Hurenkind und Schusterjunge

typografische Fehler
Unten links ein Schusterjunge, oben rechts ein Hurenkind

Mit Hurenkind (auch: „Witwe“) und Schusterjunge (auch: „Waise“) sind in der Typografie zwei unterschiedliche, aber verwandte Typen von Satzfehlern, die den Leserhythmus stören und unästhetisch sind.[1]

Zu den Begriffen

Hurenkind[2]
gelegentlich als Hundesohn, um 1900 Missgeburt[3], seit den 1980er Jahren eher Witwe[2] zu englisch widow[4] genannt. So wird die letzte Zeile eines Absatzes bezeichnet, wenn sie zugleich die erste einer neuen Seite oder Spalte ist. Sie heißt so, weil sie ihre „Herkunft“ respektive ihren „Partner“, also den inhaltlichen Zusammenhang, verloren hat.
Schusterjunge[5]
zeitgemäßer als Waisen- oder Findelkind[5] benannt, zum englischen Wort orphan[6]. So wird eine am Seiten- oder Spaltenende stehende Zeile eines neuen Absatzes bezeichnet, die auf der Folgeseite fortgesetzt wird – die sich also „vorwitzig wie ein Schusterjunge“ auf die vorhergehende Seite wagt.

Hurenkinder gelten im Schriftsatz als schwere handwerkliche Fehler, insbesondere dann, wenn sie auf die Rückseite des Blattes geraten. Dann nämlich beginnt das dort aufgeschlagene Buch mit einem völlig aus dem Zusammenhang gerissenen Satzfragment, sodass sich der Kontext nicht ohne Zurückblättern herstellen lässt. Damit beeinträchtigen sie sowohl den Lesefluss als auch die Ästhetik des Satzspiegels stark. Der Schusterjunge gilt dabei gegenüber dem Hurenkind als weniger gravierender Fehler, da er zumindest in Leserichtung und am Seitenende liegt, und fällt optisch nur dann besonders auf, wenn Absätze mit Einzug gesetzt werden.

Als Hurenkinderregelung gilt die entsprechende Konvention aus der Satztechnik und dem Buchdruck, dass die letzte Zeile eines Absatzes niemals am Anfang einer Buchseite stehen darf, damit das Erscheinungsbild der Seite nicht darunter leidet. Die Schusterjungenregelung gilt analog, bezogen auf die erste Zeile eines Absatzes. Je nach Satztypus ist nach diesen beiden Regeln nur ein einzeiliger Satzfehler verboten. Allerdings können auch Zwei- oder Dreizeiler am Anfang oder Ende einer Seite „verwaist“ wirken, etwa dann, wenn die Absätze mit Zeilendurchschuss gesetzt sind. Daher werden diese Regeln spezifisch nach Schrift- und Satzbild angepasst.

Am gravierendsten sind beide Fehler dann, wenn es nur einige wenige oder gar nur ein einziges Wort oder nur eine einzige Silbe betrifft. Das wird zusätzlich über die allgemeinen Regeln über den Zeilenumbruch abgefangen (minimale Anzahl von Zeichen/Worten nach einem Zeilenumbruch). Diese Regel alleine kann aber Hurenkind wie Schusterjunge nicht verhindern.

Merksprüche

Als Hilfe zur Unterscheidung dieser zwei typografischen Fehler dienen folgende Merksprüche:

  • „Ein Hurenkind weiß nicht, wo es herkommt, ein Schusterjunge nicht, wo er hingeht.“
  • „Eine Witwe hat keine Zukunft und eine Waise keine Vergangenheit.“ – im zeitlichen Kontext
  • „Ein Schusterjunge muss unten im Keller arbeiten, ein Hurenkind steht oben verloren auf der Straße.“ – eine räumliche Merkhilfe

Vermeidung

Vor der Einführung dieser Regel war es üblich, durchgängig das erste Wort der folgenden Rückseite rechtsbündig unter die letzte Zeile, und das letzte Wort der Vorderseite linksbündig über die erste Zeile zu setzen, sodass man insbesondere beim lauten Vorlesen den Kontext im Geist „mitnehmen“ und die Intonation vor und nach dem Umblättern anpassen konnte. Diese Gepflogenheit kam in der jüngeren Neuzeit abhanden. In Zeiten des Typensatzes konnten nur Setzer mit geschultem Auge solche Satzfehler vermeiden, indem sie frühzeitig beim Erstellen der Seite den Zeilenumbruch des umliegenden Textes sowie die Laufweite mittels Wortzwischenraum, Sperren und den Zeilendurchschuss (Wort-, Buchstaben und Zeilenabständen) anpassten, sodass am Ende der Satzspiegel gewahrt wurde.

Die Desktop-Publishing-Software (DTP) übernimmt diese Aufgaben, die meist verwendete Bezeichnung für das Hurenkind- und Schusterjungenproblem ist Absatzkontrolle. Diese wird von den meisten Layoutprogrammen und Textverarbeitungen als Standard angeboten. Solche Programme im Menü-System sind

  • Open-/LibreOffice-Writer: FormatAbsatzTextfluss
  • Microsoft Word (2003/2004): FormatAbsatzZeilen- und SeitenumbruchAbsatzkontrolle
  • Microsoft Word (2007–2016): StartAbsatzZeilen- und SeitenumbruchAbsatzkontrolle
  • WordPerfect: FormatText zusammenhalten

Bei LaTeX sind die Parameter \widowpenalty und \clubpenalty[7] einzufügen und in der Webtypografie kann mittels der CSS-Eigenschaften orphans[6] und widows[4] festgelegt werden, wie viele Zeilen des Absatzes am Seitenende oder -anfang (also vor oder nach dem Seitenumbruch) stehen müssen. Das findet auch bei Druckversionen von Webseiten Anwendung.

Sollten diese Satzprobleme nicht automatisiert lösbar sein, übernimmt es der Lektor oder Autor in der Korrektur, durch Trennung, Streichen oder Ergänzen die Länge der entsprechenden Textabsätze so zu verändern, dass diese Satzfehler nicht mehr auftreten.[8] Besonders kritisch ist dieser tiefe Eingriff in den Schriftsatz bei Texten mit vielen kurzen Absätzen, dann können sich ganze Serien von Hurenkindern und Schusterjungen bilden, die bei jeder Anpassung in neuer Gestalt auftreten. Weil im elektronischen Satz Feinheiten wie Zeilendurchschuss- und Sperrvariation nur bei hochqualitativen Satzprogrammen üblich sind, müssen im Low-end-DTP typischerweise Hurenkind- und Schusterjungenregel umfassender gewählt werden, als das ein Schriftsetzer oder professioneller Algorithmus tut. Zu großzügig gewählte Regeln können andererseits zu unschönen Häufungen übertriebener Wortzwischenräume auch ober- oder unterhalb führen, insbesondere im Blocksatz.

Weblinks

Wiktionary: Hurenkind – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen
Wiktionary: Schusterjunge – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

Einzelnachweise

  1. Hurenkind & Schusterjunge – Umbruchfehler erkennen und vermeiden. (Memento vom 19. Juni 2007 im Internet Archive) in der Typoknowledgebase des Fachbereichs Design der FH Aachen, abgerufen am 13. November 2015
  2. a b Hurenkind im Lexikon der westeuropäischen Typographie, abgerufen am 13. November 2015
  3. Deutsche Wortforschung und Wortkunde, Leipzig 1907, S. 198
  4. a b widows (Memento vom 21. Oktober 2011 im Internet Archive). In: About.com-CSS-Style-Property (englisch), abgerufen am 13. November 2015
  5. a b Schusterjunge im Lexikon der westeuropäischen Typographie, abgerufen am 13. November 2015
  6. a b orphans (Memento vom 29. August 2011 im Internet Archive). In: About.com-CSS-Style-Property (englisch), abgerufen am 13. November 2015
  7. Hurenkinder und Schusterjungen bei texfragen.de, abgerufen am 13. November 2015
  8. Martin Z. Schröder: Hurenkinder in der Typographie. In: Schreibenistblei, 15. März 2016, online, aufgerufen am 16. März 2016