Wanda Landowska

polnische Cembalistin und Pianistin

Wanda Aleksandra Landowska (geboren 5. Juli 1879 in Warschau, Russisches Kaiserreich; gestorben 16. August 1959 in Lakeville, Connecticut) war eine polnisch-französische Cembalistin und Pianistin.

Wanda Landowska, porträtiert von Emil Orlík, 1917

Leben und künstlerische LaufbahnBearbeiten

Landowskas entstammte einem kunstinteressierten Elternhaus: Ihr Vater war Anwalt und Laienmusiker in Warschau; ihre Mutter sprach sechs Sprachen, übersetzte erstmals Mark Twain ins Polnische und gründete die erste Berlitz-Sprachschule in Warschau.

Die kleine Wanda begann im Alter von vier Jahren mit dem Klavierspiel; ihr erster Lehrer war Jan Kleczyński. Sie setzte ihre Ausbildung bei Aleksander Michałowski am Warschauer Konservatorium fort, wo sie mit vierzehn Jahren ihre Ausbildung abschloss. Im Alter von 17 ging sie nach Berlin und studierte Klavier bei Moritz Moszkowski sowie Kompositions bei Heinrich Urban. Dort traf sie Henri Lew, den sie heiratete, nachdem sie im Jahr 1900 nach Paris als Lehrerin an die Schola Cantorum gegangen war. Lew ermutigte sie, sich intensiv mit Alter Musik aus dem 17. und 18. Jahrhundert zu befassen. Damit wuchs auch ihr Interesse am Cembalospiel.[1]

Seit 1903 trat sie als Cembalistin auf. Obwohl sie weiterhin auch mit dem Klavier konzertierte, wurde ihr Name mehr und mehr mit dem Cembalo verbunden. Mit diesem gastierte sie in ganz Europa; 1907 und 1909 auch in Russland, wo sie u. a. für Leo Tolstoi spielte.

Von 1913 bis 1919 unterrichtete sie an der Berliner Hochschule für Musik. Den Ersten Weltkrieg verbrachten sie und ihr Ehemann in Berlin; da sie beide mittlerweile französische Staatsbürger waren, allerdings formell als Gefangene auf Bewährung.[1]

Nach einem kurzen Zwischenspiel in Basel – ihr Ehemann war 1919 bei einem Verkehrsunfall gestorben – lehrte Wanda Lewandowska 1920 in Paris an der Sorbonne und der École Normale de Musique. 1923 machte sie erste Schallplattenaufnahmen, nachdem sie bereits 1905 acht Klavierstücke für das Reproduktionsklavier Welte-Mignon im Aufnahmestudio von M. Welte & Söhne aufgenommen hatte.[2] 1925 gründete sie in Saint-Leu-la-Forêt die Schule „École de Musique Ancienne“, wo sie jährlich Sommerkurse abhielt und Konzerte veranstaltete. Sie unterrichtete unter anderem Alice Ehlers, Eta Harich-Schneider, Ralph Kirkpatrick und Rafael Puyana. Von 1925 bis 1928 lehrte sie am Curtis Institute of Music in Philadelphia (USA).

Wegen ihrer jüdischen Abstammung flüchtete Landowska zusammen mit ihrer Schülerin und Gefährtin Denise Restout, die sie 1933 kennengelernt hatte, im Juni 1940 vor der deutschen Wehrmacht in den unbesetzten Teil Frankreichs.[1] Sie musste ihre umfangreiche Musikbibliothek, wertvolle Handschriften sowie ihre berühmte Sammlung von Musikinstrumenten in Paris zurücklassen. Am 20. September 1940 beschlagnahmte Herbert Gerigk vom „Sonderstab Musik“ im Einsatzstab Reichsleiter Rosenberg für die besetzten Gebiete (ERR) ihr Eigentum und ließ die Instrumente in 54 Spezialkisten verpackt nach Berlin schaffen. Offiziellen Protesten gegen den Kunstraub aus französischem Kulturbesitz widersprach man mit dem Argument, Landowska sei keine Französin, sondern eine Jüdin mit polnischem Pass.[3]

Wanda Landowska und Denise Restout konnten ein Visum für die USA bekommen und schifften sich im November 1941 an Bord der Exeter der American Export Lines in Lissabon nach New York ein. 1947 fanden sie in Lakeville ein neues Domizil, wo Lewandowska nach 1950 auch wieder unterrichtete.[1] Im Alter von fünfundsiebzig Jahren gab sie in New York ihr Abschiedskonzert. Denise Restout wurde zur Herausgeberin und Übersetzerin ihrer Schriften zur Musik, der Alten Musik, 1964 posthum veröffentlicht.

Große Teile ihrer Sammlung waren verschollen und galten als im Bombenkrieg zerstört. Verschiedene Instrumente tauchten später bei Auktionen in Belgien, Kanada und Australien auf. Eine Entschädigungszahlung erhielt Wanda Landowska nicht.[4]

Musikgeschichtliche BedeutungBearbeiten

Wanda Landowska spielte seit 1903 auf einem modernisierten Cembalo der französischen Pianoforte-Fabrik Pleyel, das die Kielmechanik mit Elementen des modernen Konzertflügels verband und mit dem sie zunächst in Fachkreisen reüssierte. Weite Verbreitung fanden sie und ihr Cembalo-Spiel, als sie im Jahre 1912 mit einem nach ihren Wünschen von Pleyel gebauten neuen Cembalo-Modell auftrat. Dieser Typ besaß eine um ein 16'-Register erweiterte Disposition, wie Landowska sie bei einem historischen Original von Hieronymus Hass im Brüsseler Museum kennengelernt hatte, zudem als fünftes Register einen nasalen 8' im zweiten Manual. Landowska motivierte Komponisten, für diesen neuen Cembalo-Typus zu schreiben. Manuel de Falla widmete ihr 1926 ein Konzert für Cembalo und Orchester, 1927/1928 komponierte Francis Poulenc das Concert champêtre pour clavecin et orchestre FP.049. Das „Landowska-Modell“ ging in Serie und wurde zum Vorbild für Cembalo-Neukonstruktionen vieler anderer Hersteller im 20. Jahrhundert, bis sich ein halbes Jahrhundert später der möglichst getreue Nachbau historischer Originale bei Interpreten und Instrumentenbauern durchsetzte.

Landowska trat bis in die 1950er Jahre hinein regelmäßig auf und wurde eine der bedeutendsten Cembalospielerinnen in der erste Hälfte des 20. Jahrhunderts. Sie war maßgeblich für die Wiederentdeckung dieses Instruments und zugleich auch für einen wissenschaftlichen Ansatz zur Aufführungspraxis der Musik den 17. und 18. Jahrhunderts.[1] Wanda Landowska machte sich in herausragender Weise um die Wiederentdeckung der Kielinstrumente verdient und gab damit auch einen wichtigen Impuls für die historische Aufführungspraxis.

Dies gilt auch für die Wiederentdeckung der Bachschen Goldberg-Variationen, die bis dahin kaum zu hören waren. Claudio Arrau und Wilhelm Backhaus hatten sie in den 1930er Jahren aufgeführt, aber es war im Mai 1933 Wanda Landowska, die sie zuerst auf dem Cembalo wieder aufführte und im Oktober 1933 die allererste Einspielung des Werks überhaupt vorlegte. Diese erwies sich als sehr einflussreich, da kaum jemand das die Variationen kannte – schon gar nicht gespielt auf einem Cembalo. Als sie 1945 für RCA Victor die Goldberg-Variationen erneut aufnahm, bat Arrau darum, seine 1942 für denselben Verlag vorgenommene Einspielung nicht mehr zu veröffentlichen. Dies sei im Hinblick auf Landowskas Aufnahme nicht mehr richtig.[1]

Durch Wanda Landowska wurde der bulgarisch-französische Pianist Alexis Weissenberg in seinen Bach-Interpretationen stark geprägt.

KompositionenBearbeiten

Vor dem 26. Februar 1896 in BerlinBearbeiten

AusstellungenBearbeiten

  • 2009/10 Die Dame mit dem Cembalo – Wanda Landowska und die Alte Musik, Berliner Musikinstrumenten-Museum
  • 2011: Erinnerungen an Wanda Landowska, Bachhaus Eisenach

DokumentationBearbeiten

  • Barbara Attie (u. a.): Uncommon Visionary: A Documentary on the Life and Art of Wanda Landowska, 1997. DVD-Veröffentlichung: VAImusic 4246. (Enthält vier Videoaufnahmen von Wanda Landowska am Cembalo aus dem Jahr 1953)

SchriftenBearbeiten

  • Wanda Landowska und Henri Lew-Landowski: Musique Ancienne. Mercure de France, Paris 1909 (franz.)

LiteraturBearbeiten

  • Ingo Harden, Gregor Willmes: PianistenProfile. 600 Pianisten: Ihre Biografie, ihr Stil, ihre Aufnahmen. Wanda Landowska. 1. Auflage. Bärenreiter, Kassel 2008, ISBN 978-3-7618-1616-5, S. 413–415.
  • Jutta Dick, Marina Sassenberg (Hrsg.): Jüdische Frauen im 19. und 20. Jahrhundert. Lexikon zu Leben und Werk, Reinbek 1993, ISBN 3-499-16344-6.
  • Martin Elste: Wanda Landowskas Musique ancienne. Die legendäre Streitschrift einer musikalischen Amazone: Themen, Editionen, Konkordanz, in: Jahrbuch 2016 des Staatlichen Instituts für Musikforschung Preußischer Kulturbesitz hrsg. v. Simone Hohmaier. Schott, Mainz 2019, S. 235–276.

WeblinksBearbeiten

Commons: Wanda Landowska – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. a b c d e f Jonathan Summers in Booklet zur CD: Great Harpsichordists: Landowska. Bach: Goldberg Variations, Italian Concerto, Chromatic Fantasy and Fugue, Naxos Historical, Nr. 8.110313.
  2. Gerhard Dangel und Hans-W. Schmitz: Welte-Mignon-Reproduktionen / Welte-Mignon Reproductions. Gesamtkatalog der Aufnahmen für das Welte-Mignon Reproduktions-Piano 1905–1932 / Complete Library Of Recordings For The Welte-Mignon Reproducing Piano 1905–1932. Stuttgart 2006, ISBN 3-00-017110-X, S. 466.
  3. Willem den Vries: Wanda Landowska und ihre ‚Musique Ancienne‘. In: Raub und Restitution. hrsg. von Inka Bertz und Michael Dorrmann, Göttingen 2008, ISBN 978-3-8353-0361-4, S. 219.
  4. Willem den Vries: Wanda Landowska und ihre ‚Musique Ancienne‘. S. 222.
  5. Quelle: Tagebuch von Wanda Landowska