Kunstwort

Überredungskunststück

Als Kunstwort bezeichnet man ein Wort, das nicht mit den natürlichen Mitteln der Wortbildung einer Sprache gebildet und auch nicht aus einer anderen Sprache entlehnt wurde, z. B. Produktnamen wie Lantra, Lexus und Mondeo.[1] Es bildet eine neue Wurzel und ist häufig lautsymbolisch. Neugebildete Kunstwörter gelten eine Zeitlang als Neologismen.

In Reimen und Versen begegnet man häufig Kunstwörtern, die durch Assonanz oder Alliteration wirken, wie etwa im AbzählreimEne mene mu, und raus bist Du“.

Probleme der AbgrenzungBearbeiten

Kunstwörter sind von Kontaminationen (Kofferwörtern), Abkürzungen/Kurzworten, Derivaten und Kompositionen zu unterscheiden. Die Abgrenzung davon ist aber nicht immer einfach. Beispielsweise werden Biosil und Biopren (Zahnfüllmittel) zu den Kunstwörtern gezählt; zwar ist bio an ein vorhandenes Wort angelehnt, sil und pren tragen jedoch keine Bedeutung. Biotuss (Hustensaft), von biologisch und tussis (lat. Husten), kann hingegen als Kontamination gesehen werden.[2][3]

Bei den folgenden Wörtern

  • Airbag aus den englischen Wörtern air (Luft) und bag (Tasche, Sack, Beutel)
  • Weblog aus den englischen Wörtern web (Netz, hier gemeint das WWW) und log (Protokoll)

wird es sich eher um Entlehnungen von Kunstwörtern handeln, die im Englischen gebildet wurden. Sie sind damit als Entlehnungen einzuordnen. Hingegen dürfte Handy ein Kunstwort sein, da es kein entsprechendes lexikalisches Zeichen im Englischen gibt. Für das Wort Mobbing gibt es ebenfalls kein entsprechendes lexikalisches Zeichen im Englischen, es könnte sich aber um eine Entlehnung aus einer skandinavischen Sprache handeln.

Es ist auch nicht einfach, zu entscheiden oder festzulegen, ob es sich bei der Zusammenziehung um ein natürliches Mittel der Wortbildung handelt oder nicht, da der Terminus 'natürlich' in diesem Zusammenhang nicht klar definiert ist.

Kunstwort und Neologismus

Nicht alle Kunstwörter sind Neologismen. Ein lexikalisches Zeichen wird nur eine Zeitlang als Neologismus betrachtet. Mit zunehmender Verbreitung und Dauer des Gebrauchs werden sie zu etablierten Teilen des allgemeinsprachlichen Wortschatzes.

Der pragmatische Wert von KunstwörternBearbeiten

Neugebildete Kunstwörter signalisieren oft Modernität und Originalität. Aus diesen Gründen werden sie oft in der Werbesprache geprägt. Hier sollen wissenschaftlich klingende Kunstwörter oft den Eindruck des Produktes beim potenziellen Kunden verbessern (Beispiel: Aktiv-Sauerstoff).

Ein weiterer Aspekt ist die Internationalisierung: Markennamen müssen positive Assoziationen wecken und dürfen im internationalen Kontext keine missverständliche oder kontraproduktive Bedeutung haben. Kunstwörter bieten hier die Möglichkeit, Fettnäpfchen wie den Pajero von Mitsubishi zu vermeiden. Spezialisierte Agenturen entwickeln neue Wörter, die zwar aus bestehenden Wörtern oder Wortteilen entwickelt werden, selbst aber explizit bedeutungsfrei sein sollen, sogenannte Logatome (wie z. B. die neueren Typen-Bezeichnungen des Autoherstellers Opel oder der Name Thalys).

LiteraturhinweiseBearbeiten

  • Grundzüge der Morphologie des Deutschen. Elsen, Hilke 2014. 2. Auflage. Berlin/Boston, ISBN 978-3110358933.
  • Lexikologie I, Einheiten mit wortähnlichem Status. Sornig, Karl 2002. Cruse et al. Berlin/New York, S. 461–463.
  • Morphologie I. Creative processes. Baldi, Philip, Dawar, Chantal 2000. Booij et al. Berlin/New York, S. 963–972.

WeblinksBearbeiten

Wiktionary: Kunstwort – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. Metzler Lexikon Sprache. J.B. Metzler, Stuttgart 2016, ISBN 978-3-476-02641-5, S. 382, doi:10.1007/978-3-476-05486-9.
  2. Hilke Elsen: Kontaminationen im Randbereich der Deutschen Grammatik. In: Ludwig M. Eichinger, Martine Dalmas, Reinhard Fiehler, Ulla Fix, Gisela Zifonun (Hrsg.): Deutsche Sprache: Zeitschrift für Theorie, Praxis, Dokumentation. 36. Jahrgang. Erich Schmidt Verlag, 2008, ISSN 0340-9341, S. 122 (uni-muenchen.de [PDF]).
  3. Hilke Elsen: Das Kunstwort. In: Dieter Betz, Margot Brunner, Armin Burkhardt, Rudolf Hoberg und Alfred Warner (Hrsg.): Muttersprache: Vierteljahresschrift für deutsche Sprache. Jahrgang 115. Gesellschaft für deutsche Sprache, 2005, ISSN 0027-514X, S. 144 f. (uni-muenchen.de [PDF]).