Hauptmenü öffnen

Blumfeld ist eine deutschsprachige Hamburger Rockband. Sie zählte zwischen 1990 bis zu ihrer Auflösung 2007 zu den wichtigsten Vertretern der Stilrichtung Hamburger Schule und gilt auch nach ihrem Comeback im Jahr 2018 als eine der einflussreichsten und erfolgreichsten Bands der deutschen Indie-Szene.

Blumfeld
Sänger Jochen Distelmeyer während eines Blumfeld-Konzerts 2007
Sänger Jochen Distelmeyer während eines Blumfeld-Konzerts 2007
Allgemeine Informationen
Genre(s) Indie-Rock
Gründung 1990
Auflösung 2007
Website www.blumfeld.de
Gründungsmitglieder
Jochen Distelmeyer
André Rattay
Eike Bohlken (bis 1996)
Letzte Besetzung
Gesang, Gitarre
Jochen Distelmeyer
Schlagzeug, Vibraphon
André Rattay
Bass
Lars Precht (ab 2005)
Vredeber Albrecht (ab 2003)
Ehemalige Mitglieder
Bass
Peter Thiessen (1996–2002)
Keyboard, Vibraphon, Bass
Michael Mühlhaus (1998–2005)

Inhaltsverzeichnis

GeschichteBearbeiten

Blumfeld wurde im Frühjahr 1990 von Mitgliedern der aufgelösten Bands „Der Schwarze Kanal“ und „Bienenjäger“ gegründet. Die Band ist nach der Hauptfigur einer Kurzgeschichte von Franz Kafka benannt (Blumfeld, ein älterer Junggeselle).

Im Januar 2007 gab Blumfeld bekannt, Sänger Jochen Distelmeyer habe in Absprache mit den anderen Mitgliedern beschlossen, die Band aufzulösen. Vor ihrer Auflösung ging die Band im April und Mai 2007 auf Abschiedstournee. Ihr letztes Konzert fand am 25. Mai 2007 in ihrer Heimatstadt Hamburg statt.[1]

Jochen Distelmeyer kündigte im Juli 2009 den Start einer Solokarriere an, sein Solodebüt Heavy erschien am 25. September 2009.[2]

Zum 20-jährigen Jubiläum der Platte L’état et moi gingen Blumfeld im August/September 2014 in Originalbesetzung auf Tour.[3]

Im Rahmen des Lieblingsplatte-Festivals traten Blumfeld in Originalbesetzung und zusätzlich mit Daniel Florey an der Gitarre am 16. Dezember 2017 in Düsseldorf auf. Am 15. Februar 2018 verkündete die Band, dass Jochen Distelmeyer mit Eike Bohlken und Andre Rattay 2018 auf eine „Love Riots Revue Tour“ geht,[4] die Band gilt weiter als aufgelöst.[5]

StilBearbeiten

Ihr ursprünglich stark von Gitarrenfeedback geprägter Sound wandelte sich nach einer Umbesetzung der Band Mitte der 1990er Jahre zu einem eher poporientierten Sound.

Wichtigstes Merkmal sind die verschachtelten, vom Sänger Jochen Distelmeyer teilweise im Sprechgesang vorgetragenen deutschen Texte, die in bildhafter Sprache eigene Gefühlswelten mit Gesellschaftskritik verknüpfen. Nicht zuletzt wegen ihrer ausgefeilten Texte wurde Blumfeld lange Zeit als Vorzeige-Intellektuellen-Band gesehen, die erst auf den letzten Veröffentlichungen einfachere Botschaften einem breiteren Publikum zugänglich machte.

Die Musik Blumfelds ist geprägt von einer tiefen Auseinandersetzung mit der gesellschaftlichen Umwelt. Besonders im Fokus der Texte stehen oft die Schwierigkeiten von Paarbeziehungen und der Mensch als Teil einer rigiden Konsumgesellschaft. Ängste, Depressionen, Unsicherheit, Orientierungslosigkeit, andererseits Widerstand und Protest gegen die Gesellschaft und immer wieder die Liebe als zentrales Motiv sind wichtige Begriffe, die in Distelmeyers Texten thematisiert und aufgearbeitet werden. Die teils düster-melancholische Färbung ihrer Musik lässt den Hörer zuweilen eine pessimistische Grundhaltung vermuten.

Zwar war es für Distelmeyer nie eine Frage, die expressiven Texte der Band in einer anderen Sprache als Deutsch zu schreiben. Einer Vereinnahmung für Projekte wie Quoten für deutschsprachige Musik im Radio oder die gezielte Stärkung eines „neuen deutschen Selbstbewusstseins“ durch deutschsprachige Musik hat sich Blumfeld aber dezidiert verweigert.[6]

Nach der Auflösung erschien eine Reihe von Würdigungen.[7] So stellte Christof Meueler in der Jungen Welt Blumfeld in eine Reihe der „großen bundesdeutschen Protestbands“ mit Ton Steine Scherben und den Fehlfarben.[8] Die Welt würdigt Blumfeld als „eine der einflussreichsten deutschen Popbands der vergangenen Jahre“, die mit „ihrer kantigen, energischen Musik und den eigensinnigen und politischen Texten“ schnell erfolgreich wurde, sich aber auch nicht in „Schubladen […] pressen lassen“ wollte. Distelmeyer „habe mit Titeln wie „Graue Wolken“, „Diktatur der Angepassten“ oder „Krankheit als Weg“ nach Ansicht vieler Kritiker Kunstwerke [geschaffen], die weit über schnell konsumierte Popsongs hinausgehen.“[9] Ingar Solty bezeichnet Blumfeld im Freitag als die „Linksintellektuellen der Rockmusik in Deutschland“ und bescheinigt Distelmeyer „eine expressionistisch-dichterische Sprache, die in der Popkultur auf Dauer unerreicht bleiben wird“. Die „seichteren Klänge“ auf den Alben Old Nobody und Testament der Angst und die Hinwendung zu einem breiteren Publikum interpretiert Solty so, dass Blumfeld damit „die Verantwortung öffentlichen Denkens“ übernahm und „sich der dialogischen Pädagogik organischer Intellektueller im Sinne Gramscis“ stellten.[10] Bertrand Klimmek meint dazu in der Jungle World, dass Blumfeld eine Ausnahmestellung innehat, weil keine andere Band noch „ernst genommen worden“ wäre, wenn sie „sich auf einmal erlaubt [hätte], Schlager zu spielen“.[11]

DiskografieBearbeiten

 
Cover des Albums Verbotene Früchte (2006), Kolorierter Kupferstich von Maria Sibylla Merian aus Metamorphosis insectorum Surinamensium, Bildtafel XIII, 1705

StudioalbenBearbeiten

Jahr Titel Chartplatzierungen[12] Anmerkungen
Deutschland  DE Osterreich  AT Schweiz  CH
1994 L'etat et moi 98
(3 Wo.)
Erstveröffentlichung: August 1994
1999 Old Nobody 17
(8 Wo.)
Erstveröffentlichung: Januar 1999
2001 Testament der Angst 6
(5 Wo.)
20
(5 Wo.)
Erstveröffentlichung: Mai 2001
2003 Jenseits von Jedem 7
(6 Wo.)
18
(4 Wo.)
80
(1 Wo.)
Erstveröffentlichung: August 2003
2006 Verbotene Früchte 21
(3 Wo.)
43
(2 Wo.)
Erstveröffentlichung: April 2006

Weitere Veröffentlichungen:

  • 1992: Ich-Maschine
  • 2002: Die Welt ist schön (Wiederveröffentlichung der Singles aus den Jahren 1991 und 1992)
  • 2007: Ein Lied mehr – The Anthology Archives Vol. 1 (5 CD-Box, Wiederveröffentlichung plus Bonusmaterial)
  • 2007: Nackter als Nackt/Live in Berlin. – Konzertfilm, aufgenommen bei einem der Abschiedskonzerte im Berliner Postbahnhof

SinglesBearbeiten

Jahr Titel
Album
Chartplatzierungen[12] Anmerkungen
Deutschland  DE Osterreich  AT Schweiz  CH
1999 Tausend Tränen Tief
Old Nobody
93
(3 Wo.)
Erstveröffentlichung: Februar 1999
2001 Graue Wolken
Testament der Angst
59
(8 Wo.)
Erstveröffentlichung: April 2001
2003 Wir Sind Frei
Jenseits von Jedem
59
(4 Wo.)
Erstveröffentlichung: August 2003
2006 Tics
Verbotene Früchte
89
(2 Wo.)
Erstveröffentlichung: April 2006

Weitere Singles:

  • 1991: Ghettowelt
  • 1992: Zeitlupe
  • 1992: Traum:2
  • 1994: Draußen auf Kaution
  • 1995: Verstärker
  • 1999: Status: Quo Vadis
  • 2001: Die Diktatur der Angepassten
  • 2001: Wellen der Liebe
  • 2003: Neuer Morgen

WeblinksBearbeiten

  Commons: Blumfeld (band) – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

LiteraturBearbeiten

  • Till Huber: Blumfeld und die Hamburger Schule. Sekundarität – Intertextualität – Diskurspop. V&R unipress, Göttingen 2016. ISBN 978-3-8471-0594-7.

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. (bir): Tausend Tränen Tschüs. Die Hamburger Band Blumfeld verabschiedete sich mit zwei Konzerten. In: Hamburger Abendblatt. 26. Mai 2007 (abgerufen am 1. Juli 2007)
  2. www.jochendistelmeyer.de (Memento des Originals vom 6. Juni 2012 im Internet Archive)   Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe den Link gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/www.jochendistelmeyer.de (abgerufen am 1. Juni 2011)
  3. Aurelia Kanetzky: Tourauftakt Blumfeld: Setlist und Videos aus der Kölner Live Music Hall. Rolling Stone, 28. August 2014, abgerufen am 5. Dezember 2014.
  4. Offizielle Website von Blumfeld (abgerufen am 15. Februar 2018)
  5. Beitrag im Rollingstone (abgerufen am 15. Februar 2018)
  6. Blumfeld: Keine Deutschland-Duselei. In: Musicline.de. Phononet GmbH, archiviert vom Original am 16. Juli 2015; abgerufen am 22. Juni 2014.   Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe den Link gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/musicline.de
  7. z. B. folgende drei Würdigungen:
    Edo Reents: Glosse zur Auflösung von Blumfeld. In: FAZ. 25. Januar 2007
    Joachim Frisch: blumfeld löst sich auf und wird zum neuroelektrischen impuls. In: taz. 31. Januar 2007, S. 20
    Ingar Solty: Pasolini-Rolle rückwärts. Ein Nachruf auf Blumfeld. In: Sozialismus. 34. Jahrgang, Heft 3/2007, S. 58f.
  8. Christof Meueler: Sterbefall des Tages: Blumfeld. In: junge Welt. 24. Januar 2007 (abgerufen am 12. April 2007)
  9. Frank Schmiechen, Klaus-Peter Thiemann: Tausend Tränen tief. Blumfeld löst sich auf. In: Die Welt. 24. Januar 2007 (abgerufen am 12. April 2007)
  10. Ingar Solty: Gegen das Behagen in der Unkultur. Blumfeld, die Linksintellektuellen der Rockmusik in Deutschland, haben sich aufgelöst. Ein Nachruf. In: Freitag. 5/2007, 2. Februar 2007 (abgerufen am 12. April 2007)
  11. Bertrand W. Klimmek: Ich-Maschine, Büffel, Gnu. Blumfeld gibt es nicht mehr (Memento des Originals vom 6. September 2012 im Webarchiv archive.is)   Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe den Link gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/www.jungle-world.com. In: Jungle World. 9/2007, 28. Februar 2007 (abgerufen am 12. April 2007)
  12. a b Chartquellen: DE AT CH