Frugale Innovation

Eine frugale Innovation (von lat. frūgālis: „von den (Feld-)Früchten stammend“ im Sinne von karg, genügsam) ist eine Innovation, welche mit dem in Forschung und Entwicklung weit verbreiteten Paradigma „immer mehr, immer besser“ bricht und eine vereinfachte und anwendungsorientierte Lösung bezeichnet, um neue, preissensible Segmente am Fuße der sozioökonomischen Pyramide zu erschließen. Frugale Innovationen hängen eng mit Begriffen aus Schwellenländern wie Jugaad, Grassroot Innovation und Reverse Innovation zusammen.[1] Typischerweise beziehen sich frugale Innovationen auf asiatische Länder wie Indien oder China.[2]Jedoch gibt es diesen Begriff auch in Afrika oder Südamerika, in Brasilien z. B. im Kontext von Gambiarra.[3]

Populäre Eigenschaften von frugalen Produkten sind:

  • Mehr für weniger: Das Produkt soll einen, relativ zum Preis, hohen Nutzen für den Endkunden aufweisen.[4]
  • Asset-light: kapitalschonende Lösungen, d. h. Bedürfnisse, welche traditionell mit Produkten befriedigt wurden, werden nun mithilfe von Dienstleistungen gedeckt (z. B. Airbnb).[5]
  • Gut genug: das Produkt soll nur zielgruppenspezifische und anwendungsorientierte Funktionen abdecken, diese aber auf einem mittleren bis hohen Niveau erfüllen.[6]

In einer Literaturanalyse wurden die Eigenschaften in drei Kategorien namens Kosteneffizienz, Benutzerfreundlichkeit und weiteren beschreibenden Variablen wie technologisch anspruchsvoll zusammengefasst.[7] Frugale Innovationen erhalten seit 2010 verstärkte Aufmerksamkeit von Seiten der Medien,[8][9][10] Forschungseinrichtungen,[11][12] Beratungshäusern[13] und der Wirtschaft.[14]

Insbesondere in Schwellenländern haben technologisch abgespeckte Produkte ein größeres Absatzpotential. Frugale Produkte, die auf die dortigen Bedürfnisse abgestimmt sind, können laut einer Studie der Unternehmensberatung Roland Berger ihren Erlösanteil in fünf Jahren nahezu verdoppeln.[15] Unter dem Begriff Frugal Engineering werden Ansätze zur gezielten Entwicklung frugaler Innovationen zusammengefasst. Im Kern wird hier auf die strukturierte Nutzung von "constraints", also Einschränkungen, Bezug genommen.[16]

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. Alexander Brem, Pierre Wolfram: Research and development from the bottom up - introduction of terminologies for new product development in emerging markets. In: Journal of Innovation and Entrepreneurship. Band 3, Nr. 1, Dezember 2014, ISSN 2192-5372, S. 1–22, doi:10.1186/2192-5372-3-9 (springeropen.com [abgerufen am 27. März 2021]).
  2. Patiño-Valencia, B., Villalba-Morales, M. L., Acosta-Amaya, M., Villegas-Arboleda, C., & Calderón-Sanín, E. (2020). Towards the conceptual understanding of social innovation and inclusive innovation: a literature review. Innovation and Development, 1-22.
  3. Wimschneider, C., Agarwal, N., & Brem, A. (2020). Frugal innovation for the BoP in Brazil-an analysis and comparison with Asian lead markets. International Journal of Technology Management, 83(1-3), 134-159.
  4. Navi Radjou, Jaideep Prabhu: 4 CEOs Who Are Making Frugal Innovation Work. In: Harvard Business Review. 28. November 2014, abgerufen am 8. Oktober 2016.
  5. Yasser Ahmad Bhatti: What is Frugal, What is Innovation? Towards a Theory of Frugal Innovation. Social Science Research Network, Rochester, NY 1. Februar 2012 (ssrn.com [abgerufen am 8. Oktober 2016]).
  6. Marco Zeschky, Bastian Widenmayer, Oliver Gassmann: FRUGAL INNOVATION IN EMERGING MARKETS. In: Research-Technology Management. Band 54, Nr. 4, S. 38–45, doi:10.5437/08956308x5404007 (ingenta.com).
  7. N. Agarwal, M. Grottke, S. Mishra, A. Brem: A Systematic Literature Review of Constraint-Based Innovations: State of the Art and Future Perspectives. In: IEEE Transactions on Engineering Management. Band 64, Nr. 1, Februar 2017, ISSN 1558-0040, S. 3–15, doi:10.1109/TEM.2016.2620562 (ieee.org [abgerufen am 27. März 2021]).
  8. First break all the rules. In: The Economist. 15. April 2010, ISSN 0013-0613 (economist.com [abgerufen am 9. Oktober 2016]).
  9. Sendung vom 30. Januar 2016. In: Futuremag. (arte.tv [abgerufen am 9. Oktober 2016]).
  10. Hellmuth Nordwig: Robust und erschwinglich: Technische Entwicklungen ohne Schnickschnack. 4. Februar 2019, abgerufen am 27. März 2021.
  11. Potenziale Frugaler Innovationen | Ein Verbundprojekt des Fraunhofer-Zentrums für Internationales Management und Wissensökonomie und der Technischen Universität Hamburg. In: www.frugale-innovation-ita.de. Abgerufen am 9. Oktober 2016.
  12. Center for Frugal Innovation | An initiative of Research Program Global Innovation @ TIM/TUHH. In: cfi.global-innovation.net. Abgerufen am 9. Oktober 2016.
  13. Innovating for the next three billion The rise of the global middle class — and how to capitalize on it. (PDF) In: Growing Beyond. Ernst & Young, 2011, abgerufen am 9. Oktober 2016 (englisch).
  14. AllianceRN: Innovation for everyone. 11. Juli 2013, abgerufen am 9. Oktober 2016.
  15. Die Welt: Siemens startet Billig-Offensive in Asien, vom 11. März 2013, abgerufen am 11. Februar 2019
  16. Agarwal, N., Oehler, J., & Brem, A. (2021). Constraint-Based Thinking: A Structured Approach for Developing Frugal Innovations. IEEE Transactions on Engineering Management.