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Androgynie

weibliche und männliche Merkmale vereinigend
Androgynitätssymbol (Kombination aus Venus-, Mars- und Schütze-Symbol[1])

Androgynie (von altgriechisch ἀνήρ, Genitiv ἀνδρός andros ‚Mann‘ und γυνή gyne ‚Frau‘) bedeutet „männliche und weibliche Merkmale vereinigend“. Es wird oft synonym zu „zwitterhaft“ verwendet, was aber biologisch nicht korrekt ist.

Inhaltsverzeichnis

AllgemeinBearbeiten

Umgangssprachlich werden Menschen, die sich bewusst als nicht geschlechtlich zugeordnet darstellen oder anderen Menschen so erscheinen, als androgyn bezeichnet. Schwach ausgeprägte sekundäre Geschlechtsmerkmale bzw. sekundäre Geschlechtsmerkmale des anderen Geschlechts sind für diese Einschätzung oft ursächlich. Auch können die Wahl der Kleidung oder das Verhalten als androgyn ausgelegt werden.

In der Untersuchung Die physische Attraktivität androgyner Gesichter[2] wurden mit Hilfe digitaler Bildbearbeitungsverfahren androgyne Bilder von Männern und Frauen erzeugt und Probanden vorgelegt. Je androgyner die Personen auf den Bildern waren, desto weniger attraktiv wurden sie beurteilt. Dafür fanden die Testpersonen sie „jünger, kindlicher, sympathischer und weiblicher“.

Eine andere Geschlechtsidentität, die als ein Gegensatz zu androgyn verstanden werden kann, wird als neutral-gender oder Neutrois bezeichnet. Während androgyn die Kombination weiblicher und männlicher Charakteristika ist, bedeutet neutrois den Wunsch nach Abwesenheit geschlechtlicher Merkmale, nach einem Körper, der so geschlechtsneutral wie möglich ist.[3]

MythenBearbeiten

In vielen Schöpfungsmythen werden die menschlichen Wesen als androgyn beschrieben. In der persischen Mythologie lebte das erste Menschenpaar, Licht und Dunkel, im Garten Eden gemeinsam in einem Körper, bis Ahura Mazda sie trennte. Die griechischen Mythen erzählen eine ähnliche Geschichte: Prometheus formte den Menschen androgyn aus Lehm und Athene verlieh ihm Leben. Göttervater Zeus trennte die ursprünglichen Kugelmenschen und entnahm dem weiblichen Körper ein Stück Lehm, welches er dem Manne ansetzte. So haben Frauen bis heute eine blutende Öffnung, Männer aber ein zusätzliches Stück Körper, und beide fühlen sich zueinander hingezogen.

Ardhanarishvara ist eine zweigeschlechtliche Figur aus der hinduistischen Götterwelt, die aus Shiva und seiner Gemahlin Parvati gebildet wird.

PsychologieBearbeiten

In der Persönlichkeitspsychologie werden Männlichkeit (Instrumentalität) und Weiblichkeit (Expressivität) als voneinander unabhängige Dimensionen der Persönlichkeit gesehen. Diese Dimensionen beschreiben die psychosozialen Aspekte der Geschlechtlichkeit und der Orientierung in der Geschlechterrolle.[4] Eine Messung kann mit Hilfe des Bem Sex Role Inventory (BSRI) durchgeführt werden. Generell dient dieser Fragebogen zur Beurteilung der sexuellen Selbstidentifikation.[5] Personen, die in gleicher Weise auf der Skala der Maskulinität wie auch der der Feminität hohe Werte zeigen und folglich ein männliches wie auch ein weibliches geschlechtsrollenbezogenes Selbstbild aufweisen können, werden als Androgyne bezeichnet.[6] Es wird angenommen, dass Androgyne tendenziell psychisch stabiler sind, da ihnen eine größere Bandbreite an Verhaltensweisen zur adäquaten Lösung von Problemen zur Verfügung stünden.[4][7]

MedizinBearbeiten

In der Medizin ist Androgynie (häufig auch Androgynität) eine veraltete Fachbezeichnung für das Vorhandensein weiblicher Sexualorgane und sekundärer Geschlechtsmerkmale bei Individuen mit männlichem chromosomalen Geschlecht (Pseudohermaphroditismus).[8]

Pop-KulturBearbeiten

Insbesondere androgyne Männer sind und waren in der Glam Metal-, Visual-Kei-, in der Emo- und in Teilen der Gothic-Szene, aber auch in der mittlerweile erloschenen New-Romantic-Bewegung weit verbreitet. Häufig gelten sie sogar als Sexsymbol, wie zum Beispiel Ville Valo, Vince Neil (Mötley Crüe), Brian Molko, Boy George, Robert Smith, Bill Kaulitz oder das früher als androgyner Mann Andrej auftretende transsexuelle Model Andreja Pejić. Durch Musiker wie Little Richard, David Bowie, Prince und Michael Jackson[9][10] wurde androgynes Verhalten auch über die Szene hinaus bekannt. Weibliche Vertreter sind die Sängerinnen Grace Jones, Amanda Lear, Maureen Tucker, Marla Glen und Annie Lennox sowie die Schauspielerinnen Brigitte Lin, Katherine Moennig, Daniela Sea, Tilda Swinton, Jenette Goldstein und das Model Agyness Deyn.

TechnikBearbeiten

 
Hermaphroditischer Stecker von IBM
 
Scharfenbergkupplung

Eine androgyne Verbindungstechnik ist die Verbindung von gleichartigen Elementen, das heißt, sie sind nicht nach dem Prinzip von männlich-weiblich aufgebaut, es wird kein Stecker in eine Buchse gesteckt.

ElektrotechnikBearbeiten

Beispiele in der Elektrotechnik sind Steckersysteme wie Token-Ring-Stecker der Firma IBM. Diese passen sowohl in die MAU als auch gegeneinander, z. B. als Verlängerungskabel. Ebenso sind die beiden Stecker der QD-Steckverbindung zum Anschluss von schnurgebundenen Headsets mechanisch identisch aufgebaut.

MechanikBearbeiten

Ein Beispiel ist die automatische Kupplung von Zügen wie bei der Scharfenbergkupplung oder für die Verbindung von Wasserschläuchen die GEKA-Kupplung und die Storz-Kupplung.

Auch Kopplungssysteme von Raumschiffen werden als androgyn bezeichnet, wenn beide Kopplungselemente identisch sind.

Siehe auchBearbeiten

LiteraturBearbeiten

  • Achim Aurnhammer: Androgynie. Studien zu einem Motiv in der europäischen Literatur. Böhlau, Köln 1986, ISBN 3-412-01286-6.
  • Neuer Berliner Kunstverein (Hrsg.): Androgyn. Sehnsucht nach Vollkommenheit. Reimer, Berlin 1986, ISBN 3-496-01037-1.
  • Sandra L. Bem: The measurement of psychological androgyny. In: Journal of Consulting and Clinical Psychology. 42, 1974, S. 155–162.
  • Dorothee Bierhoff-Alfermann: Androgynie. Möglichkeiten und Grenzen der Geschlechterrolle. Westdeutscher Verlag, Opladen 1989, ISBN 3-531-11861-7.
  • Remigius Bunia: Die Natur der Androgynie. In: KulturPoetik. 8, 2008, S. 153–169.
  • Stephan Bernard Marti: Androgynität. In: Enzyklopädie der Neuzeit. Band 1. Metzler, Stuttgart/Weimar 2005, ISBN 3-476-01991-8.
  • Christian Seidel: Die Frau in mir – Ein Mann wagt ein Experiment. Heyne, 2014, ISBN 978-3-453-60299-1.

WeblinksBearbeiten

  Commons: Androgynie – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
 Wiktionary: androgyn – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. Quelle, (englisch)
  2. Untersuchung über „Die physische Attraktivität androgyner Gesichter“ (PDF; 337 kB) von Ansgar Feist, am Psychologischen Institut, Universität zu Köln (10. Mai 2006)
  3. Anette: wer „a“ sagt, muss nicht „b“ sagen. Ein sexpositives Zine über A_sexualität. Selbstverlag Berlin 2011. Oder online.
  4. a b Sandra L. Bem: The measurement of psychological androgyny. In: Journal of Consulting and Clinical Psychology, 42, 1974, S. 155–162.
  5. Lemma Bem Sex Role Inventory. In: Pschyrembel: Wörterbuch der Sexualität. De Gruyter, Berlin / New York, 2003.
  6. Dorothee Bierhoff-Alfermann: Androgynie - Möglichkeit und Grenzen der Geschlechterrollen. Westdeutscher Verlag, Opladen 1989.
  7. J.T. Spence: Gender Identity and its Implications for concepts of masculinity and feminity. Nebraska Symposium on Motivation, 1984, S. 60–95.
  8. Lemma Androgynität. In: Pschyrembel: Wörterbuch der Sexualität. De Gruyter, Berlin/New York, 2003.
  9. Monika Bloss: Geschlecht als multikulturelle Performance? Androgyne Images von PopmusikerInnen und das Spiel mit der „sexuellen Differenz“. In: Stefan Fragner, Jan Hemming, Beate Kutschke (Hrsg.): Gender Studies & Musik. Regensburg 1998, S. 189–203.
  10. Christian von Deuster: Wie sangen die Kastraten? Historische Betrachtungen. In: Würzburger medizinhistorische Mitteilungen. Band 25, 2006, S. 133–152; hier: S. 146–150 (Falsettstimme und hohe Männerstimmen nach dem 2. Weltkrieg), insbesondere S. 149 f.