Walter Koch (Historiker)

österreichischer Historiker, Diplomatiker und Epigraphiker

Walter Koch (* 22. April 1942 in Wien; † 27. Dezember 2019 in Waidhofen an der Ybbs) war ein österreichischer Historiker und Diplomatiker. Er galt auch als einer der führenden deutschsprachigen Epigraphiker. Von 1982 bis 2007 lehrte er als ordentlicher Professor für Geschichtliche Hilfswissenschaften an der Universität München. Unter Koch wurde München auch international eine wichtige Anlaufstelle für inschriftenpaläographische Forschungen.

Walter Koch in Bari aufgenommen von Franz-Albrecht Bornschlegel im Jahr 2007.

Leben und WirkenBearbeiten

Seine Schulzeit verbrachte er in Wien. Er studierte ab 1960 Geschichte und ab 1961 in Verbindung mit Klassischer Philologie an der Universität Wien. Die Lehramtsprüfung für Latein und Griechisch legte er 1965 ab. Von 1965 bis 1968 absolvierte er den dreijährigen Kurs des Instituts für Österreichische Geschichtsforschung. Aus seiner Mitarbeit von 1968 bis 1982 an der Edition der Urkunden Kaiser Friedrichs I. unter Heinrich Appelt ergaben sich das Thema seiner von Alphons Lhotsky betreuten Promotion (Ausländische Besucher in Wien. Ein Beitrag zur internationalen Stellung der Stadt im Mittelalter). Er veröffentlichte 1973 eine „diplomatisch-paläographische Untersuchung“ über Die Reichskanzlei in den Jahren 1167 bis 1174.[1] Seine Habilitation (Die Schrift der Reichskanzlei im 12. Jahrhundert (1125–1190). Untersuchungen zur Diplomatik der Kaiserurkunde) erfolgte 1978. Von 1968 bis 1975 war er hauptberuflich im Schuldienst (Gymnasium) tätig. Von 1975 bis 1982 war er Wissenschaftlicher Beamter am Institut für österreichische Geschichtsforschung. Seine Tätigkeit im Schuldienst führte er nebenberuflich bis August 2003 fort.[2] Mit seiner Berufung 1982 als Nachfolger von Peter Acht und Waldemar Schlögl auf den Lehrstuhl für Geschichtliche Hilfswissenschaften in München übernahm er die Edition der Urkunden Kaiser Friedrichs II. Er war von 1987 bis 1991 Prodekan und Dekan an der Philosophischen Fakultät für Geschichts- und Kunstwissenschaften sowie Geschäftsführender Direktor des Historischen Seminars (2001). Er wurde 2007 emeritiert. Der Lehrstuhl für Geschichtliche Hilfswissenschaften wurde herabgestuft, personelle und finanzielle Mittel für die Epigraphik wurden gekürzt und die eigenständige epigraphische Forschungsbibliothek in die „Fachbibliothek Historicum“ transferiert.[3]

Koch spezialisierte sich auf die historischen Hilfswissenschaften Diplomatik (Urkundenwissenschaft) und Epigrafik (Inschriftenkunde). Er zählte in Deutschland neben Horst Enzensberger, Thomas Frenz, Theo Kölzer oder Peter Rück zu den wenigen eng hilfswissenschaftlich ausgerichteten Mediävisten.[4] Koch veröffentlichte mehrere Studien zur Diplomatik. Außerdem arbeitete er an einer zweibändigen Monografie zur mittelalterlichen und neuzeitlichen europäischen Epigrafik, deren erster Teil zum Früh- und Hochmittelalter 2007 erschien. Durch das von Koch geleitete und seit 1990 bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften angesiedelte Projekt wurden für den Zeitraum von 1198 bis Juni 1226 die Urkunden Friedrichs II. in fünf Bänden in den Monumenta Germaniae Historica (MGH) veröffentlicht. In diesem Zusammenhang konnten zahlreiche Neufunde von bis dahin unbekannten Urkunden des staufischen Herrschers gemacht werden.[5] Nach dem Tod von Walter Heinemeyer wurde er Mitherausgeber des Archivs für Diplomatik

Für seine Forschungen wurden Koch zahlreiche wissenschaftliche Ehrungen und Mitgliedschaften zugesprochen. Ihm wurde 1977 der Jubiläumspreis des Böhlau Verlages durch die Österreichische Akademie der Wissenschaften und 1989 der Apulienpreis durch die Gesellschaft für deutsch-italienische Freundschaft in Foggia verliehen. Er war Mitglied der Comité International de Paléographie Latine, korrespondierendes Mitglied der philosophisch-historischen Klasse im Ausland der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ab 1985)[6] und ordentliches Mitglied der philosophisch-historischen Klasse der Bayerischen Akademie der Wissenschaften (ab 1993). Er war von 1983 bis 1996 Schatzmeister, von 1996 bis 2001 und ab 2010 Ehrenmitglied Commission Internationale de Diplomatique. Er war von 1988 bis 1997 Obmann der Kommission für die Herausgabe der Inschriften des Deutschen Mittelalters der Österreichischen Akademie der Wissenschaften. Er wurde 1997 in die Zentraldirektion der Monumenta Germaniae Historica gewählt. Ihm wurde 2007 eine Festschrift mit über 800 Seiten gewidmet. Im Jahr 2018 wurde er mit dem Wissenschaftlichen Stauferpreis für sein wissenschaftliches Lebenswerk vor allem als Editor der Urkunden des Stauferkaisers Friedrich II. ausgezeichnet. Er war außerdem eines der Gründungsmitglieder der 1994 eingerichteten Stauferstiftung. Im Juni 2019 wurde ihm für seine Verdienste um die MGH die Freiherr vom Stein-Medaille verliehen. Ihm wurde am 26. Juni 2019 das Österreichischen Ehrenkreuz für Wissenschaft und Kunst 1. Klasse verliehen. Er war von 1997 bis 2010 Vorsitzender der Interakademischen Kommission des deutschen Inschriftenwerks.

Koch starb im Dezember 2019 nach längerer Krankheit im Alter von 77 Jahren.[7] Er wurde in Waidhofen an der Ybbs bestattet.[8]

Schriften (Auswahl)Bearbeiten

Monographien

  • Die Reichskanzlei in den Jahren 1167 bis 1174. Eine diplomatisch-paläographische Untersuchung (= Denkschriften der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, Philosophisch-Historische Klasse. Bd. 115 = Veröffentlichungen der Historischen Kommission. Bd. 2). Verlag der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, Wien 1973.
  • Die Schrift der Reichskanzlei im 12. Jahrhundert (1125–1190). Untersuchungen zur Diplomatik der Kaiserurkunde. Denkschriften der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, Phil.-hist. Kl. 134 (1979)
  • Literaturbericht zur mittelalterlichen und neuzeitlichen Epigraphik (1976–1984) (= Monumenta Germaniae Historica, Hilfsmittel. Bd. 11). Monumenta Germaniae Historica, München 1987, ISBN 3-88612-023-6.
  • mit Franz-Albrecht Bornschlegel, Albert Dietl und Maria Glaser: Literaturbericht zur mittelalterlichen und neuzeitlichen Epigraphik (1985–1991). (= Monumenta Germaniae Historica, Hilfsmittel. Bd. 14). Monumenta Germaniae Historica, München 1994, ISBN 3-88612-114-3.
  • mit Maria Glaser und Franz-A. Bornschlegel: Literaturbericht zur mittelalterlichen und neuzeitlichen Epigraphik (1992–1997) (= Monumenta Germaniae Historica, Hilfsmittel. Bd. 19). Hahn, Hannover 2000, ISBN 3-7752-1126-8.
  • mit Franz-Albrecht Bornschlegel: Literaturbericht zur mittelalterlichen und neuzeitlichen Epigraphik (1998–2002) (= Monumenta Germaniae Historica, Hilfsmittel. Bd. 22). Hahn, Hannover 2005, ISBN 3-7752-1129-2.
  • Inschriftenpaläographie des abendländischen Mittelalters und der früheren Neuzeit. Früh- und Hochmittelalter. Oldenbourg, Wien/München 2007, ISBN 978-3-486-58189-8 Besprechung von Karl Borchardt in ZBLG 72, 2009, S, 177f.

Herausgeberschaften

  • mit Christine Steininger: Inschrift und Material, Inschrift und Buchschrift. Fachtagung für Mittelalterliche und Neuzeitliche Epigraphik, Ingolstadt 1997 (= Abhandlungen. Philosophisch-Historische Klasse der Bayerischen Akademie der Wissenschaften. Neue Folge. Bd. 117). Verlag der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, München 1999, ISBN 3-7696-0112-2.
  • Epigraphik 1982. Fachtagung für mittelalterliche und neuzeitliche Epigraphik. Klagenfurt, 30. September – 3. Oktober 1982. (= Denkschriften der Österreichische Akademie der Wissenschaften, Abhandlungen. Philosophisch-Historische Klasse. Bd. 169 = Veröffentlichungen der Kommission für die Herausgabe der Inschriften des Deutschen Mittelalters. Bd. 1). Verlag der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, Wien 1983.

Editionen

  • unter Mitwirkung von Klaus Höflinger und Joachim Spiegel und unter Verwendung von Vorarbeiten von Charlotte Schroth-Köhler: Die Urkunden Friedrichs II. (= Monumenta Germaniae Historica Diplomata. Band 14,1).

LiteraturBearbeiten

  • Fritz Fellner, Doris A. Corradini (Hrsg.): Österreichische Geschichtswissenschaft im 20. Jahrhundert. Ein biographisch-bibliographisches Lexikon (= Veröffentlichungen der Kommission für Neuere Geschichte Österreichs Bd. 99). Böhlau, Wien u. a. 2006, ISBN 978-3-205-77476-1, S. 227.
  • Theo Kölzer, Franz-Albrecht Bornschlegel, Christian Friedl, Georg Vogeler (Hrsg.): De litteris, manuscriptis, inscriptionibus ... Festschrift zum 65. Geburtstag von Walter Koch. Böhlau, Wien u. a. 2006, ISBN 3-205-77615-1.
  • Theo Kölzer: Nachruf auf Walter Koch (1942–2019). In: Archiv für Diplomatik. 66, 2020, S. 1–5.
  • Reinhard Härtel: Nachruf Walter Koch. In: Deutsches Archiv für Erforschung des Mittelalters. 76, 2020, S. 199–201.
  • Manfred Stoy (Mitarbeit: Wolfgang Hilger): Walter Koch †. In: Mitteilungen des Instituts für Österreichische Geschichtsforschung. 128, 2020, S. 519–524.

WeblinksBearbeiten

AnmerkungenBearbeiten

  1. Vgl. dazu die Besprechung von Alfred Gawlik in Deutsches Archiv für Erforschung des Mittelalters. 32, 1976, S. 244–245 (online); Odilo Engels in: Historische Zeitschrift 220, 1975, S. 184–185; Paulius Rabikauskas in: Archivum Historiae Pontificiae 13, 1975, S. 444–445; Georg Miczka in: Vierteljahrschrift für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte 65, 1978, S. 305.
  2. Theo Kölzer: Nachruf auf Walter Koch (1942–2019). In: Archiv für Diplomatik. 66, 2020, S. 1–5, hier: S. 2.
  3. Franz-Albrecht Bornschlegel: Epigraphik des Mittelalters und der Frühen Neuzeit. In: Archiv für Diplomatik 65 (2019) S. 237–266, hier: S. 241.
  4. Hans-Werner Goetz: Moderne Mediävistik. Stand und Perspektiven der Mittelalterforschung. Darmstadt 1999, S. 157.
  5. Walter Koch: Neugefundene Urkunden Kaiser Friedrichs II. In: Zeitschrift für bayerische Landesgeschichte 60 (1997), S. 465–477; Walter Koch: Neuentdeckte Urkunden Kaiser Friedrichs II. aus dem dritten Jahrzehnt des 13. Jahrhunderts. In: Konrad Ackermann, Alois Schmid und Wilhelm Volkert (Hrsg.): Bayern vom Stamm zum Staat. Festschrift für Andreas Kraus zum 80. Geburtstag. München 2002, S. 67–75.
  6. Mitgliedsseite Österreichische Akademie der Wissenschaften
  7. Martina Hartmann: Wir trauern um Prof. Dr. Walter Koch (*22. April 1942 – † 27. Dezember 2019) Monumenta Germaniae Historica, 28. Dezember 2019.
  8. Walter Koch, Bestattung Aigner. Abgerufen am 6. August 2021.