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Trizonesien-Song

Karnevalslied von Karl Berbuer

Der Trizonesien-Song oder Wir sind die Eingeborenen von Trizonesien ist der Titel eines 1948 von Karl Berbuer geschriebenen Karnevalsliedes, das über die Grenzen des Rheinlands hinaus bekannt wurde und teilweise die Funktion einer fehlenden deutschen Nationalhymne übernahm.

Inhaltsverzeichnis

EntstehungsgeschichteBearbeiten

Frankreich trat am 8. April 1949 der am 1. Januar 1947 gegründeten Bizone bei, so dass ab April 1949 von einer Trizone die Rede sein konnte. Der Begriff hatte sich als umgangssprachlicher Ausdruck vermutlich jedoch bereits seit der Währungsreform eingebürgert,[1] die am 20. Juni 1948 in Kraft getreten war.

Die Idee für den Marsch-Fox hatte Karl Berbuer bereits 1947. Er saß in der Nähe des Kölner Doms in einem Restaurant, als dort über die so genannte Bizone gesprochen wurde. Jemand aus der Runde erwähnte die Wortschöpfung „Bizonesien“. Berbuer vermutete, dass es wohl bald zu einem Zusammenschluss mit der französischen Zone kommen werde, und kreierte das Wort „Trizonesien“.[2] Berbuer präsentierte das Lied der Öffentlichkeit am 11. November 1948;[3] das offizielle Veröffentlichungsdatum der Schallplatte war der 17. Dezember 1948.

TextBearbeiten

 
Trizone 1948

„Ein kleines Häuflein Diplomaten macht heut die große Politik, sie schaffen Zonen, ändern Staaten.“

Karl Berbuer: Trizonesien-Song

Das Lied verfügt über einen eingängigen Refrain:

Wir sind die Eingeborenen von Trizonesien,
Hei-di-tschimmela-tschimmela-tschimmela-tschimmela-bumm!
Wir haben Mägdelein mit feurig wildem Wesien,
Hei-di-tschimmela-tschimmela-tschimmela-tschimmela-bumm!
Wir sind zwar keine Menschenfresser, doch wir küssen um so besser.
Wir sind die Eingeborenen von Trizonesien,
Hei-di-tschimmela-tschimmela-tschimmela-tschimmela-bumm!

Der Text ist eine versteckte Kritik an den Besatzungsmächten, die offenbar nicht nur als Befreier vom Nationalsozialismus, sondern als eine Art Kolonisatoren empfunden wurden, und verballhornt das nationalsozialistische Schlagwort vom Deutschen Wesen zum wilden Wesien.[3]

TextanalyseBearbeiten

Das Lied wird als Indiz für gewonnene Distanz zum vergangenen Krieg gedeutet, als humorvolles Lachen über die eigene Situation.[4] Das Wort ‚Menschenfresser‘ ist ein eng mit Eingeborenen assoziierter Begriff. Der Musikwissenschaftler Fred Ritzel bezeichnet 1998 in seiner Songanalyse die Verwendung dieses Wortes vor dem Hintergrund der Kriegstoten und Judenmorde als erschreckend und skrupellos.[5] In einer musikpsychologischen Untersuchung fand man Hinweise auf den Wunsch zur Überwindung der nationalen Isolation.[3]

Das Karnevalslied sei ein „Spiegel der Mentalitäts- und Politikgeschichte 1948“[6] und der „in Selbstironie verpackte Wunsch, die nationale Isolation zu überwinden“.[7] Es schildere ironisch wie kein anderer die Lage der Deutschen zwischen Währungsunion und Republikgründung. „Wir ‚Trizoniesier', so streichelte das (…) Liedchen die arg gekränkte Volksseele, sind ganz, ganz harmlose Menschen“.[8] Der mit hochdeutschem Text versehene Karnevalsschlager wurde ein großer Erfolg für Berbuer, denn er avancierte zum ersten Nachkriegshit des Kölner Karnevals.[9] Nach Neugebauer reflektiert das Lied wie kaum ein anderes zeitgenössisches Dokument die Befindlichkeit der Deutschen in den drei westlichen Besatzungszonen.[10]

RezeptionBearbeiten

Da es zu dieser Zeit noch keine deutsche Nationalhymne gab, wurde das Lied ersatzweise bei Sportveranstaltungen gespielt.[3] In England wurde es zunächst als Hinweis auf einen aufkommenden Revanchismus gewertet, später aber auch als Ersatznationalhymne gespielt.[3] Auch bei einem Radrennen in Köln im Jahre 1949 wurde es bei der Siegerehrung angestimmt. Da die anwesenden alliierten Offiziere es für die deutsche Nationalhymne hielten, erhoben sie sich von ihren Sitzen.[11] Es wurde für den aus Köln stammenden Sieger Jean Schorn gespielt, der auf der Radrennbahn im Müngersdorfer Stadion beim ersten internationalen Radrennen nach dem Krieg gewonnen hatte.[12] Hierzu nahm Konrad Adenauer in einer Pressekonferenz am 19. April 1950 in Berlin Stellung:

„Ich glaube, es war im vorigen Jahr, da war im Kölner Stadion eine sportliche Veranstaltung gegenüber Belgien. Es war auch manches belgische Militär in Uniform da vertreten, und schließlich wurden die Nationalhymnen angestimmt, und die Musikkapelle, die offenbar einen sehr tüchtigen und geistig gegenwärtigen Kapellmeister gehabt hat, hat ohne besonderen Auftrag, als die deutsche Nationalhymne angestimmt werden sollte, das schöne Karnevalslied Ich bin ein Einwohner von Trizonesien angestimmt. Was ich Ihnen jetzt sage, ist vertraulich für Sie, das ist nicht für die Öffentlichkeit bestimmt. Da sind zahlreiche belgische Soldaten aufgestanden und haben salutiert, weil sie glaubten, das wäre die Nationalhymne.“

Konrad Adenauer: Pressekonferenz am 19. April 1950 in Berlin[13]

Das Lied wurde unter anderem von den Bläck Fööss (LP Was habst Du in die Sack; 1988) und von Konrad Beikircher (LP Und singt ein Lied dabei; 2008) gecovert.

WeblinksBearbeiten

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. Axel Jockwer, Unterhaltungsmusik im Dritten Reich, 2005, S. 279.
  2. WDR: Stichtag vom 11. November 2013, Karnevalshit nach dem Zweiten Weltkrieg
  3. a b c d e Trizonesien-Lied sorgte 1949 für Aufregung. Abgerufen am 24. April 2013.
  4. Werner Mezger, Schlager, 1975, S. 151; Fred Ritzel, Wir sind zwar keine Menschenfresser, doch wir küssen um so besser: Deutschlandbilder im Schlager, in: Detlef Hoffmann/Karl Ermert (Hrsg.): Deutschlandbilder – oder doch nur Bilder von Deutschland?, Loccumer Protokolle 65/1990, Loccum 1991, S. 62–77.
  5. Fred Ritzel, Was ist aus uns geworden? – Ein Häufchen Sand am Meer…, in: Popular Music Vol. 17, No. 3, Cambridge 1998
  6. Dirk Urbach, „Wir sind die Eingeborenen von Trizonesien“, in: Praxis Geschichte 17, 2004/5, S. 26–30.
  7. Gisela Probst, Zur psychologischen Funktion des Karnevalsschlagers, in: Rheinischer Karneval, Rheinisches Jahrbuch für Volkskunde, Jg. 23 (1978), S. 38.
  8. Thommy Herrwerth, Katzeklo & Caprifischer, Die deutschen Hits aus 50 Jahren, 1998, S. 10.
  9. Ernst Gambs: Von der industriellen Revolution bis zur Nachkriegszeit. 2012, S. 222.
  10. Karl-Volker Neugebauer: Die Zeit nach 1945 – Armeen im Wandel. 2008, S. 41.
  11. Ulfried Weißer: Die Bundesrepublik Deutschland – ein Erfolgsprojekt. Frank & Timme, Berlin 2015, S. 127.
  12. Neue Illustrierte (Köln) vom 21. April 1949
  13. Pressekonferenz des Bundeskanzlers Adenauer in Berlin, 19. April 1950 (Auszug). Presse- und Informationsamt der Bundesregierung, Pressearchiv F 1/30. Wiedergegeben auf der Website der Konrad-Adenauer-Stiftung, abgerufen am 17. Dezember 2018.