Vegetative Dystonie

Klassifikation nach ICD-10
F45.9[1] Somatoforme Störung, nicht näher bezeichnet
ICD-10 online (WHO-Version 2019)

Eine vegetative Dystonie oder vegetative Störung liegt nach heutigem Wissen vor, wenn die Erregungsleitung im vegetativen Nervensystem gestört ist. Bei diesem handelt es sich um das autonome, unwillkürliche Nervensystem, das Körperfunktionen wie Blutdruck, Puls, Atemfrequenz und Verdauung regelt. Unwillkürlich heißt, es kann durch den Willen eigentlich nicht beeinflusst werden (allenfalls mittelbar, beispielsweise durch Meditation oder autogenes Training).

Treten seelische Belastungen, Stress und Hektik auf, greift der gesunde Körper zunächst auf seine Leistungsreserven zurück. Wenn diese verbraucht sind, können leichtere oder schwer fassbare Unregelmäßigkeiten im unwillkürlichen Nervensystem auftreten, die funktionelle Beschwerden der Organe auslösen, aber ohne objektivierbaren organischen Befund. Das Krankheitsbild unterscheidet sich also deutlich von der schweren Erkrankung Dystonie. Hier gibt es oft Verwechslungen.

SymptomeBearbeiten

Folgende Symptome können Ausdruck einer Vegetativen Dystonie sein: Nervosität, Unruhe, Reizbarkeit, Schlaflosigkeit, Schwindelgefühl, klimakterische Beschwerden, Kurzatmigkeit, flache Atmung, Kopfschmerzen, Verkrampfungen der Muskulatur (Wadenkrämpfe, Zehenkrämpfe, Muskelzittern, Muskelzucken), Herzbeschwerden (unregelmäßiger Schlag, Herzstolpern, Herzjagen, Herzschmerz, Beklemmungsgefühl in der Brust), Krämpfe in den Blutgefäßen (kalte Hände), Krämpfe im Magen, Magendrücken, im Darm und in der Blase, Verstopfung, Leber-Galle-Beschwerden (starke Blähungen), Verlust der sexuellen Lust.

Häufig findet sich ein diffuses Ineinanderfließen von körperlichen Beschwerden und rein seelisch empfundenen Symptomen wie Angst, Unruhe, Unlust. Viele leiden zudem unter mehreren Störungen bzw. Beschwerden. Daher ist es schwer, eine vegetative Dystonie gegenüber anderen Erkrankungen abzugrenzen.

UrsachenBearbeiten

Die unbewusst autonome Regulation der Körperfunktionen ist dabei gestört. Sympathikus und Parasympathikus, die beiden Partner im vegetativen Nervensystem, und ihre Steuerungszentren im Dienzephalon (Zwischenhirn) arbeiten nicht harmonisch zusammen. Einmal überwiegt der Sympathikus, einmal der Parasympathikus, es entsteht ein rascher Wechsel zwischen Sympathikotonie und Vagotonie, jedoch nicht immer.

VorkommenBearbeiten

Das Auftreten der vegetativen Dystonie wird begünstigt durch die zunehmende Verwischung der natürlichen, strukturgebenden Rhythmen: Tag – Nacht, Jahreszeiten, Arbeitszeit – Ruhezeit.

BehandlungBearbeiten

Die Therapie vegetativer Störungen kann ätiologisch, symptomatisch oder organspezifisch ausgerichtet sein. Zu den Therapien, die auf die Ätiologie ausgerichtet sind, gehören bzw. gehörten neben der Behandlung organischer Erkrankungen etwa Fokalsanierung (zum Beispiel Zahnsanierung), Chiropraktik (in Einzelfällen, insbesondere bei wirbelsäulenbedingten vegetativen Schmerzzuständen), Desensibilisierung (bei Überempfindlichkeitsreaktionen), Lebensregelung (unter anderem bezüglich der Ernährung und der Freizeitgestaltung), Milieuwechsel, soziale Therapie, Psychotherapie (unter Beachtung von Kontraindikationen), autogenes Training (konzentrierte Selbstentspannung), Suggestivtherapie (als hypnotische Suggestion, Wachsuggestion oder unbewusste Suggestion), ärztliche Hypnotherapie, Narkotherapie[2] (mittels „Halbnarkose“ durch injizierbare Barbiturate), psychagogische Beratung (bei Fehlhaltungen bei der Erlebnisverarbeitung), psychoanalytische Kurzbehandlung (geleitet von tiefenpsychologischen Gesichtspunkten) und Gruppenpsychotherapie (etwa Psychodrama und künstlerisches Gestalten in der Gruppe). Symptomatisch ausgerichtet sind Pharmakotherapie (mit strenger Indikationsstellung), Reiztherapie (zur Umstimmung der vegetativen Reaktionslage, zum Beispiel durch Heilfieber, Eigenblut, Diät, Heilfasten, Wärmetherapie oder mit heißer Rolle), physikalische Therapie (Kurzwellentherapie, Höhensonne, Lichttherapie, Bädertherapie, Klimatherapie), Segmenttherapie (Cantharidenpflaster, Saugpfröpfe, Senfwickel und andere Mittel zur Beeinflussung innerer Organe über die reflektorischen Zonen), Bindegewebsmassage (Massage reflektorischer Zonen) und Trainingsmethoden wie Sport, Gymnastik und Beschäftigungstherapie. Organspezifisch sind die medikamentöse Unterstützung geschädigter Organe sowie eine diätetische Behandlung.[3]

Herkunft des BegriffsBearbeiten

Der Begriff leitet sich her aus dem Konzept der → Organneurose. 1950 wurde von Franz Alexander (1891–1964) die Bezeichnung vegetative Neurose geprägt.[4] „Vegetative Dystonie“ ist daher eine Bezeichnung, die Betroffene von der Stigmatisierung durch eine psychiatrische Diagnose befreien soll, siehe die Begriffsgeschichte Neurose. Es ist unzulässig, beim Fehlen organischer Befunde ursächlich auf eine psychische Störung zu schließen, siehe auch Kap. 6 Kritik.

KritikBearbeiten

Die Diagnose vegetative Dystonie ist umstritten. Kritiker sehen sie als Verlegenheitsdiagnose oder stellen fest, dass sie wissenschaftlich nicht anerkannt sei. Der Begriff ist als solcher auch nicht zwingend: Begriffe wie funktionelle Beschwerden, Befindlichkeitsstörungen, Stress-Syndrom, psycho-physischer Erschöpfungszustand oder psychosomatische Beschwerden können die Symptome ebenso gut umschreiben.

Siehe auchBearbeiten

Ältere LiteraturBearbeiten

  • Günter Clauser: Vegetative Störungen und klinische Psychotherapie. In: Ludwig Heilmeyer (Hrsg.): Lehrbuch der Inneren Medizin. Springer-Verlag, Berlin/Göttingen/Heidelberg 1955; 2. Auflage ebenda 1961, S. 1218–1297.

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. Alphabetisches Verzeichnis zur ICD-10-WHO Version 2019, Band 3. Deutsches Institut für Medizinische Dokumentation und Information (DIMDI), Köln, 2019, S. 208
  2. Vgl. dazu www.gesundheit.de: Narkotherapie.
  3. Günter Clauser: Vegetative Störungen und klinische Psychotherapie. 1961, hier: S. 1285–1297.
  4. Sven Olaf Hoffmann, G. Hochapfel: Neurosenlehre, Psychotherapeutische und Psychosomatische Medizin. CompactLehrbuch. 6. Auflage. Schattauer, Stuttgart 2003, ISBN 3-7945-1960-4, S. 199.