Istoria Veneticorum

Bei der Istoria Veneticorum des Chronisten Johannes Diaconus handelt es sich um eine der ältesten Geschichtsquellen Venedigs. Sie reicht vom 6. Jahrhundert bis zum Jahr 1008.[1]

Abfassung durch Johannes DiaconusBearbeiten

Das Werk ist in den Handschriften ohne den gängigen Titel und den Namen des Verfassers überliefert. Dabei erscheint es als Chronicon Venetum oder Chronica Veneta, weil es die Geschichte Venedigs bis 1008 erzählt. Da der Verfasser den Dogen Pietro II. Orseolo besonders genau schildert, nimmt man an, dass er in dessen Umkreis tätig war. Johannes Diaconus kannte darüber hinaus Otto III. persönlich und taucht vielfach als Gesandter auf. Er organisierte das geheime Treffen zwischen Otto und Pietro in Venedig und er erhielt zahlreiche Aufträge für Gesandtschaftsreisen von beiden Herrschern. Am 16. November 1002 bezeichnete ihn Heinrich II. als Capellanus des Dogen. Die Wohlinformiertheit und die Nähe zum Dogen und zum Kaiser machen seine Urheberschaft an der Chronik so wahrscheinlich, dass diese Annahme allgemeine Zustimmung erlangt hat.

Themen der ChronikBearbeiten

Die Chronik setzt mit allgemeinen Angaben zu Venetien und dann den Langobarden ein. Sie berichtet über das Ende des Ostgotenreiches und über den oströmischen Feldherrn Narses, den Einfall der Langobarden (568) und die Gründung Venedigs. Dabei bezog der Verfasser einen Teil seiner Einsichten aus dem Chronicon Altinate, der Chronica de singulis patriarchis Nove Aquileie, der Langobardengeschichte des Paulus Diaconus. Dann folgt eine Aufzählung der Inseln in der Lagune von Venedig, eine Geschichte Ostroms und Italiens, wobei Bruchstücke aus dem Chronicon Gradense und der Chronica de singulis patriarchis Nove Aquileie eingeflochten wurden. Der Tod von Papst Gelasius I. an der pestis inguinaria leitet zu Gregor II. über, ein Abschnitt, der wiederum aus Paulus Diaconus und den Viten Bonifatius III. und Bonifatius IV. gespeist wird. Der nachfolgende Bericht ist fast vollständig Beda Venerabilis und Paulus Diaconus entlehnt. Hinzu kommen Briefe (S. 85 ein Brief der Kaiser Philippicus und Anastasios II. an Papst Konstantin I., S. 95 f. ein Brief Gregors II. oder III. an Patriarch Antoninus von Grado, der wörtlich zitiert wird, S. 96 f. einer desselben Papstes an Serenus von Aquileia).

Mit dem Amtsantritt des Dogen Mauricius wird die Geschichtserzählung breiter, bezieht sich aber weiterhin auf Venedig. So wird Karl der Große nur genannt, der Patriarch Paulinus wird gar nicht erwähnt. Ausführlicher hingegen werden die Streitigkeiten der Patriarchen geschildert, ebenso wie ein Sieg über Pippin, den zweiten Sohn Karls des Großen, im Jahr 810. Vielfach annalistisch wird nur die oströmisch-byzantinische Geschichte berührt. Neben der sehr viel eingehender geschilderten Geschichte Venedigs werden auch die Verhältnisse bei den Ungarn und Slawen (Kroaten), Normannen und Sarazenen geschildert. Inkarnationsjahre erscheinen dabei höchst selten, vielfach erscheint gar keine Datierung. Die Franken werden nur dann erwähnt, wenn sich eine Involvierung der lokalen Potentaten ergibt, wie im Falle des Petrus von Grado, der in Zusammenhang mit dem Zug Karls des Kahlen zur Kaiserkrönung nach Italien (875) in Zusammenhang gebracht wird.

Die römisch-deutschen Reichsverhältnisse kommen erst in den Fokus, als Otto II. die Schlacht bei Crotone 982 verliert, wobei seine Darstellung von derjenigen Thietmars und Alperts von Metz († 1024) abweicht.[2] Mit der Herrschaft Ottos III. wird die Erzählung lebhafter und facettenreicher, was als Hinweis darauf gilt, dass sie in die Lebensphase des Verfassers fällt. Wahrscheinlich wurde das Werk nicht vollendet, denn seinen Abschluss bildet die Charakterisierung des jungen Patriarchen Ursus von Grado und die Renovierung der dortigen Marienkirche (Santa Maria delle Grazie).

Rezeption im MittelalterBearbeiten

Die Chronik fand partiell Eingang in den Annalista Saxo, die Chronik des Andrea Dandolo und die Libri de vitis patriarcharum Aquilegensium.

EditionenBearbeiten

  • Girolamo Francesco Zanetti (Hrsg.): Chronicon Venetum omnium quae circum feruntur vetustissimum, et Johanni Sagornino vulgo tributum e mss. codice Apostoli Zeno v. cl., Venedig 1765. (Digitalisat)
  • Georg Heinrich Pertz (Hrsg.): Chronicon Venetum (=Monumenta Germaniae Historica, Scriptores, 7), Hannover 1846, S. 4–38. (Digitalisat)
  • La cronaca veneziana del diacono Giovanni, in: Giovanni Monticolo (Hrsg.): Cronache veneziane antichissime (= Fonti per la storia d'Italia [Medio Evo], IX), Rom 1890, S. 59–171. (Digitalisat, PDF)
  • Mario Di Biasi (Hrsg.): La cronaca veneziana di Giovanni Diacono. Versione e commento del testo, 2 Bände, Ateneo Veneto, Venedig 1986 und 1988.
  • Luigi Andrea Berto (Hrsg.): Giovanni Diacono, Istoria Veneticorum. Edizione e traduzione (= Fonti per la Storia dell’Italia medievale. Storici italiani dal Cinquecento al Millecinquecento ad uso delle scuole, 2), Zanichelli, Bologna 1999.

LiteraturBearbeiten

  • Giovanni Monticolo: I manoscritti e le fonti della cronaca di Giovanni diacono, in: Bullettino dell'Istituto storico italiano per il Medio Evo 9 (1890) 37–328.
  • Enrico Besta: Sulla composizione della cronaca veneziana attribuita al diacono Giovanni, in: Atti del Reale Istituto veneto di scienze, lettere ed arti 73 (1914) 775–802.
  • Max Manitius: Geschichte der lateinischen Literatur des Mittelalters. Von der Mitte des 10. Jahrhunderts bis zum Ausbruch des Kampfes zwischen Kirche und Staat, Band 2: Von der Mitte des zehnten Jahrhunderts bis zum Ausbruch des Kampfes zwischen Kirche und Staat, C. H. Beck, München 1923, S. 246–249. (Digitalisat)
  • Luigi Andrea Berto: Giovanni Diacono. In: Mario Caravale (Hrsg.): Dizionario Biografico degli Italiani (DBI). Band 56: Giovanni di Crescenzio–Giulietti. Istituto della Enciclopedia Italiana, Rom 2001.
  • Luigi Andrea Berto: Il vocabolario politico e sociale della "Istoria Veneticorum" di Giovanni Diacono, Padua 2001. ISBN 88-7115-174-7. Übersetzung: The Political and Social Vocabulary of John the Deacon’s Istoria Veneticorum, Brepols, Turnhout 2013. ISBN 978-2-503-53159-5

WeblinksBearbeiten

AnmerkungenBearbeiten

  1. Oliver Plessow: Die umgeschriebene Geschichte. Spätmittelalterliche Historiographie in Münster zwischen Bistum und Stadt, Böhlau, Köln 2006, S. 148.
  2. Alpert von Metz: De Episcopis Mettensibus libellus, MGH, Scriptores 4, Hannover 1841, S. 697–700 (Digitalisat).