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Walter Georg Kühne

deutscher Paläontologe
BW

Walter Georg Kühne (* 26. Februar 1911 in Berlin; † 16. März 1991) war ein deutscher Wirbeltier-Paläontologe, bekannt für Forschungen über mesozoische Säugetiere, die er vor allem in Braunkohlelagerstätten suchte. Kühne war ein Pionier auf diesem Gebiet.

Kindheit, Jugend und FamilieBearbeiten

Er wurde während der Kaiserzeit als Sohn des aus Jamlitz in der Niederlausitz stammenden Malers, Zeichners und Graphikers Walter Kühne (1875–1956) geboren.

Walter Georg Kühne besuchte zunächst die 1920 von Ernst Putz, Gertrud (1889–1977) und Max Bondy gegründete reformpädagogische Freie Schul- und Werkgemeinschaft Sinntalhof bei Brückenau in Unterfranken, nach deren Schließung die Freie Schulgemeinde Wickersdorf bei Saalfeld im Thüringer Wald, zu der auch seine beiden Geschwister Wolfgang (* 1902) und Marianne (* 1907) gingen. 1915/16 war sein Vater dort als Zeichenlehrer tätig gewesen. Mit Putz blieb Kühne zeitlebens befreundet. Ostern 1925 wechselte Walter Georg Kühne zu der von Martin Luserke gegründeten Schule am Meer auf die Nordseeinsel Juist,[1] an der er im Frühjahr 1930 seine Reifeprüfung bestand, u. a. mit Gerhard Bry.[2]

Kühne heiratete die aus Weidenau stammende Adelheid Zauleck (* 25. November 1912), genannt Heidi, mit der er ein Kind bekam.

Berufliche EntwicklungBearbeiten

1938 befasste sich Kühne mit mittelalterlichen Kirchenglocken, über die er einen Beitrag für ein deutsches Reisemagazin verfasste. Ende der 1930er Jahre floh er dann jedoch vor den Nationalsozialisten nach Großbritannien. Nach einem Fund in Südengland 1939 beschrieb er Oligokyphus (Tritylodontidae). Zu Beginn des Zweiten Weltkrieges begeisterte er die Paläontologen der University of Cambridge, denen er Stoßzähne von selbst entdeckten Mammuts vorlegte.[3][4][5][6] Nach Funden in Wales in den 1940er Jahren beschrieb er als erster Morganucodon, eines der ältesten Säugetiere. 1946 beschrieb er nach Funden in Südwestengland die nach ihm Kuehneosaurus benannte Gleitflugechse aus dem Trias.

Nach Kriegsende kehrte er nach Deutschland zurück, wo er studierte. 1949 promovierte er an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms Universität in Bonn. 1958 habilitierte er sich an der mathematisch-naturwissenschaftlichen Fakultät der Freien Universität in Berlin, an welcher er im selben Jahr das Institut für Paläontologie gründete.

Er fand 1959 erste Hinweise auf die reichhaltige jurassische Säugetierfundstelle Guimarota bei Leiria in Portugal, die später sein Schüler Bernard Krebs ab 1973 ausgiebig erkundete.

EhrungenBearbeiten

Ihm zu Ehren ist die Gattung früher Säugetiere Kuehneotheria und die Art des Dinosauriers Alocodon kuenei benannt, außerdem die als Kuehneosaurus benannte Gleitflugechse aus dem Trias.

WerkeBearbeiten

  • Fadenreliefs mittelalterlicher Kirchenglocken. In: Atlantis – Länder, Völker, Reisen. Martin Hürlimann (Hrsg.), Jahrgang X, Heft 8, Leipzig/Zürich 1938, S. 461–465.
  • The Tritylodontid reptile Oligokyphus. Inaugural-Dissertation, Mathematisch-naturwissenschaftliche Fakultät, Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität, Bonn 1949
  • The Liassic Therapsid Oligokyphus, London, British Museum 1956
  • Rhaetische Triconodonten aus Glamorgan. Ihre Stellung zwischen den Klassen Reptilia und Mammalia und ihre Bedeutung für die Reichart'sche Theorie, Paläontologische Zeitschrift, Band 32, 1958, Nr. 3/4, S. 197–235 (=Habilitationsschrift, 12. Juli 1958)
  • History of discovery, report on the work performed, procedure, technique and generalities, in: Friedrich-Franz Helmdach u. a., Contribuição para a fauna do Kimeridgiano da mina de lignito Guimarota (Leiria, Portugal), Memórias dos Serviços Geológicos de Portugal, Direçcâo Geral de Minas e Serviços Geológicos de Portugal (Herausgeber), Lissabon 1968
  • Paläontologie und dialektischer Materialismus. VEB Gustav Fischer Verlag, Jena 1979
  • Paleontology and dialectis. Reihe: Documenta naturae, 62. Kanzler, München 1986
  • Quo vadis, Paläontologie? Paläontologische Essays von Walter Georg Kühne 1943–1990. Reihe: Documenta naturae, 113. Rolf Kohring und Thomas Schlüter (Hrsg.), München 1997

Siehe auchBearbeiten

LiteraturBearbeiten

  • Michael E. Schudack (Hrsg.): Beiträge zur Paläontologie. Zum Gedenken an Walter Georg Kühne. Reihe: Berliner geowissenschaftliche Abhandlungen A, 134. Freie Universität Berlin, Fachbereich Geowissenschaften (Hrsg.), Berlin 1991. ISBN 978-3-927541-35-1.
  • Margarete Schilling: Figürliche Ritzzeichnungen auf historischen Glocken: Graphitabreibungen von Charlotte und Walter G. Kühne. Band 1, Band 2 und Band 3. Apolda 2004 (ohne ISBN)

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. Gudrun Fiedler, Susanne Rappe-Weber, Detlef Siegfried (Hrsg.): Sammeln – erschließen – vernetzen: Jugendkultur und soziale Bewegungen im Archiv. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2014. ISBN 978-3-8470-0340-3, S. 168.
  2. Logbuch der Schule am Meer Juist, Eintrag vom 25. März 1930.
  3. Rolf Kohring: Walter Georg Kühne, 1911-1991. In: News Bulletin of the Society of Vertebrate Paleontology. Ausg. 153 (1991), S. 46–47
  4. William J. Cromie: Oldest mammal is found. In: Harvard Gazette, 24. Mai 2001
  5. Zofia Kielan-Jaworowska / Richard L. Cifelli, / Zhe-Xi Luo: Mammals from the Age of Dinosaurs. Origins, Evolution, and Structure. Columbia University Press, New York 2004. ISBN 0-231-11918-6, S. 169
  6. Zofia Kielan-Jaworowska: Walter G. Kühne. In: Pursuit of Early Mammals. Life of the Past. Indiana University Press, Bloomington, Indiana, 2013. ISBN 978-0-253-00824-4, S. 74–77