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Wilhelm Haas (Genossenschaftler)

deutscher Politiker (NLP), MdR

Karl Friedrich Wilhelm Haas (* 26. Oktober 1839 in Darmstadt; † 8. Februar 1913 ebenda) war ein deutscher Politiker, Sozialreformer und Gründer ländlicher Waren- und Kreditgenossenschaften.

Wilhelm Haas-Denkmal in der Albert-Schweitzer-Anlage in Darmstadt (2011)

Inhaltsverzeichnis

LebenBearbeiten

Wilhelm Haas war der Sohn eines schweizerischen, evangelisch-lutherischen Gymnasiallehrers. Nach dem Besuch des Gymnasiums studierte Haas Rechtswissenschaften (1857–1861) an der Universität Gießen (Mitglied des Corps Teutonia), und schlug die hessische Beamtenlaufbahn ein. Er wurde 1863 Referendar am Hofgericht in Darmstadt von 1864 bis 1869 bei den Kreisämtern in Darmstadt, Dieburg, Groß-Gerau, Heppenheim, Büdingen und Friedberg. 1869 wurde er zum Kreisassessor ernannt und war ab 1874 Polizeirat beim Polizeiamt in Darmstadt tätig und einige Jahre später, 1886 Kreisrat in Offenbach am Main. Um 1900 musste er schließlich aus dem Staatsdienst ausscheiden, weil die Behörden sein genossenschaftliches Engagement missbilligten.

Genossenschaftliches WirkenBearbeiten

Wilhelm Haas gehört neben Eduard Pfeiffer, Victor Aimé Huber, Karl Korthaus, Hermann Schulze-Delitzsch und Friedrich Wilhelm Raiffeisen zu den führenden Gründervätern des deutschen Genossenschaftswesens. Er gilt neben Raiffeisen als wichtigster Protagonist der deutschen und internationalen landwirtschaftlichen Genossenschaftsorganisation.

In den Jahren nach dem Ausscheiden aus dem Staatsdienst engagierte er sich in vielen Bauerndörfern. Er motivierte die Gemeinderäte, sich zur Sicherung des gemeinsamen Bezuges ihrer Rohstoffe zusammenzuschließen. Der Großteil der ländlichen Genossenschaften insbesondere die meisten Kreditgenossenschaften (Spar- und Darlehenskassen) beriefen sich nicht auf Friedrich Wilhelm Raiffeisen, sondern auf Wilhelm Haas. Er war wie Hermann Schulze-Delitzsch politisch liberal, für ihn waren Genossenschaften praktikable Unternehmensformen zur Selbsthilfe. Sein Credo: „Die Genossenschaft bedeutet Freiheit, Freiheit auch insbesondere in wirtschaftlicher Beziehung.“

Im Jahre 1872 gründete Wilhelm Haas die Landwirtschaftliche Bezugsgenossenschaft in Friedberg und initiierte im Jahre 1879 den Verband Hessischer Landwirtschaftlicher Kreditgenossenschaften. Einige Jahre später organisierte er 1883 die Vereinigung der Deutschen Landwirtschaftlichen Genossenschaften (ab 1903: Reichsverband der Deutschen Landwirtschaftlichen Genossenschaften) und wurde deren erster Generalanwalt (Präsident). 1907 übernahm er schließlich den Vorsitz des neu gegründeten Internationalen Bundes der Landwirtschaftlichen Genossenschaften.

Nach seinem Tod wurde 1924 zu seinen Ehren anlässlich des in Darmstadt stattfindenden 27. Deutschen Landwirtschaftlichen Genossenschaftstages ein vom Münchner Bildhauer Karl Killer geschaffenes Denkmal errichtet. Es befand sich ursprünglich neben dem ehemaligen Verbandsgebäude, Sandstraße 36. Das im Zweiten Weltkrieg schwer beschädigte Monument wurde 1956 erneuert. Es befindet sich heute am nördlichen Kopfende der Albert-Schweitzer-Anlage, in der Nähe der Rheinstraße, Ecke Hindenburgstraße.

PolitikBearbeiten

Auch als Politiker erlangte Wilhelm Haas viel Einfluss. Von 1881 bis 1911 gehörte Haas als Mitglied der Nationalliberalen Partei für den Wahlkreis Starkenburg 10 / Gernsheim bzw. Starkenburg 5 / Fürth (33-34 Parlamentsperiode) der II. Kammer der Landstände des Großherzogtums Hessen an und war ab 1887 deren Präsident. Von 1911 bis 1913 war er auf Lebenszeit von Großherzog Ernst Ludwig ernanntes Mitglied der 1. Kammer der hessischen Stände. Von 1898 bis 1912 war er Mitglied des Reichstags und wirkte unter anderem an den Beratungen über das 1889 verabschiedete Genossenschaftsgesetz mit. Es gehört zu den besonderen Lebensleistungen von Wilhelm Haas, dass er als herausragender liberaler Politiker agrarische Selbsthilfeorganisationen initiierte und sie auf nationaler und internationaler Ebene vernetzte. Zur Würdigung dieser Verdienste verlieh ihm Großherzog Ernst Ludwig von Hessen im Jahre 1896 den Titel eines Geheimen Regierungsrates.

AuszeichnungenBearbeiten

In mehreren Orten, darunter Leinfelden-Echterdingen und Markgröningen, wurden Straßen nach Haas benannt. In Neu-Isenburg befindet sich am Wilhelm-Haas-Platz einer der Sitze des Genossenschaftsverband – Verband der Regionen.

LiteraturBearbeiten

  • Adalbert Feineisen: Wilhelm Haas. Gestalter einer großen Idee. Raiffeisendruckerei, Frankfurt am Main 1956.
  • Theodor Sonnemann: Haas, Karl Friedrich Wilhelm. In: Neue Deutsche Biographie (NDB). Band 7, Duncker & Humblot, Berlin 1966, ISBN 3-428-00188-5, S. 378 f. (Digitalisat).
  • Rudolf Maxeiner: Vertrauen in die eigene Kraft. Wilhelm Haas. Sein Leben und Wirken. Deutscher Genossenschafts-Verlag, Wiesbaden 1976, ISBN 3-87655-016-5.
  • Helmut Faust: Geschichte der Genossenschaftsbewegung. Ursprung und Aufbruch der Genossenschaftsbewegung in England, Frankreich und Deutschland sowie ihre weitere Entwicklung im deutschen Sprachraum. 3., überarbeitete und stark erweiterte Auflage. Knapp, Frankfurt am Main 1977, ISBN 3-7819-0168-8.
  • Hans Georg Ruppel, Birgit Groß: Hessische Abgeordnete 1820–1933. Biographische Nachweise für die Landstände des Großherzogtums Hessen (2. Kammer) und den Landtag des Volksstaates Hessen. (= Darmstädter Archivschriften, Band 5.) Verlag des Historischen Vereins für Hessen, Darmstadt 1980, ISBN 3-922316-14-X, S. 120.
  • Jochen Lengemann: MdL Hessen. 1808–1996. Biographischer Index. (= Politische und parlamentarische Geschichte des Landes Hessen, Band 14) (= Veröffentlichungen der Historischen Kommission für Hessen, Band 48, 7.) Elwert, Marburg 1996, ISBN 3-7708-1071-6, S. 159–160.
  • Peter Gleber: Biographische Notizen zu den Genossenschaftsgründern Schulze-Delitzsch, Raiffeisen und Haas. In: BI, Bankinformation und Genossenschaftsforum, ISSN 0941-0163, Band 34 (2005), Nr. 5, S. 72–75.
  • Peter Gleber: Genossenschaftsbanken als Pflanzstätten der Demokratie. In: Bankinformation, BI, Das Fachmagazin der Volksbanken Raiffeisenbanken, ISSN 1866-5608, Band 36 (2009), Nr. 5, S. 38–41.

WeblinksBearbeiten