Gesetz der Verteilung von Silbenlängen

Die Länge von Silben kann verschieden bestimmt werden nach der Zahl der Buchstaben, Laute oder Phoneme. Speziell für die gesprochene Sprache kann die Silbenlänge auch danach bemessen werden, wie lange eine Person benötigt, um sie auszusprechen, also als Silbendauer. Untersucht man nun für Texte, wie häufig Silben verschiedener Länge in ihnen vorkommen, so kann man feststellen, dass sie von einem Sprachgesetz gesteuert sind. Es handelt sich im Prinzip um das gleiche Sprachgesetz, das auch die Häufigkeitsverteilung der Wortlängen betrifft (Gesetz der Verteilung von Wortlängen; Theorie: Wimmer u. a.[1]) Zur Anwendung der Theorie auf die Silbenlängen s.[2]

Ein BeispielBearbeiten

Ein Beispiel für eine Silbenlängenverteilung (gemessen als Zahl der Phoneme pro Silbe) in einem kurzen deutschen Pressetext[3]:

x n(x) NP(x)
1 5 5,02
2 82 77,88
3 98 101,47
4 29 31,05
5 4 3,39
6 1 0,19

(Dabei ist x: Zahl der Phoneme pro Silbe, n(x) die in diesem Text beobachtete Zahl der Silben mit x Phonemen; NP(x) die Zahl der Silben mit x Phonemen, die berechnet wird, wenn man die Conway-Maxwell-Poisson-Verteilung an die beobachteten Daten anpasst. Ergebnis: die Conway-Maxwell-Poisson-Verteilung ist für diesen Text ein gutes Modell mit dem Testkriterium P = 0,59, wobei P als gut erachtet wird, wenn es größer/ gleich 0,05 ist. Für ausführlichere Erläuterungen sei auf die angegebene Literatur verwiesen.)

Die Silbenlängenverteilung dieses Textes ist für das Deutsche recht typisch: am häufigsten sind die Silben mittlerer Länge. Auffällig ist, dass für Silbenlängen im Deutschen ein anderes Modell gewählt werden muss als für Morph-, Satz- und Wortlängen oder die Längen rhythmischer Einheiten.

AusblickBearbeiten

Bei rund 230 deutschen, 30 englischen und 10 russischen Texten bewährt sich fast immer die Conway-Maxwell-Poisson-Verteilung als geeignetes Modell, im Altkirchenslawischen sowie in den modernen Sprachen Bulgarisch und Slowenisch die Hyperpoisson-Verteilung. Untersuchungen zu weiteren Sprachen stehen aus; eine Verallgemeinerung der Ergebnisse ist daher noch nicht sinnvoll.

Die Befunde zu den Silbenlängenverteilungen stützen die allgemeine Hypothese der Quantitativen Linguistik, dass Sprachverwendung ebenso wie Sprachstruktur und -wandel Gesetzen folgen.

Abschließend sei darauf hingewiesen, dass nicht nur die Verteilung von Silben unterschiedlicher Länge in Texten einem Sprachgesetz unterliegt. Die Silbenlänge hängt von der Wortlänge ab: Je mehr Silben ein Wort hat, desto kürzer sind die Silben. Dieser Zusammenhang ist gut gesichert und als ein Spezialfall des Menzerathschen Gesetzes bekannt.[4]

LiteraturBearbeiten

  • Sergey Andreev: Distribution of Syllables in Russian Sonnets, in: Glottometrics 41, 2018, p. 13–23 (PDF Volltext).
  • Karl-Heinz Best: Silbenlängen in Meldungen der Tagespresse. In: Karl-Heinz Best (Herausgeber): Häufigkeitsverteilungen in Texten. Peust & Gutschmidt, Göttingen 2001, ISBN 3-933043-08-5, Seite 15–32.
  • Karl-Heinz Best: Silben-, Wort- und Morphlängen bei Lichtenberg. In: Glottometrics 21, 2011, Seite 1–13, (PDF Volltext).
  • Karl-Heinz Best: Silbenlängen im Deutschen. In: Glottotheory 4, 2013, Seite 36–44.
  • Falk-Uwe Cassier: Silbenlängen in Meldungen der deutschen Tagespresse. In: Karl-Heinz Best (Herausgeber): Häufigkeitsverteilungen in Texten. Peust & Gutschmidt, Göttingen 2001, ISBN 3-933043-08-5, Seite 33–42.
  • Ioan-Iovitz Popescu, Karl-Heinz Best, Gabriel Altmann: Unified Modeling of Length in Language. RAM-Verlag, Lüdenscheid 2014. ISBN 978-3-942303-26-2. (Kapitel "Syllable length" Seite 7–10.)
  • Otto A. Rottmann: Syllable Length in Russian, Bulgarian, Old Church Slavonic and Slovene. In: Glottometrics 2 , 2002, Seite 87–94 (PDF Volltext).
  • Peter Zörnig und andere: Quantitative Insights into Syllabic Structures. RAM-Verlag, Lüdenscheid 2019. ISBN 978-3-942303-88-0. (Die insgesamt 13 Autoren erfassen mehrere Eigenschaften von Silben quantitativ, darunter auch die Silbenlängen und -typen in einer Reihe teils sehr unterschiedlicher Sprachen und weisen deren gesetzmäßige Verteilungen nach.)
  • Maria Zuse: Silbenlängen in deutschen und englischen Pressetexten der Gegenwart. Staatsexamensarbeit, Göttingen 1998.

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. Gejza Wimmer, Gabriel Altmann: The Theory of Word Length Distribution: Some Results and Generalizations. In: Peter Schmidt (Herausgeber): Glottometrika 15. Issues in General Linguistic Theory and the Theory of Word Length. Wissenschaftlicher Verlag Trier, Trier 1996, Seite 112–133, ISBN 3-88476-228-1; Gejza Wimmer, Reinhard Köhler, Rüdiger Grotjahn & Gabriel Altmann: Towards a Theory of Word Length Distribution. In: Journal of Quantitative Linguistics 1, 1994, Seite 98–106.
  2. Archivierte Kopie (Memento des Originals vom 18. Mai 2011 im Internet Archive)  Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/lql.uni-trier.de
  3. Falk-Uwe Cassier: Silbenlängen in Meldungen der deutschen Tagespresse. In: Karl-Heinz Best (Herausgeber): Häufigkeitsverteilungen in Texten (Seite 33–42). Göttingen: Peust & Gutschmidt, 2001, Seite 37, ISBN 3-933043-08-5.
  4. Daten zur Abhängigkeit der Silbendauer und -länge von der Silbenzahl der Wörter in drei Sprechstilen im Deutschen finden sich in: Laila Asleh, Karl-Heinz Best: Zur Überprüfung des Menzerath-Altmann-Gesetzes am Beispiel deutscher (und italienischer) Wörter. In: Göttinger Beiträge zur Sprachwissenschaft 10/11, 2004/5, Seite 9–19.

Siehe auchBearbeiten

WeblinksBearbeiten

Wiktionary: Silbenlänge – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen