Villa Vigoni

Organisation

Die Villa Vigoni – Deutsch-italienisches Zentrum für den europäischen Dialog ist ein 1986 gegründeter Verein, dessen Gebäudeanlagen und Verwaltung in Besitz der Bundesrepublik Deutschland stehen und der in zwei historischen Villen inmitten eines botanischen Gartens am Comer See residiert.

Neben der namengebenden Villa Vigoni gehört zur Liegenschaft auch die Villa Garovaglio.

OrganisationBearbeiten

Villa Vigoni e. V. ist ein von der deutschen und italienischen Regierung gemeinsam getragener Verein.[1] Zu seinen Aufgaben zählt die Förderung der deutsch-italienischen Zusammenarbeit, insbesondere auf den Gebieten Kultur, Kunst und Wissenschaft. Dies findet explizit in einer europäischen Dimension statt. In der Villa Vigoni werden wissenschaftliche Seminare, Doktorandenkollegs, politische und journalistische Gespräche und Fellowship-Programme angeboten, die sich mit der europäischen Identität, ihrer Geschichte und Zukunft auseinandersetzen.

Die Leitung der Villa Vigoni lag in der Gründungsphase bei Beauftragten des Bundesministeriums für Bildung und Wissenschaft; von 1984 bis 1986 war dies Robert Goroncy und dann bis 1987 Ulrich Podewils. Seit 1986 gibt es einen deutschen und seit 1989 einen italienischen Präsidenten, die gemeinsam das deutsch-italienische Dialogzentrum vertreten. Verantwortlicher Leiter der Villa Vigoni ist der Generalsekretär, der von rund 30 Mitarbeitern unterstützt wird.[2]

Deutscher Präsident Amtszeit Italienischer Präsident Amtszeit
Lothar Lahn 1986–1994 Luigi Vittorio Ferraris 1989–2005
Erich B. Kusch 1995–2005 Umberto Vattani 2006–2012
Elisabeth Kieven 2006–2012 Leonardo Visconti di Modrone 2013–2016
Michael Gerdts 2013–2020 Michele Valensise seit 2017
Susanne Wasum-Rainer seit 2021

Generalsekretärin der Villa Vigoni ist seit 1. Oktober 2018 die Historikerin, Romanistin und Rosminiexpertin Christiane Liermann.[3][4] Die Villa Vigoni wurde zuvor geleitet von dem Staatssekretär Paul Harro Piazolo (1987–1992), den Historikern Rudolf Lill (1993–1996) und Bernd Roeck (1997–1999), dem Germanisten Aldo Venturelli (2000–2007), dem klassischen Philologen Gregor Vogt-Spira (2008–2012) und der Literaturwissenschaftlerin Immacolata Amodeo (2012–2018)[5][6]. Die Villa Vigoni verfügt über einen eigenen Youtube-Kanal, der teilweise Tagungen zugänglich macht (siehe unter Weblinks).

VorgeschichteBearbeiten

Der Deutsch-Italiener Don Ignazio Vigoni Medici di Marignano besaß mehrere Gebäude und Grundstücke in Menaggio am Comer See, Italien. Mit seinem Tod 1983 vermachte er den Besitz der Bundesrepublik Deutschland mit der Bedingung, die Völkerverständigung zwischen den Ländern zu fördern. Deutschland kam dieser Forderung nach, indem es auf Regierungsebene mit Italien den Verein Villa Vigoni gründete. Auf deutscher Seite ist der Vertragspartner das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF), auf italienischer Seite das Außenministerium.

RechtsstreitBearbeiten

Die Villa Vigoni war Gegenstand eines Rechtsstreits, der durch eine Klage Deutschlands gegen Italien vor dem Internationalen Gerichtshof (IGH) internationale Bedeutung bekommen hat. Die historischen Wurzeln des Falls liegen in deutschen Kriegsverbrechen im griechischen Ort Distomo (weitere Details im dortigen Artikel). Die Angehörigen der griechischen Opfer klagten vor griechischen Gerichten gegen die Bundesrepublik Deutschland auf Entschädigungszahlungen und obsiegten in einem erstinstanzlichen Versäumnisurteil 1997; ein Revisionsantrag wurde 2000 vom Areopag, dem höchsten griechischen Gericht, zurückgewiesen. Die Zwangsvollstreckung (u. a. Pfändung des Goethe-Instituts in Athen) scheiterte jedoch am Fehlen der notwendigen Zustimmung der griechischen Regierung.

Im Jahr 2008 entschied das oberste italienische Zivilgericht, der römische Kassationsgerichtshof, dass die griechischen Urteile in Italien vollstreckt werden können, woraufhin eine Zwangshypothek auf die Villa Vigoni eingetragen wurde. Dies berührt den Grundsatz der Staatenimmunität, so dass die deutsche und die italienische Regierung sich verständigten, eine Entscheidung des IGH über die generelle Reichweite der völkerrechtlich verankerten Immunität der Staaten gegenüber Individualansprüchen herbeizuführen.[7] 2012 urteilte der IGH zu Gunsten der Bundesrepublik; die Villa kann demnach nicht gepfändet werden.[8]

Geschichte der VillaBearbeiten

Der aus Frankfurt am Main stammende Mailänder Kaufmann, Industrielle und Bankier Heinrich Mylius (1769–1854) erwarb die Villa einschließlich eines 5 Hektar großen Parks für seinen Sohn Julius. Dieser starb 1829 kurz nach seiner Hochzeit mit der Mailänder Aristokratin Luigia Vitali (1809–1884). Im Gedenken an seinen Sohn ließ Mylius im Garten der Villa einen Tempietto errichten und mit Reliefs von Pompeo Marchesi und Bertel Thorvaldsen ausstatten. Luigia heiratete später Ignazio Vigoni Senior (1808–1860), den Großvater des Erblassers der Villa an die Bundesrepublik.[9]

Villa Vigoni und Frankfurt am MainBearbeiten

Die Stadt Frankfurt am Main ist heute (2012) noch Mitglied des Vereins Villa Vigoni und zeigt somit noch Dankbarkeit gegenüber dem Mäzen und Verbundenheit mit ihrem Sohn.

2019 organisierte die Villa Vigoni in Zusammenarbeit mit dem Museum Giersch der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main eine Ausstellung, die 2019 aus Anlass des 250. Geburtstags von Heinrich Mylius in Frankfurt gezeigt wurde.[10][11]

WeblinksBearbeiten

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. Eingetragen im Vereinsregister beim Amtsgericht Bonn unter VR 5422. Daneben gibt es einen Förderkreis der Freunde der Villa Vigoni e. V., Amtsgericht Bonn, VR 6042.
  2. Former Presidents and Secretary Generals. In: villavigoni.eu. Abgerufen am 17. Mai 2021 (englisch).
  3. Christiane Liermann Traniello. In: Villa Vigoni | Deutsch-Italienisches Zentrum für den Europäischen Dialog. Abgerufen am 16. Juni 2020 (deutsch).
  4. Villa Vigoni ha un nuovo Segretario Generale. In: Villa Vigoni | Centro italo-tedesco per il dialogo europeo. Abgerufen am 16. Juni 2020 (it-IT).
  5. Prestigious Calling (Memento vom 2. Januar 2015 im Internet Archive) (Jacobs University, 7. Februar 2012)
  6. Werdegang | Allgemeine und vergleichende Literaturwissenschaft. Abgerufen am 16. Juni 2020.
  7. beck-aktuell: "IGH: Bundesrepublik erzielt Erfolg im Streit mit Italien um Entschädigungen für Nazi-Verbrechen"
  8. Hans-Jürgen Schlamp: Urteil zu Kriegsverbrechen Rechtsfrieden geht vor Menschenrecht – Spiegel Online, 3. Februar 2012
  9. Frankfurts italienische Filiale in: FAZ vom 21. Juni 2012, Seite 39.
  10. Ausstellung zum „Gründervater“ der Villa Vigoni in Frankfurt. Villa Vigoni, abgerufen am 16. Juni 2020.
  11. Judith v. Sternburg: Heinrich Mylius im Museum Giersch. Das Richtige tun. In: FR. 9. August 2019, abgerufen am 16. Juni 2020.