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Unserdeutsch

deutsch-basierte Kreolsprache in Papua-Neuguinea, Australien

Unserdeutsch (auch Rabaul Creole German) ist die Sprache der Minderheit der Rabaul-Kreolen und die weltweit einzige ISO-kodierte, deutsch-basierte Kreolsprache.[1] Ursprünglich während der deutschen Kolonialzeit in Papua-Neuguinea entstanden und nach der Auswanderung der meisten Sprecher heute überwiegend (über 90 Prozent aller Sprecher) im Osten Australiens verbreitet, ist Unserdeutsch mittlerweile so gut wie ausgestorben: Die Sprache wird heute noch von etwa einhundert Menschen gesprochen. Da es aber nur alte Sprecher gibt, ist das Verschwinden von Unserdeutsch nur eine Frage der Zeit.[2] Die australischen Unserdeutsch-Sprecher leben heute verstreut in Städten an der Ostküste, stehen aber untereinander in geschlossenen Gruppen sozialer Netzwerke im Austausch. In Papua-Neuguinea leben heute schätzungsweise weniger als zehn Unserdeutsch-Sprecher.[3]

Unserdeutsch (Rabaul Creole German)

Gesprochen in

Papua-NeuguineaPapua-Neuguinea Papua-Neuguinea,
AustralienAustralien Australien
Sprecher < 70
Linguistische
Klassifikation
Offizieller Status
Amtssprache von
Sprachcodes
ISO 639-1

ISO 639-2

crp

ISO 639-3

uln

Alle heutigen Sprecher beherrschen neben Unserdeutsch noch mindestens zwei weitere Sprachen, in der Regel Englisch und Tok Pisin.

Inhaltsverzeichnis

EntstehungBearbeiten

Unserdeutsch entstand um das Jahr 1900 in der Nähe der heutigen Provinzhauptstadt Kokopo, die damals Herbertshöhe hieß und Sitz des Gouverneurs von Deutsch-Neuguinea war. Am Stadtrand befand sich die katholische Herz-Jesu-Mission Vunapope, in der Mischlingskinder europäisch-melanesischer Herkunft in Hochdeutsch unterrichtet wurden. Die Mütter der Kinder waren meist einheimische Frauen; die Väter stammten aus Asien oder Europa, meist aus Deutschland. Sie waren Beamte, Händler und Abenteurer.[2] Außerhalb des Unterrichts vermischten die Kinder das rudimentär gelernte Deutsch mit dem damals schon verbreiteten Tok Pisin, was als Schulsprache selbst allerdings untersagt war. So entstand eine Mischsprache, deren Wortschatz im Wesentlichen auf das Deutsche, deren Grammatik aber auf Tok Pisin zurückgeführt werden kann.[4] Selbst nach Ende der deutschen Kolonialverwaltung blieb die Missionsstation Vunapope in deutscher Hand mit Deutsch als Schulfach und sogar teilweise als Unterrichtssprache. Da die Kinder, die Unserdeutsch entwickelt haben, als Mixed-Race-Kinder häufig unter sich blieben und heirateten, gaben sie ihr Unserdeutsch an die nächste Generation weiter und Unserdeutsch wurde zur Kreolsprache. Nach der Unabhängigkeit Papua-Neuguineas von Australien 1975 entschieden sich die meisten Unserdeutsch-Sprecher, die australische Staatsbürgerschaft anzunehmen und nach Australien und dort besonders nach Queensland zu emigrieren, da in ihrer Heimat Ämter und Posten durch indigene Papua besetzt werden sollten.[3]

Einheitliche Schriftzeugnisse dieser Sprache existieren nicht, da diese Sprache nur gesprochen, nicht geschrieben wird.[5]

Linguisten der Universität Augsburg (inzwischen: Universität Bern) begannen im Jahre 2014, Unserdeutsch sprachwissenschaftlich zu erforschen.[6][7]

GrammatikBearbeiten

Substantive in Unserdeutsch haben kein Geschlecht. Der Artikel heißt stets „de“, zum Beispiel de Mann, de Frau, de Haus. Der Plural eines Substantivs wird gebildet, indem dem Wort „alle“ vorangestellt wird: „alle Frau“, „alle Knabe“. Fragewörter (Interrogativpronomen) können am Ende des Fragesatzes stehen („Du geht wo?“). Eher vereinzelt werden Wörter aus Tok Pisin und Englisch übernommen, zum Beispiel „aufpicken“ (to pick up) für „abholen“.[2] Unserdeutsch ist eine strikte SVO-Sprache.

Plansprachen als AlternativenBearbeiten

Zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts wurden als internationales Kommunikationsmittel oder für den Gebrauch in den deutschen Kolonien Weltdeutsch und Kolonial-Deutsch als Plansprachen entwickelt, die aber keine größere Verbreitung fanden.

LiteraturBearbeiten

  • Péter Maitz u. a.: De knabe, de mädhen, de kokonuss. In: forschung. Das Magazin der Deutschen Forschungsgemeinschaft. Heft 4/2017, ISSN 0172-1518, S.  16–21.
  • Péter Maitz: Unserdeutsch (Rabaul Creole German). Eine vergessene koloniale Varietät des Deutschen im melanesischen Pazifik. In: Alexandra N. Lenz (Hrsg.): German Abroad – Perspektiven der Variationslinguistik, Sprachkontakt- und Mehrsprachigkeitsforschung. V & R unipress, Göttingen 2016, S. 211–240.
  • Stefan Engelberg: The German Language in the South Seas. Language Contact and the Influence of Language Politics and Language Attitudes. In: Mathias Schulze u. a. (Hrsg.): German Diasporic Experience. Identity, Migration, and Loss. Wilfrid Laurier University Press, Waterloo 2008, ISBN 978-1-55458-027-9, S. 317–329.
  • Susanne Mühleisen: Emil Schwörers „Kolonial-Deutsch“ (1916). In: PhiN 31/2005 (Aufsatz über Unserdeutsch und andere Varietäten).
  • Craig A. Volker: The rise and decline of Rabaul Creole German, Language and Linguistics in Melanesia. In: John Lynch (Hrsg.): Oceanic studies: proceedings of the first international conference on oceanic linguistics. Australian National University, Canberra 1996, ISBN 0-85883-440-5.
  • Martin Pütz: Sprachökologie und Sprachwechsel. Die deutsch-australische Sprachgemeinschaft in Canberra. Lang, Frankfurt am Main 1994, ISBN 3-631-47304-4.
  • Craig A. Volker: Rabaul Creole German Syntax. In: Working Papers in Linguistics, University of Hawaii 21/1989, S. 153–189.
  • Peter Mühlhäusler: Tracing the roots of pidgin German. In: Language and Communication 4/(1)/1984, S. 27–57, ISSN 0271-5309.
  • Peter Mühlhäusler: Bemerkungen zum „Pidgin Deutsch“ von Neuguinea. In: Carol Molony, Helmut Zobl, Wilfried Stölting (Hrsg.): German in Contact with other Languages. Scriptor Verlag, Kronberg 1977, ISBN 3-589-20551-2, S. 58–70.

WeblinksBearbeiten

  Wiktionary: Unserdeutsch – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. Unserdeutsch (Rabaul Creole German) auf der Webseite des Instituts für Germanistik der Universität Bern, abgerufen am 11. März 2019.
  2. a b c Joachim Mohr: „Du geht wo?“ In: Der Spiegel. Nr. 8/2016, 20. Februar 2016, S. 51.
  3. a b Matthias Heine: Wie Kinder aus Neupommern eine Sprache erfanden. Welt online, 3. April 2016, abgerufen am 14. Dezember 2018.
  4. Felix Zeltner, Erol Gurian: Wir sind die letzten Tropfen der Deutschen in der Südsee. (Memento des Originals vom 24. Dezember 2010 im Internet Archive)   Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/www.mare.de In: mare, No. 83, Dezember 2010/Januar 2011, S. 40–49.
  5. Petra Lambeck: Kreolsprache Unserdeutsch – „Hey Alfons, du geht wo?“ Deutsche Welle, 10. Juni 2009, abgerufen am 12. November 2015.
  6. Hans Kratzer: Inselstaat Papua-Neuginea (sic!) – Man spricht Unserdeutsch. Süddeutsche Zeitung, 29. Dezember 2014, abgerufen am 12. November 2015.
  7. Frankfurter Allgemeine Zeitung, 30. Oktober 2015, S. 6.