Vandalismus
Unter Vandalismus versteht man Zerstörungswut oder Zerstörungslust. Vandalismus ist bewusste illegale (bzw. normenverletzende) Beschädigung oder Zerstörung fremden Eigentums als Selbstzweck.
Das Wort leitet sich auf historisch wenig begründete Weise von dem Volk der Vandalen ab, die in der Spätantike in das römische Reich einwanderten.
Varianten des Vandalismus
Es wird zwischen mehreren Varianten unterschieden:
- Vandalismus im Sinne destruktiven Zeitvertreibs aus Mangel an wirklich lustvollem Handeln, aus aggressiver Abreaktion von Wut oder aber von Imponiergehabe (einer Kraftmeierei) ohne darüber hinausgehenden Sinn. Beispiele: Einwerfen von Scheiben, Demolieren von Autos oder Aufschlitzen von Polstersitzen in Bussen oder U-Bahnen, Demolieren von Grabsteinen, siehe Destruktivität, Aggressivität.
- Vandalismus im vorgenannten Sinne, aber verengt auf den Bereich Kunst. Beispiel: das Nutzen von Denkmälern als Zielscheibe (Sphinx von Gizeh, was allerdings unbestätigt ist; Reiterstatue des Regisole auf dem Domplatz von Pavia; Leonardo da Vincis Reiterbild von Ludovico il Moro in Mailand, 1796 u. a.). In der Nähe dessen liegt die Zerstörung von Herrscherbildern (Königsstatuen, Stalinbüsten) bei politischen Aufständen. Der Bildersturm der Reformation verstand sich dagegen als Reinigung der Andachtsräume von heidnischen Verirrungen.
- Zerstörende Handlungen gegen Kulturgüter durch Psychopathen, die oft an irregeleitetem Sendungsbewusstsein leiden. Beispiele: Antike: Herostrat; 20. Jahrhundert: Säureattentate auf Gemälde wie den Der Höllensturz der Verdammten von Rubens in München am (26. Februar 1959) oder den Jakobsegen von Rembrandt van Rijn in Kassel-Wilhelmshöhe am (7. Oktober 1977); Beschädigung der Pietà von Michelangelo in Rom am 21. Mai 1972
- Staatliche Zerstörung aus Fanatismus oder Ideologie wie die Zerstörung von Götterbildnissen oder religiösen Symbolen wie der riesigen Buddhastatuen von Bamiyan aus der Gandharakultur durch die Taliban in Afghanistan am 12. März 2001, sowie das Fällen von Eichen (die Thor geweiht sind) durch christliche Invasoren (z.B. Bonifazius), um die Germanen zu erniedrigen, kann auch als Vandalismus betrachtet werden.
Entstehung des Begriffs
Der Begriff in der Französischen Revolution
Der Begriff Vandalismus für blinde Zerstörungswut geht auf Henri-Baptiste Grégoire, Bischof von Blois, zurück. In seiner im Konvent zu Paris am 28. August 1794 veröffentlichten Schrift Rapport sur les destructions opérées par le vandalisme prangerte er mit dieser Wortneuschöpfung schlagwortartig sinnlose Morde sowie die Zerstörung von Kunstwerken durch radikale Jakobiner im Anschluss an die Französische Revolution an. Bereits 1798 nahm die Académie française den Begriff in ihr Wörterbuch auf.[1]
Ableitung des Begriffs vom Volk der Vandalen
Vandalismus leitete Grégoire von den Vandalen ab, einem germanischen Volksstamm, der im Jahre 455 den weströmischen Kaiser Petronius Maximus besiegt hatte, in Rom einmarschiert war und die Stadt geplündert hatte. Da die Vandalen die Stadt Rom für die damalige Zeit sehr gesittet, äußerst gezielt und ohne blinde Zerstörungswut plünderten, ist die Etymologie des Begriffs historisch gesehen nicht richtig. Papst Leo I. hatte den Vandalen versichert, dass es keinen Widerstand geben werde, damit Kampfhandlungen, Feuersbrünste und Vergewaltigungen vermieden würden. In den Beschreibungen späterer Geschichtsschreiber werden die Leistungen Papst Leos vielleicht auch überbewertet, um die Grausamkeiten und die Zerstörungswut der Vandalen stärker betonen zu können.
Wie wenig gerecht Grégoires Wortschöpfung den Vandalen wird, ergibt sich auch aus den Worten des Bischofs Salvanius von Massilia (Marseille), der noch quasi als Zeitzeuge im 5. Jahrhundert schrieb: „Wenn unter Goten- oder Vandalen-Herrschaft jemand ein lasterhaftes Leben führt, dann ist es ein Römer. Denn die Goten und Vandalen setzen durch sittliche Reinheit und Gradlinigkeit einen so hohen Maßstab, dass sie nicht nur selber zuchtvoll waren, sondern auch die Römer geläutert haben.“
Dennoch wurden von italienischen und französischen Humanisten die Goten und Vandalen seit der frühen Neuzeit als sprichwörtliche Kulturzerstörer angeprangert. Im deutschen humanistischen Schrifttum jedoch wurden die germanischen Stämme positiv rezipiert, etwa beim Humanisten Beatus Rhenanus:
-
- Nostri ... sunt Gothorum Vandalorum Francorumque triumphi (Unser sind die Triumphe der Gothen, Vandalen und Franken).
In der unterschiedlichen Interpretation der Vandalen spiegeln sich also proto-nationale Streitigkeiten in der frühen Neuzeit.
Die historischen Vandalen wurden in der Französischen Revolution 1789 zur negativen Kennzeichnung der Aristokratie – als vermeintlich von den germanischen Eroberern abstammend – benutzt. Als politischer Begriff diente vandalisme Henri-Baptiste Grégoire zur Abgrenzung einer idealen bürgerlichen Revolution von radikalen Kräften. In den Gewaltexzessen der Französischen Revolution kam es – wie schon zuvor in den Umbrüchen der Reformation – zur Bilderstürmerei, was Grégoire anprangerte.
Zuerst also gegen Radikale in den eigenen Reihen gerichtet, bezeichnete vandalisme nach dem 9. Thermidor die Schreckensherrschaft (Terreur) als Ganzes. Ihre Protagonisten, wie etwa Robespierre, seien die neuen Vandalen, die wie ihre historischen Vorbilder die Kultur Frankreichs zerstören wollten. Die drei Rapports sur le vandalisme, die Grégoire dem Konvent vorlegte, fixierten nicht zuletzt wegen ihrer hohen Auflage den Begriff endgültig und waren die Grundlage für seine Übernahme in fast alle europäischen Sprachen.
Die Wahl der Vandalen als Namensgeber bezog sich aber weniger auf die Plünderung Roms von 455, sondern auf deren frühere Zerstörungen und Plünderungen beim Einfall in Gallien im Jahr 406. Insbesondere in Südwestfrankreich, im Pyrenäen-Vorland, gebärdeten sich die germanischen Eindringlinge 409 als schlimmste Landzerstörer, Mörder und Frauenschänder, nachdem sie beim ersten Versuch, nach Spanien einzudringen, am Widerstand der Basken gescheitert waren. Nächst den Römern wurden den arianischen Vandalen auch die meisten Märtyrertode von den katholischen Chronisten zur Last gelegt. Von da an erst datiert ihr schlimmer, teilweise berechtigter Leumund als mörderische Barbaren.[2] Grégoire bedauerte später, den Begriff nicht mehr zurücknehmen zu können, da er pauschal einen ganzen Volksstamm diskreditierte. Er war davon ausgegangen, dass die Vandalen ausgestorben seien und sich niemand mehr als ihr Nachfahre betrachtete.
Abgrenzung des Begriffs
Der Begriff „Vandalismus“ bezeichnet, wie oben beschrieben, im weitesten Sinn die bewusste, illegale oder normenverletzende Beschädigung oder Zerstörung fremden Eigentums. Eine Beschädigung aufgrund von Verschleiß, durch Unachtsamkeit oder Nachlässigkeit (Fahrlässigkeit) ist kein Vandalismus.
Es muss ein bewusster Vorsatz oder zumindest ein grob fahrlässiges, bewusstes Inkaufnehmen eines Schadens vorliegen. Wird ein Haus durch den Eigentümer abgerissen oder ein Auto verschrottet, wird kein anderer geschädigt, also liegt auch kein Vandalismus vor. Im übrigen gibt es auch normenverletzendes Verhalten, das nicht zerstörend wirkt (etwa unübliche, provozierende Verhaltensweisen). Provokation ist nicht automatisch Vandalismus, Vandalismus ist dagegen immer eine Provokation.
Kulturvandalismus
Kulturvandalismus oder negative Kulturgeschichte bezeichnet die rohe Zerstörung von Kunstwerken, weil die Vandalen unter Geiserich zu Rom in dieser Weise gehaust haben sollen (der von Lucan in anderem Zusammenhang so genannte Furor Teutonicus); weitere rhetorisch kanonisierte Schreckensfiguren im Sinne des Begriffs Vandalismus liefern Alarich und seine Goten (Gothorum et Vandalorum furor, die Wut der Gothen und Vandalen), Inschrift auf der Karlsbrücke in Prag von 1648), Attila und seine Hunnen sowie die Wikinger.
Kulturvandalismus ist die "Beschädigung oder Beseitigung von Kunstwerken und Denkmälern in einem größeren politischen, ideologischen oder ökonomischen Kontext, in der Absicht oder mit der Folge einer Bewusstseinsänderung, d. h. der gewaltsame Versuch, Erinnerung zu beseitigen oder zu verändern" (Demandt 1997).
Vandalismus heute
Oft wird die mutwillige Zerstörung von Gegenständen im öffentlichen Raum als Vandalismus bezeichnet. Dazu gehören beispielsweise Zerstörungen an öffentlichen Einrichtungen wie Notrufsäulen[3], Parkbänken und Telefonzellen, in Fahrzeugen des öffentlichen Nahverkehrs, in Kindergärten oder in Schulen.
Graffiti an Bauwerken sind in der Regel illegal. Strafrechtlich werden sie als destruktiver Akt (Vandalismus) verfolgt, denn ein konstruktiver Akt als „Kunst am Bau“ ist in den sehr vielen Fällen nicht zu erkennen. Zumindest sind die Folgekosten für die Beseitigung der materiellen Schäden hoch (siehe Straftatbestand von Graffiti).
Vandalismus fällt unter Straftatbestände, z. B. Sachbeschädigung. Die meist männlichen jugendlichen Täter werden strafrechtlich verfolgt. Die Aufklärungsquote für Sachbeschädigung liegt bei ca. 25 %.[4] Die Therapie von Vandalismus-Tätern fällt u. a. in den Aufgabenbereich der Sozialarbeit.
Virtueller Vandalismus
Der Begriff kommt oft zur Anwendung bei als mutwillig bezeichneten Löschungen oder Störungen von digitalen Inhalten, beispielsweise bei Weblogs oder bei der Manipulation von Werbeinhalten (Adbusting).
Eine weitere Bedeutung kommt diesem digitalen Vandalismus in Zusammenhang mit Wikipedia zu: Inhalte und Artikel werden böswillig gelöscht oder verändert.
In der deutschsprachigen Wikipedia sichten seit Mai 2008 erfahrene Autoren alle Änderungen, die von Anfängern getätigt werden; erst wenn sie das Gesichtete freigeben, wird die Änderung allgemein sichtbar.
Viele Medien-Sites, auf denen man Artikel kommentieren kann, sind dazu übergegangen, Userbeiträge zu sichten und ggfs. zu kürzen oder zu löschen. Diese Foren sind oft am Wochenende und nachts geschlossen, d.h. man kann dann keine neuen Beiträge veröffentlichen.
Beispiel
Mitte Februar 2012 zündeten Unbekannte nachts Plastikrohre an, die innerhalb einer Autobahnbaustelle auf der A 57 zwischen Neuss und Köln unter einer Autobahnbrücke lagerten. Es kam zu starker Rauchentwicklung; diese löste eine Massenkarambolage aus, bei der ein Mensch starb und mehrere verletzt wurden. Das Feuer strahlte seine Hitze so stark auf die Unterseite der Autobahnbrücke aus, dass diese baufällig wurde. Wenig später wurde sie komplett abgerissen; die A 57 war wochenlang gesperrt.[5]
Literatur
- Alexander Demandt: Vandalismus – Gewalt gegen Kultur, Siedler: Berlin 1997, ISBN 3-88680-624-3.
- Henri Baptiste Grégoire, Rapport sur les destructions opérées par le Vandalisme (31. August 1794); 2. Rapport ... (29. Oktober 1795); 3. Rapport ... (14. Dezember 1795), in: Œuvres II, 256-78, 321-57.
- J. Guillaume: Grégoire et le Vandalisme, Paris 1901.
- Hanno Helbling: Goten und Wandalen. Wandlung der historischen Realität, Zürich 1954.
- Maren Lorenz: Vandalismus als Alltagsphänomen, Hamburg 2009, ISBN 978-3-86854-204-2.
- Pierre Michel, Barbarie: Civilisation, Vandalisme, in: R. Schmitt; E.Reichardt (Hg.): Handbuch politisch-sozialer Grundbegriffe in Frankreich 1680–1820, 8, 1988, 7-51.
- Hermann Schreiber: Die Vandalen. Siegszug und Untergang eines germanischen Volkes. Bern 1979, ISBN 3-8112-1024-6.
- G. Sprigath: Sur le vandalisme révolutionnaire, in: Ann. hist. de la Rév. Fr. 52, 1980, 510-35.
- R. Steinacher: Vandalen – Rezeptions- und Wissenschaftsgeschichte. In: Hubert Cancik (Hrsg.): Der Neue Pauly. Metzler, Stuttgart 2003, (Band 15/3), S. 942–946, ISBN 3-476-01489-4.
Weblinks
Einzelnachweise
- ↑ WDR 5-Radio Zeitzeichen: 19. Oktober 439: Die Vandalen erobern Karthago. Gehört am 19. Oktober 2009
- ↑ Vgl. Hermann Schreiber: Die Vandalen. Siegszug und Untergang eines germanischen Volkes. Bern 1979, S. 93–95.
- ↑ Rheinische Post 17. Januar 2007: "Täglich eine zerstörte Notrufsäule"
- ↑ Kurzinformation „Polizeiliche Kriminalstatistik 2010 (PDF; 2,5 MB)“, Seite 5.
- ↑ focus.de: Ein Toter bei Massenkarambolage auf der A57
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