Hauptmenü öffnen

Zeitgeschichtliche Forschungsstelle Ingolstadt

Die Zeitgeschichtliche Forschungsstelle Ingolstadt e. V. (kurz: ZFI, auch als Institut für Zeitgeschichtsforschung Ingolstadt bezeichnet) ist ein geschichtsrevisionistischer Verein in Ingolstadt. Dabei wurden oder werden vor allem die Kriegsverbrechen der Deutschen im Zweiten Weltkrieg heruntergespielt, die Anzahl der ermordeten Juden im Holocaust in Abrede gestellt und Kontakte zu rechtsextremen Gruppierungen gepflegt.[1] Sie wurde 1981 maßgeblich von Alfred Schickel (1933–2015), Hellmut Diwald (1924–1993) und Alfred Seidl (1911–1993) als Konkurrenz zum Institut für Zeitgeschichte in München gegründet.[2] Die ZFI hat etwa 500 bis 600 Mitglieder, veranstaltet zweimal im Jahr größere Tagungen und gibt die Zeitgeschichtliche Bibliothek und die ZFI-Informationen heraus.[3]

Politische OrientierungBearbeiten

Nach Bernd Wagner (1994) gilt das ZFI in Deutschland als „geistiges Zentrum rechtsextremer Kreise für historische Forschung“.[4] Auf Tagungen und Veranstaltungen werde eine systematische Verharmlosung des Nationalsozialismus und die Leugnung der Kriegsschuld betrieben. Dabei besteht eine enge Zusammenarbeit mit Zeitungen und Zeitschriften wie Junge Freiheit, Europa Vorn, Nation und Europa und Deutschland in Geschichte und Gegenwart, die ähnliche Ziele verfolgen.[5] Der Leiter der ZFI, Schickel, schrieb beispielsweise 1980, dass die Zahl von sechs Millionen ermordeter Juden „heute in der zeitgeschichtlichen Wissenschaft nicht mehr ernsthaft vertreten“ werde.[6] Die verstorbenen Gründer der ZFI arbeiteten mit rechtsextremen und geschichtsrevisionistischen Organisationen zusammen.[2]

Nachdem die ZFI früher vom bayerischen Verfassungsschutz beobachtet worden war, sieht die bayerische Landesregierung heute keine Anhaltspunkte für rechtsextremistische Bestrebungen mehr. Sie ergänzt aber: „Dagegen propagieren einschlägige rechtsextremistische Publikationen unter Berufung auf die Person des Leiters der ZFI und seine Artikel vereinzelt auch ein mit der freiheitlichen demokratischen Grundordnung nicht vereinbares Gedankengut.“[7]

Die SPD und andere kritisierten, dass Alfred Lehmann (CSU), von 1. Mai 2002 bis 30. April 2014 Oberbürgermeister von Ingolstadt, mehrmals an ZFI-Tagungen teilgenommen hat und dass Horst Seehofer (CSU), damaliger Bundesminister für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutzim Jahr 2006 lobende Grußworte zur Eröffnung der Veranstaltung sandte.[8][2]

Dr.-Walter-Eckhardt-Ehrengabe für ZeitgeschichtsforschungBearbeiten

Das Institut vergibt auch die Dr.-Walter-Eckhardt-Ehrengabe für Zeitgeschichtsforschung. Bisherige Preisträger waren unter anderem:

PublikationenBearbeiten

LiteraturBearbeiten

  • Andreas Angerstorfer, Annemarie Dengg: Rechte Strukturen in Bayern. Eine Dokumentation mit Schwerpunkt Oberbayern, Oberpfalz und Niederbayern. 2. aktualisierte Auflage. Bayernforum, München 2005, ISBN 3-89892-416-5.
  • Anton Maegerle: „Club der Revisionisten“. Seit nunmehr 25 Jahren ist die „Zeitgeschichtliche Forschungsstelle Ingolstadt“ damit beschäftigt, historische Fakten zu verdrehen. In: Blick nach Rechts. Nr. 25, 11. Dezember 2006.
  • Bernd Wagner: Handbuch Rechtsextremismus. Netzwerke, Parteien, Organisationen, Ideologiezentren, Medien. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 1994, ISBN 3-499-13425-X (rororo 13425).

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. Anton Maegerle, Daniel Hörsch: „Der Kampf um die Köpfe“ hat begonnen. Vordenker, Strategen und Wegbereiter rechter Netzwerke. In: Stephan Braun, Daniel Hörsch (Hrsg.): Rechte Netzwerke, eine Gefahr. VS Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden 2004, ISBN 3-8100-4153-X, S. 114.
  2. a b c Geschichtsrevisionistischer Verein. (Memento vom 19. Juli 2011 im Internet Archive) redok, 14. Dezember 2006
  3. Andreas Angerstorfer, Annemarie Dengg: Rechte Strukturen in Bayern. Eine Dokumentation mit Schwerpunkt Oberbayern, Oberpfalz und Niederbayern. Zweite aktualisierte Auflage. München 2005, S. 131
  4. Bernd Wagner: Handbuch Rechtsextremismus. Reinbek 1994, S. 164
  5. Bernd Wagner: Handbuch Rechtsextremismus – Netzwerke, Parteien, Organisationen, Ideologiezentren, Medien, Reinbek bei Hamburg 1994.
  6. redok zitiert hier einen Satz aus dem Artikel Die umstrittenste Zahl der Zeitgeschichte. Das ungeklärte Ausmaß der jüdischen Opfer von Alfred Schickel, erschienen in der rechtsextremen Zeitschrift Deutschland in Geschichte und Gegenwart (DGG) 28(1), 1980, S. 10
  7. Drucksache 15/7335 vom 22. Februar 2007 Antwort auf eine schriftliche Anfrage des Abgeordneten Florian Ritter, SPD. (PDF; 22 kB) Bayerischer Landtag
  8. SPD-Rechtspolitiker Florian Ritter sieht Zeitgeschichtliche Forschungsstelle Ingolstadt (ZFI) im Zwielicht. SPD-Pressestelle, 22. Dezember 2006