Unteres Schloss (Siegen)

Schloss in Siegen, ursprünglich Franziskanerkloster

Das Untere Schloss, früher auch Nassauischer Hof genannt, liegt in der Innenstadt von Siegen. Ursprünglich ein Franziskanerkloster, wurde das Gebäude im 17. Jahrhundert Residenz der protestantischen Linie des Hauses Nassau-Siegen. Derzeit entwickelt sich das Untere Schloss zu einem weiteren Campus der Universität Siegen.[1]

Panoramadarstellung des Unteren Schlosses aus dem 18. Jahrhundert, Ansicht von Südosten
Grundrisszeichnung des Schlosses von Albert Ludorff, 1903
Ostansicht des Marstalls an der Kölner Straße, 1880. Im Hintergrund Ballhaus und „Dicker Turm“

GeschichteBearbeiten

An der Stelle des heutigen Schlosses existierte von 1489 bis 1534 ein Franziskanerkloster. Bereits 1399 war ein „Barfüßerhof“ in Siegen erwähnt worden, wobei es sich vermutlich nicht um ein selbständiges Kloster handelte, sondern um die Terminei eines anderen Klosters des Ordens zum Sammeln von Almosen. 1473 erlaubte der Mainzer Erzbischof Adolf II. dem Grafen Johann IV. die Errichtung eines neuen Franziskanerklosters aus den erledigten Einkünften eines Klosters der Magdalenerinnen vor der Stadt. Den Bau von Kloster und Kirche setzte jedoch erst Johanns Sohn Johann V. 1486 um, als er von einer Pilgerreise ins Heilige Land zurückgekehrt war. Durch Tausch mit den Adligen Peter und Dietmar von Selbach erwarb der Graf den Bauplatz in der Kölner Straße. Die ersten Franziskaner der Niederrheinischen oder Kölnischen Franziskanerprovinz (Colonia) kamen 1489 nach Siegen, nachdem Papst Innozenz VIII. und Erzbischof Berthold von Henneberg die Zustimmung erteilt hatten. Die Brüder wohnten in dem noch unfertigen Konventsgebäude und verpflichteten sich notariell, die strenge Observanz einzuhalten. 1501 und 1517 tagte im Siegener Kloster das Provinzkapitel der Colonia, so dass die Gebäude die dafür nötige Größe gehabt haben müssen. Ständig wohnten im Kloster über 20 Brüder. Graf Wilhelm der Reiche verlangte 1529 jedoch die Verringerung auf 20 Bewohner.[2]

Ab 1530 kamen im Zuge der Reformation die ersten lutherischen Prediger nach Siegen. Die Franziskaner weigerten sich, die protestantische Brandenburgisch-Nürnbergische Kirchenordnung anzuerkennen, die Graf Wilhelm 1533 in Kraft setzte. Der Graf wies die Brüder daraufhin aus; als sie sich weigerten, Siegen zu verlassen, wurden sie am 3. August 1534 durch gräfliche Beamte aus der Stadt vertrieben.[2] Nach der Auflösung des Klosters 1534 war die Klosterkirche, die das Patrozinium des heiligen Johannes des Täufers trug, bis 1624 eine der drei evangelischen Stadtkirchen, ab 1652 war sie Simultankirche für beide Konfessionen, bis sie beim Stadtbrand 1695 zerstört wurde..[2] Im Klostergebäude war von 1594 bis 1599/1600 und von 1606 bis 1609 vorübergehend die zuvor von Graf Johann VI. dem Älteren von Nassau-Dillenburg 1584 in Herborn gegründete und angesiedelte calvinistisch-reformierte Hohe Schule untergebracht, die anschließend wieder nach Herborn zurückverlegt wurde. Nach der Spaltung des Hauses Siegen-Nassau in eine katholische und eine protestantische Linie nach 1623 wurde die Anlage Residenz der protestantischen Linie. Sie hieß daher auch Nassauischer Hof.

Bereits zur Zeit von Johann Moritz von Nassau-Siegen, der unter anderem Generalgouverneur von Niederländisch-Brasilien war, wurde mit der Stadt wegen einer Erweiterung des Baus verhandelt. Zu seinen Lebzeiten wurde vom niederländischen Baumeister Maurits Post um 1668 die Fürstengruft geschaffen. Auch ein Galerieflügel wurde in dieser Zeit erbaut. Teile davon finden sich im heutigen Nordflügel. Auch unter den folgenden Fürsten ging die Bautätigkeit weiter. So wurde 1690 ein Torhaus errichtet. Dessen Portal wurde vor dem Abriss im 19. Jahrhundert an die Nordwand des Kapellenflügels im Oberen Schloss versetzt.

Die Anlage des Unteren Schlosses wurde beim großen Stadtbrand von 1695 zu einem Großteil bis auf Tor und Fürstengruft zerstört. Der Baumeister Peter Remboldt baute danach zwischen 1698 und 1711 den Nordtrakt (Kurländerflügel) sowie eine Reihe von Nebengebäuden. Ein neuer mittlerer Flügel (Corps de Logis) bezog die Fürstengruft mit ein. Die Fassade dieses Teils ist geprägt durch eine Arkade, die aus 21 Pfeilern gebildet wird. Nachträglich wurde der Ort der Fürstengruft 1884 durch die Hinzufügung eines Mittelrisalits optisch hervorgehoben. Bereits außerhalb der damaligen Stadtmauern wurde von Remboldt der barocke Schlossgarten (Herrengarten) angelegt. Dazu gehörte 1701 eine Orangerie. Mit dem Bau eines Südflügels wurde 1717 begonnen. Baumeister war nunmehr Philipp Ploennies. Im Jahr 1721 wurde als Archivturm an Stelle eines mittelalterlichen Turms der Siegener Stadtbefestigung der Dicke Turm erbaut. Erst 1802 wurde er mit dem Kurländerflügel durch einen Zwischenbau verbunden. An der Nordostseite des Schlossplatzes lagen der Marstall und ein Ballhaus. Beide wurden nach den Luftangriffen auf Siegen im Zweiten Weltkrieg nicht wieder aufgebaut.

Nach dem Ende der protestantischen Linie Nassau-Siegen 1722 war das Schloss bis 1782 noch Witwensitz und diente ab 1742 auch als Behördengebäude. Nachdem das Siegerland 1815 zu Preußen gekommen war, war das Schloss unter anderem Dienstsitz des Landrates. 1816 wurde im Unteren Schloss das Bergamt Siegen gegründet, 1818 wurde in einem Raum im Kurländer Flügel die Königliche Bergschule Siegen eröffnet. 1822 war im Wittgensteiner Flügel des Schlosses das Postamt Siegens untergebracht.[3] Zwischen 1864 und 1976 befand sich im Schloss das Amt- und Landgericht.

 
Dicker Turm, Zwischengebäude als Verbindung und Kurländerflügel

Heutige NutzungBearbeiten

Von 1936 bis 2011 war dort eine Nebenstelle der JVA Attendorn untergebracht.[4] Darüber hinaus war es Landesbehördenhaus. Dort befanden sich das Arbeitsgericht Siegen, der Bau- und Liegenschaftsbetrieb NRW, die Außenstelle der Bezirksregierung Arnsberg, sowie das Amt für Arbeitsschutz. Seit 2016 nutzten nach Sanierung und Umbau die Fakultät Wirtschaftswissenschaften, Wirtschaftsinformatik und Wirtschaftsrecht und die Universitätsbibliothek der Universität Siegen das Gebäude.[5]

Der Schlossplatz dient heute auch für Großveranstaltungen, so unter anderem für das Siegener Open Air Kino und seit 2006 auch für Public Viewing während der Fußball-Welt- und Europameisterschaften. Von 2007 bis 2012 war dort auch im Dezember der Siegener Weihnachtsmarkt untergebracht. Dieser findet seit 2018 an selber Stelle jährlich wieder statt.

Im Dicken Turm ertönt täglich um 12, 14, 16 und 18 Uhr ein Glockenspiel.

LiteraturBearbeiten

  • Ferdinand G. B. Fischer: 100 Burgen zwischen den 1000 Bergen. Das grosse Burgen- und Schlösserbuch für Südwestfalen. Fotos von Toni Anneser. Gronenberg, Wiehl 1996, ISBN 3-88265-198-9.
  • Jens Friedhoff: Sauerland und Siegerland. 70 Burgen und Schlösser. Stuttgart 2002, ISBN 3-8062-1706-8, S. 140 f.
  • Wilhelm Güthling (Hrsg.): Geschichte der Stadt Siegen im Abriss. Vorländer, Siegen 1955.
  • Gerhard Scholl: Von Burgen und Schlössern im Siegerland. In: Siegerland zwischen gestern und morgen. Vorländer, Siegen 1965, S. 25–41.

WeblinksBearbeiten

Commons: Unteres Schloss – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. Der Campus Unteres Schloss. Artikel aus dem Jahr 2008 auf der Website des Bau- und Liegenschaftsbetriebs NRW auf blb.nrw.de (abgerufen am 6. Oktober 2016)
  2. a b c Andreas Bingener: Siegen – Franziskaner. In: Karl Hengst (Hrsg.): Westfälisches Klosterbuch. Band 2: Münster – Zwillbrock. Münster 1994, S. 337ff.
  3. Siegerländer Heimatkalender 1990, S. 18, 65. Ausgabe, Hrsg.: Siegerländer Heimat- und Geschichtsverein e. V., Verlag für Heimatliteratur
  4. Informationsbroschüre: Justizvollzug in Nordrhein-Westfalen, Herausgeber: Justizministerium NRW, 2006, S. 54f
  5. Große Schritte zum neuen Siegener Campus. derwesten.de, 25. August 2016, abgerufen am 25. August 2016.

Koordinaten: 50° 52′ 26″ N, 8° 1′ 17″ O