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Eine Truhe ist ein meist aus Holz gefertigtes kastenförmiges Möbelstück mit aufklappbarem Deckel zur Aufbewahrung von Gegenständen oder deren Transport.[1]

Inhaltsverzeichnis

Begriff und WortgeschichteBearbeiten

Im Deutschen Wörterbuch der Brüder Grimm wird der Wortstamm mit dem althochdeutschen truha und dessen Bedeutung Baum, ausgehöhlter Block, Sarg in Verbindung gebracht.[2] Wie einen Einbaum mit Deckel haben wir uns also die ältesten Formen vorzustellen.[3] Ein historisch häufig gebrauchtes Synonym, auch für aufwändiger geschmückte Truhen, ist Kiste.[4] Im gleichen Sinne wurde auch Lade für Truhen (etwa die biblische Bundeslade) und auch kleinere Kästen benutzt, oft auch in der Zusammensetzung Zunftlade, Gesellenlade, Brieflade (Urkundenkasten) oder Totenlade.

GeschichteBearbeiten

 
Mit Eisenbändern beschlagene Stollentruhe des 13. Jahrhunderts in Wissembourg (Elsass), Kirche St. Peter und Paul
 
Bremen um 1635; Germanisches Nationalmuseum
 
Westfälische Truhe um 1740, Haus Cleff, Remscheid
 
Truhe in Kofferform, Schloss Oranienburg. 1847.

Im Vergleich zum Schrank ist die Truhe das ältere Verwahrmöbel, wohl das ältete überhaupt. Truhen gab es bereits im Altertum: die einst im Heratempel von Olympia verwahrte Kypseloslade und die Bundeslade im Tempel zu Jerusalem sind die berühmtesten Beispiele des klassischen und biblischen Altertums. Hier gab es schon Truhenmöbel bevor in später, hellenistischer und römischer Zeit der Schrank Verbreitung fand. Diese Entwicklung wiederholte sich in der frühen Neuzeit in Mitteleuropa.

Die ältesten aus Brettern zusammengefügten Truhen des Mittelalters stammen aus dem 12. Jahrhundert. In den norddeutschen Heideklöstern haben sich zahlreiche schlichte Beispiele erhalten. Deren Bohlen sind noch überwiegend durch Spalten der Eichenstämme gefertigt, doch kam auch hier schon die Säge zum Einsatz.[5] Um die Truhe und deren Inhalt vor Bodenfeuchtigkeit zu schützen, sind die Front- oder Seitenbretter oft zu Füßen verlängert, diese Konstruktionen nennt man entsprechend Front- oder Seitstollentruhen (Standseitentruhen).[6] Die Stollentruhe, oft aufwändig mit Eisenbändern beschlagen, um ein Reißen des Holzes zu verhindern,[7] bleibt bis ins 16. Jahrhundert verbreitet, regional weit darüber hinaus. Ab 1600 stehen Truhen im deutschen Nordwesten oft auf seitlichen Kufen, die vorne mit einem schrägen Fußbrett verbunden sind. Die Deckel können flach und zum Sitzen geeignet, seltener dachförmig ausgebildet, gerundet oder sargdeckelähnlich gebrochen sein. Im 15. Jahrhundert trennen sich die Handwerkszweige der Zimmerleute von den Tischlern, denen die Möbelherstellung vorbehalten bleibt. Gleichzeitig nimmt das Angebot an geschnittenen Brettern zu, die zunehmend von den jetzt aufkommenden Sägemühlen geliefert werden, sodass die Möbelwände dünner werden können. Schon im Spätmittelalter beginnt sich eine wichtige konstruktive Veränderung durchzusetzen: Möbel, Türen und Vertäfelungen werden immer mehr aus Rahmenwerk und Füllung zusammengesetzt. So kann das Holz "arbeiten", ohne dass es zu Rissen kommt. In der Neuzeit, vor allem im 18. Jahrhundert sind kofferförmige (leicht konisch, gerundeter Deckel) Truhentypen verbreitet.

Ornament und BildschmuckBearbeiten

Dekorativ angereichert wurde vor allem die Frontseite. Oft haben sich in Museen nur diese Vorderwände erhalten. Im Mittelalter überwiegt das Maßwerkornament. Geschnitzte Reliefs, die als szenische Bildfelder die Truhenvorderwand füllen, sind vom späten 15. bis zur Mitte des 17. Jahrhunderts in Norddeutschland beliebt, auch wenn sie (wie durchweg) bürgerliche Aussteuertruhen waren, ist der Themenkreis biblisch, die nachreformatorischen Beispiele überwiegend alttestamentarisch. Ornamentale Dekorationen halten sich an bäuerlichen Möbeln (hier oft in Kerb- oder Flachschnitzerei) auch noch bis in spätere Zeit. Ob bei reich ausgestalteten Truhen eine geschnitzte Szene die ganze Vorderfläche füllt oder die Darstellungen einer Felderteilung folgen und welche Dekorationsmotive bevorzugt werden, ist regional unterschiedlich. Schnitzwerk ist ein Kennzeichen norddeutscher Eichentruhen, süddeutsche Möbel wurden eher nur bemalt. Wenige Beispiele im Norden lassen erkennen, dass wenigstens ein Teil der geschnitzten Truhen auch farbig gefasst sein konnte. Im 18. Jahrhundert werden auch Truhen gern mit Marketerien (dekorativ geschnittenen Furnieren) überzogen.

Funktion und GebrauchBearbeiten

Eine mittelalterliche Sonderform, mehr Sarg als Truhe, zeigt das seltene Beispiel einer Heiligengrabtruhe mit dachförmigem Deckel; sie wurde im liturgischen Zusammenhang von Karfreitag bis Ostern zur "Grablegung" einer Figur des toten Christus benutzt.[8]

Profane Truhen dienten nicht nur zur Aufbewahrung, sondern auch der Besitzsicherung. Bei einem Brand konnten sie mit ihrem kostbaren Inhalt schnell aus dem Haus geschafft werden und in der Regel waren sie auch mit Schloss und Riegel versehen. Geldkästen waren wohl ganz aus Eisenblech geschmiedet und mit Mehrfachriegeln und komplizierten Verschlüssen versehen. Auch die Zünfte waren vorsichtig: Die Amtsladen waren üblicherweise durch mehrere Schlösser gesichert, nur gemeinsam konnten die Zunftältesten den Kasten mit den Vermögenswerten der Korporation öffnen. Die geöffnete Lade der Zunft spielte eine wichtige Rolle bei ihren Amtshandlungen und Zeremonien.

Etwa im 17. Jahrhundert setzte sich in den Städten der Schrank als typisches Aufbewahrungsmöbel durch, die Truhe lebte dagegen vor allem in ländlichen Regionen fort. Truhen dürften auch als Sitzmöbel gedient haben, als Truhenbank sind sie mit einer Rücklehne ausgestattet.

Viele dieser Behältnismöbel waren bis ins 19. Jahrhundert Aussteuertruhen, in denen die Braut ihre Mitgift standesgemäß präsentieren konnte. In diesen Fällen sind Truhen manchmal mit Wappen, Namen und/oder Jahreszahl versehen. In großen Truhen befindet sich oft ein separat eingebautes Fach für kleinere Wertsachen, die sogenannte Beilade.

Ähnlich wie Landarbeiter und andere ihren Arbeitsplatz gelegentlich wechselnde Arbeitnehmer(innen) besaßen Seeleute mit der Seekiste eine handliche Truhe für ihren geringen persönlichen Besitz. Bis ca. Mitte des 20. Jahrhunderts waren auch noch leichter gebaute Reisetruhen üblich, oft mit Leder bezogen und durch Beschläge verstärkt. Für den Seetransport gedachte Truhen waren innen meist noch mit Blech ausgekleidet, um sie wasserdicht zu machen.

 
Cassone, Florenz, 15. Jahrhundert. Walnussholz, vergoldet und bemalt. Metropolitan Museum

Fremde TruhenformenBearbeiten

Aus Italien stammt die „Brauttruhe“ (cassone). Ihre Vorderwand und die Schmalseiten waren oft mit Malereien oder Reliefs aus Holz oder Gips (Gesso) geschmückt, die Themen aus dem Umfeld von Hochzeit und Ehe zum Inhalt hatten. Die „Truhenbank“ (cassapanca) der italienischen Renaissance war neben einer verzierten Rückenlehne zusätzlich noch mit Armlehnen versehen.

In Nordamerika haben sich für die „Aussteuertruhe“ die Begriffe hope chest und cedar chest verbreitet, während im Vereinigten Königreich und in Australien die Bezeichnung glory box bekannter sein mag.

Moderne TruhenBearbeiten

 
Kühltruhe (nur aufgrund der Isolierung)
 
Herstellung von Musiktruhen in einer Tonmöbelfabrik in Luckenwalde (1957)

Der Begriff der Truhe hat sich im Haushalt noch in der sogenannten Wäschetruhe erhalten, obwohl deren Aussehen mit dem ursprünglichen Möbelstück nichts mehr gemein hat. Es ist heute meist lediglich ein Behälter zur Aufnahme der Schmutzwäsche, bevor diese nach Waschtemperatur getrennt zur Reinigung kommt. Auch die Bezeichnung Kühltruhe wird für Elektrogeräte verwendet, deren Temperatur unter dem Gefrierpunkt liegt und die der Einfrierung und Aufbewahrung von Lebensmittel dienen. Diese Truhen wurden im Gegensatz zum Kühlschrank bei den Erstmodellen von oben geöffnet, eine Technik, die heute bereits eher selten ist.

Anfang der 1950er Jahre kam der Begriff Musiktruhe auf. Darunter versteht man ein Möbel, in dem ein Radio und Phonogeräte verbaut waren. Mit der Truhenkonstruktion hatte es nur den oberen Klappdeckel des Plattenspielers gemein. Teurere Exemplare enthielten auch noch ein Fernsehgerät.

LiteraturBearbeiten

  • Otto Bramm: Truhentypen. In: Volkswerk. Jahrbuch des Staatlichen Museums für Deutsche Volkskunde. Berlin 1941, S. 154–186.
  • Thorsten Albrecht: Truhen Kisten Laden. Vom Mittelalter bis zur Gegenwart. Am Beispiel der Lüneburger Heide. Imhof, Petersberg 1997.
  • Friedrich-Wilhelm Jaspers, Helmut Ottenjann: Volkstümliche Möbel aus dem Ammerland: Stollentruhen, Kastentruhen, Koffertruhen. Museumsdorf, Cloppenburg 1982–1983.
  • Karl Heinrich von Stülpnagel: Die gotischen Truhen der Lüneburger Heideklöster. Cloppenburg 2000.
  • Thomas Schürmann: Erbstücke. Zeugnisse ländlicher Wohnkultur im Elbe-Weser-Dreieck. Stade 2002.
  • Hannelore Nützmann: Alltag und Feste. Florentinische Cassone- und Spalliermalerei aus der Zeit Botticellis. Gemäldegalerie, Berlin 2000, ISBN 3-88609-294-1.

WeblinksBearbeiten

  Commons: Truhen – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
  Wiktionary: Truhe – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. zeno.org
  2. Truhe. In: Jacob Grimm, Wilhelm Grimm (Hrsg.): Deutsches Wörterbuch. Band 22: Treib–Tz – (XI, 1. Abteilung, Teil 2). S. Hirzel, Leipzig 1952, Sp. 1321–1328 (woerterbuchnetz.de).
  3. Alfred Löhr: Truhen, Laden und Kassetten. Bremen o. J. [1976], S. 5.
  4. Zum Wortgebrauch von "Kiste" in diesem Zusammenhang: Albrecht, S. 13—14.
  5. Stülpnagel, S. 15–18.
  6. Albrecht, S. 21—27 (zur Typengeschichte, Entwicklung und Verbreitung).
  7. Alfred Löhr, Truhen, Laden und Kassetten, Bremen o. J. [1976], S. 8.
  8. Museum der Burg Zug, Bau Sammlung Ausgewählte Objekte, Seite 39. commons:File:Heiligengrabtruhe-Baar.JPG Heiligengrabtruhe (um 1430)