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Als Trierer Spruchbecher wird eine keramische Fundgattung der Römischen Kaiserzeit und der Spätantike bezeichnet, die vor allem in den Nordwestprovinzen des Römischen Reichs eine weite Verbreitung fand. Charakteristisch für die Trinkbecher, die zur engobierten Ware (auch Schwarzfirniskeramik) zählen, sind Trinksprüche und Verzierungen in Weißmalerei, die aus weißem Tonschlicker hergestellt wurde.

Trierer Spruchbecher aus Krefeld-Gellep (Gelduba)[1]
Metz, musées de la Cour d'Or, Trierer Spruchbecher (Mitte), Aufschrift: GAVDEAS („Freu dich!“)[2]

Inhaltsverzeichnis

WareBearbeiten

Die Trierer Spruchbecherkeramik ist an zahlreichen Fundorten im Rheinland belegt. Ihre charakteristische Verzierung hat dazu geführt, dass sie früh Eingang in zahlreiche Sammlungen fand. Es handelt sich nicht ausschließlich um Becher, es sind auch zugehörige Misch- und Auftragegefäße sowie seltener Schälchen und Schüsseln belegt.[3] Typologisch erfasst wurden die Becher erstmals 1914 bei der Publikation der Keramikfunde aus dem Kastell Niederbieber von Franz Oelmann.[4]

Zunächst hielt man Köln für den Herstellungsort, da dort große Mengen der Spruchbecherkeramik gefunden wurden. Grabungen von Siegfried Loeschcke im römischen Töpferviertel von Trier (Augusta Treverorum) an der Louis-Lintz-Straße erbrachten den Nachweis, dass Trier der einzige Produktionsort war.[5] Loeschcke fand neben großen Mengen zerbrochener Gefäße auch Fehlbrände, hinzu kommt, dass der Ton der Ware relativ einheitlich ist.

Während die engobierten Becher der frühen Kaiserzeit häufig verschiedene Brauntöne aufweisen, ist der Überzug bei späteren Produkten wie den Trierer Spruchbechern rein schwarz. Häufig weist der Überzug einen metallisch anmutenden Glanz auf, während die Gefäße sehr dünnwandig sind. Erst im weiteren Verlauf der Spätantike reduziert sich der Formenschatz auf Gefäße mit dickeren Wandungen und einem qualitativ geringerwertigen Überzug.[6] Dies trifft auch für die Trierer Spruchbecherware zu; spätere Stücke weisen meist dickere Wandungen sowie einen weniger glänzenden Überzug auf, der bei ungünstigen Erhaltungsbedingungen abblättert.

 
Becher aus Novaesium, Aufschrift BIBE („Trink“).[7]
 
Flasche mit zylindrischem Hals und Halsreif, Aufschrift MISCE („Mische“).[8]
 
Trierer Spruchbecherkeramik im Kunsthistorischen Museum Wien.[9]
 
Das mit dazugehörenden Trierer Spruchbechern im Atrium der Villa Rustica Szentendre-Skanzen in Ungarn geborgene, fast vier Liter fassende Mischgefäß.

FormenBearbeiten

Hergestellt wurden vornehmlich verschiedene bauchige Becher mit konischem Hals. Sie besitzen meist gering ausgeprägte Randlippen im Gegensatz zu den in der frühen Kaiserzeit gebräuchlichen Bechern mit Karniesrand. Die Schulter kann gelegentlich in Form eines Halsreifs stärker gegliedert sein. Einige Gefäße weisen Wandfalten auf („Faltenbecher“), die zum besseren Halt in der Hand beitragen sollten. Weiterhin sind aber auch fassförmige Becher, Tassen, Schälchen, Sauggefäße, Canthari, Krüge, Flaschen, Schüsseln sowie eine Glocke belegt. Einige der insgesamt 19 Formen schließen an die Glanztonware des 2. Jahrhunderts an. Es gibt aber ebenfalls Typen, die Parallelen in der Terra Sigillata haben oder nach Metall- oder Glasvorbildern entwickelt wurden. Interessant sind Parallelen der fassförmigen Becher und Flaschen zum keltischen Formengut.[10]

VerzierungBearbeiten

Da es sich bei den Gefäßen um weitgehend individuelle Anfertigungen handelt, können nur allgemeine Aussagen zu den verschiedenen Dekorationselementen getroffen werden. Sehr häufig sind Wellen- oder Zickzackbänder, Punktreihen oder Ranken für umlaufende Friese. Zwischen Medaillonfeldern und als Worttrenner wurden oft Punkte, Tupfer oder florale Motive wie Trauben und Blätter gesetzt. Oft sind die Vorbilder dieser Verzierungen in den Punzen der Terra-Sigillata-Gefäße dieser Zeit zu finden.

Die aufgemalten Inschriften geben Einblick in die Tischsitten des 3. und 4. Jahrhunderts n. Chr. Viele vorhandene Inschriften sind bis zu dessen Erscheinen zusammengefasst im Corpus Inscriptionum Latinarum Band XIII.[11] Meist geben sie alltägliche Dialoge zwischen dem Wirt und seinem Gast, Zecher und Freundin sowie dem Gefäß und dem Trinker wieder. Die weitaus größte Gruppe enthält Zurufe oder Aufforderungen zum Weintrinken. Die Schrift bestand üblicherweise aus Weißbarbotine-Punkten oder sie wurde aufgemalt. Durch ihr Dekor oder ihre Inschriften sind außerdem einige Gefäße als Votivgabe identifizierbar. Sie geben Aufschluss über das religiöse Gedankengut dieser Zeit. Besonders zahlreich sind dabei die Bezüge zum Mithraskult.

ProduktionBearbeiten

Die Entstehung der Trierer Spruchbecherware wird chronologisch in der Zeit des Limesfalls um 255 n. Chr. angesetzt. In den spätesten Befunden aus Limeskastellen wie in Niederbieber ist sie noch vorhanden. Das Ende wird etwa 100 Jahre später aufgrund von vergesellschafteten Münzfunden angenommen.[12] Als Produktionsort ist das Trierer Töpfereigelände am Pacelliufer durch Funde von Fehlbränden gesichert. 1933 wurde nördlich der Stadtmauer an der Töpferstraße und Louis-Lintz-Straße ein Teil des Töpfereigeländes freigelegt, zu dem auch ein Ofen mit flaschenförmigem Grundriss gehörte, der noch verzierte Schwarzfirniskeramik enthielt.

Das Verbreitungsgebiet erstreckt sich von England bis ins heutige Rumänien, wobei in Randgebieten nur wenige Stücke vorliegen. Am häufigsten findet sich die Trierer Spruchbecherware im Rhein- und Donaugebiet, im nördlichen Gallien sowie in Südengland.

LiteraturBearbeiten

  • Erich Gose: Gefäßtypen der römischen Keramik im Rheinland. Köln 1976, ISBN 3-7927-0293-2, S. 15–19.
  • Eszter Harsányi: Die Trierer schwarz engobierte Ware und ihre Imitationen in Noricum und Pannonien. Wien 2013, ISBN 978-3-902666-30-7 (Austria Antiqua 4).
  • Susanna Künzl: Die Trierer Spruchbecherkeramik. Dekorierte Schwarzfirniskeramik des 3. und 4. Jahrhunderts. Trier 1997, ISBN 3-923319-35-5 (Beihefte der Trierer Zeitschrift 21).
  • Karl Heinz Lenz: Feinkeramik. In: Thomas Fischer (Hrsg.): Die römischen Provinzen. Eine Einführung in ihre Archäologie. Theiss-Verlag, Stuttgart 2001, ISBN 3-8062-1591-X, S. 290–293.
  • Renate Pirling: Ein Trierer Spruchbecher mit ungewöhnlicher Inschrift aus Krefeld-Gellep. In: Germania 71, 1993, S. 387–404.
  • Judit Topál: Der Import der sogenannten Moselweinkeramik in Pannonien. In: Rei Cretariae Romanae Fautorum Acta 27/28, 1990, S. 177–184.
  • Fabienne Vilvorder: La céramique métallescente de Trèves. In: Raymond Brulet/ F. Vilvorder/ Richard Delage: La céramique romaine en Gaule du nord. Dictionnaire des céramiques. Brepols, Turnhout 2010, ISBN 978-2-503-53509-8, S. 351–356.

WeblinksBearbeiten

  Commons: Trierer Spruchbecher – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. Aufschrift: Ol(l)am Fortunae Supe(r)stinius Filica Clementinio Advento /pr(a)efecto leg(ionis) XXX cum familia sua utatur feliciter. Übersetzung: Das Glücksgefäß (hat) Superstinius Filica dem Clementinus Adventus, Präfekt der 30. Legion (geschenkt). Er möge es mit seiner Familie glücklich benutzen. Renate Pirling: Ein Trierer Spruchbecher mit ungewöhnlicher Inschrift aus Krefeld-Gellep. In: Germania 71, 1993, S. 387–404; Susanna Künzl: Die Trierer Spruchbecherkeramik. Dekorierte Schwarzfirniskeramik des 3. und 4. Jahrhunderts. Trier 1997, S. 192, Kat.-Nr. KRE 119.
  2. Susanna Künzl: Die Trierer Spruchbecherkeramik. Dekorierte Schwarzfirniskeramik des 3. und 4. Jahrhunderts. Trier 1997, S. 200, Kat.-Nr. MET 1.
  3. Susanna Künzl: Die Trierer Spruchbecherkeramik. Dekorierte Schwarzfirniskeramik des 3. und 4. Jahrhunderts. Trier 1997, S. 8 bevorzugt deshalb die Begriffe Spruchbecherware oder Spruchbecherkeramik.
  4. Franz Oelmann: Die Keramik des Kastells Niederbieber. 2. Nachdruck der Ausgabe Frankfurt am Main 1914, Habelt, Bonn 1976, ISBN 3-7749-0678-5, S. 35ff.
  5. Siegfried Loeschcke: Töpfereiabfall d.J. 259/260 in Trier: Aus einer römischen Grube an der Louis-Lintz-Straße. In: Trierer Jahresbericht 13, 1923, S. 55–58, Beilage II, S. 103–107; derselbe: Denkmäler vom Weinbau aus der Zeit der Römerherrschaft an Mosel, Saar und Ruwer. In: Trierer Zeitschrift 7, 1932, S. 1–60.
  6. Karl Heinz Lenz: Feinkeramik. In: Thomas Fischer (Hrsg.): Die römischen Provinzen. Eine Einführung in ihre Archäologie. Theiss-Verlag, Stuttgart 2001, S. 292.
  7. Susanna Künzl: Die Trierer Spruchbecherkeramik. Dekorierte Schwarzfirniskeramik des 3. und 4. Jahrhunderts. Trier 1997, S. 202, Kat.-Nr. NEU 9.
  8. Susanna Künzl: Die Trierer Spruchbecherkeramik. Dekorierte Schwarzfirniskeramik des 3. und 4. Jahrhunderts. Trier 1997, S. 202, Kat.-Nr. NEU 1.
  9. Susanna Künzl: Die Trierer Spruchbecherkeramik. Dekorierte Schwarzfirniskeramik des 3. und 4. Jahrhunderts. Trier 1997, S. 218, Kat.-Nr. WIE 2; unbekannt; Kat.-Nr. WIE 4 (v. l. n. r.).
  10. Susanna Künzl: Die Trierer Spruchbecherkeramik. Dekorierte Schwarzfirniskeramik des 3. und 4. Jahrhunderts. Trier 1997, S. 38f.
  11. CIL 13, 10018.
  12. Susanna Künzl: Die Trierer Spruchbecherkeramik. Dekorierte Schwarzfirniskeramik des 3. und 4. Jahrhunderts. Trier 1997, S. 129.