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Videobeweis (Fußball)

Der Videobeweis im Fußball dient der Vermeidung von Fehlentscheidungen während eines Fußballspiels. Der dazu eingesetzte Video Assistant Referee (VAR), im deutschen Sprachraum als Videoassistent bezeichnet, überprüft dabei strittige Entscheidungen des leitenden Schiedsrichters mit dem Nutzen der sofortigen Wiederholung von Zeitlupen und einem Headset für Konversationen. Im Jahr 2018 wurden Videoassistenten von der International Football Association Board (IFAB) nach den Tests in mehreren Wettbewerben (u. a. Konföderationen-Pokal und Fußball-Bundesliga) in die Spielregeln eingeführt.[1] Sie wurden auch bei einer Fußball-Weltmeisterschaft erstmals in Anspruch genommen.

Inhaltsverzeichnis

EntscheidungenBearbeiten

Es gibt vier Arten von Urteilen, die überprüft werden können:[2]

Dazu ist der Schiedsrichter per Funk mit dem Videoassistent verbunden. Er kann sich zudem bestimmte Szenen selbst an einem Monitor am Spielfeldrand ansehen, was er durch das Handzeichen eines Rechtecks anzeigt.[3]

GeschichteBearbeiten

StreitpunkteBearbeiten

Diskussionen um den Nutzen des Videobeweises kommen regelmäßig nach Fehlentscheidungen des Schiedsrichters auf, wie z. B.:

  • Der Schiedsrichter verkennt ein Foul im Strafraum und entscheidet deshalb nicht auf Elfmeter.
  • Der Schiedsrichter interpretiert eine Schwalbe im Strafraum als Foul und entscheidet deshalb auf Elfmeter.
  • Ein Tor wird trotz einer Abseitssituation fälschlicherweise anerkannt.
  • Eine rote Karte wird zu Unrecht (nicht) gegeben.
  • Der Ball ist nicht vollständig hinter der Torlinie; der Schiedsrichter sieht den Ball im Tor und entscheidet deshalb auf „Tor“.

Dazu kamen mehrere konkrete Vorfälle, darunter:

  • Im Achtelfinale Deutschland gegen England der Fußball-Weltmeisterschaft 2010 in Südafrika war der Ball im Tor. Fernsehbilder zeigten eindeutig (durch Zeitlupen, verschiedene Kamerawinkel etc.), dass der Ball für Sekundenbruchteile deutlich hinter der Torlinie war, bevor er zur Querlatte hochsprang und vom deutschen Torwart Manuel Neuer gefangen wurde. Der Schiedsrichter entschied hier, durchaus den Regeln entsprechend, auf „kein Tor“, da die Situation aufgrund der natürlichen Grenzen menschlicher Wahrnehmungsfähigkeit objektiv weder für ihn noch für den Linienrichter aus dem Spiel heraus (also ohne Zuhilfenahme technischer Hilfsmittel) zweifelsfrei erkennbar war.[4] (Man beachte hier z. B. die offiziellen Anweisungen des DFB zu den Fußballregeln: „Bestehen Zweifel, ob der Ball vollständig im Tor war, soll der Schiedsrichter das Spiel weiterlaufen lassen.“[5])
  • Im Spiel der Gruppe D England–Ukraine bei der Europameisterschaft 2012 wurde ein Treffer von Marko Dević nicht anerkannt.[6] Schiedsrichter und Torrichter nahmen wahr, dass ein Verteidiger den Ball auf der Torlinie „rettete“; tatsächlich traf er ihn aber hinter der Torlinie.
  • Bei einem Bundesligaspiel im Oktober 2013 flog ein von Stefan Kießling geschossener Ball seitlich durch ein Loch im Netz ins Tor; der Schiedsrichter erkannte fälschlicherweise den Treffer an (siehe Phantomtor).[7]
  • Im DFB-Pokalfinale vom 17. Mai 2014 zwischen Borussia Dortmund und Bayern München kam es ebenfalls zu einer heiß diskutierten Fehlentscheidung. Dortmunds Verteidiger Mats Hummels traf zum vermeintlichen 1:0 für seine Mannschaft, der Ball überquerte vollständig die Linie, wurde aber von Bayerns Spieler Dante zurück ins Spielfeld geschlagen. Der Schiedsrichter Florian Meyer ließ das Spiel weiterlaufen, welches schließlich 2:0 n. V. für Bayern München endete. Diese Tatsachenentscheidung zu Ungunsten Dortmunds befeuerte erneut die Diskussion um die Einführung des Videobeweises, der zwei Monate zuvor nach Abstimmung von den Vereinen der Bundesliga als auch der 2. Liga mehrheitlich, u. a. aus Kostengründen, abgelehnt worden war.

Einführung TorlinientechnikBearbeiten

Im Fußball war der Videobeweis von der FIFA bis zum Juli 2012 nicht zugelassen. Dann – kurz nach der EM 2012 – beschloss sie die Einführung der Torlinientechnologie, also die Unterstützung durch technischer Hilfsmittel, um festzustellen, ob der Ball die Torlinie vollständig überquert hat. Die zulässigen Systeme sind das (bereits beim Tennis erprobte) Hawk-Eye-System zur Überwachung der Linie (Torkamera), das GoalControl-System als Konkurrenz mit derselben Funktionsweise wie beim Hawk-Eye-System, sowie das GoalRef-System (Chip im Ball).[6]

Einführung VideobeweisBearbeiten

Nach einer vierjährigen Testphase führte der niederländische Fußballverband KNVB den Videobeweis mit Genehmigung des IFAB ein. In 26 Pokalspielen der Saison 2016/17 konnte ein zusätzlicher Offizieller bei strittigen spielentscheidenden Situationen (Elfmeter, Platzverweis, Tor aus möglicher Abseitsposition) eingreifen. Dies geschah erstmals am 21. September 2016 beim Spiel Ajax Amsterdam gegen Willem II Tilburg. Nach einem Foulspiel von Anouar Kali an Lasse Schöne verwarnte Schiedsrichter Danny Makkelie ihn mit einer Gelben Karte. Der Videoassistent Pol van Boekel begutachtete die Szene noch einmal und korrigierte die Entscheidung aufgrund der Schwere des Fouls, sodass Kali einen Platzverweis erhielt.[8]

Am 13. August 2016 kam der Videoassistent erstmals in einem United-Soccer-League-Spiel zum Einsatz. (Vereinigte Staaten und Kanada).[9]

Das Hilfsmittel kam am 10. April 2017 zum ersten Mal in der australischen A-League zum Einsatz.[10]

Zur Saison 2017/18 wurde der Videobeweis in der deutschen Bundesliga eingeführt und erstmals am 22. August 2017 eingesetzt.[11] Die Zentrale der DFL befindet sich in Köln.[12] Ein Videoassistent[13] greift bei eindeutigen Fehlentscheidungen des Schiedsrichters über Funkkontakt ein. Das Eingreifen soll dabei in der Praxis auf Tore, Rote Karten (nicht aber Gelb-Rote Karten), Elfmeter oder Spielerverwechslungen begrenzt sein.[14][15] Am 2. November 2017 wurde bekannt, dass der DFB in Absprache mit der DFL seine Anweisungen an die Schiedsrichter verändert hat. So darf demnach der Videoassistent auch dann in das Spiel eingreifen, wenn keine klare Fehlentscheidung des leitenden Unparteiischen festzustellen sei.[16] Allerdings revidierte der DFB am 6. November 2017 diese „Kurskorrektur“. Es gelte vielmehr die Regelung, dass der Videoassistent nur dann eingeschaltet wird, wenn in entscheidenden Szenen ein Wahrnehmungsfehler und somit auch eine klare Fehlentscheidung des Schiedsrichters vorliege.[17] Wie eine umstrittene Szene letztlich bewertet wird, sei aber weiterhin Sache des Schiedsrichters auf dem Platz. Darüber hinaus wurde der ehemalige Schiedsrichter Hellmut Krug nach Manipulationsvorwürfen zugunsten des FC Schalke 04 in der Partie gegen den VfL Wolfsburg am 10. Spieltag von seinen Aufgaben als Projektleiter des Videobeweises entbunden. Der DFB erklärte jedoch, dass die Degradierung Krugs nicht in Zusammenhang mit den Vorwürfen stehe.[18] Er werde stattdessen weiterhin Teil des Projektes sein.[19]

Am 3. März 2018 beschloss das International Football Association Board auf einer Tagung in Zürich, den Videoassistenten in das Fußballregelwerk („Laws of the Game“) aufzunehmen. Die Entscheidung erfolgte einstimmig. Den nationalen Verbänden bleibt es aber freigestellt, ob sie den technisch und finanziell aufwendigen Videobeweis auch nutzen. Am 16. März 2018 bestätigte das FIFA-Council, dass der Videobeweis auch bei der Fußball-WM in Russland eingeführt werde.[20]

Im September 2018 gab die Exekutivkomitee der Europäischen Fußball-Union (UEFA) bekannt, dass sich der Schiedsrichter ab 2019 auch in der Champions League sowie ab 2020 während der Länderspielen bei der Fußball-Europameisterschaft mit dem Videoassistenten per Funk austauschen kann, sollte eine Spielsituation strittig sein. Der Schiedsrichter kann die Szenen auch gegebenenfalls mit Videoaufzeichnungen an einem Monitor am Spielfeldrand ansehen, bevor eine endgültige Entscheidung gefällt wird.

KritikBearbeiten

Der in der Fußball-Bundesliga zur Saison 2017/18 eingeführte Videobeweis wird von Fußballfunktionären, Fans sowie den Medien durchaus kritisch betrachtet. Hintergrund sind vor allem falsche Schiedsrichterentscheidungen, bei denen der Videoassistent nicht handelte, obwohl ein offensichtliches Vergehen eines Spielers vorlag. Umgekehrt wird hinterfragt, weshalb der Videoassistent mitunter in das Geschehen eingreift, selbst wenn keine klare Fehlentscheidung des Schiedsrichters vorgelegen hat. Auch die zum Teil lange Dauer, bis eine Spielsituation nach Anwendung des Videobeweises abschließend bewertet wurde, ist Gegenstand der Kritik.[21]

WeblinksBearbeiten

  Commons: Video assistant referee – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. Historic step for greater fairness in football. International Football Association Board, 3. März 2018, abgerufen am 3. Juni 2018 (englisch).
  2. Video Assistant Referee (VAR) Explained. International Football Association Board, 17. Mai 2018, abgerufen am 3. Juni 2018 (englisch).
  3. Der Videobeweis sorgt für Diskussionen: Beim Confed Cup gab es in zwei Spielen vier Eingriffe. Am Ende der Diskussionen aber alle Urteile richtig. Südkurier, 20. Juni 2017, abgerufen am 9. Juni 2018.
  4. Anti-Wembley-Tor provoziert Streit über Videobeweis. In: Der Spiegel, 27. Juni 2010.
  5. FIFA-Fußballregeln.@1@2Vorlage:Toter Link/www.bfv.de (Seite nicht mehr abrufbar, Suche in Webarchiven  Info: Der Link wurde automatisch als defekt markiert. Bitte prüfe den Link gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis. Website des Bayerischen Fußball-Verbandes.
  6. a b Fifa lässt technische Hilfe für Schiedsrichter zu. In: Süddeutsche.de, 6. Juli 2012.
  7. Thomas Kistner: Mit künstlicher Dummheit belegt. In: Süddeutsche.de, 20. Oktober 2013.
  8. Premiere: Erstmals Videobeweis in Pflichtspiel. In: Kurier.at, 22. September 2016.
  9. VAR - First in-game use of Video Assistant Referee. YouTube, 13. August 2016, abgerufen am 3. Juni 2018 (englisch).
  10. Video Assistant Referee used for the first time in the A-League. YouTube, 10. April 2017, abgerufen am 3. Juni 2018 (englisch).
  11. Historic Moment - First VAR Review in the Bundesliga. YouTube, 10. April 2017, abgerufen am 3. Juni 2018 (englisch).
  12. Video-Assistenten: DFL enthüllt Zentrale der Bundesliga-Schiedrichter in Köln. Express.de, 23. Juli 2017, abgerufen am 9. Juni 2018.
  13. Fragen und Antworten zum Video-Assistenten. In: dfl.de, 2. November 2017.
  14. Martin van de Flierdt: So plant die DFL den Videobeweis. In: sport1.de. Sport1, 25. Januar 2017, abgerufen am 19. März 2017.
  15. Thomas Roth: Regeln, Schiris, Bezahlung: Das ist neu in der Bundesliga. In: kicker.de. 17. August 2017, abgerufen am 18. August 2017.
  16. DFB modifiziert Videobeweis. In: faz.net, 2. November 2017.
  17. Fröhlich leitet Projekt Video-Assistent. In: dfb.de, 6. November 2017.
  18. DFB: Krug-Absetzung keine Reaktion auf Manipulationsvorwürfe. In: nrz.de, 7. November 2017.
  19. Manipulationsvorwürfe: DFB setzt Krug als Videobeweis-Chef ab. In: kicker.de. 6. November 2017, abgerufen am 6. November 2017.
  20. IFAB nimmt Videobeweis in Fußballregeln auf. In: sportschau.de. 3. März 2018, abgerufen am 3. März 2018.
  21. Die Liga ist genervt und Rudi Völler auf der Palme. In: Welt.de, 28. August 2017.