Hauptmenü öffnen

Der Ausflug der toten Mädchen

Erzählung von Anna Seghers

Der Ausflug der toten Mädchen ist eine Erzählung von Anna Seghers, die um 1944[1] entstand und 1946 in New York erschien. Sonja Hilzinger[A 1] schreibt: „Diese Erzählung gilt als eines der Meisterwerke deutschsprachiger Literatur.“[2]

Inhaltsverzeichnis

InhaltBearbeiten

Das Ende des Krieges ersehnend, ist es der Autorin im mexikanischen Exil inmitten von Orgelkakteen „in der Glut eines tropischen Mittags“[3] so, als werde sie mit ihrem Namen gerufen: „Netty!“[4] Mit jener Fata Morgana wird sie zurückversetzt in die Zeit kurz vor dem Ersten Weltkrieg inmitten von Butterblumen, Löwenzahn, Storchschnabel und bräunlichrosa Zittergras.[5] Die Erinnerung an einen Schulausflug ihrer Mädchenklasse von Mainz[6] aus ein Stück den Rhein entlang ist Anlass, die Tode ihrer Schulkameradinnen zu memorieren. Damit erfüllt Anna Seghers – allerdings drei Jahrzehnte verspätet – doch noch den Auftrag ihrer Lehrerin Fräulein Sichel, den Schulausflug für die nächste Deutschstunde sorgfältig zu beschreiben. Fräulein Sichel hatte Netty angesprochen, weil das Mädchen gerne Aufsätze schrieb.

Was war aus den lebensfrohen Schulmädchen aus der Zeit um 1913 geworden? Dreißig Jahre darauf kamen ihre zwei besten Freundinnen Leni und Marianne um. Lenis Mann wurde von der Gestapo in seiner illegalen Druckerei festgenommen. Leni, die bei der Gestapo die Aussage verweigerte, wurde geschlagen und verhungerte im zweiten Kriegswinter erkrankt in einem Frauen-KZ.[7] Nachbarsfrauen, die das Kind der Leni vor dem nationalsozialistischen Erziehungsheim bewahren wollten, hatten sich hilfesuchend an Lenis Freundin Marianne gewandt. Marianne, inzwischen Ehefrau eines SS-Sturmbannführers, hatte die Freundin verleugnet. Marianne wurde schließlich von der zu spät gekommenen Feuerwehr halbverkohlt, in rauchenden Kleiderfetzen in der Asche des zerbombten Hauses ihrer Eltern aufgefunden.[8]

Fräulein Sichel hatte die Schulklasse auf dem Ausflug begleitet. Die selbstbewusste, kleine, stupsnasige Nora bewies noch während des Ersten Weltkrieges ihre Hinneigung zu dieser Lehrerin, als sie in der gleichen Schicht mit ihr auf dem Bahnhof unterwegs haltende Soldaten versorgte. Später dann aber wurde Fräulein Sichel von Nora – inzwischen Leiterin der städtischen Nationalsozialistischen Frauenschaft – als „Judensau“ beschimpft, bespuckt und von einer „judenfreien“ Parkbank gejagt.[9] Auf dem Ausflug war auch eine gewisse Sophie Meier mit. Diese wurde zusammen mit Fräulein Sichel in einem „vollgepferchten plombierten Waggon von den Nazis nach Polen deportiert“ und war überraschend in Fräulein Sichels Armen gestorben.[10]

Die Friseurstochter Lore hatte im Laufe der Jahre einen Liebhaber nach dem anderen gehabt. Als sie „ein verärgerter Naziliebhaber“ der Rassenschande überführt und mit KZ bedroht hatte, nahm sie sich mit „Schlafpulver“ das Leben.

Ida wurde Diakonissin, nachdem der Bräutigam vor Verdun gefallen war. Vom Hass auf den Feind geleitet, übernahm sie im nächsten Krieg hinter der Front in einem Spital Funktionen in der nationalsozialistischen Krankenpflege und bevorzugte die Landsleute vor den kriegsgefangenen Verwundeten. In jenem Spital zerknallte eine Bombe Idas Kopf.[11] Gerda, ebenfalls zur Krankenpflege berufen, war Lehrerin geworden und hatte aus lauter Scham an einem 1. Mai den Gashahn aufgedreht. Ihr Gatte, der Lehrer Neeb, hatte gegen ihren ausdrücklichen Willen die Hakenkreuzfahne aus dem Fenster gehängt, weil er von seiner Behörde nicht gekündigt werden wollte.

Else, ein rundes Mädchen mit kirschenrotem Mund bekam mit dem Schreinermeister Ebi drei Kinder. Ihre Ausbildung als Buchhalterin auf der Handelsschule war Ebi im Geschäft äußerst gelegen gekommen. Nach einem englischen Fliegerangriff lagen Familie, Gesellen samt Haus und Werkstatt in Staub und Fetzen.

Katharina hatte einen Tapezierer geheiratet. Dieser Handwerker hatte Frankreich in dem Glauben mit besetzt, das deutsche Volk sei stärker als andere Völker. Da überraschte den Tapezierer die Nachricht, dass Katharina im Keller des väterlichen Hauses mitsamt Familie zermalmt worden war.[12] Die Mitschülerin Liese Möbius[13] starb denselben Tod. Als Lehrerin war die Katholikin Liese wegen ihrer unerschütterlichen Glaubenstreue von der nationalsozialistischen Behörde geringschätzig behandelt worden. Aber dann im Luftschutzkeller hatten sich die „rabiatesten Naziweiber“ schutzsuchend um die kleine Lehrerin Liese geschart. Vergebens – keine der Frauen hatte den Bombenabwurf überstanden.

Als Netty vom Ausflug nach Hause kommt, wird sie an der Haustür bereits von ihrer lieben Mutter, die den „qualvollen, grausamen“ Weg der anderen gehen musste, erwartet. Die Mutter war von Hitler in ein abgelegenes Dorf verbannt worden.[14][A 2]

FormBearbeiten

Die tiefe Trauer über den Verlust der Freundinnen, Mitschülerinnen und der lieben Mutter wird in einem sachlich trockenen Dokumentarton vorgetragen, der stellenweise in gallig-sarkastische Satire wechselt.

„Ich fragte mich, wie ich die Zeit verbringen sollte, heute und morgen, hier und dort, denn ich spürte jetzt einen unermeßlichen Strom von Zeit, unbezwingbar wie die Luft. Man hat uns nun einmal von klein auf angewöhnt, statt uns der Zeit demütig zu ergeben, sie auf irgendeine Weise zu bewältigen“[15], schließt Anna Seghers ihre Totenklage. Mit „hier und dort“ verweist sie auf Mexiko und Europa. Die hauptsächlich angesprochene Bewältigung der Zeit versucht die Autorin auf vier Ebenen. 1944 in Mexiko – auf der vierten Ebene – sehnt sie die Heimkehr in die deutsche Heimat herbei. Ihre Gedanken schweifen zwischen der ersten bis dritten Ebene hin und her. Die erste Ebene ist die Zeit kurz vor dem Ersten Weltkrieg, die zweite der Erste Weltkrieg und die dritte der noch nicht beendete Zweite Weltkrieg.

Oben unter „Inhalt“ wurde nur das schreckliche Ende der Frauen skizziert. Im Text wendet Anna Seghers zwei Kunstgriffe an. Erstens bewegt sie sich beim Erzählen jedes einzelnen Schicksals zwischen den Zeitebenen eins bis drei. Zweitens stellt sie dem abgrundtief Bösen aus Zeitebene drei immer das durchweg Frohe, Lebenslustige aus Zeitebene eins gegenüber. Zum Beispiel steht die Mutter „vergnügt und aufrecht da“; sie „lacht und winkt“, als Netty heimkommt. Anna Seghers, bald ergrauend, schaut aus Zeitebene vier auf ihre viel jüngere Mutter herab.[16]

RezeptionBearbeiten

„... als ich krank und besinnungslos lag,...“[17], schreibt Anna Seghers eingangs ihrer Erzählung. Bodo Uhse erinnert sich: Die Autorin war 1943 in Mexiko von einem Auto angefahren worden. Dabei sei ihr die Schädeldecke zertrümmert worden. Wochenlang habe die Schwerverletzte gegen den Tod gekämpft.[18]

Brandes bewundert die „phantastischen Zeit- und Ortsverschiebungen“ sowie den simplen Bau und hält „Den Ausflug der toten Mädchen“ für „die kunstvollste und schwermütigste Erzählung“ der großen Autorin.[19]

Hilzinger nennt Weiterführendes:

  • Anna Seghers-Arbeitsgruppe: „Anna Seghers´ Erzählung Der Ausflug der toten Mädchen. Eine surrealistische Komposition aus Traum und Wirklichkeit.“[20]
  • Elisabeth Bense, Klaus Schulte: „Trouvaille! Zu einem bemerkenswerten Essay über Anna Seghers´ Ausflug der toten Mädchen von Thomas Aron“.[21]
  • Anthony Greenville: „Anna Seghers Confronts the Holocaust. The Jewish Dimension to Der Ausflug der toten Mädchen[22]
  • Sonja Hilzinger: „Im Spannungsfeld zwischen Exil und Heimkehr. Funktionen des Schreibens in der Novelle Der Ausflug der toten Mädchen[23]
  • Sonja Hilzinger: „Der Ausflug der toten Mädchen“ in „Erzählungen des 20. Jahrhunderts“, Bd. 2 (1996)[24]
  • Karl Hotz: „Anna Seghers, Der Ausflug der toten Mädchen“ (1993)[25]
  • Fritz Pohle: „Kriegsexil in Mexiko und mexikanische Stoffe bei Anna Seghers. Vom Ausflug der toten Mädchen (1943/44) zum Wirklichen Blau (1967)“.[26]
  • Fritz Pohle: „Vorbereitung für die nächste Deutschstunde und mehr: Der Ausflug der toten Mädchen (1943/44)“[27]
  • Simonetta Sanna: „Landschaft in Anna Seghers´ Der Ausflug der toten Mädchen“ (1996)[28]
  • Werner Zimmermann: „Anna Seghers: Der Ausflug der toten Mädchen[29]

LiteraturBearbeiten

TextausgabenBearbeiten

Erstausgabe

  • Der Ausflug der toten Mädchen in: Der Ausflug der toten Mädchen und andere Erzählungen (enthält noch: „Post ins Gelobte Land“. „Das Ende“). Aurora-Verlag, New York 1946. 127 Seiten, Leinen[30]

Ausgaben

HörbuchBearbeiten

  • Anna Seghers liest: „Der Ausflug der toten Mädchen“ (1 CD, 51 Minuten). Der Audio Verlag, Berlin 2008, ISBN 3-89813-751-1 (Autorenlesung, Produktion: Rundfunk der DDR 1965 / DRA, Deutsches Rundfunkarchiv).

SekundärliteraturBearbeiten

  • Heinz Neugebauer: Anna Seghers. Leben und Werk. Mit Abbildungen (Wissenschaftliche Mitarbeit: Irmgard Neugebauer, Redaktionsschluss 20. September 1977). 238 Seiten. Reihe „Schriftsteller der Gegenwart“ (Hrsg. Kurt Böttcher). Volk und Wissen, Berlin 1980, 3. Auflage 1988, ISBN 3-06-101031-9.
  • Kurt Batt: Anna Seghers. Versuch über Entwicklung und Werke. Mit Abbildungen. 283 Seiten. Reclam, Leipzig 1973 (2. Aufl. 1980). Lizenzgeber: Röderberg, Frankfurt am Main (Röderberg-Taschenbuch Bd. 15), ISBN 3-87682-470-2.
  • Ute Brandes: Anna Seghers. Colloquium, Berlin 1992, ISBN 3-7678-0803-X (= Köpfe des 20. Jahrhunderts, Band 117).
  • Sonja Hilzinger: Anna Seghers. Mit 12 Abbildungen. Reihe Literaturstudium. Reclam, Stuttgart 2000, RUB 17623, ISBN 3-15-017623-9.

AnmerkungenBearbeiten

  1. Sonja Hilzinger (* 1955) ist Privatdozentin für Neuere deutsche Literatur an der Universität Mainz.
  2. 1943 habe Anna Seghers von der Deportation und Ermordung ihrer Mutter im KZ erfahren (Neugebauer, S. 109, 5. Z.v.u.).

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. Verwendete Ausgabe, S. 366, 6. Z.v.u.
  2. Hilzinger, S. 120, 15. Z.v.u.
  3. Batt, S. 156, 2. Z.v.u.
  4. Verwendete Ausgabe, S. 333, 3. Z.v.u.
  5. Verwendete Ausgabe, S. 334, Mitte
  6. Verwendete Ausgabe, S. 349, 15. Z.v.o.
  7. Verwendete Ausgabe, S. 334–335
  8. Verwendete Ausgabe, S. 356 Mitte
  9. Verwendete Ausgabe, S. 339–340 Mitte
  10. Verwendete Ausgabe, S. 352, 10. Z.v.o.
  11. Verwendete Ausgabe, S. 342, 8. Z.v.o.
  12. Verwendete Ausgabe, S. 357, 10. Z.v.u.
  13. Verwendete Ausgabe, S. 358, 5. Z.v.o.
  14. Verwendete Ausgabe, S. 360, 13. Z.v.u.
  15. Verwendete Ausgabe, S. 362, 11. Z.v.u.
  16. Verwendete Ausgabe, S. 360
  17. Verwendete Ausgabe, S. 334, 6. Z.v.o.
  18. Batt, S. 156 und Neugebauer, S. 109, 2. Z.v.u.
  19. Brandes, S. 57, 1. Z.v.o.
  20. zitiert bei Hilzinger, S. 214, 2. Eintrag (in Exil 1995, S. 65–74)
  21. zitiert bei Hilzinger, S. 214, 2. Eintrag v.u.
  22. zitiert bei Hilzinger, S. 217, 3. Eintrag v.u.
  23. zitiert bei Hilzinger, S. 218, 6. Eintrag v.u.
  24. zitiert bei Hilzinger, S. 219, 2. Eintrag
  25. zitiert bei Hilzinger, S. 219, 4. Eintrag v.u.
  26. zitiert bei Hilzinger, S. 221, 3. Eintrag
  27. zitiert bei Hilzinger, S. 221, 4. Eintrag
  28. zitiert bei Hilzinger, S. 222, 1. Eintrag
  29. zitiert bei Hilzinger, S. 226, letzter Eintrag
  30. Hilzinger, S. 200, erster Eintrag von unten