Waldai-Klub

jährliche Veranstaltung in Russland

Der Internationale Diskussionsklub „Waldai“ (kurz: „Waldai“-Klub; russisch Международный дискуссионный клуб «Валдай»; englisch Valdai Discussion Club) ist die Bezeichnung für ein seit 2004 jährlich im Herbst in Russland stattfindendes Treffen von Journalisten, Politikern, Experten/Wissenschaftlern und Personen des öffentlichen Lebens aus Russland und anderen Ländern.

Die Plenartagungen beschäftigen sich mit der Politik Russlands, wobei jedes Jahr ein anderes Thema in den Mittelpunkt gestellt wird. Fester Bestandteil der Tagung ist ein Auftritt des Präsidenten der Russischen Föderation (RF) mit einer Ansprache und einer Podiumsdiskussion oder Pressekonferenz.[1]

Valdai logo eng3.JPG

GeschichteBearbeiten

GründungsgeschichteBearbeiten

Der Waldai-Klub tagte erstmals im September 2004 in der Stadt Weliki Nowgorod, nördlich vom namensgebenden Waldai-Höhenzug. Die Initiatoren waren der Rat für Außen- und Verteidigungspolitik (russische NGO), die Presseagentur RIA Novosti, die Zeitung „The Moscow Times“ und die Zeitschriften „Russland in der Weltpolitik“[2] und „Russia Profile“. Seit 2011 sind die Gründerpersonen durch eine Fördergesellschaft abgelöst worden.

Seit Gründung wurden jährlich Plenartagungen an wechselnden Orten durchgeführt. Nach Angaben der Organisatoren waren daran bis 2019 mehr als 1000 Experten/Wissenschaftler aus 71 Ländern beteiligt.

Veranstaltungen erstreckten sich darüber hinaus auf weitere Orte[3] bei Regionalkonferenzen des „Waldai“-Klubs in mehreren Dialog-Formaten: Asien-, Nahost-, Russland-China-, Euro-Atlantik-Dialog. Klubsitzungen fanden außerdem im Rahmen des Internationalen Wirtschaftsforums St. Petersburg und des Östlichen Wirtschaftsforums in Wladiwostok statt.

FördergesellschaftBearbeiten

Im Zusammenhang mit der Ausweitung der Klubtätigkeit und in Übereinstimmung mit novellierten rechtlichen Normen für die Zivilgesellschaft in Russland wurde 2011 die nichtkommerzielle Organisation (der Fonds)[4] Fördergesellschaft zur Entwicklung und Unterstützung des Internationalen Diskussionsklubs „Waldai“ geschaffen. Ziel ist die Organisation neuer Arbeitsrichtungen in der wissenschaftlichen Forschungstätigkeit, Informations- und Bildungsarbeit sowie bei regionalen und thematischen Programmen. Seit 2014 hat die Fördergesellschaft Waldai-Klub vollständig die Führung aller Klub-Projekte übernommen.[5]

Gründungsmitglieder und Zeichner des Fonds sind:

  • die nichtkommerzielle Partnerschaft Russischer Rat für Internationale Angelegenheiten, ru – Некоммерческое партнёрство «Российский совет по международным делам» (РСДМД);
  • die Nationale Forschungsuniversität „Hochschule für Wirtschaft (HSW)“, ru – Национальный исследовательский университет «Высшая школа экономики» (НИУ ВШЭ);
  • das Moskauer Staatliche Institut (Universität) für Internationale Beziehungen des Außenministeriums der Russischen Föderation, ru. – Московский государственный институт (университет) международных отношений Министерства иностранных дел Российской Федерации (МГИМО МИД РФ);
  • Rat für Außen- und Verteidigungspolitik (russische NGO), ru – Совет по внешней и оборонной политике (СВОП).

Die Fördergesellschaft „Waldai“-Klub wird von einem Rat geleitet: Ratsvorsitzender ist derzeit Andrej Bystrizkij; Geschäftsführende Direktorin ist Nadeshda Lawrentjewa; Forschungsdirektor ist Fjodor Lukjanow.[1]

Chronologie der Orte und PlenartagungenBearbeiten

Plenartagungen an wechselnden Orten (2004–2013)Bearbeiten

  • Welikij Nowgorod (2004):„Russland zur Jahrhundertwende – Hoffnungen und Tatsachen“. Die Teilnehmer trafen sich mit Wladimir Putin.
  • Schiffspassage (2005): Das zweite Treffen fand auf dem komfortablen Schiff „Alexander Radischtschew“ statt, auf dem Moskau-Wolga-Kanal von Moskau bis Twer und zurück. Das Thema der Konferenz: „Russland – ein politisches Kaleidoskop“.
  • Moskau und Chanty-Mansijsk (2006): „Weltweite Energetik des 21. Jahrhunderts – Rolle und Platz Russlands“.
  • Kasan und Sotschi (2007): Es wurden etwa 100 Politiker und Journalisten aus 12 Ländern eingeladen, darunter der stellvertretende Ministerpräsident Russlands Sergei Borissowitsch Iwanow und der Oberhaupt der Russisch-Orthodoxen Kirche Patriarch Alexius II. Im Rahmen des Forums in Sotschi fand ein Treffen mit Wladimir Putin statt.
  • Rostow am Don (2008): „Die Rolle Russlands in der weltweiten geopolitischen Revolution des 21. Jahrhunderts“. Das Treffen wurde vom Präsidenten Medwedew und Ministerpräsidenten Putin besucht.
  • Jakutsk (2009): „Russland und der Westen – Vergangenheit und Zukunft“.
  • Sankt Petersburg und Sotschi (2010): Die Teilnehmer besuchten den Ministerpräsidenten Putin in seiner Sommerresidenz in Sotschi.
  • Kaluga und Moskau (2011): „Die Wahlen von 2011 und 2012 und die Zukunft Russlands: Szenarien für die nächsten 5-8 Jahre“.
  • Sankt Petersburg (2012): „Die Zukunft wird heute erschaffen: Szenarien für Russlands wirtschaftliche Entwicklung“
  • Gebiet Nowgorod (2013): „Russlands Vielfalt für die gegenwärtige Welt“ statt. In seiner Rede warf Wladimir Putin dem Westen vor, die grundlegenden moralischen Werte der christlichen Kultur zu verraten, welche die Grundlagen ihrer Zivilisation darstellten.[6]

Plenartagungen in Sotschi (2014–2019)Bearbeiten

Von 2014 bis 2019 fanden die Jahrestagungen jeweils im Oktober in Sotschi statt.

  • 2014: „Weltordnung: Neue Regeln oder ein Spiel ohne Regeln?“ Der russische Präsident hielt eine Ansprache, die sich vor allem mit Fragen der Außenpolitik befasste und schwere Vorwürfe gegen die USA enthielt.
  • 2015: „Sicherheit und die Probleme des Krieges“, „Der Staat in der modernen Welt“, „Globalisierung und Regionalisierung“, „Wie sich die globale Umwelt verändert“, „Globale Alternativen“ sowie „Eurasien“.
  • 2016: „Eurasien im 21. Jahrhundert: Eine neue Rolle für Russland und neue Perspektiven“
  • 2017: „Eurasien und Asien: Entwicklung in einer sich rasch wandelnden Welt“
  • Im Jahr 2018 wurde in Sotschi zum Thema “Russland: Agenda für das 21. Jahrhundert” debattiert, in welcher Russland, seine Perspektiven, Entwicklung und sein Rang in der Welt im Vordergrund stehen[7] sollte. Unter anderem wurde über in der Vorbereitung des Plenums über das Führen eines Atomkriegs diskutiert, wobei Andrei Fursenko, Assistent des russischen Präsidenten eine zukünftige Gefahr mehr bei „genetischer Kriegsführung“ sah. Putin nahm diese Aussagen auf und sprach davon, dass es „alarmierende“ Berichte gebe.[8] Im Unterschied zu früheren Jahren saß Präsidenten Wladimir Putin beim Podium nicht bei den anderen Teilnehmern, sondern wurde zum größten Teil alleine befragt, wobei aufgrund der Einblendungen auf Bildschirmen ersichtlich war, dass das ganze Interview einem genauen Drehbuch folgte. Die Zeitung Kommersant kritisierte, dass der Moderator dem Präsidenten dessen eigene früheren Zitate als Stichworte vorgab zu selbstreferenzierende Zirkelschlüsse.[9]
  • 2019: „Die Morgenröte des Ostens und die politische Weltordnung.“

Plenarsitzung als Videokonferenz in Moskau (2020)Bearbeiten

2020 wurde die XVII. Jahrestagung aus hygienischen Gründen als Videokonferenz und mit verringerter Teilnehmerpräsenz in Moskau organisiert. In diesem Jahr lautete das Thema: „Lehren aus der Pandemie und eine neue Agenda: Wie die globale Krise in Chancen für den Frieden verwandelt werden kann.“ Der Präsident Putin trat mit einer Erklärung im Videokonferenz-Podium mit folgenden thematischen Schwerpunkten auf:

Tagung als Präsenz- und Videokonferenz in Sotschi (2021)Bearbeiten

Thema: „Globaler Umbruch – XXI: Mensch, Werte, Staat.“ (russisch «Глобальная встряска – XXI: человек, ценности, государство.»)

Die XVIII. Jahrestagung im Valdai International Discussion Club umfasste mehr als 15 Sitzungen (18.–21. Oktober 2021),[11] darunter Veranstaltungen mit dem Außenminister der Russischen Föderation, Sergei Lawrow, und dem Oberbürgermeister Moskaus, Sergei Sobjanin.

Präsident Wladimir Putin merkte an, in einer Reihe westlicher Länder wäre die Debatte über die Rechte von Männern und Frauen zu einem völligen Hirngespinst geworden. Er schilderte seine Sicht auf die westliche Tendenz, alte Traditionen über Bord zu werfen. Er sieht im westlichen „Neusprech“ eine Renaissance des sowjetischen Kulturregimes der 1920er Jahre. Wer wagt zu behaupten, es gibt Männer und Frauen und das ist eine biologische Tatsache, würden regelrecht geächtet werden. Im Westen wäre die Rede von „Elternteil Nummer eins“ und „Elternteil Nummer zwei“, „gebärender Elternteil“ anstelle von „Mutter“, der Begriff „Muttermilch“ sei verboten und durch „menschliche Milch“ ersetzt worden.[12]

WeblinksBearbeiten

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. a b Was ist „Waldai“. In: Homepage Что такое «Валдай» — Клуб «Валдай». Abruf 7. Dezember 2020. [1]
  2. Zeitschrift (cs, en, pol, ru) Russland in der Globalpolitik [2]
  3. Konferenzorte des Internationalen Diskussionsklubs „Waldai“. In: The Valdai Story (valdaiclub.com). Abruf 7. Dezember 2020. [3]
  4. Fonds (ru – Фонд) ist die Bezeichnung für eine nichtkommerzielle Organisation, die von Natürlichen Personen (Bürgern) und/oder juristischen Personen auf der Basis freiwilliger Vermögenseinlagen geschaffen wird, um wohltätige, kulturelle, Bildungs- und andere soziale und gesellschaftlich nützliche Zwecke zu verfolgen. In: Fachterminus Фонд in der Übersetzung aus dem Russischen. In: S. I. Oshjogow: Wörterbuch der Russischen Sprache. 70.000 Wörter. (Hrsg.) Akademie der Wissenschaften der UdSSR, Institut für Russische Sprache: 22. Auflage Moskau 1990, ISBN 5-200-01088-8, S. 852–853. (ru – С. И. Ожегов: Словарь Русского Языка, 70.000 слов. (изд.) Академия Наук СССР, Институт Русского Языка: 22-е издание, Москва 1990г., 924 стр.)
  5. Fördergesellschaft „Waldai“-Klub (ru – Фонд клуба «Валдай»). In: Homepage Was ist „Waldai“. (ru – Что такое «Валдай»-Клуб «Валдай»). Abruf 7. Dezember 2020.[4]
  6. Wladimir Putins Rede auf einer Sitzung des Vereins "Waldai", Rossijskaja gaseta, 19. September 2013
  7. 15th Annual Meeting of the Valdai Discussion Club, Waldaiclub Eigenangabe
  8. Putin: Berichte über die Entwicklung biologischer Waffen sind alarmierend, TASS, 18. Oktober 2018
  9. Solche Waldais brauchen wir nicht, Kommersant, 18. Oktober 2018; Zitat: "Auch auf den Bildschirmen hinter Wladimir Putin erschienen Zitate, und es war überdeutlich darauf hin weisend, dass die Fragen im Voraus vorbereitet wurden, sorgfältig, mit Absicht und grundsätzlich mit dem Ziel, dem Präsidenten zu erlauben, sich erneut zu beweisen."
  10. Dokumentation, Erklärung und Antworten von Wladimir PUTIN beim „Waldai“-Diskussionsklub Oktober 2020. Dokumentation und Protokoll der Präsidialverwaltung (Auszug, dt.). In: Dr. Rainer Böhme (Hrsg.): DGKSP-Diskussionspapiere, Dresden 2020, Dezember, ISSN 2627-3470, S. 10–12 und 23–43.
  11. Programm der XVII. Jahrestagung des Internationalen Diskussionsklubs „Waldaj“ (russ.) [5]
  12. Wladimir Putin: Die neue „Cancel Culture“ ist eine „umgekehrte Diskriminierung“ The European, abgerufen am 24. April 2022