Handicap International

französische Organisation

Handicap International (HI) ist eine gemeinnützige Organisation für Nothilfe und Entwicklungszusammenarbeit, die in rund 60 Ländern aktiv ist. Die Organisation tritt „für eine solidarische und inklusive Welt“[1] und bessere Lebensbedingungen von Menschen mit Behinderung ein. Außerdem setzt sie sich für eine Welt ohne Minen und Streubomben sowie gegen Bombenangriffe auf die Zivilbevölkerung ein.[1]

Handicap International
(HI)
Logo
Gründung 1982
Sitz München (Deutscher Sitz)
Zweck Für Menschen mit Behinderung – weltweit
Schwerpunkt Humanitäre Organisation
Geschäftsführung Inez Kipfer-Didavi
Personen Manuel Patrouillard, Global Managing Director
Beschäftigte Gesamt: 4237 (2019)
Website handicap-international.de

HI ist Co-Preisträgerin des Friedensnobelpreises von 1997.[2] Handicap International e. V. ist der deutsche Verein der internationalen Organisation Humanity & Inclusion.[1]

GeschichteBearbeiten

Die Organisation wurde 1982 von den beiden französischen Ärzten Jean-Baptiste Richardier und Claude Simonnot in Lyon gegründet. In den Flüchtlingslagern an der thailändischen Grenze hatten sie Hunderte kambodschanische Geflüchtete erlebt, die durch Projektile, Minen oder Blindgänger schwer verletzt worden waren. Nach den notwendigen Operationen gab es dort keinerlei Hilfe für die ca. 6000 Menschen mit Amputationen.[3] Richardier und Simonnot gründeten Handicap International, um Menschen mit Behinderung auch in schwierigen Lebenssituationen zu unterstützen und ihnen durch Rehabilitation und die Versorgung mit Prothesen langfristig eine Perspektive zu ermöglichen. Die ersten Prothesenzentren der Organisation entstanden in den Flüchtlingslagern von Kambodscha, bald auch in Myanmar und Laos. Um weitere Opfer explosiver Kampfmittelrückstände zu vermeiden, begann Handicap International 1992 mit den ersten Minenräumungen in Kambodscha und im irakischen Kurdistan.[4]

Im selben Jahr gründete der Verein zusammen mit fünf weiteren Organisationen die Internationale Kampagne für das Verbot von Landminen (ICBL). Diese erhielt 1997 den Friedensnobelpreis[5] und trug zum Erfolg des Ottawa-Prozesses und somit zum am 3. Dezember 1997 getroffenen Übereinkommen über das Verbot des Einsatzes, der Lagerung, der Herstellung und der Weitergabe von Antipersonenminen und über deren Vernichtung („Ottawa-Konvention“) bei.[4]

Die deutsche Sektion der Organisation wurde 1998 gegründet. Rund 10 Jahre später spielte Handicap International eine Rolle bei der Unterzeichnung des Oslo-Abkommens für ein Verbot von Streubomben.[4]

ZieleBearbeiten

Die Organisation möchte weltweit zu einer dauerhaften Verbesserung der Situation von Menschen mit Behinderung und andere besonders schutzbedürftige Menschen, wie schwangere und alleinstehende Frauen, ältere Menschen etc. beitragen. Hierbei wird nicht nur deren Zugang zu medizinischer Versorgung große Bedeutung beigemessen, sondern auch der Veränderung ihrer allgemeinen Lebensbedingungen durch eine Behinderung sowie die soziale (Wieder-)Eingliederung in die Gemeinschaft. Deshalb unterstützt die Organisation lokale Partner, durch die – auch nach Beendigung des Einsatzes von Handicap International – eine langfristige Weiterführung der Projekte möglich ist.[6]

Im Rahmen von Nothilfeeinsätzen setzt sich die Organisation für die besonders Schutzbedürftigen, wie Menschen mit Behinderung oder ältere Menschen, ein und ermöglicht, dass auch diese Zugang zu Hilfsgütern und medizinischer Versorgung bekommen.[7]

Zudem kämpft die Organisation gegen den Einsatz von Landminen und Streumunition, die in vielen Ländern auch Jahrzehnte nach Beendigung eines Krieges/Konfliktes noch Menschen töten und verstümmeln. Die Organisation setzt sich auch dafür ein, dass Lagerstätten für Kleinwaffen, die nach Bürgerkriegen häufig besonders leicht für die Bevölkerung zugänglich sind, zerstört werden und die Bevölkerung über die Gefahren im Umgang mit Kleinwaffen aufgeklärt wird. Außerdem kämpft Handicap International gegen Bombenangriffe auf die Zivilbevölkerung. Als Teil der Kampagne INEW (Internationales Netzwerk zu Explosivwaffen) fordert die Organisation Parlamentarier europaweit dazu auf, eine internationale politische Erklärung zu bewirken, die solche Einsätze gezielt reglementiert und dadurch möglichst ganz verhindert.[8]

Weltweite ProjektarbeitBearbeiten

Die Organisation ist in 61 Ländern mit 441 Projekten tätig (Stand: 2019).[9] Viele dieser Länder sind von Landminen und anderen explosiven Überresten und bewaffneten Konflikten betroffen. Die Projekte beschränken sich nicht nur auf die körperliche Versorgung der Opfer in Orthopädiewerkstätten und Rehabilitationszentren, sondern beziehen die gesamte Lebenssituation von Menschen mit Behinderung in die Hilfe ein. Dazu gehört psychologische Unterstützung und Hilfestellung bei der sozialen Integration, aber auch organisatorische Unterstützung von Selbsthilfeprojekten. Priorität in der Projektarbeit hat die Arbeit mit lokalen Partnerorganisationen und die Ausbildung von lokalen Mitarbeitenden.[10]

In Nachkriegsregionen haben viele der Programme das Ziel, Unfälle mit Landminen und anderen explosiven Kriegsresten sowie Kleinwaffen durch Aufklärung der Bevölkerung und den Aufbau von Kampfmittelräumungsteams zu verhindern. Zur langfristigen Prävention gehört auch ein internationales politisches Engagement für ein Verbot aller Minen und minenähnlicher Waffen. Handicap International gründete deshalb 1992 gemeinsam mit fünf anderen Organisationen die Internationale Kampagne für ein Verbot von Landminen (International Campaign to Ban Landmines), die 1997 mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet wurde.[11] Darüber hinaus gehörte die Organisation 2003 außerdem zu den Gründern der Internationalen Kampagne gegen Streuminen, die Cluster Munition Coalition.[12][13]

Das Netzwerk Humanity & InclusionBearbeiten

Das globale Organisationsnetzwerk umfasst die Dachorganisation „Humanity & Inclusion“, die Projekte in rund 60 Ländern umsetzt und 2009 aus dem Zusammenschluss der acht nationalen Vereine geschaffen wurde, sowie das Institute on Humanitarian Action in Genf. In der Umsetzung der Programmarbeit agiert die Dachorganisation entweder unter dem Namen „Humanity & Inclusion“ oder „Handicap International“.

Die acht nationalen Vereine, die zwischen 1982 und 2006 gegründet wurden, befinden sich in folgenden Ländern: Frankreich, Belgien, Großbritannien, Deutschland, Luxemburg, Schweiz, USA und Kanada.[14]

Manuel Patrouillard ist seit 2014 internationaler Geschäftsführer und Nachfolger des Mitbegründers der Organisation Jean-Baptiste Richardier. Im Juni 2018 wurde Jean-Noël Dargnies zum Vorstandsvorsitzenden der HI Organisation als Nachfolger von Jacques Tassi ernannt.[15]

DeutschlandBearbeiten

Handicap International e. V. ist der deutsche Verein der internationalen Organisation Humanity & Inclusion. Das Team arbeitet seit 1998 mit einem Büro in München und seit 2015 auch in Berlin. Schwerpunkt der Advocacy-Arbeit ist die fachliche Einflussnahme auf die Entscheidungsträger in Politik und Gesellschaft sowie die Sensibilisierung der Bevölkerung. Außerdem betreibt die Organisation institutionelles Fundraising, Spendenwerbung und Presse- und Öffentlichkeitsarbeit.

In Deutschland werden drei Projekte umgesetzt:

  • Crossroads | Flucht. Migration. Behinderung. (Berlin) gibt Impulse für Veränderungen von Flüchtlingsaufnahme und -integration sowie der Behindertenhilfe, um die Teilhabe von Geflüchteten mit Behinderung zu verbessern.
  • Das Projekt „Leave no one behind!: Mainstreaming von Behinderung in der humanitären Hilfe“ (Berlin) wird seit 2018 unter der Leitung von Handicap International, gemeinsam mit der Christoffel-Blindenmission (CBM) und der Ruhr-Universität Bochum (RUB) umgesetzt. Das Projekt ist auf drei Säulen aufgebaut: den Aufbau fachlicher Kapazitäten deutscher Akteure und ihrer lokalen Partner, der Unterstützung in der Erarbeitung Globaler Richtlinien zur Inklusion von Menschen mit Behinderungen in der humanitären Hilfe und der angewandten Begleitforschung zu Veränderungsprozessen hin zur inklusiven humanitären Hilfe.
  • Bildungsprojekt: Mit Vorträgen an Schulen oder unseren Ausstellungen möchte die Organisation auf die Folgen von Kriegen, Streubomben und anderen Explosivwaffen aufmerksam machen.[1]

Daten und JahresberichteBearbeiten

Die Organisation veröffentlicht regelmäßig einen Jahresbericht und die Jahresbilanz.

Jahr Mitarbeiter
gesamt (vor Ort)
Projekte Länder Budget
(Mio. EUR)
CN 2.1 Rating[16]
2014[17] 3.416 331 57 137 3 von 4 (89,39)
2015[18] 3.146 (2.462) 341 59 152 3 von 4 (89,39)
2016[19] 3.233 (2.522) 337 56 152 3 von 4 (89,18)
2017[20] 3.278 (2.522) 386 63 178
2018[21] 3.327 (2.518) 408 62 192 3 von 4 (89,18)[22]
2019[9] 4.237 (3.401) 441 61 217

NamensgebungBearbeiten

 
Internationales Logo der Organisation, hier mit dem neuen und dem bisherigen Namen dargestellt

Seit dem 24. Januar 2018 wurde der Name der internationalen Organisation von Handicap International (HI) auf Humanity & Inclusion (HI) geändert. Der neue Name soll die Werte humanity (übersetzt: Menschlichkeit, Humanität) und Inklusion ausdrücken.[23] Die nationalen Vereine heißen in Kontinentaleuropa weiterhin „Handicap International“ (Belgien, Deutschland, Frankreich, Luxemburg und die Schweiz), während sie in Großbritannien, in Kanada und in den USA den Namen „Humanity & Inclusion“ tragen. 26 Vereine und Programme tragen den Namen „Handicap International“, 36 nennen sich „Humanity & Inclusion“.

Die internationale Organisation hat sich außerdem ein Logo gegeben: Der blaue Umriss einer erhobenen Hand soll sowohl einen freundlichen Gruß und als auch ein Signal zum Anhalten darstellen.[23] Das internationale Logo wird, in abgewandelter Form, auch von der deutschen Organisation verwendet.

WeblinksBearbeiten

Commons: Handicap International – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

FußnotenBearbeiten

  1. a b c d Handicap International – Über uns. In: handicap-international.de. Abgerufen am 16. September 2020.
  2. 10. Oktober1997: Friedensnobelpreis für Anti-Landminen-Kampagne. In: WDR. 10. Oktober 2007, abgerufen am 16. September 2020.
  3. Armelle Le Goff: Jean-Baptiste Richardier: «Handicap international est né d’une révolte». In: 20minutes.fr. 12. Juli 2012, abgerufen am 11. August 2018 (französisch).
  4. a b c Handicap International: Eine Erfolgsgeschichte seit 1982. In: handicap-international.de. Handicap International, abgerufen am 11. August 2018.
  5. The Nobel Peace Prize 1997. In: nobelprize.org. 10. Oktober 1997, abgerufen am 30. Oktober 2019 (englisch).
  6. Zu den Zielen und zur Strategie von Handicap International: Strategy 2016 – 2025. In: hi.org. Abgerufen am 16. September 2020 (englisch).
  7. Katastrophenhilfe. In: handicap-international.de. Abgerufen am 27. April 2021.
  8. Streubomben und andere Explosivwaffen. In: handicap-international.de. Abgerufen am 27. April 2021.
  9. a b 2019 Annual Report Humanity & Inclusion. In: handicap-international.de. S. 3, abgerufen am 16. September 2020 (englisch).
  10. Aachener Nachrichten: Handicap International: Kelvine braucht nicht nur ein neues Bein / Welttag der Humanitären Hilfe – 19. August. In: Aachener Nachrichten. Abgerufen am 16. September 2020.
  11. 10. Oktober1997: Friedensnobelpreis für Anti-Landminen-Kampagne. In: WDR. 10. Oktober 2007, abgerufen am 16. September 2020.
  12. Handicap International – Presseerklärung vom 13. November 2003. In: handicap-international.de. 27. Oktober 2007, abgerufen am 16. September 2020.
  13. Members Cluster Munition Coalition. In: stopclustermunitions.org. Abgerufen am 16. September 2020 (englisch).
  14. HI network | HI. In: hi.org. Abgerufen am 27. April 2021 (englisch).
  15. Jahresbericht 2018. (PDF; 4,8 MB) In: handicap-international.de. Handicap International, abgerufen am 30. April 2021.
  16. Handicap International, dba Humanity & Inclusion. In: Charity Navigator. Abgerufen am 11. August 2018 (englisch).
  17. Handicap International U.S. Annual Report 2014. (PDF; 7,7 MB) In: cloudfront.net. Handicap International, abgerufen am 11. August 2018 (englisch).
  18. Handicap International U.S. Annual Report 2015. (PDF; 7,4 MB) In: cloudfront.net. Handicap International, abgerufen am 11. August 2018 (englisch).
  19. Handicap International U.S. Annual Report 2016. (PDF; 2,5 MB) In: cloudfront.net. Handicap International, abgerufen am 11. August 2018 (englisch).
  20. Humanity & Inclusion Annual Report 2017. (PDF; 2,3 MB) In: cloudfront.net. Handicap International, abgerufen am 11. August 2018 (englisch).
  21. Humanity & Inclusion Jahresbericht 2018. (PDF; 4,8 MB) In: handicap-international.de. Handicap International, abgerufen am 21. Oktober 2019.
  22. Handicap International, dba Humanity & Inclusion. In: charitynavigator.org, 5. Januar 2020, abgerufen am 6. Mai 2021.
  23. a b Humanity & Inclusion becomes new name of Handicap International. In: hi-us.org. Handicap International, 24. Januar 2018, abgerufen am 11. August 2018 (englisch).