Der Tiefenkasus (englisch deep case) ist ein zentraler Begriff der von Charles J. Fillmore (1968)[1] entwickelten Tiefengrammatik, die als Kasusgrammatik bekannt ist.

Unterscheidung Tiefen- vs. OberflächenkasusBearbeiten

Die Tiefengrammatik unterscheidet zwischen einem morphologisch markierten, das heißt unmittelbar an der Wortform ablesbaren Kasus oder „Oberflächenkasus“ (syntaktisch, Dativ, Akkusativ etc.) und einer inhaltlichen Kategorie, die durch diesen Kasus repräsentiert wird, eben den „Tiefenkasus“ (semantisch, Agens, der Handlungsträger, Patiens, von der Handlung betroffen etc., auch thematische Rolle).[2][3] In der Kasusgrammatik bezieht sich der Kasus auf die semantischen Rollen, die den verschiedenen Agenten im Satz zugeteilt werden. Bei den semantischen Rollen geht es um die Begrifflichkeiten der Inhaltsebene wie Agens, Patient, Instrumental, Lokativ. In diesem Sinne spricht man vom „Tiefenkasus“ auch als den „semantischen Kasus“. Anders beim Oberflächenkasus, er kann als grammatische Kategorie deklinierbarer Wörter verstanden werden, die u. a. zur Kennzeichnung ihrer syntaktischen Funktion im Satz dienen.

Beispiele:

Alfred backt den Kuchen.

verglichen mit

Alfred serviert den Kuchen.

Kuchen steht in beiden Sätzen im Akkusativ, dem Oberflächenkasus, gehört aber nach Fillmore (1968) verschiedenen Tiefenkasus an: Im ersten Fall ist der Kuchen das aus der Handlung resultierende Objekt, sein Tiefenkasus ist der Faktitiv. Im zweiten Satz ist er schlichtweg ein Objekt, mit dem etwas getan wird (Objektiv – dieser Kasus ist höchst vage und einer der Kritikpunkte an der Fillmore'schen Tiefengrammatik).

Oberflächen- und Tiefenkasus können aber nicht in isomorpher Art und Weise zueinander abgebildet werden, stehen sie doch nicht in einer reziproken Entsprechung zueinander.[4]

Bedeutung der VerbenBearbeiten

Verben generieren eine Reihe von Aktanten oder „Mitspielern“, die in unterschiedlichen semantischen Relationen zu diesem Verb stehen. Hat das Verb „backen“ zwei Mitspieler, so ein Agens und ein Patiens ist es von einem Verb mit drei „Mitspielern“ zu unterscheiden.

Alfred legt den Kuchen auf den Tisch

Neben den Agens und Patiens tritt noch die Lokation hinzu (Übersicht zu einigen semantischer Rollen).

Ausführungen TiefenkasusBearbeiten

Beispiele für Tiefenkasus sind Agentiv, Instrumental, Dativ, Faktitiv, Lokativ, Objektiv. Insgesamt führte er sechs thematische oder semantischen Rollen ein, die Fillmore Kasus nannte. Wobei er einräumte das die Liste noch fortgesetzt werden müsse:

  • Agentiv: der normalerweise lebendige Initiator der Handlung
  • Instrumental: der nicht lebendige Beteiligte an der Handlung
  • Dativ, Benefikativ: der lebendige Betroffene der Handlung
  • Faktitiv: das Resultat der Handlung
  • Lokativ: der Ort oder die räumliche Ausrichtung der Handlung
  • Objektiv: die Dinge, die von der Handlung betroffen sind (sehr allgemein gehaltene Rolle)

Unter den Begriff der „Handlung“ versteht Fillmore, dabei die Aktion, die durch das zugehörige Verb beschrieben wird, was im Übrigen auch ein Zustand sein kann.

Die Anzahl und die Kataloge der Tiefenkasus sind Gegenstand verschiedener Studien, sie schwanken je nach Autor zwischen 15 und 25. Der Begriff „Tiefenkasus“ steht im engen Zusammenhang mit dem der semantischen Rolle und ist in diesen Überlegungen weiterentwickelt worden.

LiteraturBearbeiten

  • Charles Fillmore: The Case for Case. In: E. Bach & R.T. Harms (eds.): Universals in Linguistic Theory. Holt, Rinehart & Winston, New York 1968, S. 1–88 — Dt.: Plädoyer für Kasus. In: W. Abraham (Hg.): Kasustheorie. Athenäum, Frankfurt/M. 1971, S. 1–118.
  • Charles Fillmore: Some Problems for Case Grammar. In: R.J. O'Brien (ed.): Papers from the 22nd Annual Round Table. Linguistics: Developments of the Sixties — Viewpoints for the Seventies. (= Monograph Series on Languages and Linguistics, 24). Georgetown University Press, Washington D.C. 1971, S. 35–56.

WeblinksBearbeiten

Wiktionary: Tiefenkasus – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. Charles J. Fillmore: The case for case. In: E. Bach & R.T. Harms (eds.): Universals in Linguistic Theory. Holt, Rinehart & Winston, New York 1968
  2. Gerhard Helbig: Probleme der Valenz- und Kasustheorie. Bd. 51 Konzepte der Sprach- und Literaturwissenschaft, Walter de Gruyter, Berlin 1992, ISBN 3-1109-3832-4, S. 22–25
  3. Wilhelm Köller: Perspektivität und Sprache: zur Struktur von Objektivierungsformen in Bildern, im Denken und in der Sprache. Walter de Gruyter, Berlin 2004, ISBN 3-1101-8104-5, S. 394
  4. Gerhard Helbig: Entwicklung der Sprachwissenschaft seit 1970. Springer-Verlag, Heidelberg / Berlin / New York 2013, ISBN 3-3228-6538-X, S. 124