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Verkehrszentrale

Überwachungssystem, mit dem der Schiffsverkehr auf See kontrolliert wird
Arbeitsplatz bei Helsinki VTS (Zuständigkeit: Emäsalo und Inkoo)

Als Verkehrszentrale (VKZ[1]), englisch Vessel Traffic Service Center (VTSC),[2] werden Einrichtungen bezeichnet, die einen Vessel Traffic Service (VTS) betreiben. Sie sorgen für die maritime Verkehrssicherung und kontrollieren und lenken den Schiffsverkehr in einem Revier auf See.

Eine Vessel Traffic Service wird beispielsweise für Hafenansteuerungen eingerichtet oder in Bereichen, in denen ein Verkehrstrennungsgebiet etabliert wurde, zum Beispiel in der Deutschen Bucht oder im Englischen Kanal. In einer Verkehrszentrale, die von Seehäfen oder Verkehrsbehörden betrieben wird, können Arbeitsplätze für mehrere Reviere vorhanden sein.

Die Technik besteht im Wesentlichen aus Radarüberwachung, Videoüberwachungsanlage, UKW-Funk und dem Automatic Identification System sowie Computern. Es dient sowohl der Navigation als auch dem reibungslosen Ablauf der Schifffahrt, in dem Seewarndienst, Verkehrsinformation und -unterstützung bereitgestellt werden. Das System ist mit der Flugsicherung in der Luftfahrt vergleichbar, ähnliche Einrichtungen der Binnenschifffahrt werden als Revierzentrale bezeichnet.[3]

Die erste Radarüberwachung eines Hafen wurde 1948 in Liverpool in Betrieb genommen, im März 1950 folgte Long Beach (Kalifornien) als erstes System in den Vereinigten Staaten.[4] Die Anzahl der Vessel Traffic Services weltweit wurde im Jahr 1997 mit 316 angegeben, davon 182 in Europa.[5]

AufgabenBearbeiten

Verkehrszentralen sind jeweils für ein oder mehrere Reviere zuständig, beispielsweise für eine Zufahrt zu einem Hafen von der Ansteuerung auf See bis zum Liegeplatz. Laut dem Sicherheitskonzept Deutsche Küste[6] haben die Verkehrszentralen den Zweck, Kollisionen, Grundberührungen und Umweltgefahren zu verhindern und den Verkehrsablauf zu steuern. Hierfür werden die Schiffsführer über Verkehrs- und Wetterlage informiert und falls notwendig Unterstützung angeboten und der Verkehr geregelt.

Die Aufgaben sind im Einzelnen:[7]

  1. Überwachung des Reviers: Funktion und Position der Schifffahrtszeichen; Wind, Wasserstände und Sichtweiten; Zustand der Wasserstraßen
  2. Überwachung des Schiffsverkehrs und des Verkehrsflusses: Schiffsmeldungen entgegennehmen und verarbeiten; Einhaltung der Verkehrsvorschriften überwachen; einen effizienten Verkehrsablauf fördern; Genehmigungen und Befreiungen erteilen; Einhaltung von Bedingungen und Auflagen überwachen; Ordnungswidrigkeiten feststellen und dokumentieren und ggf. Ermittlungen einleiten
  3. Unterstützung des Schiffsverkehrs für die Gewährleistung der Sicherheit und Leichtigkeit des Schiffsverkehrs: Verkehrslage, besondere Vorkommnissen, Störungen an Schifffahrtszeichen weitergeben; Verkehrsinformationen und Navigationsunterstützungen erteilen; Schiffsverkehr regeln
  4. Notfallmanagement

RechtlichesBearbeiten

Die Internationale Seeschifffahrts-Organisation (IMO) verpflichtet die Mitgliedstaaten im „Internationalen Übereinkommen zum Schutz des menschlichen Lebens auf See“ (International Convention for the Safety of Life at Sea – SOLAS) überall dort Verkehrszentralen einzurichten, wo Verkehrsdichte oder das Ausmaß der Gefahren solche Dienste erfordern.[8] Jedes VTS muss auf den Vorschriften der IMO basieren; derzeit gilt IMO A. 857(20), bis 1997 IMO A. 578(14). Dies wurde unter dem Eindruck verschiedener Schiffsunglücke mit verheerenden Umweltverschmutzungen 2002 in der europäischen Richtlinie 2002/59/EG über die Einrichtung eines gemeinschaftlichen Überwachungs- und Informationssystems für den Schiffsverkehr konkretisiert.[9] In Deutschland sind das Seeaufgabengesetz und die darauf gestützte Verkehrsverordnung, § 10 Schiffssicherheitsverordnung und das Bundeswasserstraßengesetz maßgeblich.[1]

DeutschlandBearbeiten

 
Lage der Verkehrszentralen an der deutschen Küste
 
Verkehrszentrale Brunsbüttel
 
Verkehrszentrale Travemünde
 
Verkehrszentrale Warnemünde

Die ersten Versuche mit Radarzentralen in Deutschland wurden Anfang der 1960er Jahre in Cuxhaven, Brunsbüttel und Bremerhaven gemacht. Am 6. September 1965 wurde in Bremerhaven die erste dauerhafte Radarzentrale in Betrieb genommen.[10][11] 1967 begann von Borkum aus der Probebetrieb in der Emsmündung.[12] Im Jahr 2018 sind an der gesamten deutschen Küste zwischen der niederländischen, der dänischen und der polnischen Grenze insgesamt zehn Verkehrszentralen in Betrieb, die seit 2017 zusammen 26 Reviere betreuen.[13][14] Für jedes Revier besteht ein eigener Rufname. Dazu gehört ein Radarnetzwerk mit 46 Radarstationen, ein küstenweites UKW-Sprechfunknetzwerk mit 43 Standorten und ein AIS-Netzwerk mit 37 Standorten (Stand: 2015).[11] Neun Zentralen unterstehen dem Zuständigkeitsbereich der Wasserstraßen- und Schifffahrtsverwaltung des Bundes (WSV) und sind jeweils einem Wasserstraßen- und Schifffahrtsamt (WSA) angegliedert, die zehnte gehört zur Hamburg Port Authority.[15][14] Die Verkehrszentralen übernehmen in Deutschland auch die Maritime Assistance Services.

Am Maritimen Simulationszentrum Warnemünde auf dem Campus des Bereiches Seefahrt Warnemünde der Hochschule Wismar befindet sich seit 1999 ein Simulator für Verkehrszentralen (VTSS).[16][17]

Name und Behörde Rufname und Revier Ort
Verkehrszentrale Ems,
WSA Emden[12][18][19]
westlich von Emden an der Knock,
Verkehrszentrale Wilhelmshaven,
WSA Wilhelmshaven[20]
Wilhelmshaven, Schleusenstraße,
Verkehrszentrale Bremerhaven,
WSA Bremerhaven[21]
Bremerhaven, am alten Vorhafen,
Verkehrszentrale Bremen,
WSA Bremen[22]
  • Bremen Weser Traffic: Unterweser zwischen Brake und Bremen
  • Bremen Hunte Traffic: Hunte bis Oldenburg
Bremen, an der Wilhelm-Kaisen-Brücke,
Verkehrszentrale Cuxhaven,
WSA Cuxhaven[23]
Cuxhaven, Am alten Hafen 2,
Verkehrszentrale Brunsbüttel,
WSA Hamburg[24]
  • Brunsbüttel Elbe Traffic: Unterelbe und Nebenflüsse von Ostemündung bis Hamburger Landesgrenze
Brunsbüttel, auf der Schleuseninsel,
Nautische Zentrale Hamburg,
Hamburg Port Authority[25][26][27]
Hamburg-Waltershof, am Lotsenhaus Seemannshöft,
Verkehrszentrale NOK,
WSA Brunsbüttel[15]
Brunsbüttel, auf der Schleuseninsel,
Verkehrszentrale Travemünde,
WSA Lübeck[28][29]
Travemünde, am Leuchtturm Travemünde,
Verkehrszentrale Warnemünde,
WSA Stralsund[1]
Warnemünde, Ostmole,

WeblinksBearbeiten

  Commons: Vessel traffic service – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

LiteraturBearbeiten

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. a b c Die Verkehrszentrale des WSA Stralsund in Warnemünde, Wasserstraßen- und Schifffahrtsamt Stralsund, abgerufen am 9. Juli 2018.
  2. Verkehrszentralen, ELWIS, abgerufen am 13. Juli 2019.
  3. Revierzentralen, Generaldirektion Wasserstraßen und Schifffahrt, abgerufen am 2. August 2018.
  4. International Maritime Organization: Vessel Traffic Services, abgerufen am 21. Dezember 2018.
  5. Namio Mizuki, Yahei Fujii: The Fourth Survey on Vessel Traffic Services in the World, Electronic Navigation Research Institute papers 89, 1997.
  6. Sicherheitskonzept Deutsche Küste (Memento vom 26. März 2016 im Internet Archive), Wasser- und Schifffahrtsverwaltung des Bundes, S. 11, abgerufen am 9. Juli 2018.
  7. Sicherheitskonzept Deutsche Küste (Memento vom 26. März 2016 im Internet Archive), Wasser- und Schifffahrtsverwaltung des Bundes, S. 12, abgerufen am 9. Juli 2018.
  8. Hartmut Hilmer: Wir schützen unsere Küsten! Die Verkehrszentralen an der deutschen Küste. Jahresbericht 2012, Wasser- und Schifffahrtsdirektion Nord, S. 42.
  9. Richtlinie 2002/59/EG des Europäischen Parlaments und des Rates vom 27. Juni 2002 über die Einrichtung eines gemeinschaftlichen Überwachungs- und Informationssystems für den Schiffsverkehr und zur Aufhebung der Richtlinie 93/75/EWG des Rates
  10. Die Chronik des Wasser- und Schifffahrtsamtes, Wasserstraßen- und Schifffahrtsamt Bremerhaven, abgerufen am 9. Juli 2018.
  11. a b Wolfhart Fabarius: 50 Jahre Radar an der deutschen Küste, Täglicher Hafenbericht, 7. September 2015.
  12. a b Verkehrszentrale Ems, Wasserstraßen- und Schifffahrtsamt Emden
  13. Vessel Traffic Services (VTS) Guide Germany, Anhang zu Nachrichten für Seefahrer 31, 5. August 2016, ISBN 978-3-86987-722-8.
  14. a b Austauschseiten zum VTS Guide Germany 2016, Nachrichten für Seefahrer 47/2017.
  15. a b Wir gewährleisten Sicherheit durch Verkehrsüberwachung und Verkehrsanalyse, Wasserstraßen- und Schifffahrtsamt Brunsbüttel, abgerufen am 9. Juli 2018.
  16. Simulation für Verkehrszentralen VTSS, Hochschule Wismar, abgerufen am 9. Juli 2018.
  17. Tom Dehmel, Max Dolberg, Uwe Gabert: 10 Jahre Vessel Traffic Service Simulator – Erfahrungen in der Fort- und Weiterbildung (Memento vom 10. Juli 2018 im Internet Archive), Zwischen Weser und Ems 43, 2009, S. 13–19, hdl:20.500.11970/104975.
  18. Deutsch-niederländisches Verkehrssicherungssystem Ems, Infoblatt von Bundesministerium für Verkehr, Bau- und Wohnungswesen, Directoraat-Generaal Rijkswaterstaat (Directie Noord-Nederland) und Wasser- und Schifffahrtsamt Emden, 2002, abgerufen am 9. Juli 2018.
  19. Gesetz zu dem Vertrag vom 9. Dezember 1980 zwischen der Bundesrepublik Deutschland und dem Königreich der Niederlande über die gemeinsame Information und Beratung der Schiffahrt in der Emsmündung durch Landradar- und Revierfunkanlagen (G-SIG: 09020166), Dokumentations- und Informationssystem für Parlamentarische Vorgänge, abgerufen am 9. Juli 2018.
  20. Verkehrszentrale, Wasserstraßen- und Schifffahrtsamt Wilhelmshaven, abgerufen am 9. Juli 2018.
  21. Die Verkehrszentrale Bremerhaven, Wasserstraßen- und Schifffahrtsamt Bremerhaven, abgerufen am 9. Juli 2018.
  22. Verkehrszentrale Bremen, Wasserstraßen- und Schifffahrtsamt Bremen, abgerufen am 9. Juli 2018.
  23. Verkehrszentrale, Wasserstraßen- und Schifffahrtsamt Cuxhaven, abgerufen am 9. Juli 2018.
  24. Verkehrszentrale Brunsbüttel, Wasserstraßen- und Schifffahrtsamt Hamburg, abgerufen am 9. Juli 2018.
  25. Port Information Guide Hamburg 2018, Hamburg Port Authority, S. 16.
  26. Seeschifffahrt: Meldevorschriften für Seeschiffe, Hamburg Port Authority, abgerufen am 2. August 2018.
  27. Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur, Wasserstraßen- und Schifffahrtsverwaltung des Bundes: Handbuch Binnenschifffahrtsfunk, Regionaler Teil Deutschland 2018, S. 50ff.
  28. Verkehrszentrale Travemünde, Wasserstraßen- und Schifffahrtsamt Lübeck, abgerufen am 9. Juli 2018.
  29. H. Dierken: Neubau der Verkehrszentrale (VKZ) Travemünde In: Bundesanstalt für Wasserbau (BAW) (Hrsg.): Das gestaltete Ingenieurbauwerk - Qualitätsoptimierung in Entwurf und Ausführung. Karlsruhe: Bundesanstalt für Wasserbau (BAW). S. 41–45.