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Wolfgang Deuling

deutsch-niederländischer Politiker (SPD, Linke)

Wolfgang Henrik Deuling (* 1941) ist ein deutscher Soziologe und ehemaliger Mitarbeiter im SPD-Bundesvorstand. Er und seine Frau Barbara wurden als Stasi-Quellen in der SPD während der 1970er und 1980er Jahre benannt.[1]

LebenBearbeiten

Deuling stammt von der Egerländer Familie Döling ab.[2] Seine Mutter war Maria Deuling.[3] Er war seit Juni 1971 in der „Baracke“, der Bonner SPD-Zentrale,[4] Büroleiter von Hans-Jürgen Wischnewski, der damals dem SPD-Bundesvorstand angehörte.[3] Gleichzeitig soll er als „IM Bob“ mit dem Ministerium für Staatssicherheit der DDR zusammengearbeitet haben, der 1980 den Kampforden „Für Verdienste um Volk und Vaterland“ der Deutschen Demokratischen Republik in Silber bekam.[4]

Ab 1981 war Deuling persönlicher Referent von Wischnewski.[4] Seine Frau, Barbara Deuling, war als Angestellte der SPD-Bundestagsfraktion tätig und soll unter dem Decknamen „IM Petra“ ebenfalls Informationen für die Stasi beschafft oder weitergeleitet haben.[5]

Das Ehepaar Deuling soll für die Lieferung großer Mengen sensibler Informationen aus der SPD-Spitze an den DDR-Spionagedienst verantwortlich gewesen sein. Nach Angaben des Magazins Focus waren darunter vertrauliche Dossiers über die CDU, über Arbeitgeberverbände, Nahost-Probleme und die NATO. Im Vergleich zu den Deulings stuft die Zeitschrift den 1974 als Spion überführten Günter Guillaume als „unwichtig“ ein.[6] Die Eheleute bestreiten nicht, dass die an die an DDR-Stellen übermittelten Informationen von ihnen kamen, sondern nur, dass sie „bewusst und gewollt für das Ministerium für Staatssicherheit der DDR gearbeitet“ hätten.[4] In der Zeit von 1981 bis 1983 gehen hunderte an DDR-Dienste übermittelte Dokumente auf „Bob“ und „Petra“ zurück, die von den Auftraggebern mehrfach mit der selten vergebenen Note 1 bewertet wurden. 1982 bekam „IM Bob“ den Kampforden „Für Verdienste um Volk und Vaterland“ in Gold.[4]

Wolfgang Deuling initiierte als SPD-Referent im Bundestagswahlkampf 1972 eine umstrittene Umfrageaktion und war dafür zuständig, Spender der CDU zu finden, denen anonyme Anti-SPD-Annoncen zugeschrieben wurden.[7][8] 1990 war er Geschäftsführer der Gaststätte Auberge Les Deux in Bonn.[9]

Zwischen dem 28. September und dem 4. Oktober 1988 trafen sich die Deulings mit den damaligen HVA-Offizieren Gerhard Behnke und Horst Jänicke im Hilton in Athen. In Bezug auf den Zweck dieses Treffens gehen die Angaben auseinander. Während Wolfgang Deulings Anwalt behauptet, das DDR-Ministerium habe frühere IM-Quellen reaktivieren wollen, beschreibt Barbara Deuling das Treffen als erfolglosen Anwerbeversuch. Die ehemaligen Offiziere gaben dagegen an, die Deulings hätten damals aussteigen wollen.[4]

Wolfgang Deuling und seine Frau wurden 2007 im Buch Bundesbürger im Dienst der DDR-Spionage aus der „Wissenschaftlichen Reihe der Behörde der Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik (BStU)“ als „West-IM“ bzw. „IM-Bob“ und als „IM Petra“ bezeichnet.[10] Diese Bezeichnung mit Klarnamen wurde durch das Hanseatische Oberlandesgericht untersagt,[11][5] zugleich aber bestätigt, dass Informationen aus Deulings Umfeld an die Stasi gelangten.[5] 2012 klagten „Bob“ und „Petra“ erneut gegen ihre Nennung als Stasi-Spitzel, diesmal durch Helmut Müller-Enbergs in Hauptverwaltung A.[12][13]

„Mit 951 Informationen nehmen die O-Quellen »Bob« und »Petra«1 (XV 1471/65), die von der HV A mit XXX und XXX in Verbindung gebracht wurden, den Rang drei im Referat II/4 ein. Auf den Angestellten im SPD-Parteivorstand und die Angestellte der SPD-Bundestagsfraktion geht ein umfassender Einblick in die SPD zurück. Nahezu alle Informationen (844) hatten dokumentarischen Charakter und wurden in 54 Auswertungen für die SED-Führung berücksichtigt.“
1 Müller-Enbergs: Inoffizielle Mitarbeiter 2 (Anm. 20), S. 204.
– Helmut Müller-Enbergs: Inoffizielle Hauptverwaltung A (HV A). Aufgaben – Strukturen – Quellen (MfS-Handbuch).[14]

Das Ehepaar Deuling hat seine Klage gegen die Verknüpfung ihrer Namen gegen Helmut Müller-Enbergs zurückgezogen, nachdem sich das Gericht als unzuständig erklärt hatte und ein anderer Rechtsweg hätte beschritten werden müssen.[15][16]

„Führungsoffiziere“ der HVA sagten gegen die Deulings aus. So beispielsweise Kurt Gailat am 11. Oktober 1995: „Ich kann nur sagen, dass die IMs ,Petra‘ und ,Bob‘ - dahinter verbergen sich die Eheleute Deuling – so geführt wurden wie andere IM-Vorgänge auch.“[4] Barbara Deuling klagte auch gegen die Prozessberichterstattung im Internet.[17]

Der Generalbundesanwalt hat 1998 nach Zahlung von 15.000 DM wegen drohender Verjährung[4] die Ermittlungsverfahren wegen mutmaßlichen geheimdienstlichen Agententätigkeit gegen das Ehepaar eingestellt.[6]

Wolfgang Deuling ist Mitverfasser zahlreicher programmatischer Dokumente der Partei Die Linke in NRW.[18][19] Er hat 2008 gemeinsam mit anderen Gratulanten in Anzeigen in den Presseorganen Neues Deutschland, Junge Welt und Frankfurter Rundschau den Geburtstag von Karl Marx gewürdigt.[20]

Auf Deulings Initiative wurde ein Uferstreifen in Bonn nach dem Frühsozialisten und kommunistischen Wegbereiter Moses Hess benannt.[21]

Deuling engagiert sich auch öffentlich dafür, ein Mahnmal zum 80. Jahrestag der Bücherverbrennung in Bonn 1933 zu erbauen.[22][23][24][25][26]

VeröffentlichungenBearbeiten

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. Markus Wehner: Solidarität mit deutschem Forscher. Wissenschaftler rügen Stasi-Unterlagen-Behörde. In: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung vom 4. November 2012, Seite 1. (PDF; 820 KB)
  2. Wolfgang Deuling: Geschichte einer Egerländer Familie – Niklas Forster. Bonn, 1. Aufl., 1996.
  3. a b Christof Ernst: Sohn musste das Grab seiner Mutter zuschaufeln. In: Express, 19. Juli 2012.
  4. a b c d e f g h Markus Wehner: Stasi-Agenten bei der SPD – Für Verdienste um Volk und Vaterland in FAZ.net / F.A.S. vom 28. Oktober 2012.
  5. a b c Hanseatisches Oberlandesgericht, Az. 7 U 27/10 (PDF; 38 kB) vom 3. Mai 2011.
  6. a b Seite nicht mehr abrufbar, Suche in Webarchiven: @1@2Vorlage:Toter Link/www.focus.deMeldung: Behörde verweigert Stasi-Forscher Rechtsbeistand im Prozess gegen zwei mutmaßliche Ex-DDR-Spione. In: Focus 43/2012. Wörtlich: Ein hochrangiger Staatsschutz-Beamter sagte FOCUS: „Im Vergleich zu diesem Paar war Kanzlerspion Guillaume ein Schwachstruller.“
  7. SPD-FRAGEBOGEN: Auffällig Informiert, Spiegel 45/1972 vom 30. Oktober 1972.
  8. Ich muß vollkommen unauffindbar sein., Der Spiegel 50/1972 vom 4. Dezember 1972.
  9. Handelsregisterauszug: Auberge Les Deux GmbH, Amtsgericht Bonn, HRB 5291 vom 24. September 1990.
  10. Bundesbürger im Dienst der DDR-Spionage Fußnote 174, Bl. 63 des Buchs; Bl. 315 des Buchs.
  11. Peter Wensierski: DEUTSCHE EINHEIT: Recht auf Vergessen? In: Der Spiegel 47/2008 vom 17. November 2008.
  12. Agenten: Bob und Petra klagen. In: Der Spiegel 14/2012 vom 2. April 2012.
  13. Matthias Schlegel: Streit um IM-Vorwurf: Bonner Ehepaar zieht Klage gegen Wissenschaftler Müller-Enbergs zurück, in: Tagesspiegel, 13. Februar 2013.
  14. Helmut Müller-Enbergs: Inoffizielle Hauptverwaltung A (HV A). Aufgaben – Strukturen – Quellen (MfS-Handbuch). Hrsg. BStU. Berlin 2011, Seite 68. http://www.nbn-resolving.org/urn:nbn:de:0292-9783942130158_010.
  15. Wolfgang Kaes: Bücherverbrennung in Bonn, Stasi-Terror im Osten, in: Bonner General-Anzeiger, 13. März 2013.
  16. „Bonner Briefwechsel“ zwischen General-Anzeiger und Wolfgang Hendrik Deuling.
  17. Thomas Stadler: Berichterstattung aus öffentlicher Verhandlung nicht immer zulässig, internet-law.de, 14. Februar 2012.
  18. Kommunalpolitische Grundsatzüberlegungen. (PDF; 60 kB) In: dielinke-nrw.de. 2008, archiviert vom Original am 15. Februar 2011; abgerufen am 20. Oktober 2012.
  19. Wolfgang Deuling: Herbstzeit des Neoliberalismus. Anmerkungen zum neoliberalen Menschen- und Gesellschaftsbild. (PDF; 82 kB) In: sozialistische-linke.de. 2010, archiviert vom Original am 20. Oktober 2012; abgerufen am 20. Oktober 2012.
  20. Victor Perli: Ein Glas auf Karl Marx! In: perli.de. 5. Mai 2008, archiviert vom Original am 20. Oktober 2012; abgerufen am 20. Oktober 2012.
  21. Cem Akalin: Vertreter der Linken besuchten Synagogen-Mahnmal: Gregor Gysi erinnerte an Moses Hess. In: Bonner General-Anzeiger. 21. Juni 2012, archiviert vom Original am 20. Oktober 2012; abgerufen am 20. Oktober 2012.
  22. Bonner Mahnmal geerdet, Haftgrund.net, 1. April 2012
  23. Keine Bedenken gegen das Denkmal, Bonner General-Anzeiger, 29. März 2012
  24. Es fehlt noch viel Geld für das Mahnmal, Bonner General-Anzeiger, 3. Juli 2012
  25. Piratenpartei Bonn: Bericht des Kulturausschusses vom 9. Februar 2012
  26. Bonn: die verfemten und verbrannten Bücher kehren zurück, Haftgrund.net, 14. Mai 2013
  27. Dr. Sarrazins Biologie. In: sozialistische-linke.de. 20. Oktober 2012, archiviert vom Original am 20. Oktober 2012; abgerufen am 20. Oktober 2012.
  28. Herbstzeit des Neoliberalismus. Anmerkungen zum neoliberalen Menschen- und Gesellschaftsbild. (PDF; 82 kB) In: sozialistische-linke.de. 2010, archiviert vom Original am 20. Oktober 2012; abgerufen am 20. Oktober 2012.
  29. Buchbesprechung: Wolfgang Hendrik Deuling: Niklas Forster. Fragmente der europäischen Geschichte
  30. Die drei Pfeiler der neuen konservativen Ordnungspolitik. In: library.fes.de. 20. Oktober 2012, archiviert vom Original am 20. Oktober 2012; abgerufen am 20. Oktober 2012.

WeblinksBearbeiten