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Demarkationslinien nach den spanisch-portugiesischen Vereinbarungen von
1493, 1494 und 1529
Erste Seite des Vertrags,
Biblioteca Nacional de Lisboa
Südamerika um 1650

Der Vertrag von Tordesillas (span.: Tratado de Tordesillas, port.: Tratado de Tordesilhas) wurde 1494 zwischen den damals vorherrschenden Seemächten Portugal einerseits und Spanien (genauer: dem Königreich Kastilien sowie der Krone von Aragonien) andererseits in Tordesillas geschlossen.[1] Er sollte eine bewaffnete Konfrontation zwischen diesen beiden Mächten verhindern, indem er die Welt in eine portugiesische und eine spanische Hälfte aufteilte. Bereits 1493 hatte Papst Alexander VI. in der päpstlichen Bulle Inter caetera eine Grenzlinie zur Einteilung der beiden Hoheitsgebiete gezogen, die vom Nordpol zum Südpol durch den Atlantischen Ozean verlief. Im Vertrag von Tordesillas wurde diese Grenzlinie weiter nach Westen verschoben.

Inhaltsverzeichnis

HintergrundBearbeiten

Portugal hatte beim Wettlauf um die Herrschaft zur See im 15. Jahrhundert einen Vorsprung vor Spanien errungen, da Spanien noch bis 1492 von der Rückeroberung seiner Gebiete von der muslimischen Herrschaft (Reconquista) in Anspruch genommen war. Die Portugiesen hatten beispielsweise bereits 1419 Madeira und 1427 die Azoren erobert (siehe auch Heinrich der Seefahrer). Portugal wollte nun die Erschließung des Seeweges nach Indien entlang der afrikanischen Küste absichern und den künftigen Gewürzhandel im pazifischen Raum von spanischen Einflüssen freihalten. Im Vertrag von Alcáçovas (1479) konnte Spanien sich nur die Kanarischen Inseln sichern, während der restliche Atlantik und insbesondere die Gebiete südlich der Kanarischen Inseln den Portugiesen zugesprochen wurden. Diese Regelung wurde 1481 in der päpstlichen Bulle Aeterni regis bestätigt.

Christoph Kolumbus kehrte im März 1493 von seiner ersten Entdeckungsreise im Auftrag der Katholischen Könige zurück, bei der er Asien mit einer Fahrt über den Atlantik hatte erreichen wollen. Nachdem er auf bisher unbekannte Inseln gestoßen war (die Bahamas, Kuba und Hispaniola), wollten sich die spanischen Herrscher die Kontrolle und die Rechte über die neu entdeckten Inseln sichern – sowie die Herrschaft über noch zu entdeckende weitere Inseln und Länder in diesem Gebiet.

Im Mai 1493 legte Papst Alexander VI. (Rodrigo Borgia) in der Bulle Inter caetera eine Grenze zwischen dem portugiesischen und dem spanischen Herrschaftsbereich fest, indem er eine Trennlinie in Nord-Süd-Richtung von Pol zu Pol zog, die 100 Leguas (etwa 480 Kilometer) westlich der Kapverdischen Inseln verlief, das heißt bei etwa 38° West. Alle Territorien, die westlich dieser Linie lagen (Amerika), wurden den spanischen Königen und ihren Erben zugesprochen, alle Gebiete östlich davon (Afrika und Asien) fielen an die Portugiesen.

 
Karte mit den günstigsten Indien-Routen. Bartolomeu Dias war bereits 1488 bis an die Südspitze Afrikas gesegelt. Auch entlang der afrikanischen Küste konnte er die vorherrschenden Windrichtungen beobachten.

Dagegen erhob der portugiesische König Johann II. Einspruch. Möglicherweise waren den Portugiesen schon Teile des brasilianischen Küstenverlaufs bekannt und sie drängten daher auf eine Verlegung der Trennlinie. Für die Fahrten im Südatlantik war es von Vorteil, mit den Luft- und Meeresströmungen einen weiten Bogen nach Westen in südlicher Richtung zu machen.[2]

Die VereinbarungBearbeiten

In zähen Verhandlungen gelang es den Portugiesen unter ihrem Verhandlungsführer, dem Geografen, Astronomen und Seefahrer Duarte Pacheco Pereira, die Demarkationslinie auf 370 spanische Leguas (ca. 1770 km) westlich der Kapverdischen Inseln zu verschieben. Diese neue Grenzlinie entsprach einer Länge von 46° 37′ West. Sie erlaubte es später den Portugiesen, die östlich dieser Linie gelegenen Gebiete Brasiliens zu kolonisieren. Gebiete, die spanische Vasallen östlich der Demarkationslinie entdeckten, mussten umgehend an Portugal übergeben werden.

Die spanischen Schiffe durften unter der Voraussetzung, dass sie den direkten Kurs hielten, die portugiesischen Gewässer durchqueren, um zurück an spanische Häfen zu gelangen.

Der Vertrag von Tordesillas wurde am 7. Juni 1494 abgeschlossen und sehr zügig am 2. Juli von Spanien und am 5. September von Portugal ratifiziert.

Weitere EntwicklungBearbeiten

Der Vertrag und der ihm zugrundeliegende päpstliche Anspruch auf Weltherrschaft bildeten die Grundlage für den Erwerb neuentdeckter Territorien durch Spanien und Portugal. Der spanische Kronjurist Juan López de Palacios Rubios entwarf 1513 den Text des Requerimiento, der „Mahnung“, die ein Konquistador der indigenen Bevölkerung in spanischer Sprache vorzulesen hatte. Danach habe der Hlg. Petrus das Land den katholischen Königen zum Geschenk gemacht. Dessen Bewohner hätten sich ihnen zu unterwerfen, wenn sie Krieg und Versklavung vermeiden wollten.[3] Die Absurdität dieses Vorgangs war bereits den Zeitgenossen klar.[4]

Der Wortlaut des Vertrages wurde entsprechend den jeweiligen Interessen unterschiedlich interpretiert. Ein wichtiger Streitpunkt war, ob der Messpunkt auf der östlichsten oder der westlichsten der Kapverdischen Inseln lag (rund 60 Leguas, etwa 290 Kilometer Unterschied). Darüber hinaus hatte die spanische Legua eine andere Länge als die portugiesische, die wiederum in eine alte und eine neue Legua unterteilt werden konnte.

Beide Mächte beanspruchten zum Beispiel die Molukken (wichtige Gewürzinseln) als in ihrem Bereich gelegen. Nach neuen Verhandlungen wurde im Vertrag von Saragossa 1529 festgelegt, dass die Trennlinie 297,5 Leguas östlich der Molukken verlaufe.

Andere große Seemächte wie England und Frankreich erkannten den Vertrag nicht an. Der Vertrag von Tordesillas ist ein Beispiel für ein Rechtsgeschäft zu Lasten Dritter: Weder die Interessen der Menschen der aufgeteilten Länder (also der Ureinwohner) waren einbezogen noch die Interessen derjenigen Länder, die ebenso wie Spanien und Portugal zu Eroberungen befähigt waren.

1559 setzte Elisabeth I. im Frieden von Cateau-Cambrésis durch, dass die vereinbarte Einstellung der Feindseligkeiten nicht westlich der in Tordesillas festgelegten Linie galt. Dies war ein Freibrief für französische Korsaren und englische Freibeuter, deren Überfälle auf spanischen Besitz in der Neuen Welt keine Auswirkungen auf den Frieden in Europa haben durften. Francis Drake prägte die Formulierung „No peace beyond the line“ – „kein Friede jenseits der Linie“.[5] 1750 wurde die inzwischen durch die Realitäten ohnehin gegenstandslos gewordene Demarkationslinie durch den Vertrag von Madrid aufgehoben.

Siehe auchBearbeiten

WeblinksBearbeiten

  Commons: Tratado de Tordesillas – Album mit Bildern, Videos und Audiodateien
  Wikisource: Tratado de Tordesilhas – Quellen und Volltexte (portugiesisch)

LiteraturBearbeiten

  • Vertrag von Tordesillas 1494 der Papst, in: Anneliese Dangel: Alexander von Humboldt. Sein Leben in Bildern, 1769–1859, Verlag Enzyklopädie, Leipzig 1959, S. 20.

AnmerkungenBearbeiten

  1. Hellmut Diwald: Anspruch auf Mündigkeit. Um 1400 – 1555 (= Propyläen Geschichte Europas, Bd. 1). Propyläen-Verlag, Berlin 1975, S. 256.
  2. Ursula Prutsch, Enrique Rodrigues-Moura: Brasilien: Eine Kulturgeschichte. 2014, S. 14;S. 230
  3. Requirimiento, 1513. Einführung in die Frühe Neuzeit der Universität Münster, Zugriff am 6. Juni 2015.
  4. Bernd Roeck: Der Morgen der Welt. Geschichte der Renaissance. C.H. Beck, München 2017, S. 717.
  5. John Sugden: Sir Francis Drake. Random House, London 2006, S. 16; Bernd Roeck: Der Morgen der Welt. Geschichte der Renaissance. C.H. Beck, München 2017, S. 917.