
  14. Patrick F. Quinn: The French Face of Edgar Poe. S. 62.
  15. Bernard Weinberg: A Suggested Reading of Le Tombeau d’Edgar Poe. In: L’Esprit Créateur. Vol. 1, No. 3, Fall 1961 (Stéphane Mallarmé), The Johns Hopkins University Press, Baltimore 1961, S. 117.
  16. Bernard Weinberg: A Suggested Reading of Le Tombeau d’Edgar Poe. S. 117–124.
  17. Poe’s Tomb von Daniel Hoffman.
  18. The Tomb of Edgar Poe von Richard Wilbur.
  19. Das Grabmal von Edgar Poe von Hans Staub.
  20. The Tomb of Edgar Poe von Stéphane Mallarmé.
  21. Le Tombeau d’Edgar Poe by Henry Matisse auf eapoe.org
  22. Informationen zu Le tombeau d’Edgar Poe von Erdem Buri und İlhan Mimaroğlu.
  23. Gregor Herzfeld: Poe in der Musik. Eine versatile Allianz. Habilitationsschrift. Freie Universität Berlin 2012. Waxmann, Münster 2013, ISBN 978-3-8309-2923-9, S. 96.
  24. Dominick Argento: Le Tombeau d'Edgar Poe (1985) auf boosey.com.
  25. Informationen über Huub Kerstens
  26. Informationen zu Kerstens Werk Le tombeau d’Edgar Poe
  27. Le tombeau d'Edgar Poe von Casino Shanghai auf soundcloud.com,