Eisenbahngeschütz

großkalibrige Geschütze meist lediglich mit Richtmöglichkeit in Elevation

Ein Eisenbahngeschütz oder Schienengeschütz ist ein mobiles Geschütz, das auf einer Eisenbahn-Lafette montiert ist.

Dieses 27,4-cm-Eisenbahngeschütz wurde 1945 von US-Truppen in Thüringen – bei Rentwertshausen – erbeutet.
Ein US-amerikanisches Eisenbahngeschütz wird geladen.
K 5 Leopold (28 cm)

Bekannte deutsche Eisenbahngeschütze des Ersten und Zweiten Weltkriegs waren K 12 (Kaliber: 21 cm), Bruno (28 cm) und K 5 (E) (Leopold/Robert) (28 cm), Langer Max und Siegfried (38 cm).

Die Sondergeschütze Schwerer Gustav und Dora (80 cm) wurden offiziell als Eisenbahngeschütze bezeichnet, obwohl sie nicht „mobil“ auf dem Eisenbahnnetz einsetzbar waren, sondern speziell gelegte kurze Gleisstrecken für den Auf- und Abbau und als Schießkurve benötigten.

FunktionBearbeiten

Eisenbahngeschütze waren in der Regel großkalibrige Kanonen mit hohen Reichweiten. Sie sollten massive Festungsanlagen zerstören und Bunker bekämpfen können, ein weiteres Einsatzfeld war der Beschuss von strategischen Zielen oder Bereitstellungen hinter der gegnerischen Frontlinie, die außerhalb der Reichweite der gewöhnlichen Feldartillerie lagen. Die Rohre der ersten Eisenbahngeschütze waren ursprünglich Schiffsgeschütze. Dies erklärt sich aus der unterschiedlichen Entwicklung der Geschütze bei Heer und Marine: Auf Schiffen installierte Geschütze konnten erheblich größer gebaut werden als solche, die im Gelände transportiert werden mussten. Beim Heer wurden generell nur lastenteilbare Geschütze genutzt – d. h., Geschütze, deren einzeln teilbare Baugruppen ein Höchstgewicht von 2.000 kg nicht überschritten, um sie auch im Pferdezug bewegen zu können. Auch Probleme der Bettung sorgten dafür, dass klassische Feldgeschütze nicht die Ausmaße von Seegeschützen annahmen.

Die größten Eisenbahngeschütze benötigten eine sehr lange Vorlaufzeit, bevor der erste Schuss am Einsatzort abgefeuert werden konnte. Teilweise mussten spezielle Gleise wie Schießkurven verlegt werden, oder das Geschütz war mit Gleisklauen auszurüsten, beziehungsweise wurden vor dem Einsatz spezielle Bettungen wie beispielsweise Kreuzbettungen oder Vögele-Drehscheiben errichtet. Diese Maßnahmen dienten in erster Linie der Vergrößerung des Seitenrichtbereiches der Eisenbahngeschütze, die ohne Unterstützung nicht beliebig zur Seite gerichtet werden konnten und der Aufnahme der immensen Rückstoßkräfte beim Abschuss.

GeschichteBearbeiten

Die Hochzeit der Eisenbahngeschütze war der Erste Weltkrieg mit den verhältnismäßig starren Frontlinien des Stellungskrieges und Materialschlachten.

Im Zweiten Weltkrieg waren diese Waffen veraltet, da ihre Aufgaben durch die Luftwaffe effizienter erfüllt werden konnten; da aber jedes größere Heer über sie verfügte, spielten sie dennoch eine gewisse Rolle. Auch Marschflugkörper wie die V1 und Boden-Boden-Raketen wie die V2 machten Eisenbahngeschütze obsolet.

Die Projekte P1500 „Monster“ und P1000, selbstfahrende Versionen mit einem Gewicht von 1500 bzw. 1000 Tonnen, wurden Anfang 1943 von Rüstungsminister Albert Speer eingestellt.

EinsatzstaatenBearbeiten

 
Eisenbahngeschütz der Konföderierten
 
sowjetisches Eisenbahngeschütz TM-3-12

Frankreich trieb die Entwicklung einer beweglichen Eisenbahnartillerie schon früh voran und erreichte auf diesem Gebiet während des Ersten Weltkrieges eine führende Stellung. Bei vielen französischen Eisenbahngeschützen wurde der Rückstoß beim Abfeuern durch das Zurücklaufen des gesamten Geschützes auf den Gleisen abgefangen (Schleiflafette). Ein Beispiel dafür war das Eisenbahngeschütz Canon de 320 mm mle 1870/93. Ein Großteil der 1940 im Dienst stehenden Geschütze wurde im Juni 1940 (Westfeldzug) von der Wehrmacht erbeutet und weiter verwendet.

Britische Unternehmen fertigten schwere Eisenbahngeschütze in Kalibern von 234 mm bis 343 mm, wobei hauptsächlich Marinerohre verwendet wurden (Beispiel: 305-mm-Eisenbahnhaubitze Mk V). Haupteinsatzgebiet war der Küstenschutz; die letzten drei 343-mm-Eisenbahngeschütze wurden dort 1947 ausgemustert.

Basierend auf dem Schiffsgeschütz 305-mm-L/52-Kanone M1907 der Kaiserlich-Russischen Marine wurde 1938 im Staatlichen Werk Nikolajewsk ein Eisenbahngeschütz namens TM-3-12 (russisch транспортер морской типа 3 калибра 12 дюймов) entwickelt. Drei Stück wurden gebaut.

Die USA hatten bereits im Sezessionskrieg Erfahrungen mit Eisenbahngeschützen gemacht, so zum Beispiel während der Belagerung von Petersburg. Später griffen sie zunächst auf in Lizenz gebaute französische und britische Geschütze zurück; erst nach dem Ersten Weltkrieg gab es eigene Konstruktionen (254 bis 406 mm).

Das Kaiserlich Japanische Heer kaufte 1926 ein Kanonenrohr im Kaliber 24 cm vom französischen Unternehmen Schneider-Creusot und baute die übrigen Komponenten für das Eisenbahngeschütz in Japan zusammen. 1930 wurde das Typ 90 24-cm-Eisenbahngeschütz an die Truppe übergeben.

Italien, das 1915 die Seiten gewechselt hatte, verwendete im Ersten Weltkrieg zunächst französische Eisenbahngeschütze. 1917 kam das von Ansaldo gebaute Geschütz 381/40 zum Einsatz, von dem vier Stück gebaut wurden. Für den Bau wurden vier Schiffsgeschütze 381/40 Mod. 1914 verwendet,[1] die ursprünglich für das Schlachtschiff Cristoforo Colombo der Caracciolo-Klasse bestimmt waren.

LiteraturBearbeiten

  • Edward Breck, D.W. Knox, et al.: The United States naval railway batteries in France. Reprint, Original 1922. Hrsg.: Naval Historical Center. Washington D.C. 1988 (web.archive.org [abgerufen am 24. August 2021]).
  • Joachim Engelmann: Deutsche Eisenbahngeschütze. 15–80 cm Kaliber. Podzun-Pallas-Verlag, Wölfersheim-Berstadt 1999, ISBN 3-7909-0673-5.
  • Wolfgang Gückelhorn, Detlev Paul: Eisenbahnartillerie. Einsatzgeschichte der deutschen Eisenbahnartillerie im Westen 1940 bis 1945 – Eine Dokumentation. Helios Verlag, Aachen 2014, ISBN 978-3-86933-116-4.
  • Ian V. Hogg: Allied Artillery of World War One. Ramsbury, Crowood Press., Marlborough 1998, ISBN 1-86126-104-7, S. 113–148.
  • Ian V. Hogg: Twentieth-century artillery. Friedman/Fairfax, London 2000, ISBN 978-1-58663-299-1, S. 236–245.
  • Franz Kosar: Eisenbahngeschütze der Welt. Motorbuchverlag, Stuttgart 1999, ISBN 3-613-01976-0.
  • Timothy J. Mallery: The complete Schneider coast defense train as battery, Scientific American, 20. Dezember 1913
  • Harry W. Miller: Railway Artillery. A Report on the Characteristics, Scope of Utility, Etc., of Railway Artillery. Hrsg.: United States Army, Ordnance Department, Document No. 2024. Washington Government Printing Office, Washington D.C. 1921 (web.archive.org Volume I web.archive.org Volume II [abgerufen am 24. August 2021]).
  • Gerhard Taube: Deutsche Eisenbahn-Geschütze. Rohr-Artillerie auf Schienen. Motorbuch Verlag, Stuttgart 1990, ISBN 3-613-01352-5.
  • U.S. War Department: TM 9-463 Gun, 8 in Mk VI, Mod. 3A2 and Mount, Railway, Gun, 8 in, M1A1. (Technische Betriebsanweisung zum Eisenbahngeschütz). Hrsg.: United States Army, Ordnance Department, Document No. TM 9-463. 1942 (web.archive.org [abgerufen am 24. August 2021]).

WeblinksBearbeiten

Commons: Eisenbahngeschütz – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

FußnotenBearbeiten

  1. Roberto Celotta: Le Ferrovie dello Stato nella Grande Guerra. Alpini del DOMM. Notiziario del Gruppo Milano Centro "Giulio Bedeschi" Sezione ANA Milano, Supplemento Anno V – Allegato al numero 4 – Luglio 2004, Mailand 2004. S. 6–8 (PDF (Memento vom 16. Januar 2019 im Internet Archive))