Die pestkranken Tiere

Fabel von de La Fontaine

Die pestkranken Tiere (französisch Les Animaux malades de la Peste) ist die erste Fabel aus dem siebten Buch der Sammlung Fables Choisies, Mises En Vers des französischen Dichters Jean de La Fontaine, die er 1678 veröffentlichte.[1]

Les Animaux malades de la peste

InhaltBearbeiten

Die Fabel berichtet, wie einst fast alle Tiere von einer Pestepidemie dahingerafft wurden und der König der Tiere, der Löwe, dies als Strafe der Götter ansah, die gesühnt werden sollte. Der Löwe beschloss, dass jedes der Tiere seine Sünden bekennen müsse und dasjenige Tier mit den größten Sünden geopfert werden sollte. Er verlangte von seinen Untertanen absolute Aufrichtigkeit, während sie ihre Verbrechen gestehen. Der Löwe begann als Erster und beichtete, dass er unschuldige Schafe und gar den Hirten getötet hatte, ohne dass diese ihm jemals etwas Böses getan hatten. Dann war der Fuchs an der Reihe, der dem Löwen sein Schuldgefühl ausredete, indem er die Schafe als gemeines Pack hinstellte, die nichts Besseres als den Tod verdient hätten. Die anderen Tiere folgten dem Beispiel des Fuchses und ließen sich kein Unrecht nachsagen. Nur der Esel beichtete, dass er verbotenerweise Gras am Wegesrand abgefressen hatte. Der Wolf hielt daraufhin eine Schmährede über den Esel, stellte fest, dass sein abscheuliches Verbrechen ("crime abominable") durch nichts anderes als die Todesstrafe gesühnt werden könne, und machte ihn somit zum Sündenbock. Die Tiere verurteilten den Esel dann zum Tode, da er als Einziger sich schuldig bekannt hatte. Die Fabel endet mit der Moral: Je nachdem, ob Sie mächtig oder gering sind - die Gerichtsurteile werden Sie weiß oder schwarz machen.

AnalyseBearbeiten

La Fontaine zeigt mit dem Umschwenken zwischen zwei Arten des Diskurses die Unberechenbarkeit des Souveräns, denn schließlich bestätigt die Macht des Löwen über seine Untertanen, dass er es ist, der offiziell beide Arten sanktioniert; er ist es, der die Regeln beider ausarbeitet, und er ist es, der diese Regeln nach Belieben ändert. Aus diesem Grund ist es oft schwierig zu erkennen, was innerhalb eines höfischen Milieus eine angemessene Rede sein kann oder nicht.[2]

In den ersten Versen vermeidet der Erzähler den Namen der Pest. Durch die anaphorische Wiederholung des Wortes „mal“ (schlecht) sowie den Reim „terreur / fureur“ (Terror / Wut) wird der Schrecken gesteigert, den die Pest verbreitet. Die so erzeugte Spannung entlädt sich im Wort „La Peste“, das auf diese Weise seinerseits mit besonderem Schrecken erfüllt wird. La Fontaine setzt den Halbsatz „puisqu’il faut l’appeler par son nom“ ("Da man es beim Namen nennen muss") in Klammern, um die Überwindung anzudeuten, die es kostet, den Namen der Pest laut auszusprechen. Es folgen Bilder, Metaphern und Allegorien, welche die Folgen der Epidemie vor Augen führen: das Bild des sich in nur einem Tag füllenden griechischen Totenflusses Acheron, die Metaphorik des Krieges sowie die Allegorie der vor einander fliehenden Turteltauben als Sinnbild für den Verlust von Liebe, Nähe und Freude (siehe La Fontaines Fabel Die beiden Tauben). So verbindet er innerhalb weniger Verse drei literarische Verfahren – Umschreibung, pointierte Benennung sowie bildhafte Darstellung – das Grauen der Pest und deren tiefgreifenden gesellschaftlichen Konsequenzen.[3]

QuellenBearbeiten

Im Gegensatz zu seinen meisten andern Fabeln, für die La Fontaine sonst antike Fabeln als Quellen nutzte, kann für die Geschichte von den pestkranken Tieren keine direkte Quelle in der Antike gefunden werden. Als Inspiration haben ihm entweder „Les apologues d ' Esope“ (Äsops Apologe, 1547) von Guillaume Haudent oder die Emblèmes (1550) von Guillaume Guéroult gedient.[4][5] Versionen der Fabel kursieren seit dem Mittelalter, womit Prediger die Missbräuche des Beichtstuhls anprangerten, nicht jedoch die schmeichlerischen Berater des Monarchen.[5]

Die meisten Parallelen weist La Fontaines Fabelversion mit Guéroults „Fable moralle du Lion, du Loup & de L'asne“ auf. Bei Haudent fehlt die Prägnanz, die La Fontaine und in geringerem Maße auch Guéroult in die Geschichte einbringen. Darüber hinaus ist Haudents Version stark von religiöser Terminologie geprägt (die Tiere tun Buße und beten Pater Nosters), was in Guéroults und La Fontaines Versionen fehlt.

Der vom König der Tiere am meisten Geschundene ist der Esel. Er gibt bei Guéroult zu, zwei oder drei Stoppeln von den Strohschuhen seines Herren abgefressen zu haben („deux ou trois brins d'estrain“). Die beiden Höflinge (Wolf und Fuchs) sind daraufhin so entsetzt über die Vorstellung, dass ihr Herr (der Löwe) an kalten Füßen hätten sterben können, dass sie zur Strafe den Esel verschlingen. Nur in Guéroults Fabel sind drei Elemente enthalten, die auch bei La Fontaine vorhanden sind: das inszenierte Scheingericht, bevor der Esel bestraft wird, sowie das Geständnis des Löwen einen Hirten und seine Schafe gefressen zu haben. Auch Guéroults Titel des Emblems „Les riches sont supportés & les povres oppressés“ (Die Reichen werden unterstützt und die Armen unterdrückt) drückt das gleiche aus wie La Fontaines Moral von "Schwarz und Weiß", wenn auch als Gemeinplatz. La Fontaine fügte seiner Fabelversion ein Element religiöser Satire hinzu, indem er im "biblischen Stil" die bedrohliche Pest als Motiv für das Bekenntnis der Sünden aussuchte. Inhaltlich sind Guéroults und La Fontaines Versionen gleich, doch La Fontaine verstand es mit nur halb sovielen Zeilen wie Guéroult, die Länge seiner Verse dem Tempo und der Stimmung der beschriebenen Ereignisse anzupassen.[4]

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. Sammlung Brandes / La Fontaine, Jean de: Fables Choisies : Mises En Vers : / Par J. De La Fontaine. Leiden. Leiden : Luzac, 1764. Abgerufen am 20. Dezember 2019.
  2. Anne Lynn Birberick: Reading Undercover: Audience and Authority in Jean de La Fontaine. Bucknell University Press, 1999, ISBN 978-0-8387-5388-0, S. 119–122.
  3. Pia Claudia Doering: Das Übel beim Namen nennen: Literarisches Sprechen über die Pest in La Fontaines Fabel „Les animaux malades de la peste“. In: Universität Münster. Abgerufen am 12. August 2021.
  4. a b Laurence Grove: Emblematics and Seventeenth-century French Literature: Descartes, Tristan, La Fontaine, and Perrault. Rookwood Press, 2000, ISBN 978-1-886365-19-3, S. 115 ff.
  5. a b Jean de La Fontaine: Selected Fables. OUP Oxford, 2014, ISBN 978-0-19-150787-8, S. 211.