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Wendelin Niedlich (* 31. August 1927 in Berlin-Friedrichsfelde) ist ein deutscher Buchhändler, Verleger und Galerist.

Inhaltsverzeichnis

LebenBearbeiten

Wendelin Niedlich kam 1960 nach Stuttgart und übernahm die Buchhandlung „Bücherdienst Eggert“ in der Schmalen Straße 14, die sich unter seiner Ausrichtung der Gegenwartsliteratur und der Kritischen Theorie der Frankfurter Schule widmete. Niedlich galt als linker Buchhändler und stand für eine literarische Avantgarde. An den Donnerstagen veranstaltete er Lesungen, u. a. mit Max Bense, Reinhard Döhl, Helmut Heißenbüttel, Elfriede Jelinek, Josef Bierbichler, Franz Mon, Ernst Jandl, Ror Wolf, Gert Jonke und Max Goldt. Zusätzlich gründete er den Verlag Wendelin Niedlich und begann, in seinen Räumen auch Kunstausstellungen auszurichten. Vom 5. bis 26. November 1965 stellte Niedlich grafische Arbeiten von Frieder Nake und Georg Nees aus. Die Ausstellung war die weltweit dritte Ausstellung mit Computergrafik und erzielte eine internationale Aufmerksamkeit.[1]

In den 1970er Jahren erfolgte ein Umzug in die Hausnummer 9 der Schmalen Straße. Die Besucher der Buchhandlung beschrieben einen außergewöhnlichen Ort: Bücher waren in den hohen Regalen nicht einfach chronologisch sortiert. In der Zeitschrift Du schilderte der Schriftsteller Otto Marchi ein "wohlgeordnetes Chaos, das sowohl Jandl- und Mayröcker-Gassen, eine Achternbusch-Pyramide, eine Brecht-Chaussee, ein Enzensberger-Hochhaus, als auch einen Joyce-Turm und ein Robert-Walser-Gebirge beinhaltete, das alles überragte".[2] Zur Bundestagswahl 1980 stellte Niedlich das Schaufenster der Buchhandlung und eine Vitrine für die „Stoppt Strauß!“-Kampagne zur Verfügung, in der Flugblätter, Plakate und Aufrufe ausgelegt wurden. Ein Flugblatt mit dem Satz, „Wer Strauß wählt, wählt Reaktion, Faschismus und Krieg“ führte bei der Staatsanwaltschaft Stuttgart zur Anzeige gegen Niedlich wegen Beleidigung, die beim Amtsgericht Stuttgart-Bad Cannstatt abgelehnt wurde mit der Begründung, „Der inkrimierte Text erfülle nicht den Tatbestand des Paragraphen 185 StGB.“[3]

Im Juni 1998 schloss Niedlich die Buchhandlung. 2005 fand die Ausstellung „Wendelin Niedlich und seine Lesevergnügungsgesellschaft“ im Literaturhaus Stuttgart statt, die von dem Literaturkritiker Helmut Böttiger kuratiert wurde.[4]

2019 wurde er mit der Staufermedaille für Verdienste um das Land Baden-Württemberg ausgezeichnet.

ZitatBearbeiten

„Unter Böll mach’ ich’s nicht.“[5][6]

EhrungenBearbeiten

Kunstausstellungen (Auswahl)Bearbeiten

 
Wolfgang Neuss und Kurt Weidemann bei einem von Wendelin Niedlich organisierten Fußballspiel (etwa 1968)

Herausgeberschaft (Auswahl)Bearbeiten

  • Wolfgang Schmidt, Reisser. Buch 10. Verlag Wendelin Niedlich, Stuttgart 1967.
  • Sein Jubiläumsmotto heißt: Niedlich 10 Jahre über Wasser. Verlag Wendin Niedlich, Stuttgart 1970.
  • Jan Peter Tripp, 19 Bilder und 16 Texte. Ausstellungskatalog, hrsg. von Wendelin Niedlich. Verlag Wendin Niedlich, Stuttgart 1972.
  • Maina-Miriam Munsky, Bilder und Grafik. Ausstellungskatalog. Hrsg. von der Galerie Wendelin Niedlich, der Galerie Hans-Jürgen Niepel und der Galerie Poll, Stuttgart/Düsseldorf/West-Berlin 1972.
  • Kritisches Jahrbuch 2. Verlag Wendin Niedlich, Stuttgart 1972.
  • Zwanzig Jahre Buchhandlung Wendelin Niedlich Stuttgart. Festschrift zum 4.-5.-6. Juli 1980.
  • Wendelin Niedlich, Horst Brandstätter (Hrsg.), Festbündel zum 60. Geburtstag des Buchhändlers Wendelin Niedlich. Zusammengetragen aus Grußadressen, Gedichten, Radierungen und Lithographien, Fotografien, Postkarten, Collagen, Scherenschnitten, einer leeren Seite und sonstigen Äußerungen der 60 Künstler, Dichter und Literaten. Merlin Verlag, Gifkendorf 1987.
  • Heike Miethe-Sommer, Tuareg Poesie. Verlag Wendelin Niedlich, Stuttgart 1994.

Literatur (Auswahl)Bearbeiten

  • In Stuttgart feierte die Buchhandlung Niedlich ihr 20jähriges. In: Börsenblatt für den deutschen Buchhandel, Bd. 36, 1980, S. 1801–1802.
  • Otto Marchi, Wendelin Niedlich: Die ruinösen Vorlieben eines standhaften Überlebenskünstlers. In: Du, Band 55, Heft 2, 1995–1996, S. 44–47.
  • Markus Heffner, Die linke Herzkammer des literarischen Lebens. Der Buchhändler Wendelin Niedlich erzählt von seinem Leben als Kulturarbeiter und von der „Kraft der Poesie“. In: Stuttgarter Zeitung, 14. März 2007, S. 20.

WeblinksBearbeiten

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. Artikel über die Ausstellung auf compart-bremen.de, abgerufen am 18. März 2017
  2. Otto Marchi, Wendelin Niedlich: Die ruinösen Vorlieben eines standhaften Überlebenskünstlers. In: Du, Band 55, Heft 2, 1995-1996, S. 44–47.
  3. Artikel vom 21. März 1980 auf Zeit Online, abgerufen am 18. März 2017
  4. Link zur Seite des Literaturhaus Stuttgart.
  5. Otto Marchi, Wendelin Niedlich: Die ruinösen Vorlieben eines standhaften Überlebenskünstlers. In: Du, Band 55, Heft 2, 1995-1996, S. 45.
  6. Porträt von Markus Heffner in der Stuttgarter Zeitung
  7. Verleihung Staufermedaille an Wendelin Niedlich. Abgerufen am 15. Mai 2019 (dt).
  8. W. M.: Plastische Graphik: Wolfgang Kermer bei Eggert. In: Stuttgarter Nachrichten, Nr. 57, 8. März 1962, S. 7; Das Kunstwerk, 9/XV, März 1962, Abb. S. 31
  9. „Die mit ihrer Mappe vorbeikamen“: Thom Barth, Erhard Mika, Wilfried Momberg, Paul Th. Schandin, Jörg E. Wetterauer. Ausstellungskatalog, Niedlich, Stuttgart, 4. August – 31. August 1977 (lose, jeweils von den Künstlern individuell konzipierte Blattform in Umschlag, beigelegter Text von Wendelin Niedlich: „Die mit ihrer Mappe vorbeikamen oder aus der Arbeitswelt eines Galeristen“)