L’art pour l’art

L’art pour l’art [laʀpuʀˈlaʀ] (französisch, wörtlich „die Kunst für die Kunst“, sinngemäß „die Kunst um der Kunst willen“; manchmal auch lateinisch ars gratia artis) ist eine Redewendung, mit der zum Ausdruck gebracht wird, dass Kunst sich selbst genüge und sich keinem äußeren Zweck dienstbar machen dürfe, im Sinne der Autotelie.

Über die Kunst hinaus wird der Wendung auch die Bedeutung zugemessen, etwas um der Sache selbst willen zu tun, ohne Hintergedanken an Anwendung, Geschäft und Nutzen. In diesem Sinne bezeichnet sie eine Gegenposition zu Kunstauffassungen mit zweckbestimmter, politisch engagierter Zielrichtung wie beispielsweise Tendenzmalerei, Tendenzliteratur oder Agitprop. L’art pour l’art kann auch abwertend verstanden werden, wenn sie für nutzloses Tun oder Verspieltsein angewandt wird.

Die l'art-pour-l'art-BewegungBearbeiten

Die Redewendung war Programm einer französischen Kunsttheorie des 19. Jahrhunderts, die besonders von den sogenannten Parnassiens und ihrem Vorläufer Théophile Gautier vertreten wurde: Il n’y a de vraiment beau que ce qui ne peut servir à rien (Gautier: „Es gibt nichts wirklich Schönes außer dem, das zu nichts nütze ist“).[1] Der älteste bekannte Beleg findet sich bereits im Traktat Choix de pièces: notices sur divers tableaux du Musée Napoléon des Kunsthistorikers Toussaint-Bernard Émeric-David, das 1812 in Paris erschien. Victor Cousin machte das Schlagwort 1828 bekannt. Aber schon Benjamin Constant hatte 1804 formuliert: tout but dénature l’art („jeder Zweck verunstaltet die Kunst“). Auch Victor Hugo und Edgar Allan Poe forderten eine autonome Kunst.

Mit dem Schlagwort wird die Priorität der künstlerischen Form und der ästhetischen Gestaltung hervorgehoben. In Frankreich wurde diese Kunstauffassung in der Literatur vornehmlich von Gustave Flaubert, Charles Baudelaire, Charles Leconte de Lisle, in England von Oscar Wilde und in Deutschland bis zur Jahrhundertwende von Stefan George vertreten. Viele Vertreter des Symbolismus verstanden sich als Anhänger dieses Prinzips.

In der zweiten Jahrhunderthälfte erstarkt die Bewegung auch als Reaktion gegen die Vergröberung des Geschmacks und die Verkitschung von Literatur und Kunst. Die Brüder Edmond und Jules Goncourt, eigentlich Vertreter einer realistischen Kunst, beschimpfen ihren Gegenstand, das Volk, und wenden sich gegen den schlechten Geschmack der Canaille, der denkfaulen Bürger, die durch den Gelderwerb in Anspruch genommen werden.[2] Sie formulieren 1866 in ihrem Journal programmatisch, es sei lächerlich, „von einem Kunstwerk zu erwarten, dass es zu irgend etwas diene“ (de demander à une œuvre d'art qu'elle serve à quelque chose).[3] Damit werden Dichtung und Kunst zu absoluten Kultobjekten stilisiert, die sich vom Alltag und vor allem vom Naturalismus abzusetzen und von allen moralisierenden Tendenzen sowie politischen, religiösen usw. Bindungen zu befreien hätten. Kunst dürfe kein Träger populärer Botschaften mehr sein und nicht in das Zeitgeschehen eingreifen. Erich Auerbach zufolge führte diese Haltung der „krampfhafte(n) Distinktion“ des „egozentrisch um seinen ästhetischen Komfort besorgten, nervösen, [...] maniakalischen Großbürgers“ gegenüber der populären Massenware zu einer Verarmung der Literatur.[4]

In Deutschland wurde die Bewegung erst später nachgeholt, doch wurde hier aus der künstlerischen Devise rasch ein ideologisches Schlagwort. Insbesondere Nietzsche kritisierte die Vermutung der Zwecklosigkeit der l'art-pour-l'art-Kunst: Auch ihre Werke erfüllten einen Zweck, und zwar einen psychologischen, z. B. die Verherrlichung des Sieges, des Willens, des Resignation oder des Tragischen – oder auch einen ganz persönlichen Zweck des Autors: „Ein Psycholog fragt dagegen: was thut alle Kunst? lobt sie nicht? verherrlicht sie nicht? wählt sie nicht aus? zieht sie nicht hervor? Mit dem Allen stärkt oder schwächt sie gewisse Werthschätzungen ...“ und ist damit nicht mehr zwecklos.[5] Die Kunst sei ein Stimulans des Lebens; wie könne man dann annehmen, dass sie keinen Zweck habe?

Im Spannungsfeld von Engagement und l’art pour l’art ist Theodor W. Adornos dialektisches Denken verortet. Kunst müsse die Distanz zur Realität wahren, aber einen Realitätsbezug aufweisen. Adorno zufolge negiere jede der beiden Optionen mit der anderen sich selbst: „engagierte Kunst, weil sie, als Kunst notwendig von der Realität abgesetzt, die Differenz zu dieser durchstreicht; die des l’art pour l’art, weil sie durch ihre Verabsolutierung auch jene unauslöschliche Beziehung mit der Realität leugnet.“[6] Die autonome Kunst kritisiere „durch ihr bloßes Dasein“ einen Zustand, „der auf die totale Tauschgesellschaft sich hinbewegt“, in der Alles nur für Anderes da sei.[7] Insofern verkörpere sie ein Stück Utopie. Dass von der Kulturindustrie tendenziell bedeutungs- und folgenlose Objekte ohne Realitätsbezug und traditionelle künstlerische Qualitäten massenhaft vermarktet werden und die Hoffnung auf die subversiven und emanzipatorischen Qualitäten einer autonomen Kunst nicht erfüllen können, sieht Adorno allerdings selbst; er spricht von der „Entkunstung der Kunst“ nach den Spielregeln der Utilität.

Das Motto ist auch in den Vorspannen des Filmstudios Metro-Goldwyn-Mayer zu sehen, wo sie in Latein (ars gratia artis) in das goldene Filmband um den brüllenden MGM-Löwen gefasst ist.

Siehe auchBearbeiten

LiteraturBearbeiten

  • Wolfgang Ullrich: L’art pour l’art. Die Verführungskraft eines ästhetischen Rigorismus, in: Ders.: Was war Kunst? Biographien eines Begriffs. Fischer-Taschenbuch-Verlag, Frankfurt am Main 2005, ISBN 3-596-16317-X, S. 124–143 (Fischer-Taschenbücher 16317).
  • Theodor W. Adorno: Engagement. In: Noten zur Literatur III. Gesammelte Schriften Band 11. 3. Auflage. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1990, S. 409–430.
  • Larissa Kikol: Nett geknebelt: Zur Schalldichte der l’art politique pour l’art politique, in: Kunstforum International, Ausgabe: Politik, Ethik, Kunst. Kultureller Klimawandel – Strategien und Werkzeuge, Band 254, 2018.
  • Roman Luckscheiter (Hrsg.): L'art pour l'art: Der Beginn der modernen Kunstdebatte in französischen Quellen der Jahre 1818 bis 1847. Bielefeld 2013 (mit französ. Originalquellen)

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. L'Art pour l'Art in deuxieme-temps.com, 26. September 2017.
  2. Erich Auerbach: Mimesis. (1946) 10. Auflage, Tübingen, Basel 2001, S. 464.
  3. Auerbach, S. 469.
  4. Auerbach, S. 472.
  5. Friedrich Nietzsche: Streifzüge eines Unzeitgemäßen, 24. In: Götzen-Dämmerung. (1889)
  6. Theodor W. Adorno: Engagement. In: Noten zur Literatur III. Gesammelte Schriften Band 11. 3. Auflage. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1990, S. 409–430, hier S. 410.
  7. Theodor W. Adorno: Ästhetische Theorie. Gesammelte Schriften Band 7. 6. Auflage. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1996, S. 335.