Foibe-Massaker

Kriegsverbrechen an der italienischen Bevölkerung in Istrien und Dalmatien

Mit dem Begriff Foibe-Massaker bezeichnet man die Kriegsverbrechen, die im Herbst 1943 und im Frühjahr 1945 durch jugoslawische Partisanen aus an der italienischen Bevölkerung verübt wurden, hauptsächlich in Julisch Venetien, in den istrischen und dalmatinischen Küstengebieten. Die Opfer wurden in Karsthöhlen geworfen, die sogenannten Foiben, oftmals bei lebendigem Leibe.

Vereinfachtes Schema einer Foiba
Lageorte einiger Foiben in Istrien, an denen mutmaßlich Massenexekutionen stattgefunden haben.

GeschichteBearbeiten

Unter einer Foiba (von lateinisch fovea, fossa; kroatisch fojba) versteht man in der italienischen Sprache unzugängliche Karsthöhlen entlang der kroatischen und slowenischen Küste. Die gewaltsame Italianisierung der slowenischen und kroatischen Bevölkerung hatte nach der Machtübernahme der Faschisten 1922 begonnen und wurde während der Jahre des Zweiten Weltkriegs intensiviert.

Erstmals kam es zu später so genannten Foibe Massakern nach der Kapitulation Italiens im September 1943 und der zeitweiligen Inbesitznahme Istriens durch jugoslawische Partisanen. Zahlreiche Angehörige der italienischen Volksgruppe wurden durch kroatische Partisanen und italienische Kommunisten verhaftet. Häufigster Vorwurf war die Mitgliedschaft in faschistischen Organisationen. Diejenigen, die deswegen zum Tode verurteilt wurden, erschoss man oder warf sie lebend in die Foiben. Nachdem die Deutschen in der Region wieder die Kontrolle übernommen hatten, wurden die Leichen exhumiert.[1]

Nach der erneuten Besetzung kam es von Mai bis Juli 1945 in Teilen von Julisch Venetien zu einer zweiten Welle von Massakern durch die jugoslawische Partisanenarmee. Opfer der Verhaftungen und Hinrichtungen waren meist unter der Bevölkerung bekannte Faschisten und Antikommunisten, Angehörige der italienischen und deutschen Exekutivorgane sowie Kollaborateure mit den Deutschen. Die jugoslawischen Partisanen betrachteten alle Antikommunisten als Faschisten, und die Begriffe „Italien“ und „Faschismus“ erhielten denselben Beiklang. Viele der Verhafteten wurden in die jugoslawischen Internierungslager deportiert, wo sie in großer Zahl auf Grund unmenschlicher Lebensbedingungen ihr Leben verloren. Andere wurden wiederum in die Foibe des Karstgebirges um Triest geworfen:[1]

„Dann nahm ein großer Mann einen Draht und begann je zwei und zwei zusammenzubinden, so dass er den Draht fest um unsere Handgelenke zog. Das Schicksal war vorgezeichnet, und es blieb nur eine Möglichkeit zu entkommen: mich in den Abgrund zu werfen, bevor mich die Kugel traf. . . . Ich fiel auf einen hervorstehenden Ast. Ich konnte nichts sehen, andere Körper fielen auf mich. Es gelang mir, die Hände aus dem Eisendraht zu befreien, und ich begann hinaufzuklettern.“

Graziano Udovisi, Lehrer in Istrien (zitiert in L'esodo von Arrigo Petacco)[2]

OpferzahlenBearbeiten

Genaue Opferzahlen sind nicht bekannt. Die Zahlen reichen von einigen Hundert bis zu 20.000, was sich allerdings nur einschließlich der im Mittelmeer versenkten (annegati) sowie in jugoslawischen Straflagern umgekommenen Italiener erreichen lässt.[3] Historiker schätzen die Anzahl der Opfer des jahres 1943 auf 350 bis 400, teilweise auch 500–700.[1][4] Die Zahl lag in der zweiten Phase 1945 weit höher, kann aber nicht genau bestimmt werden. Seit 1945 vermisst mit unbekanntem Verbleib waren im April 1947 noch rund 3400 Italiener aus der Region, was eine Obergrenze für die Opferzahl darstellen könnte.[1]

GedenktagBearbeiten

Jahrzehntelang waren in Italien die Massaker mit einem Tabu belegt.[5][6] Seit 2001 fanden die Foibe-Massaker mehr Beachtung in der öffentlichen Diskussion. Auf Initiative der aus dem neofaschistischen MSI hervorgegangenen Alleanza Nazionale wurde 2005 zur Zeit der Regierung Berlusconi ein Gedenktag eingeführt, der Giorno del Ricordo, der jährlich am 10. Februar begangen wird.[7] An diesem Gedenktag wird nicht nur der Opfer der Foibe, sondern auch der 200.000 bis 350.000 Esuli (Vertriebenen) aus Julisch Venetien (Istrien, Fiume/Rijeka und Zara/Zadar) sowie Dalmatien gedacht.

2007 verlieh der italienische Staatspräsident Giorgio Napolitano anlässlich des Gedenktages dem letzten italienischen Präfekten des faschistischen Regimes in Zara (kroatisch Zadar) im heutigen Kroatien, Vincenzo Serrentino, und etwa dreißig weiteren Opfern der jugoslawischen Partisanen postum Orden. Serrentino wurde im ehemaligen Jugoslawien als Kriegsverbrecher verurteilt und hingerichtet. In seiner Rede zum Gedenktag sprach Napolitano davon, dass „eine der Barbareien des letzten Jahrhunderts begangen wurde“, von „einer Bewegung voller Hass und blutrünstiger Wut“, als der „slawische Annexionsplan [...] die unheilvolle Form einer ‚ethnischen Säuberung‘ annahm“.[8][9][10] Der kroatische Präsident Stjepan Mesić protestierte gegen diese Aussagen.[11]

Staatspräsident Napolitano äußerte sich danach mehrmals dahingehend, dass die Foibe-Massaker als „Maßnahmen einer ethnischen Säuberung im Rahmen der slawischen annexionistischen Tendenzen im Friedensvertrag von 1947“ zu werten seien, und stemmte sich gegen die „diplomatische Verdrängung“ der Geschehnisse.[12]

Auf Vorschlag Kroatiens soll eine gemeinsame Historikerkommission Licht in die Vorkommnisse während des Zweiten Weltkrieges und der Jahre danach bringen.

LiteraturBearbeiten

  • Luisa Accati, Renate Cogoy (Hrsg.) Das Unheimliche in der Geschichte. Die Foibe. Trafo Verlag, Berlin 2007.
  • Gaia Baracetti: Foibe: Nationalism, Revenge and Ideology In Venezia Giulia and Istria, 1943–5. In: Journal of Contemporary History. Jg. 44, H. 4, ISSN 0022-0094, 2009, S. 657–674, doi:10.1177/0022009409339344.
  • Claudia Cernigoi: Operazione Foibe. Tra storia e mito. Edizioni Kappa Vu, Udine 2005.
  • Renato Cristin (Hrsg.) / Italienisches Kulturinstitut Berlin: Die Foibe. Vom politischen Schweigen zur historischen Wahrheit. = Foibe. Lit, Berlin u. a. 2007, ISBN 978-3-8258-0002-4.
  • Paolo De Franceschi: Foibe. Prefazione di Umberto Nani. Centro Studi Adriatici, Rom 1949.
  • Sessi Frediano: Foibe rosse. Vita di Norma Cossetto uccisa in Istria nel '43. Marsilio, Venezia 2007, ISBN 978-88-317-9147-2.
  • Jožko Kragelj: Pobitim v spomin. Žrtve komunističnega nasilja na Goriškem 1943–1948. Goriška Mohorjeva, Gorizia 2005.
  • Giancarlo Marinaldi: La morte è nelle foibe. Cappelli, Bologna 1949.
  • Gianni Oliva: Foibe. Le stragi negate degli italiani della Venezia Giulia e dell'Istria. Feltrinelli, Milano 2003, ISBN 88-04-51584-8.
  • Luigi Papo: L'ultima bandiera. Storia del reggimento Istria. L'Arena di Pola, Gorizia 1986.
  • Luigi Papo: L'Istria e le sue foibe. Storia e tragedia senza la parola fine (= Historia 20). 2 Bände. Settimo sigillo, Roma 1999.
  • Eno Pascoli: Foibe. Cinquant'anni di silenzio. La frontiera orientale. Aretusa, Gorizia 1993.
  • Arrigo Petacco: L'esodo. La tragedia negata degli italiani d'Istria, Dalmazia e Venezia Giulia. Mondadori, Milano 1999, ISBN 88-04-45897-6.
  • Raoul Pupo: Il lungo esodo. Istria: le persecuzioni, le foibe, l'esilio. Rizzoli, Milano 2005, ISBN 88-17-00562-2.
  • Raoul Pupo, Roberto Spazzali: Foibe. B. Mondadori, Milano 2003, ISBN 88-424-9015-6.
  • Franco Razzi: Lager e foibe in Slovenia. Ed. Vicentina, Vicenza 1992.
  • Guido Rumici: Infoibati (1943–1945). I nomi, i luoghi, i testimoni, i documenti. Mursia, Milano 2002, ISBN 88-425-2999-0.
  • Giorgio Rustia: Contro operazione foibe a Trieste. A cura dell'Associazione famiglie e congiunti dei deportati italiani in Jugoslavia e infoibati. s. n., s. l. 2000.
  • Fulvio Salimbeni: Le foibe, un problema storico. Unione degli istriani, Trieste 1998.
  • Giacomo Scotti: Dossier Foibe (= Studi 84). Manni, San Cesario di Lecce 2005, ISBN 88-8176-644-2.
  • Giovanna Solari: Il dramma delle foibe, 1943–1945. Studi, interpretazioni e tendenze. Stella, Trieste 2002.
  • Roberto Spazzali: Foibe. Un dibattito ancora aperto. Tesi politica e storiografica giuliana tra scontro e confronto. Editrice Lega Nazionale, Trieste 1990
  • Roberto Spazzali: Tragedia delle Foibe. Contributo alla verità. Parte 1. Grafica goriziana, Gorizia 1993.
  • Giampaolo Valdevit (Hrsg.): Foibe, il peso del passato. Venezia Giulia 1943–1945. Marsilio, Venezia 1997.

QuellenBearbeiten

  1. a b c d Foibe in der Venezia Giulia in den Jahren 1943-45.Grausamer Höhepunkt eines über zwei Jahrzehnte dauernden Antagonismus zwischen Italienern und Slawen. Diplomarbeit an der Universität Wien, S. 74–79 und 98–100. Abgerufen am 24. März 2021
  2. Der Verbrecher, mein Nächster, NZZ, 25. Februar 2006. Zitiert wird aus L'esodo von Arrigo Petacco, der Überlebende ist der istrische Lehrer Graziano Udovisi
  3. Gianni Oliva: Die Foibe: Die Gründe eines Schweigens, in: Renato Cristin (Hrsg.): Die Foibe / Foibe. Vom politischen Schweigen zur historischen Wahrheit / Dal silenzio politico alla verità storica. Berlin 2007, S. 55 [1]
  4. Gustavo Corni: L'esodo degli Italiani da Istria e Dalmazia. In: Hannes Obermair, Sabrina Michielli (Hrsg.): Erinnerungskulturen des 20. Jahrhunderts im Vergleich – Culture della memoria del Novecento al confronto. (Hefte zur Bozner Stadtgeschichte/Quaderni di storia cittadina 7). Bozen: Stadt Bozen 2014. ISBN 978-88-907060-9-7, S. 75–96, Bezug S. 82–87.
  5. Unser Tito. Der Spiegel, 19. März 2006, abgerufen am 24. März 2021
  6. Renato Cristin: Historische Wahrheit und Verbreitung der italienischen Kultur in der Welt, in: Renato Cristin (Hrsg.): Die Foibe / Foibe. Vom politischen Schweigen zur historischen Wahrheit / Dal silenzio politico alla verità storica. Berlin 2007, S. 5 [2]
  7. Gesetz vom 30. März 2004, Nr. 92
  8. Intervento del Presidente della Repubblica, Giorgio Napolitano, in occasione della celebrazione del "Giorno del Ricordo", quirinale.it, 10. Februar 2007
  9. Karl-Peter Schwarz: Ein Lob dem Revisionismus, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 16. Februar 2007, S. 1.
  10. Verstimmung zwischen Italien und Kroatien, Neue Zürcher Zeitung, 14. Februar 2007
  11. vjesnik.hr (Memento vom 13. November 2007 im Webarchiv archive.today) (kroatisch)
  12. Italiens Präsident: „Foibe-Massaker nicht vergessen“, Die Presse, 10. Februar 2010