Deutsches Goldschmiedehaus

Museum in Deutschland

Das Deutsche Goldschmiedehaus (ehemals Altstädter Rathaus) ist das ehemalige Rathaus der Altstadt Hanau, das seit dem Anfang des 20. Jahrhunderts museal genutzt wird. Leiterin ist seit 2006 die promovierte Schmuckhistorikerin Christianne Weber-Stöber.[1]

Altstädter Rathaus (2009)

Historischer Baubestand als Altstädter Rathaus Bearbeiten

 
Elle am Erdgeschoss des früheren Altstädter Rathauses.
 
Eines der Sandsteinreliefs an der Fassade zeigt einen Affen mit Spiegel, ein beliebtes mittelalterliches Motiv für blinde Eigenliebe.
 
Gerechtigkeitsbrunnen auf dem Altstädter Markt vor dem Goldschmiedehaus.

Das Deutsche Goldschmiedehaus wurde als Fachwerkbau an der Längsseite des Altstädter Marktes zwischen zwei steinernen Giebelwänden und auf einem steinernen Sockelgeschoss errichtet. Es entstammt der Spätgotik und Frührenaissance und wird durch eine Bauinschrift auf das Jahr 1538 datiert. Sein funktionaler Vorgängerbau als Rathaus aus dem 15. Jahrhundert stand an der gegenüberliegenden Seite des Marktplatzes (sogenanntes Spielhaus). Eine Gedenktafel am Haus „Altstädter Markt 1“ erinnert daran. Als Baumeister ist Konrad Speck bekannt, sowie die Steinmetzen Hans von Gießen, Peter von Aschaffenburg und Hans von Lich.

Die zweiläufige Freitreppe am Deutschen Goldschmiedehaus wurde nach einem Entwurf von Christian Ludwig Hermann aus dem Jahr 1742 angefügt. Zahlreiche in der Fassade eingelassene Sandstein-Reliefsteine aus dem 14. bis 16. Jahrhundert zeigen Anspielungen auf Narrheit und Eigenliebe sowie Darstellungen von Fabelwesen oder des klugen Bürgertums – ein noch dem Mittelalter verpflichtetes Bildprogramm. Ursprünglich enthielt das Erdgeschoss laubenartige Verkaufshallen, der erste Stock den Ratssaal, Stube und Diele und das Obergeschoss eine Lagerhalle. In der Fassade als Eisenstab eingelassen ist eine Hanauer Elle, die für den Markt zum Einsatz kam.

Gerechtigkeitsbrunnen Bearbeiten

Der Sandstein-Brunnen vor dem Rathaus ist ein bedeutendes Werk renaissancezeitlicher Steinmetzkunst. Er wurde 1607/1608 vom Rat der Altstadt Hanau in Auftrag gegeben und von dem Büdinger Bildhauer Johannes Rab geschaffen. Der Brunnen wird bekrönt von Justitia mit Waage und Schwert. Die beiden Löwen links und rechts halten Wappenschilde mit den Wappen der Altstadt Hanau und den Grafen von Hanau-Münzenberg. Der Brunnenaufbau war ursprünglich farblich gestaltet.[2]

Spätere Nutzung Bearbeiten

1821 zog die Stadtverwaltung aus und in ein Haus in der Bangertstraße 2 um.[3] Nachdem im dritten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts die Stadtverwaltungen der Altstadt und der Neustadt Hanau zusammengelegt wurden, war ein eigenes Rathaus für die Altstadt überflüssig. Sie befand sich jetzt insgesamt im Neustädter Rathaus. Das Rathausgebäude am Altstädter Markt wurde vorübergehend als Sitz des Landgerichts Hanau und danach von unterschiedlichen Schulen genutzt. Von 1902 bis zum Zweiten Weltkrieg diente es als Museum des Hanauer Geschichtsvereins. In einem ehemals vorhandenen kleinen Hof befand sich ein Lapidarium.

Bei den Luftangriffen auf Hanau im März 1945 brannte das Gebäude bis auf die Grundmauern und die beiden Giebelwände nieder.

Nutzung seit 1942 bis heute Bearbeiten

Hanau bezeichnet sich auch als Stadt des edlen Schmuckes. Die Stadt weist eine bis zum Anfang des 17. Jahrhunderts zurückreichende Tradition des Goldschmiede-Handwerks auf und ist mit der Staatlichen Zeichenakademie Sitz einer führenden Einrichtung zur Ausbildung von Goldschmieden und ebenso Sitz der Deutschen Gesellschaft für Goldschmiedekunst e.V. In einer engen Kooperation zwischen diesen Einrichtungen und durch gute Verbindungen zu Adolf Hitler und wichtigen Funktionären der NSDAP[4][5] wurde noch während des Zweiten Weltkrieges am 18. Oktober 1942 das Deutsche Goldschmiedehaus gegründet und erhielt seinen Sitz in dem Gebäude, wozu das damals dort befindliche Museum des Hanauer Geschichtsvereins in das Stadtschloss verlagert wurde. Heute werden im Deutschen Goldschmiedehaus Wechselausstellungen, insbesondere Präsentationen von Schmuck, gezeigt.

Die Goldschmiedin Ebbe Weiss-Weingart überließ der Stadt Hanau für das Deutsche Goldschmiedehaus 250 Schmuckstücke aus den Jahren 1947 bis 1998, als wesentlichen Beitrag der 1960 begonnenen Sammlung, die heute mit weit über 1200 Schmuckstücken und Tafelgerät einen repräsentativem Überblick zur nationalen und internationalen Szene nach 1945 gibt. Die Teile wurden in der Ausstellung vom 25. Februar 2018, bis 3. Juni 2018 Ebbe Weiss-Weingart – 70 Jahre Schmuck präsentiert.[6] Ebbe Weiss-Weingart war an vielen Ausstellungen in bekannten in- und ausländischen Museen beteiligt, u. a. in Helsinki, Paris, Tokyo und den USA.[7]

Bauliche Änderungen ab 1955 Bearbeiten

Das heute zu sehende Fachwerk ist eine Rekonstruktion aus den 1950er Jahren. Ein neues Treppenhaus wurde damals an die Rückseite angefügt. Entsprechend seiner Nutzung als Ausstellungsraum wurde beim Wiederaufbau auf die ursprüngliche Raumeinteilung verzichtet. In den letzten Jahren wurde an die Rückseite ein moderner Anbau für einen behindertengerechten Zugang und moderne Sanitäranlagen zugefügt. An der Südseite erinnert eine Tafel an den Hanauer Chronisten und Musiklehrer Johann Daniel Wilhelm Ziegler (1809–1878). 2004 fand an der Rückseite des Gebäudes, in dessen ehemaligem Hof, eine umfangreiche archäologische Ausgrabung statt, deren Auswertung seit 2021 auch vorliegt.[8]

Literatur Bearbeiten

  • Magnus Backes: Hessen. Handbuch der deutschen Kunstdenkmäler („Dehio“). 2. Aufl. 1982, ISBN 3-422-00380-0.
  • Michael Bermejo und Andrea H. Schneider-Braunberger: Das Goldene Netzwerk. Die Deutsche Gesellschaft für Goldschmiedekunst in der Zeit des Nationalsozialismus. Societäts Verlag, Frankfurt 2019, ISBN 978-3-95542-361-2.
  • Georg Ulrich Großmann: Mittel- und Südhessen: Lahntal, Taunus, Rheingau, Wetterau, Frankfurt und Maintal, Kinzig, Vogelsberg, Rhön, Bergstrasse und Odenwald. DuMont, Köln 1995, ISBN 3-7701-2957-1 (= DuMont Kunst-Reiseführer), S. 215.
  • Michael Hierholzer: Deutsches Goldschmiedehaus – Goldene und silberne Avantgarde im Fachwerkhaus. In: Hendrik Markgraf (Hrsg.): Museumslandschaft Rhein-Main. Societäts-Verlag, Frankfurt am Main 1991, ISBN 3-7973-0490-0, S. 61–63.
  • Christine Jung: Deutsches Goldschmiedehaus Hanau. Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Magistrat der Brüder-Grimm-Stadt Hanau. Fachbereich Kultur, Stadtidentität und Internationale Beziehungen (Hrsg.), 2017, ISBN 978-3-926011-55-8.
  • Peter Jüngling: Ein kurzer Blick in Hanaus Vergangenheit – Ausgrabung im Herzen der Altstadt. Archäologische Forschung am Goldschmiedehaus in Hanau. Selbstverlag des Hanauer Geschichtsvereins 1844 e. V., Hanau 2021, ISBN 978-3-935395-37-3, S. 29–41.
  • Kulturamt der Stadt Hanau (Hrsg.): Museen der Stadt Hanau. Deutsches Goldschmiedehaus. Hanau o. J. (ca. 1980)
  • Carolin Krumm: Kulturdenkmäler in Hessen – Stadt Hanau. Hrsg.: Landesamt für Denkmalpflege Hessen. Theiss, Wiesbaden 2006. ISBN 3-8062-2054-9, S. 141
  • Magistrat der Stadt Hanau (Hrsg.): Deutsches Goldschmiedehaus Hanau. Hanau 1982:
    • Karl Dielmann: Vom Altstädter Rathaus zum Deutschen Goldschmiedehaus.
    • Karlheinz Hoppe: Das Deutsche Goldschmiedehaus heute – Institution, Mittelpunkt und Schaufenster.
  • Günter Rauch: Das Deutsche Goldschmiedehaus in Hanau: Vergangenheit und Gegenwart. Magistrat der Stadt Hanau, 1992.

Weblinks Bearbeiten

Commons: Deutsches Goldschmiedehaus (Hanau) – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise Bearbeiten

  1. Homepage Gesellschaft für Goldschmiedekunst e.V. vom 21. Juli 2014: 25 Jahre Tätigkeit im Deutschen Goldschmiedehaus Hanau, abgerufen am 27. Juli 2019
  2. Vgl. dazu: Jüngling, S. 42f.
  3. Jüngling, S. 39.
  4. Michael Bermejo, Andrea H. Schneider-Braunberger: Das Goldene Netzwerk. Die Deutsche Gesellschaft für Goldschmiedekunst in der Zeit des Nationalsozialismus. Societäts Verlag, Frankfurt 2019, ISBN 978-3-95542-361-2, S. 37–52.
  5. Buch-Rezension des an der Heinrich Heine-Universität Düsseldorf tätigen Michael C. Schneider in der Zeitschrift für Unternehmensgeschichte: Michael Bermejo/Andrea H. Schneider-Braunberger, Das goldene Netzwerk. Die Deutsche Gesellschaft für Goldschmiedekunst in der Zeit des Nationalsozialismus, abgerufen am 29. Januar 2024
  6. Gesellschaft für Goldschmiedekunst: Deutsches Goldschmiedehaus Hanau – Sammlungen. Abgerufen am 30. März 2018.
  7. Highlights aus der Sammlung Ebbe Weiss-Weingart, aufgerufen am 30. März 2018
  8. Jüngling, S. 68–214.

Koordinaten: 50° 8′ 12″ N, 8° 55′ 4″ O