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Der Winter ist vergangen ist der Titel eines bekannten deutschen Volksliedes, das ursprünglich aus den Niederlanden stammt.[1]

Inhaltsverzeichnis

HerkunftBearbeiten

Der früheste Nachweis des Liedes findet sich „erstmals in einer Liederhandschrift aus dem Jahr 1537 […] aus dem Gelderland“.[1] Der Verfasser des Liedtextes ist unbekannt geblieben. In der Partitur Das kleine Volksliederbuch wird die Entstehung des Textes mit um das Jahr 1450 angegeben.[2] Nachdem Hoffmann von Fallersleben Die winter is verganghen in der Mitte des 19. Jahrhunderts entdeckte,[3] wurde es von Franz Magnus Böhme 1877 ins Deutsche übersetzt.[4] Gemäß dem Deutschen Liederhort stammt die Melodie aus dem Lautenbuch von Adriaen Jorisz Smout (Thysius luitboek um 1600).[5][6]

LiedtextBearbeiten

Der Winter ist vergangen

1.
Der Winter ist vergangen,
ich seh des Maien Schein,
ich seh die Blümlein prangen,
des ist mein Herz erfreut.
So fern in jenem Tale,
da ist gar lustig sein,
da singt die Nachtigale
und manch Waldvögelein.

2.
Ich geh, ein Mai zu hauen,
hin durch das grüne Gras,
schenk meinem Buhl die Treue,
die mir die liebste was.
Und bitt, daß sie mag kommen,
all vor dem Fenster stahn,
empfangen den Mai mit Blumen,
er ist gar wohl getan.

3.
Und als die Säuberliche
Sein Rede hätt gehört,
Da stand sie traurigliche,
Indes sprach sie die Wort: [7]
„Ich hab den Mai empfangen
mit großer Würdigkeit!“
Er küßt sie an die Wangen,
war das nicht Ehrbarkeit?

4.
Er nahm sie sonder Trauern
in seine Arme blank,
der Wächter auf der Mauern
hub an ein Lied und sang:
„Ist jemand noch darinnen,
der mag bald heimwärts gahn.
Ich seh den Tag herdringen
schon durch die Wolken klar.“

5.
„Ach Wächter auf der Mauern,
wie quälst du mich so hart!
Ich lieg in schweren Trauern,
mein Herze leidet Schmerz.
Das macht die Allerliebste,
von der ich scheiden muß;
das klag ich Gott dem Herren,
daß ich sie lassen muß“.

6.
Ade, mein Allerliebste,
ade, schöns Blümlein fein,
ade, schön Rosenblume,
es muß geschieden sein!
Bis daß ich wieder komme,
bleibst du die Liebste mein;
das Herz in meinem Leibe
gehört ja allzeit dein.[8][4]

Die winter is verganghen

1.
Die winter is verganghen,
ic sie des meien schijn,
ic sie die bloemkens hanghen,
des is mijn hart verblijt.
so ver aen ghenen dale
daer ist ghenoechlic sijn,
daer singhet die nachtegale,
also menich woudvogkelkijn.

2.
Ic wil den mei gaen houwen
al in dat groene gras
ende schenken mijn boel die trouwe
die mi die lieveste was,
ende bidden dat si wil comen
al voor haer vensterken staen
ende ontfanghen den mei met bloemen,
hi is so wel ghedaen.

3.
En doe die suiverlike
sijn reden hadde ghehoort,
doe stont si trurentlike,
met des sprac si een woort:
‚ic heb den mei ontfanghen‘
met groter eerwaerdicheit.
hi cust si aen haer wanghen :
was dat niet eerbaerheit?

4.
Hi nam sie sonder truren
al in sijn aermkens blanc.
sie wachter op der muren
die hief op een liet ende sanc:
‚en is daer iemand inne,
die mach wel thuiswaert gaen.
ic sie den dach op dringhen
al door die wolken claer.‘

5.
‚Och wachter op der muren
hoe quelstu mi so hart!
ic ligge in swaren truren,
mijn herte dat lidet smert.
dat doet die alreliefste
dat ic van haer scheiden moet,
dat claghic god den heren
dat ic si laten moet.‘

6.
Adieu mijn alreliefste
adieu schoon bloemken fijn,
adieu schoon rosebloeme!
daer moet ghescheiden sijn,
hent dat ic weder come
die liefste soudt ghi sijn,
dat herte in minen live
dat hoort jo altijt dijn.[3][4]

Die winter is vergangen

1.
Die winter is vergangen
Ik zie des meien schijn
Ik zie die bloemkens hangen
Des is mijn hart verblijd
Zo ver aan genen dale
Daar is ’t genoeglijk zijn
Daar zinget die nachtegale
Also menig woudvogelkein.

2.
Ik wil den mei gaen houwen
Al in dat groene gras
Ende schenken mijn lief die trouwe
Die mij die lieveste was
Ende bidden, dat zij wil komen
Al voor haar vensterken staan
Ende ontvangen den mei met bloemen
Hij is so welgedaan.

3.
En toen die allerliefste
Zijn woorden had gehoord
Toen stond zij treuriglijke
En sprak tot hem dit woord
Ik heb die mei ontvangen
Met groter waardigheid
Hij kust haar aan haar wangen
Met groter eerbaarheid.

4.
Hij nam haar zonder treuren
Al in zijn armkens blank
Die wachter op de muren
Hief op zijn lied en zank
En is daar iemand binnen
Die mag wel thuiswaart gaan
Ik zie de dag opdringen
Al door die wolken klaar.

5.
Och wachter op die muren
Hoe kwelt ge mij zo hard
Ik lig in zware treuren
Mijn hart dat lijdet smart
Dat doet die allerliefste
Dat ik van haar scheiden moet
Dat klaag ik God den Here
Dat ik haar laten moet.

6.
Adieu, mijn allerliefste
Adieu, schoon bloemken fijn
Adieu, schoon rozebloeme
Daar moet gescheiden zijn!
Tot dat ik wederkome
Die liefste zoudt gij zijn
Dat herte in mijnen lijve
Dat hoort ja altijd dijn.[9]

Der Text beginnt als Frühlingslied: die Blümlein prangen, die Vögel singen, und der Mai ist nah. Der Sänger holt eine junge Birke („ein Mai zu hauen“)[10] und stellt sie – wie damals üblich – vor das Fenster seiner Liebsten („Buhl“), die ihn daraufhin erhört und sich keusch auf die Wangen küssen lässt. Der junge Mann jedoch muss fort (der Grund wird nicht genannt), und der Torwächter warnt, dass die Tore gleich geschlossen werden. Voller „Herzeleid“ muss der Sänger Abschied nehmen; er ist voller Zuversicht, dass die Liebste ihm treu bleiben wird („bleibst du die Liebste mein“) und versichert ihr seine ewige Liebe („das Herz in meinem Leibe gehört ja allzeit dein“). So endet der Text als Liebeslied und als Abschiedslied.

Betrachtet man den ideologiefreien Text, ist es nicht verwunderlich, dass das Volkslied in allen Kreisen und zu allen Zeiten gesungen wurde und wird – seien sie volkstümelnd oder nazistisch, jugendbewegt, kirchennah oder anderer Provenienz bzw. vor dem Ersten Weltkrieg und danach, zur Zeit des Nazi-Regimes und nach dem Zweiten Weltkrieg in der DDR oder der BRD. Sogar in Italien wird es als L’inverno è passato, l’aprile non c’è più gesungen, und in England ist es als The night of winter’s over, the light of spring is here bekannt.

RezeptionBearbeiten

Sicherlich kann man die Popularität eines Liedes nicht an allein an den Veröffentlichungen in Liederbüchern und Tonträgern (einschließlich Partituren) festmachen, aber sie können doch gewisse Aufschlüsse über seine Rezeption geben, wenngleich damit keine Aussage über die Häufigkeit des Singens oder Anhörens getroffen werden kann.

1908 bis 1933Bearbeiten

Nach den ersten Veröffentlichungen im 20. Jahrhundert im Zupfgeigenhansl (1908)[1] und in Fahrender Gesellen Liederborn (1910)[2] ist das Lied auch in Schulbüchern zu finden, so im Liederbuch, 2. Teil, Mittelstufe (3. Auflage 1912) und in Der Maibaum – neues deutsches Schulsingbuch (1927). In der Jugendbewegung taucht es nach dem Ersten Weltkrieg zahlreich auf: von Wandervogels Singebuch (1915) und dem Jungvolker – Lieder neudeutscher Jugend (1921) bis hin zu Lieder der bündischen Jugend (1929). Darüber hinaus wurde es ins Liederbuch der Gewerkschaft der Angestellten Seit an Seit (1923) und vom rechtskonservativen Stahlhelm in das Stahlhelm Bundesliederbuch (4. Band 1924) aufgenommen. Bereits vor 1933 übernahmen völkische Kreise das Lied in ihre Liederbücher, beispielsweise in das Liederbuch der Deutschen (Hrsg. Ludendorffs Volkswarte Verlag 1931).[2]

1933 bis 1945Bearbeiten

Nach 1933 erlebte – betrachtet man die Veröffentlichung in zahlreichen Liederbüchern – das Lied geradezu einen Boom. Von der Hitlerjugend (Uns geht die Sonne nicht unter, 1934) über die NS-Gemeinschaft Kraft durch Freude (Werkleute singen, 1936) oder die Deutsche Arbeitsfront bis zum Bund Deutscher Mädel (Wir Mädel singen, 1937) und zum Reichsarbeitsdienst (Lieder der Arbeitsmaiden, 1938) – überall wurde Der Winter ist vergangen gesungen. Auch in vielen Schulbüchern mochte es das NS-Regime nicht missen: sowohl in der Volksschule (z. B. im Thüringer Volksliederbuch 2. Teil. 1934) als auch an höheren Schulen (z. B. in Frisch gesungen, Band 3 – Chorbuch für die höheren Lehranstalten der weiblichen Jugend. 1936) und allgemein als Schulbuch für die deutsche Jugend Sing Kamerad (Hrsg. Zentralverband der NSDAP, 1937). Noch 1944 wurde das Lied in das vom Oberkommando des Heeres herausgegebene Chorbuch für Front und Heimat Kameradschaft im Lied aufgenommen. Auffällig bei den von den Nazis edierten Liederbüchern ist, dass bei der Mehrzahl der niederländische Ursprung verschwiegen wird; man „war bestrebt, diesem Lied eine deutsche Abkunft zu bescheinigen“.[1]

Ab 1946Bearbeiten

In den ersten nach dem Zweiten Weltkrieg erschienenen Liederbüchern war Der Winter ist vergangen ebenfalls vertreten, so 1946 in: Wir Falken singen und Wo wir uns finden. Auch in der DDR wurde es 1951 in Reicht euch die Hände – Liederbuch des Friedens übernommen und – obwohl unpolitisch – sogar in das FDJ-Liederbuch Leben Singen Kämpfen (1964) und später auch in das Volks- und Zeitliederbuch: Wohlan die Zeit ist kommen. Im „Großen Steinitz“ dagegen wurde es nicht aufgenommen. Wie beliebt das Frühlingslied war und ist, zeigt die Übernahme auf zahlreiche Langspielplatten und CDs, von denen die Alben der Büchergilde Gutenberg Freche Lieder – liebe Lieder (Folge 1, 1987), von Das Beste aus Reader Digest Die schönsten Volkslieder (1989) sowie von Nena – mit abgewandeltem Text – Unser Apfelhaus (1995) und vor allem von Hannes Wader Volkssänger (1975) und Der Volkssänger (Disc 2, 2004) hohe Auflagen erreicht haben.

Von den nach 1946 zahlreich erschienenen Liederbüchern (allein die umfangreiche Sammlung des kanadischen Sammlers Hubertus Schelling weist über 350 Liederbücher mit dem Frühlingslied auf)[2] werden hier nur einige genannt, so die 1953 erschienene Mundorgel mit einer bis Ende 2012 verkauften Textauflage von zehn Millionen (Notenauflage vier Millionen) und das wohl umfangreichste deutschsprachige Liederbuch Deutschland im Volkslied – 714 Lieder aus deutschsprachigen Landschaften und Europa (1958) sowie vermutlich die schönste, von Tomi Ungerer illustrierte, Edition Das große deutsche Liederbuch – 204 deutsche Volkslieder und Kinderlieder (1975). Wie gern Der Winter ist vergangen heutzutage noch gesungen wird, zeigen auch die beachtliche Anzahl von Partituren, von denen das Deutsche Musikarchiv 17 allein in den vergangenen fünf Jahren gesammelt hat.

LiteraturBearbeiten

WeblinksBearbeiten

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. a b c d Frauke Schmitz-Gropengiesser, Eckhard John: Der Winter ist vergangen (2009). In: Populäre und traditionelle Lieder. Historisch-kritisches Liederlexikon des Deutschen Volksliedarchivs
  2. a b c d Der Winter ist vergangen auf deutscheslied.com
  3. a b August Heinrich Hoffmann von Fallersleben: Niederländische Volkslieder, gesammelt und erläutert von Hoffmann von Fallersleben. Zweite Ausgabe. Carl Rümpler, Hannover 1856. S. 151, Nr. 63 (Digitalisat in der Google-Buchsuche).
  4. a b c Franz Magnus Böhme: Altdeutsches Liederbuch: Volkslieder der Deutschen nach Wort und Weise aus dem 12. bis zum 17. Jahrhundert. Breitkopf und Härtel, Leipzig 1877. S. 212 ff., Nr. 114 (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
  5. Ludwig Erk, Franz Magnus Böhme: Deutscher Liederhort. Band 2. Breitkopf & Härtel, Wiesbaden 1894, S. 204 f. (Digitalisat).
  6. Der Winter ist vergangen (Memento des Originals vom 13. April 2014 im Internet Archive)   Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/www.gemeinfreie-lieder.de auf gemeinfreie-lieder.de Gemäß De vrije encyclopedie ist der Name Adriaan Joriszoon Smout (1580 bis 1646), der das Luitboek van Thysius herausgebracht hat.
  7. So bei Hoffmann von Fallersleben (1856). Im Volksliederarchiv heißt es abweichend und näher am modernen niederländischen Text: „Und als die Allerliebste / sein Reden hatt’ gehört / da stand sie Traurigliche / und sprach zu ihm ein Wort“.
  8. Hans Breuer (Hrsg.): Der Zupfgeigenhansl. 10. Auflage. Friedrich Hofmeister, Leipzig 1913, S. 121 f. (Digitalisat).
  9. Niederländische Originalfassung in modernisierter Rechtschreibung und Grammatik nach http://www.liedjeskist.nl/liedjes_a-z/d-liedjes/die_winter_is_vergangen.htm
  10. Der Winter ist vergangen auf ingeb.org