Feierstätte der Schlesier

Monumentalanlage mit Freilichttheater am St. Annaberg in Oberschlesien, heute Polen

Die Feierstätte der Schlesier, auch Feierstätte Annaberg, ist ein Freilichttheater im Kuhtal auf dem St. Annaberg in Oberschlesien. Das Freilichttheater am westlichen Ende der Ortschaft Sankt Annaberg, das 7.000 Sitzplätze und 20.000 Stehplätze auf den Tribünen sowie bei Ausnutzung weiterer Flächen (wie beispielsweise der Treppen) insgesamt bis zu 50.000 Personen Platz bietet, war Teil eines Ensembles, zu dem neben der Feierstätte ein von Robert Tischler geplantes und von 1936 bis 1938 erbautes Mausoleum gehörte,[1][2] das 1945 zerstört wurde.[3][1] Dessen Platz nimmt seit 1955 ein Denkmal für die Aufstände in Oberschlesien ein.[1]

Das Freilichttheater
Das Kuhtal vor dem Bau
Die oberen Tribünen
Alter Kalkofen neben dem Freilichttheater
Blick über die Sitzplatztribünen auf die Fahnenkanzel

GeschichteBearbeiten

Das Freilichttheater wurde zwischen 1934 und 1938 in einem Tal an der Stelle eines früheren Steinbruchs als nationalsozialistische Thingstätte errichtet.[1] Die Anregung zum Bau hatte der Oberpräsident, der am 20. Januar 1934 den Auftrag gab, eine geeignete Stelle für eine oberschlesische Feier- und Weihestätte zu finden. Das ausgewählte Gelände auf dem Annaberg war im Eigentum der Gräfin Franken-Sierstorpff. Damit die Architekten ihren Entwurf entwerfen konnten, wurde das Gelände umfangreich vermessen und die angefertigten Karten dem Reichsbund der Deutschen Freilicht- und Volksschauspiele in Berlin vorgelegt. Am 14. Juli 1934 wurde der erste Spatenstich für den Bau getan, bei den Feierlichkeiten war der Oberpräsident anwesend und hielt eine Ansprache. Damals sprach man noch von einer „Thingstätte der Oberschlesier“. Geplant wurde das Theater durch Franz Böhmer und Georg Petrich aus Berlin, die den Auftrag durch den Reichsbund erhielten.[1] Die 35 Meter hohe Steilwand aus Kalkstein bildet den Hintergrund bzw. die Kulisse der Anlage und der Bühne. Den ursprünglichen Planungen nach sollte der Bau zwei Jahre dauern, die Bauzeit betrug schließlich vier Jahre. An dem Bau waren zunächst Arbeiter des Reichsarbeitsdienstes (u. a. der Arbeitsdienst aus Groß Strehlitz und das Lager Elsenruh) beteiligt, die mit einfachen Werkzeugen den Baugrund für die Tribünen modellierten, ab 1936 wurden auch Privatfirmen für Spezialarbeiten eingesetzt. Die vom Steinbruch verbliebenen Halden mussten auch abgetragen werden. Mit dem Lorenaufzug wurden täglich etwa 30 bis 35 Kubikmeter Erdreich zur oberen Plattform gebracht. Da sich im Kuhtalgraben nach starkem Regen ein temporärer Wildbach bildete, wurde für die Feierstätte ein Entwässerungssystem mit Röhren angelegt. Das Hauptrohr hat einen Durchmesser von zwei Metern und ist 200 Meter lang. Danach wurden bis zu 250 Arbeiter für den Bau eingesetzt. Neben der Bühne wurde die runde Fahnenkanzel errichtet, die als Versammlungsplatz für die Fahnen- und Standartenträger gedacht war und 200 Personen aufnehmen kann. Die steinernen Befestigungen und Mauerwerke der Feierstätte wurden aus Kalkstein gebaut. Fast das ganze benötigte Material für den Bau wurde vor Ort auf dem Annaberg gewonnen. Am 24. September 1937 waren die Arbeiten zu großen Teilen abgeschlossen und es wurde Richtfest gefeiert. Die Feierstätte wurde am 22. Mai 1938 eröffnet. Die Entstehung soll nicht nur über die vier Jahre fotografiert worden sein, sondern wurde auch dokumentarisch gefilmt. Zudem wurden jedes Jahr neue Modelle und Gemälde angefertigt. Da die Feierstätte eher für Versammlungen als für Thingspiele angelegt wurde, fehlt ein komplexer Bühnenaufbau vollständig. Um die großen Menschenmengen bei den Veranstaltungen zu versorgen, wurden Wasserleitungen verlegt und fünf Wasserzapfstellen mit 60 Wasserhähnen gebaut. Diese haben sich heute nicht mehr erhalten. Zuletzt wurde das Kuhtal mit Laub- und Nadelbäumen bepflanzt. Der größte Teil der Besucher sollte u. a. über die Bahnhöfe in Odertal und Bergstadt zur Anlage gelangen. Für weitere Besucher wurde ein PKW-Parkplatz erbaut und ein Radfahrweg mit Stellplätzen für Fahrräder.[4][5][6]

Südlich der Feierstätte an der Zufahrtsstraße und der großen Freitreppe befanden sich zwei Kalköfen als Überreste des Kalksteinbruchs. Während ein Kalkofen erhalten blieb, wurde der zweite Ofen wegen seiner fortgeschrittenen Baufälligkeit während der Bauarbeiten abgerissen. Der vorhandene Kalkofen stand damals bereits unter Denkmalschutz.

Nach Fertigstellung der Anlage sollte der Ort Annaberg weiter ausgebaut werden. Außerdem wurden neben der Feierstätte eine Jugendherberge errichtet und neue Zufahrtsstraßen zum Annaberg gebaut. Entlang des Ortes sollte ein noch fehlendes Teilstück der Reichsautobahn Berlin-Beuthen verlaufen. Sie blieb jedoch unvollendet. Geplant war ein Kulturhaus, u. a. als Versammlungsraum und Sitz einer Heimatstube oder eines Heimatmuseums. Weitere Bauprojekte wurden, wohl auch aufgrund des Kriegsbeginns, nicht mehr realisiert.

Um an die Kämpfe am Annaberg von 1921 und den dort gefallenen deutschen Freikorps-Kämpfern zu erinnern, sollte auf Wunsch der Provinz an der Steilwand der Feierstätte eine Gedenktafel aus Bronze angebracht werden. Während der Planungen entschied man sich für eine andere Form des Gedenkens, da man die Auffassung bekam, dass diese Tafel oder auch ein einfaches Denkmal dem Ereignis nicht genügen würden. So entstanden die Planungen für das Ehrenmal auf dem Felsplateau oberhalb der Feierstätte.[5] 1938 fand die Eröffnungsfeier für das Mausoleum mit mehreren Tausend ehemaligen Freikorps-Kämpfern statt. Danach gab es dort keine größeren Veranstaltungen mehr.[7]

LiteraturBearbeiten

WeblinksBearbeiten

Commons: Feierstätte der Schlesier – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. a b c d e Arnold Bartetzky, Marina Dmitrieva, Stefan Troebst: Neue Staaten - neue Bilder?: visuelle Kultur im Dienst staatlicher Selbstdarstellung in Zentral- und Osteuropa seit 1918, Böhlau Verlag Köln Weimar, 2005, S. 304 [1]
  2. Beschreibung und Abb. (Ansichtskarte von 1938) in Marek Czapliński, Hans Joachim Hahn, Tobias Weger (Hrsg.): Schlesische Erinnerungsorte: Gedächtnis und Identität einer mitteleuropäischen Region. Neisse-Verlag, 2005. ISBN 978-3-934-03833-2
  3. [2]
  4. Groß Strehlitzer Heimatkalender für das Jahr 1937, 1936
  5. a b Der Annaberg O.-S., In Zusammenarbeit mit dem Arbeitskreis Annaberg hrsg. von H. Rogier
  6. Der Oberschlesier, 1938, Jg. 20, Heft 6
  7. Korbinian Böck: "Bollwerk des Deutschtums im Osten": Das Freikorpsehrenmal auf dem Annaberg/Oberschlesien. RIHA Journal 0160, 27. Juni 2017, [3]
  8. siehe dazu auch Rainer Stommer: Die inszenierte Volksgemeinschaft: die "Thing-Bewegung" im Dritten Reich. Jonas, 1985 sowie Mortimer G. Davidson: Kunst in Deutschland, 1933-1945: eine wissenschaftliche Enzyklopädie der Kunst im Dritten Reich. Grabert, 1995. Band 3, Ausgabe 1

Koordinaten: 50° 27′ 19″ N, 18° 9′ 36″ O