Topiramat

organische Verbindung, Arzneistoff

Topiramat (Handelsname: Topamax) ist ein Arzneistoff gegen Epilepsie und Migräne. Einzelberichte beschreiben einen positiven Effekt von Topiramat in der Cluster-Kopfschmerz-Prophylaxe.[3] Es wurde in Deutschland bis zum Patentablauf 2009 nur von Janssen-Cilag vertrieben.

Strukturformel
Struktur von Topiramat
Allgemeines
Freiname Topiramat
Andere Namen
  • 2,3:4,5-Bis-O-(1-methylethyliden)-β-D-fructopyranose-sulfamat
Summenformel C12H21NO8S
Externe Identifikatoren/Datenbanken
CAS-Nummer 97240-79-4
EG-Nummer 619-263-3
ECHA-InfoCard 100.129.713
PubChem 5284627
ChemSpider 4447672
DrugBank DB00273
Wikidata Q221174
Arzneistoffangaben
ATC-Code

N03AX11

Wirkstoffklasse

Antiepileptikum

Eigenschaften
Molare Masse 339,4 g·mol−1
Sicherheitshinweise
Bitte die Befreiung von der Kennzeichnungspflicht für Arzneimittel, Medizinprodukte, Kosmetika, Lebensmittel und Futtermittel beachten
GHS-Gefahrstoffkennzeichnung [2]
07 – Achtung

Achtung

H- und P-Sätze H: 315​‐​319​‐​335
P: 261​‐​305+351+338 [2]
Toxikologische Daten

>1500 mg·kg−1 (LD50Rattei.p.)[2]

Soweit möglich und gebräuchlich, werden SI-Einheiten verwendet. Wenn nicht anders vermerkt, gelten die angegebenen Daten bei Standardbedingungen.

WirkmechanismusBearbeiten

Topiramat wirkt über verschiedene Mechanismen, die eine übermäßige Erregung von Nervenzellen verhindern. Topiramat blockiert die (verstärkend wirkende) Glycin-Bindungsstelle am erregenden glutamatergen AMPA-Rezeptor[4] und verstärkt durch Bindung an GABA-Rezeptoren deren hemmenden Effekt. Außerdem inaktiviert Topiramat den spannungsabhängigen Natriumkanal, wodurch die Zelle gehindert wird, schnell aufeinanderfolgende Aktionspotentiale zu generieren. Des Weiteren wirkt es modulierend auf bestimmte spannungsabhängige Calciumkanäle und bewirkt eine schwache Hemmung gewisser Isoenzyme der Carboanhydrase.

PharmakokinetikBearbeiten

Topiramat wird vom Körper gut aufgenommen und wird als Tablette verabreicht. Die Halbwertszeit beträgt zwischen 20 und 30 Stunden. Topiramat wird überwiegend unverändert über die Niere ausgeschieden. Daher muss bei verminderter Nierenleistung die Dosis des Arzneimittels gesenkt werden. Durch die Antiepileptika Carbamazepin und Phenytoin wird der Topiramatspiegel im Blut gesenkt. Bei Therapiekombination mit diesen muss die Topiramatdosis angepasst werden.

AnwendungBearbeiten

Topiramat wird in Dosen von 25 bis 200 mg als Antiepileptikum eingesetzt. Es wird bei Erwachsenen und Jugendlichen als Zusatzmedikament bei fokalen und generalisierten Anfällen sowie beim Lennox-Gastaut-Syndrom eingesetzt. Des Weiteren ist Topiramat für die Prophylaxe von Migräne-Anfällen zugelassen. Zur Migräne-Prophylaxe werden in der Regel 50 bis maximal 100 mg des Wirkstoffes eingesetzt.[5]

Nach den Empfehlungen der Deutschen Migräne- und Kopfschmerz-Gesellschaft kann Topiramat auch zur vorbeugenden Behandlung von Cluster-Kopfschmerzen verwendet werden.[6] In letzter Zeit wird Topiramat auch in Bezug auf die Behandlung der chronifizierten PTBS (Posttraumatische Belastungsstörung) getestet. Hier werden erste ermutigende Ergebnisse berichtet.[7] Topiramat ist verschreibungspflichtig.

Topiramat bei Alkohol- und KokainabhängigkeitBearbeiten

Die Dopaminfreisetzung im corticomesolimbischen System wird durch Topiramat reduziert, vermutlich könnte der Arzneistoff in der Therapie von Alkoholabhängigen eingesetzt werden. In einer doppelblinden, randomisierten und placebokontrollierten Studie wurde diese Behandlungsoption genauer untersucht. Während 14 Wochen erhielten 371 Probanden entweder Topiramat in steigender Dosis (bis 300 mg/Tag ab der fünften Woche) oder Placebo. Zusätzlich zur medikamentösen Therapie wurden wöchentlich kurze Einzelgespräche geführt. Werden die Tage mit starkem Alkoholkonsum betrachtet, so reduzierte sich dieser Anteil in der Topiramat-Gruppe von 81,5 % auf 43,8 % und in der Placebo-Gruppe von 82 % auf 51,8 %. In der Topiramat-Gruppe kam es häufiger zu Nebenwirkungen wie zum Beispiel Parästhesien, Geschmacks- oder Konzentrationsstörungen. Die Autoren der Studie sehen in Topiramat eine vielversprechende Therapieoption bei Alkoholabhängigkeit. Es müssen noch verschiedene Parameter wie zum Beispiel Dosierung und Wirkdauer abgeklärt werden.[8][9]

Einer doppelblinden placebokontrollierten Studie der Universität von Pennsylvania zufolge erhöht Topiramat die Wahrscheinlichkeit, abstinent von Kokain zu bleiben, sowie die Wahrscheinlichkeit, eine dreiwöchige Abstinenzzeit zu erzielen, gegenüber Placebo deutlich.[10] Eine weitere Studie kam zum Schluss, dass Topiramat das Verlangen nach Kokain bei 25 % der Teilnehmer deutlich senken kann.[11]

Anwendung in der Schwangerschaft und StillzeitBearbeiten

Topiramat hat bei Maus, Ratte und Kaninchen teratogene Wirkungen gezeigt. Daten aus Schwangerschaftsregistern (Nordamerikanisches Antiepileptika-Schwangerschaftsregister, NAAED, sowie das Epilepsie- und Schwangerschaftsregister des Vereinigten Königreichs) zeigten Fälle von schwerwiegenden Fehlbildungen des Kindes, wenn die Mutter im ersten Schwangerschaftstrimenon Topiramat eingenommen hatte. Ebenso weisen präklinische Daten auf ein teratogenes Potential des Arzneistoffs hin. In Deutschland wurde ein Stufenplanverfahren eingeleitet.[12] Für die Behandlung der Migräne darf Topiramat in der Schwangerschaft nicht eingenommen werden. Topiramat wird in der Milch säugender Ratten ausgeschieden. Begrenzte Beobachtungen beim Menschen weisen auf einen erheblichen Übertritt in die Muttermilch hin.[13]

Anwendung von Topiramat und EmpfängnisverhütungBearbeiten

Patientinnen, die neben Topiramat gleichzeitig orale Kombinationskontrazeptiva („Antibabypille“) einnehmen, müssen mit einer möglichen Verminderung der empfängnisverhütenden Wirksamkeit sowie mit verstärkten Durchbruchblutungen rechnen. Die Verhütungssicherheit der Antibabypille kann durch Topiramat auch beeinflusst werden, ohne dass es zu Durchbruchblutungen kommt.[13]

Wirkung auf die Fahrtüchtigkeit und auf das Bedienen von MaschinenBearbeiten

Topiramat wirkt auf das Zentralnervensystem. Es können Schläfrigkeit, Schwindel oder andere ähnliche Symptome auftreten. Dies kann insbesondere dann gefährlich werden, wenn die Patienten ein Fahrzeug lenken oder Maschinen bedienen müssen.[13]

NebenwirkungenBearbeiten

Topiramat kann folgende Nebenwirkungen haben:

  • Verlust und fehlender Geschmackssinn, bis hin zu Entzündungen im Mundbereich.
  • klingelndes Geräusch im Ohr, bis hin zu Ohrenschmerzen.
  • vermindertes Sehvermögen.
  • häufigste Nebenwirkung sind Kribbelempfindungen, besonders in Armen und Beinen (sogenannte Parästhesien); diese verschwinden jedoch in der Regel nach einiger Zeit; eine kaliumreiche Ernährung (Bananen, Trockenobst) kann die Parästhesien lindern
  • Ataxie (Koordinationsstörung, z. B. stark schwankender Gang) – kann gleichzeitig zu sehr langsamem Gehen trotz Gehhilfe (auch wenn vor Einnahme von Topiramat keine Gehilfe benötigt wurde) führen
  • Konzentrationsstörungen (mitten im Satz weiß man nicht mehr, was man sagen wollte. Suche nach Worten)
  • Kopfschmerzen
  • Gestörte Merkfähigkeit (betrifft sowohl das Kurz- als auch das Langzeitgedächtnis)
  • das Gefühl, Erlerntes nicht mehr zu können
  • erhöhte Reizbarkeit
  • (Depression)
  • (Schlafstörungen,) Albträume
  • (Appetitsteigerung,) Appetitverminderung (wird daher auch bei Essstörungen eingesetzt)
  • (Zittern der Hände)
  • skandierende Sprache bzw. Redeweise, was vom Betroffenen nicht wahrgenommen wird
  • Auftreten von sogenannten dissoziativen Anfällen, Wutanfällen
  • Halluzinationen

Sollte der Verdacht bestehen, dass z. B. starke Gangstörungen die Wirkung von Topiramat sind, muss dies mittels psychologischer Tests geprüft werden.

WeblinksBearbeiten

Commons: Topiramate – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. Eintrag zu TOPIRAMATE in der CosIng-Datenbank der EU-Kommission, abgerufen am 28. Dezember 2020.
  2. a b c Datenblatt Topiramate bei Sigma-Aldrich, abgerufen am 24. April 2011 (PDF).Vorlage:Sigma-Aldrich/Abruf nicht angegeben
  3. S1-Leitlinie Clusterkopfschmerz und trigeminoautonome Kopfschmerzen der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN). In: AWMF online (Stand 2015).
  4. H. Lüllmann, K. Mohr, L. Hein: Pharmakologie und Toxikologie. Thieme, 2006.
  5. Herstellerinformation Glenmark (pdf)
  6. A. May, S. Evers, G. Brössner, T. Jürgens, A. R. Gantenbein, V. Malzacher, A. Straube: Leitlinie zur Diagnostik, Therapie und Prophylaxe von Cluster-Kopfschmerz, anderen trigemino-autonomen Kopfschmerzen, schlafgebundenem Kopfschmerz und idiopathisch stechenden Kopfschmerzen. Überarbeitete Therapieempfehlungen der Deutschen Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft in Zusammenarbeit mit der DGN, ÖKSG, SKG. In: Nervenheilkunde. (Memento vom 20. August 2016 im Internet Archive) 35(3), 2016, S. 137–151, (DMKG: PDF-Datei).
  7. Jeffrey L. Berlant: Prospective open-label study of add-on and monotherapy topiramate in civilians with chronic nonhallucinatory posttraumatic stress disorder. In: BMC Psychiatry. Band 4, Nr. 1, August 2004, S. 24, doi:10.1186/1471-244X-4-24 (biomedcentral.com).
  8. Topiramate for Treating Alcohol Dependence. In: JAMA. 298, 2007, S. 1641–1651.
  9. Antiepileptikum mildert Alkoholabhängigkeit. (Memento vom 27. Februar 2017 im Internet Archive) auf: aerzteblatt.de, 10. Oktober 2007.
  10. K. M. Kampman, H. Pettinati, K. G. Lynch, C. Dackis, T. Sparkman, C. Weigley, C. P. O'Brien: A pilot trial of topiramate for the treatment of cocaine dependence. In: Drug Alcohol Depend. Band 75, Nr. 3, 2004, S. 233–240, PMID 15283944.
  11. A. D. Reis, L. A. Castro, R. Faria, R. Laranjeira: Craving decrease with topiramate in outpatient treatment for cocaine dependence: an open label trial. In: Rev Bras Psiquiatr. Band 30, Nr. 2, 2008, S. 132–135, PMID 18470406.
  12. Topiramat: Hinweise auf erhöhtes Risiko für Fehlbildungen bei Anwendung im ersten Trimenon. (Memento vom 10. Februar 2013 im Webarchiv archive.today) BfArM, 16. Mai 2012.
  13. a b c Fachinformation Topamax. Januar, Janssen-Cilag GmbH, Stand 2011.