Wolfgang Liepe

deutscher Germanist

Wolfgang Liepe (* 27. August 1888 in Schulzendorf, Kreis Ruppin; † 10. Juli 1962 in Kiel) war ein deutscher Germanist. Liepe wirkte an den Universitäten von Halle, Kiel und Frankfurt am Main. Während der Zeit des Nationalsozialismus lehrte er an verschiedenen amerikanischen Hochschulen. Liepe ist vor allem für seine Forschung zum Lyriker und Dramatiker Friedrich Hebbel bekannt.

Die Moltkestraße in Kiel. Liepe bewohnte bis zu seiner Versetzung nach Frankfurt das Haus Nr. 5 (weißes Haus links)[1]

LebenBearbeiten

Ausbildung und frühe SchaffenszeitBearbeiten

Wolfgang Liepe wurde am 27. August 1888 in Schulzendorf als Sohn des protestantischen Pfarrers Carl Liepe und seiner Frau Emma (geb. Rauth) geboren. Er besuchte das Gymnasium in Potsdam. Nach dem Abitur 1906 studierte er in Berlin, Paris und Halle Germanistik, Romanistik, Philosophie und Kunstgeschichte. 1913 promovierte er bei Kurt Jahn mit einer Arbeit über „Das Religionsproblem im neueren Drama von Lessing bis zur Romantik“. Ein Jahr später legte Liepe auch das Staatsexamen für das Lehramt ab.[2]

1915 heiratete Liepe Gertrud Neustadt. Da er aus gesundheitlichen Gründen nicht an den Kampfhandlungen teilnehmen konnte, wurde er für die letzten beiden Jahren des Ersten Weltkrieges verpflichtet, für die Franckeschen Stiftungen in Halle als Lehrer zu arbeiten.

Nach Kriegsende verwarf er seine Pläne, sich dem Theater zuzuwenden zugunsten der Fortführung seiner wissenschaftlichen Laufbahn. Liepe kehrte an die Universität Halle zurück, wo er sich 1919 habilitierte. Seine Arbeit, die den Titel „Elizabeth von Nassau Saarbrücken, Entstehung und Anfänge des Prosaromans in Deutschland“ trägt, wurde von Eberhart Schulz als bahnbrechend charakterisiert, da sie eine "quellenkritisch fundierte Absage an jede Art von Spekulation in der Literaturwissenschaft"[3] darstelle.

Die folgenden Jahre blieb Liepe in Halle und lehrte dort erst als Privatdozent, ab 1925 als außerordentlicher Professor. Während dieser Zeit arbeitete er auch als Dramaturg am Haller Stadttheater. Unter anderem war er an Inszenierungen von Werken von Barlach, Büchner, Goethe, Hauptmann, Hölderin und Kaiser beteiligt. Liepe war als Dramaturg auch Unterstützer der Volksbühnenbewegung.[3]

1928 folgte er einem Ruf nach Kiel und wurde als Nachfolger Eugen Wolffs Inhaber des dortigen Lehrstuhls für „Neuere deutsche Sprache und Literatur“. Während seiner Zeit in Kiel setzte er die Arbeit seines Vorgängers fort und baute das von ihm gegründete Theater- und Hebbelmuseum u. a. durch die Angliederung einer Schallplattensammlung weiter aus. 1929/30 folgte Liepe einer Einladung aus den USA und lehrte als Gastprofessor an der Harvard University. Es war der erste solche Besuch eines deutschen Wissenschaftlers seit dem Beginn des Ersten Weltkrieges.[3]

Emigration während des NationalsozialismusBearbeiten

Liepe gehörte in Kiel zu einem Kreis von Professoren, die republikfreundlich gesinnt waren und einander regelmäßig trafen. Dies ist anhand eines Briefes, den Liepe am 6. Oktober 1931 an seinen Kollegen, den Kieler Soziologieprofessor Ferdinand Tönnies schrieb, belegbar.[4] Im März 1933 brach ein Konflikt zwischen Liepe und seinem Kollegen Fritz Brüggemann offen aus, der ebenfalls am germanistischen Seminar in Kiel lehrte. Liepe wurde vorgeworfen, ein „Rasseschänder“ zu sein, da er mit einer Jüdin verheiratet war. Quellen legen den Verdacht nahe, dass Brüggemann Gerüchte gegen Liepe am Seminar streute, Studenten würden aufgrund seiner politischen Ansichten seine Vorlesungen meiden. Brüggemann habe dies getan, da er Ambitionen auf Liepes Lehrstuhl hegte. Aus studentischen Kreisen wurden Liepe offen ‚Rassevergehen‘ vorgeworfen.[5]

1933 wurde Liepe nach Frankfurt versetzt. Zum einen war er inzwischen in Kiel wegen seiner jüdischen Frau und seiner Republikfreundlichkeit als ‚politisch unzuverlässig‘ eingestuft worden, zum anderen – und dies war der offizielle Grund – wurde Liepe selbst als Jude eingestuft, da er im Ersten Weltkrieg keinen Frontdienst geleistet hatte. Kurz darauf stufte man ihn selbst nicht mehr als Jude ein, jedoch galt er wegen seiner jüdischen Frau als 'jüdisch versippt'. 1935 wurde er für ein Jahr zurück nach Kiel versetzt, wo er aber nicht mehr in der Lehre wirkte. Liepe selbst stellte einen Antrag auf Emeritierung, dem zum 1. März 1936 entsprochen wurde. Kurze Zeit später emigrierte Liepe in die Vereinigten Staaten, da er für seine Arbeit in Deutschland keine Zukunft mehr sah.[6]

Ab 1939 lehrte Liepe zunächst deutsche Kultur- und Literaturgeschichte an der Theologischen Fakultät des Yankton College in South Dakota. Später, ab 1947, bekleidete er als Associate Professor eine Anstellung für Deutsche Literaturwissenschaft an der University of Chicago.[7]

Rückkehr nach KielBearbeiten

Nach Kriegsende entwickelte sich – initiiert von Liepe – eine Korrespondenz zwischen Liepe und der neuen Universitätsführung in Kiel, die ihm zunächst eine Gastprofessur anbot. Nachdem sein alter Kieler Lehrstuhl frei geworden war, kehrte Liepe 1954 nach Kiel zurück. Zwei Jahre später trat er in den Ruhestand. 1960 erhielt er den Kulturpreis der Stadt Kiel. Wolfgang Liepe starb am 10. Juli 1962 im Alter von 73 Jahren in Kiel.[8]

 
Friedrich Hebbel (* 1813; † 1863), deutscher Dramatiker und Lyriker.

WirkenBearbeiten

Wolfgang Liepe beschäftigte sich in der Lehre intensiv mit der deutschen Literatur des 18. Jahrhunderts. Sein Forschungsschwerpunkt war der Dithmarscher Schriftsteller Friedrich Hebbel, dessen Werke er 1925 in vier Bänden herausgab.[3]

WerkeBearbeiten

  • Das Religionsproblem im neueren Drama von Lessing bis zur Romantik. Halle/Saale 1914 (Dissertation)
  • Elisabeth von Nassau-Saarbrücken: Entstehung und Anfänge des Prosaromans in Deutschland. Halle/Saale 1920 (Habilitationsschrift)
  • Beiträge zur Literatur- und Geistesgeschichte. Mit einem Geleitwort von Benno von Wiese. (Kieler Studien zur deutschen Literaturgeschichte. Band 2.) Herausgegeben von Schulz, Eberhart. Neumünster 1963
  • Friedrich Hebbel: Werke. 4 Bände. Herausgegeben von Liepe, Wolfgang. Berlin 1925

LiteraturBearbeiten

  • Karl Jordan (Hrsg.): Geschichte der Christian-Albrechts-Universität Kiel – 1665-1965. Allgemeine Entwicklung der Universität. Band 1, Teil 2. Neumünster 1965.
  • Mechthild Kirsch: Wolfgang Liepe. In: Christoph König (Hrsg.), unter Mitarbeit von Birgit Wägenbaur u. a.: Internationales Germanistenlexikon 1800–1950. Band 2: H–Q. de Gruyter, Berlin/New York 2003, ISBN 3-11-015485-4, S. 1092–1094.
  • Eberhard Wilhelm Schulz: Liepe, Wolfgang. In: Neue Deutsche Biographie (NDB). Band 14, Duncker & Humblot, Berlin 1985, ISBN 3-428-00195-8, S. 532 f. (Digitalisat).
  • Ralph Uhlig (Hrsg.): Vertriebene Wissenschaftler der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel (CAU) nach 1933. Zur Geschichte der CAU im Nationalsozialismus. (Hoffmann, Erich (Hrsg.): Kieler Werkstücke Reihe A: Beiträge zur schleswig-holsteinischen und skandinavischen Geschichte; Band 2) Frankfurt am Main 1991, ISBN 3-631-44232-7, S. 29–32 (Bei Uhlig finden sich diverse Angaben für weitere Archivrecherche.)

WeblinksBearbeiten

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. http://www.akens.org/akens/texte/ak_ap/1998stadtfuehrungen.pdf S. 4.
  2. Mechthild Kirsch: Wolfgang Liepe. In: Christoph König (Hrsg.), unter Mitarbeit von Birgit Wägenbaur u. a.: Internationales Germanistenlexikon 1800–1950. Band 2: H–Q. de Gruyter, Berlin/New York 2003, ISBN 3-11-015485-4, S. 1094.
  3. a b c d Eberhard Wilhelm Schulz: Liepe, Wolfgang. In: Neue Deutsche Biographie (NDB). Band 14, Duncker & Humblot, Berlin 1985, ISBN 3-428-00195-8, S. 532 f. (Digitalisat).
  4. Landesbibliothek Kiel, Nachlaß Tönnies
  5. Uhlig, Ralph (Hrsg.): Vertriebene Wissenschaftler der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel (CAU) nach 1933. Zur Geschichte der CAU im Nationalsozialismus. Frankfurt am Main 1991, S. 29–30.
  6. Uhlig, Ralph (Hrsg.): Vertriebene Wissenschaftler der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel (CAU) nach 1933. Zur Geschichte der CAU im Nationalsozialismus. Frankfurt am Main 1991 S. 30–31.
  7. Mechthild Kirsch: Wolfgang Liepe. In: Christoph König (Hrsg.), unter Mitarbeit von Birgit Wägenbaur u. a.: Internationales Germanistenlexikon 1800–1950. Band 2: H–Q. de Gruyter, Berlin/New York 2003, ISBN 3-11-015485-4, S. 1093.
  8. Uhlig, Ralph (Hrsg.): Vertriebene Wissenschaftler der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel (CAU) nach 1933. Zur Geschichte der CAU im Nationalsozialismus. Frankfurt am Main 1991, S. 32