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Kognitive Dysphasien

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Der Begriff Kognitive Dysphasien wurde von Heidler (2006) geprägt und bezeichnet Sprachverarbeitungsstörungen infolge beeinträchtigter Aufmerksamkeits-, Gedächtnis- und Exekutivfunktionen. Abzugrenzen sind Kognitive Dysphasien von Aphasien, die durch direkte Schädigung der Zentren für Sprachproduktion und Sprachverstehen in der linken Gehirnhälfte hervorgerufen werden – die Ursachen liegen hier also in einer Schädigung des Sprachsystems selbst. Bei Patienten mit Kognitiver Dysphasie ist das Sprachsystem als solches meist intakt. Gestört sind die mentalen (= kognitiven) Werkzeuge, die für eine effektive Verwendung der Sprache erforderlich sind (Aufmerksamkeit, Gedächtnis, Exekutivfunktionen).

Inhaltsverzeichnis

UrsachenBearbeiten

Kognitive Dysphasien können viele Ursachen haben, unter anderem Schlaganfälle (teilweiser oder kompletter Verschluss von Blutgefäßen im Gehirn), Tumore, Hypoxien, Alkoholabusus, Schädel-Hirn-Traumata oder Entzündungen des Gehirns. Entscheidend ist, dass Gebiete im Gehirn geschädigt werden, die zuständig sind für Aufmerksamkeit, Gedächtnis und/oder Exekutivfunktionen. Sind die Werkzeuge der Sprachverarbeitung beeinträchtigt, leidet die Qualität des Sprachverstehens und der Sprachproduktion.

Solche Hirnregionen sind für Aufmerksamkeitsleistungen unter anderem die Formatio reticularis im Hirnstamm, der Thalamus und das Frontalhirn. Die rechte Hirnhälfte ist für die allgemeine Wachheit und die linke Hirnhälfte für spezifische Konzentrationsleistungen bedeutsam. Für unterschiedliche Gedächtnisfunktionen sind neben anderen Regionen Teile des limbischen Systems zuständig, das auch „Gefühlssystem“ genannt wird. Es umfasst unter anderem den Hippocampus (die zentrale Schaltstation des limbischen Systems) und die Mandelkerne, die eine wichtige Rolle bei der emotionalen Bewertung und beim Wiedererkennen von Situationen spielen. Außerdem sind für Gedächtnisleistungen das Frontalhirn und die Langzeitgedächtnisspeicher in der linken Hirnhälfte (Wortspeicher) und in der rechten Hirnhälfte (Episodenspeicher) bedeutsam.

Exekutivfunktionen sind mentale Prozesse höherer Ordnung – zum Beispiel Aufmerksamkeitslenkung, kognitive Flexibilität, Antizipationsvermögen, sprachlogisches Denken oder das Planen, Initiieren, Sequenzieren und Kontrollieren von Handlungen. Solche Funktionen werden vorrangig durch das Frontalhirn gesteuert, das zu allen anderen Regionen des Gehirns Verbindungen hat, so dass es Verhalten effektiv beeinflussen kann. Störungen von Exekutivfunktionen treten deshalb nicht nur auf, wenn das Frontalhirn selbst geschädigt ist, sondern auch, wenn die Verbindungen zu anderen Gebieten unterbrochen werden (zum Beispiel zwischen Frontalhirn und Thalamus).

Formen Kognitiver DysphasienBearbeiten

Kognitive Dysphasien können einerseits hinsichtlich ihrer Ursache eingeteilt werden (bspw. in solche traumatischer, hypoxischer, demenzieller oder psychotischer Genese), andererseits anhand der dominierenden Symptomatik in Kognitive Dysphasien attentionaler, mnestischer und/oder dysexekutiver Genese.

  • Kognitive Dysphasien attentionaler Genese (infolge gestörter Aufmerksamkeitsleistungen): Störungen der Aufmerksamkeitsintensität (Wachheit) führen vor allem zur Verlangsamung der Informationsverarbeitung. Dies verringert die Geschwindigkeit der Sprachverarbeitung und führt zu verzögerten Antworten und einem verlangsamten Redefluss. Da Umweltveränderungen nicht mehr zeitgerecht wahrgenommen und verbale Reize nur noch oberflächlich verarbeitet werden können, kommt es zu Kohärenzbrüchen in den Äußerungen. Störungen der Aufmerksamkeitsselektion (Konzentration) beeinträchtigen vor allem das Ausfiltern irrelevanter verbaler Informationen. Dies führt bspw. in Gesprächssituationen zu Schwierigkeiten, sich von einem aktuellen Fokus zu lösen und auf einen neuen Fokus einzustellen (zum Beispiel auf ein neues Thema oder einen anderen Gesprächspartner). Zudem kann die Wahrnehmung von Sprache unter Geräuschbedingungen erschwert sein, so dass relevante Informationen aus konkurrierenden akustischen Reizen nicht mehr sicher herausgefiltert werden können.
  • Kognitive Dysphasien mnestischer Genese (infolge gestörter Gedächtnisleistungen): Zwischen Gedächtnis- und Sprachverarbeitungsprozessen besteht eine konstitutive Wechselwirkung, da ohne funktionierende Gedächtnissysteme keine sprachliche Strukturerzeugung möglich ist. Wichtig sind das Langzeitgedächtnis (semantisches und episodisches Wissen), prozedurale Gedächtnissysteme (syntaktische Verarbeitung) sowie verbale Arbeits- und Kurzzeitgedächtnisprozesse. Sprachverarbeitung ist ihrerseits für viele Gedächtnisfunktionen (zum Beispiel Enkodierprozesse) Voraussetzung, so dass bei Sprachsystemstörungen (Aphasien) der Neuerwerb von Wissen erschwert sein kann. Kognitive Dysphasien mnestischer Genese können einerseits das Langzeitgedächtnis betreffen, aber auch verbale Arbeitsgedächtnisprozesse. Schwere Altgedächtnisstörungen führen vor allem zu einer Verarmung des sprachlichen Ausdrucks, da meist erst die Erinnerung an bestimmte Episoden eine sprachliche Äußerung lebendig macht. Zudem kann es zu Konfabulationen kommen, d. h. spontanen Erfindungen des Patienten ohne bewusste Täuschungsabsicht, um solche Gedächtnislücken auszufüllen. Ist hingegen die Ein-speicherungsfunktion des Gedächtnisses beeinträchtigt (Neugedächtnisstörung), wird im Extremfall das im Gespräch Gesagte bereits nach kurzer Zeit vergessen. Die Folgen sind Sprachverständnisprobleme, die meist eingebettet sind in allgemeine Störungen der Orientierung zu Ort, Zeit und Situation.
  • Kognitive Dysphasien dysexekutiver Genese (infolge gestörter Exekutivfunktionen): Sprachverarbeitungsstörungen infolge gestörter Exekutivprozesse wirken sich auf das Planen, Starten, Stoppen und Kontrollieren von Sprachhandlungen aus. So können Störungen des Antriebs dazu führen, dass der Betroffene seine Sprachproduktion nicht starten kann (Hemmung). Eine fehlende Kontrolle kann bewirken, dass eine begonnene Sprachproduktion nicht mehr gestoppt werden kann (Enthemmung). Oft können auch Assoziationen nicht gestoppt werden, so dass es dem Betroffenen schwerfällt, sich auf das Wesentliche zu beschränken und er viel und häufig zusammenhanglos und tangential redet. Gestörte Kontrollprozesse führen auch dazu, dass Fehler (falsche Wortauswahl, am Thema vorbeireden usw.) nicht bemerkt und dementsprechend auch nicht korrigiert werden können. In schweren Fällen kann nur noch unverständlicher und konfuser „Wortsalat“ produziert werden.
  • Kognitive Dysphasien attentional-mnestisch-dysexekutiver Genese: Mischformen treten vor allem bei schweren Hirnschäden auf, bei denen sowohl Aufmerksamkeits-, Gedächtnis- als auch Exekutivprozesse beeinträchtigt sind. Dies kann der Fall sein nach ausgedehnten oder multiplen Schlaganfällen, nach länger anhaltendem Sauerstoffmangel des Gehirns oder nach schweren Schädel-Hirn-Traumata. Meist sind die Betroffenen in ihrer Orientierung gestört, zeigen schwere Alt- und Neugedächtnisstörungen und sind in ihrem Verhalten entweder stark ge- oder enthemmt. Die sprachlichen Äußerungen sind bei solch schweren Hirnschäden oft konfus, zusammenhanglos, konfabulatorisch und am Thema vorbei. Auch das Sprachverständnis ist häufig in Mitleidenschaft gezogen – zum einen, weil Sprachverarbeitungsprozesse verlangsamt sind, zum anderen, weil Gesprächsinhalte nicht lange genug im Arbeitsgedächtnis gespeichert werden können.

Diagnostik Kognitiver DysphasienBearbeiten

Für die Erfassung gestörter attentionaler, mnestischer und exekutiver Funktionen bei schweren bis mittelschweren Kognitiven Dysphasien steht ein Screening von Heidler (2006) zur Verfügung. Diese Aufmerksamkeits- und Gedächtnis-Diagnostik (AGD) prüft

  • Exekutivfunktionen anhand von Orientierung sowie formal-lexikalischer und semantischer Wortgenerierung,
  • Aufmerksamkeitsfunktionen durch Testung von verbaler und nonverbaler Informationsverarbeitungsgeschwindigkeit sowie Aufmerksamkeitsbelastung und
  • Gedächtnisfunktionen mit Hilfe visueller Rekognition von Objektabbildungen, geometrischen Figuren, Wörtern, Pseudowörtern sowie der verbalen Reproduktion eines narrativen Textes. Das Screening kann und soll eine differenzierte neuropsychologische Diagnostik jedoch nicht ersetzen.

Therapie Kognitiver DysphasienBearbeiten

Die Behandlung Kognitiver Dysphasien sollte vor allem durch Neuropsychologen erfolgen, die auf das Training gestörter Aufmerksamkeits-, Gedächtnis- und Exekutivfunktionen spezialisiert sind. Da es jedoch kaum niedergelassene Neuropsychologen gibt, müssen solche Leistungen im Rahmen der Sprachtherapie mit Hilfe einer speziell Kognitiv ausgerichteten Sprachtherapie (KAS) trainiert werden. Ziel der KAS nach Heidler (2006) ist die störungsspezifische Behandlung derjenigen kognitiven Funktionen, welche die Sprachverarbeitung des Patienten im Alltag am meisten beeinträchtigen. Priorität hat generell die Erzeugung eines ausreichenden Aktivitätsniveaus durch Training von Exekutivfunktionen, selektiver Aufmerksamkeit, Aufmerksamkeitsfokussierung und mentaler Umstellfähigkeit, da erst durch ausreichende Aufmerksamkeitsfunktionen sprachverarbeitungsrelevante Hirnareale gezielt aktiviert werden können. Eine KAS sollte möglichst störungsspezifisch sein, da das Lernvermögen von Patienten mit schweren Hirnschädigungen limitiert ist.

LiteraturBearbeiten

  • H. Ackermann, D. Wildgruber: Der Beitrag des Stirnhirns zur Sprachproduktion. In: Neurolinguistik. 1997, 11 (2), S. 77–119.
  • R. Drechsler: Sprachstörungen nach Schädelhirntrauma. Diskursanalytische Untersuchungen aus textlinguistischer und neuropsychologischer Sicht. Gunter Narr Verlag, Tübingen 1997.
  • M.-D. Heidler: Kognitive Dysphasien. Differenzialdiagnostik aphasischer und nichtaphasischer zentraler Sprachstörungen sowie therapeutische Konsequenzen. Peter Lang, Frankfurt am Main u. a. 2006.
  • M.-D. Heidler: „Kognitive Dysphasien“ – Klassifikation, Diagnostik und Therapie nichtaphasischer zentraler Sprachstörungen. In: Forum Logopädie. 2007, 1 (21), S. 20–27.
  • M.-D. Heidler: Aufmerksamkeit und Sprachverarbeitung. In: Sprache – Stimme – Gehör. 2008, 32, S. 74–85.
  • M.-D. Heidler: Einteilung, Diagnostik und Therapie von Kognitiven Dysphasien. In: Die Sprachheilarbeit. 2008, 53 (6), S. 334–341.
  • B. Schneider: Kognitive Dysphasie und Angst : linguistische Untersuchungen bei Patienten mit Epilepsie und Angsterkrankung. (online)
  • L. S. Turkstra, C. Coelho, M. Ylvisaker: Use of standardized tests for individuals with cognitive-communication disorders. In: Seminars in Speech and Language. 2005, 26 (4), S. 215–222.