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Der Pojaz ist der letzte Roman des Schriftstellers und Publizisten Karl Emil Franzos (des Wiederentdeckers von Georg Büchner). Er wurde etwa 1893 beendet und erschien zunächst in Fortsetzungen im Berliner Tageblatt.[1][2] Franzos' Witwe gab den Roman 1905 postum heraus. Es handelt sich um einen Entwicklungsroman, in dem ein galizischer Junge Schauspieler werden möchte.

InhaltBearbeiten

Satirisch wird die Entwicklung eines intelligenten, verträumten und spottlustigen Jungen namens Sender Glatteis beschrieben. Senders Eltern sterben kurz nach seiner Geburt (sein Vater war ein Schnorrer). Deshalb wächst Sender bei Rosel Kurländer in einem fiktiven galizischen Dorf namens Barnow auf, ohne zu wissen, dass sie nicht seine Mutter ist. Sender hat offenbar die Begabung, Geschichten zu erzählen und Menschen nachzuahmen, von seinem Vater geerbt. Er erhält im Dorf deswegen den Spitznamen „Pojaz“ (von „Bajazzo“).

Sender sperrt sich gegen ostjüdische Ausbildung und Traditionen. Er will Schauspieler werden, wozu er notwendigerweise Deutsch lernen müsste. Die nötigen Sprachkenntnisse eignet er sich auf verschiedenen Wegen an (von einem strafversetzten k.k. Soldaten, einem Mönch in einem Kloster, bei der Arbeit beim Schreiber des Dorfes), obwohl es gesellschaftlich verpönt ist, die deutsche Bildungssprache zu beherrschen (weil die Rabbiner Deutsch – und die dahinterstehende moderne Alltagskultur der Metropolen und der entwickelteren Gegenden Österreich-Ungarns – als eine Gefahr für den orthodoxen Glauben betrachten).

Sender lernt schließlich Adolf Nadler kennen, einen Theaterdirektor, der – nachdem er Senders außerordentliche schauspielerische Begabung erkannt hat – ihn nicht nur mit Literatur versorgt (besonders erwähnt werden im Roman Schillers Die Räuber und Lessings Nathan der Weise), sondern ihn auch einlädt, sich an seinem Theater zu beteiligen. Sender braucht aus gesundheitlichen Gründen keinen Wehrdienst zu leisten. Er verlässt das Dorf, weil ein Heiratsvermittler für ihn nach vielen (von Sender vereitelten) Versuchen doch noch eine Verlobte gefunden hat. Er schneidet seine Haare und legt die traditionellen Kleider ab, er wird zu einem „Deutsch“, einem Westjuden. Eine Rückkehr ins Dorf scheint nicht mehr möglich; doch als Sender durch einen Sturm aufgehalten wird, kehrt er krank ins Dorf zurück. Er stirbt dort nach der glücklichen Wendung aller Konflikte.

AusgabenBearbeiten

LiteraturBearbeiten

  • Günther A. Höfler: Psychoanalyse und Entwicklungsroman. Karl Emil Franzos „Der Pojaz“, München, Südostdeutsches Kulturwerk, 1987
  • Oskar Ansull (Hg.): Zweigeist Karl Emil Franzos. Ein Lesebuch von Oskar Ansull, darin das Kapitel Der Pojaz. Materialien zu einem Roman, S. 259–271, Potsdam, Deutsches Kulturforum östliches Europa ISBN 3-936168-21-0
  • Lim 2008: Jong-Dae Lim, Karl Emil Franzos in Czernowitz, in: Spuren eines Europäers. Karl Emil Franzos als Mittler zwischen den Kulturen, hg. v. Amy-Diana Colin / Elke-Vera Kotowski / Anna Dorothea Ludewig, Hildesheim / Zürich / New York 2008, 109–125.
  • Sigurd Paul Scheichl: Karl Emil Franzos und die Schwierigkeit literarhistorischen Etikettierens. In: Spuren eines Europäers. Karl Emil Franzos als Mittler zwischen den Kulturen. Hrsg. von Amy-Diana Colin / Elke-Vera Kotowski / Anna Dorothea Ludewig, Hildesheim / Zürich / New York 2008, 139–157.
  • Kenneth H. Ober: 1905 Karl Emil Franzos' masterpiece „Der Pojaz“ is published posthumously. In: Sander L. Gilman, Jack Zipes (Hrsg.): Yale companion to Jewish writing and thought in German culture 1096–1996. New Haven : Yale Univ. Press, 1997, S. 268–272

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. Scheichl 2008
  2. Lim 2008, S. 109