Guillaume Le Testu

französischer Kartograf

Guillaume Le Testu (* um 1510 in Le Havre; † 31. März 1573 in Panama) war ein französischer Kartograf und Visionär, der auch als „Seher von Dieppe“ bezeichnet wurde und zudem ein Spieler war.

Sein kartografisches Lebenswerk trägt den Namen Cosmographie Universelle selon le Navigateurs tant Ancien que Modernes (Universelle Kosmografie nach den [Berichten der] Seefahrer – früherer und moderner). Rätselhaft ist, dass er in diesem Weltatlas von 1555 erstmals den genauen Küstenverlauf von Westaustralien darstellt – 43 Jahre bevor der damals nur hypothetische Südkontinent Terra Australis incognita in einem an der Universität Löwen gedruckten Buch offiziell mit dem Fünften Kontinent assoziiert wurde.

Seine Kosmografie erstellte Le Testu für den Admiral Gaspard II. de Coligny (1519–1572), der erst Hugenottenführer und dann ein Gefolgsmann von Sir Francis Drake war. An den linken Kartenrand setzte der visionäre Kartograf eine Maßstabsleiste, was damals keineswegs üblich war. Ins Mündungsgebiet des Fitzroy Rivers setzte er die Bezeichnung „Terra Australis“ und war damit den Erkenntnissen der damals führenden Navigatoren und Kartografen der Niederlande um ein halbes Jahrhundert voraus.

Woher er seine genauen Kenntnisse hatte – oder ob sie teilweise seiner Fantasie entsprangen – ist nicht ganz zu klären.[1] Die Iles des Crifors vor dem heutigen Joseph-Bonaparte-Golf sind zwar unauffindbar, aber das durchaus realistisch kartierte Fitzroy-Delta und die Einkerbungen der Flüsse und des Cape Londonderry sprechen für solide Quellen oder eventuell eigenen Augenschein. Denn woher hätte man sonst 1555 an der französischen Kanalküste sogar von Gürteltieren und Dingos gewusst, die laut offiziellen Berichten erst um 1660 entdeckt wurden, mit denen aber die Karte geschmückt ist? Auch ein Visionär hätte solche Tiere wohl nicht erahnen können. Nachfolgende Seefahrer – z. B. der 1577 noch als Pirat tätige Francis Drake oder um 1595 Alvaro de Mendana bzw. sein Lotse Pedro de Quiros – machten so detaillierte Angaben noch nicht; erst von Willem Jansz, der 1606 in Nordaustralien landete, gab es ähnlich gute Küstenskizzen.[2]

Sein Lebensende fand Le Testu 1573 in Panama, wo er als Pirat zusammen mit Sir Francis Drake bei der Hafenstadt Nombre de Dios einen spanischen Silbertransport überfiel, reiche Beute machte, aber verwundet wurde und zurückbleiben musste. Während Drake zu seiner Flotte zurückkehrte, fiel Le Testu in die Hände der Spanier und wurde enthauptet. Seinen Kopf stellte man zur Abschreckung – auch aller talentierten Spieler – auf dem Marktplatz zur Schau.

LiteraturBearbeiten

  • Armin Sinnwell (Redaktion) und Gerald Sammet: Die Welt der Karten. Historische und moderne Kartografie im Dialog. Wissen-Media-Verlag, Gütersloh und München 2008, ISBN 978-3-577-07251-9
  • Rosemary Burton, R. Cavendish, B. Stonehouse: Atlas der großen Entdecker. Teil II (Australasien und der Pazifik). Buchgemeinschaft Donauland, Verlag Kremayr & Scheriau, Wien 1993

WeblinksBearbeiten

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. Armin Sinnwell (Redaktion) und Gerald Sammet: Die Welt der Karten. Historische und moderne Kartografie im Dialog. Wissen-Media-Verlag, Gütersloh und München 2008, ISBN 978-3-577-07251-9
  2. Rosemary Burton, R. Cavendish, B. Stonehouse: Atlas der großen Entdecker. Teil II (Australasien und der Pazifik). Buchgemeinschaft Donauland, Verlag Kremayr & Scheriau, Wien 1993