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Tieringen

Ortsteil von Meßstetten, Baden-Württemberg, Deutschland

Tieringen ist ein Stadtteil von Meßstetten mit 1069 Einwohnern (Stand 2010) im Zollernalbkreis.

Tieringen
Ehemaliges Gemeindewappen von Tieringen
Koordinaten: 48° 12′ 2″ N, 8° 52′ 29″ O
Höhe: 802 m ü. NN
Einwohner: 1024 (30. Jun. 2012)
Eingemeindung: 1. Januar 1974
Postleitzahl: 72469
Vorwahl: 07436
Gesamtansicht Tieringen (2018)
Gesamtansicht Tieringen (2018)

Inhaltsverzeichnis

GeographieBearbeiten

Tieringen liegt auf der Hohen Schwabenalb nahe dem Albtrauf. Der höchste Berg auf Tieringer Gemarkung ist das Hörnle (956 m ü. NN) am Albtrauf.

GeschichteBearbeiten

Die Geschichte von Tieringen geht bis in das 4. Jahrhundert auf eine alte alemannische Siedlung zurück. Urkundlich wird das Dorf erstmals im Jahr 1275 erwähnt; damals gehörte es den Grafen von Hohenberg. Um 1300 besaß Graf Friedrich von Zollern Land und Leibeigene in Tieringen.[1]

Am 2. Mai 1345 und 1347 erfolgte ein Verkauf mit Hossingen, Tieringen und Meßstetten an Heinrich von Tierberg.[2][3] 1348 übereignete Graf Heinrich von Hohenberg Heinrich dem Schmied von Unterdigisheim den Bannwarten Hof in Tieringen.[4] Bereits in Knoblochs Oberbadischem Geschlechterbuch wird der Ort Haiterbach dem Beinamen der Meßstetter Seitenlinie der Herren von Tierberg zugeordnet.[5] Ritter Heinrich von Tierberg genannt Haiterbach hatte sehr wahrscheinlich seinen Besitz in Haiterbach verkauft und dafür seine neue Herrschaft erworben, deren Mittelpunkt Meßstetten war.[6][7] Schließlich wurde über den Ritter von Tierberg 1418 an den Grafen von Württemberg verkauft.

1525 kam im Bauernaufstand die soziale und politische Unzufriedenheit in Meßstetten zum Ausbruch. Oberdigisheim und Tieringen wurden Zentren des Aufstands.[8] Gleich zu Anfang des Jahres plünderten die Aufständischen die Schalksburg.[9] Das Abzeichen der Bauern um Balingen war eine schwarz-rote Fahne mit weißem Kreuz.[10]

Im Bauernkrieg wurde laut mündlicher Überlieferung die Burg Hossingen beschädigt, der Pfarrer von Oberdigisheim zählte zu den Anführern. Pfarrer Johannes Wendel stand mit den Aufständischen im engen Bunde.[11] Am 29. Februar 1525 erreichten die Soldaten des Bauernjörg über Tieringen den Lochenpass. Unterhalb der Lochen kam es zu Kämpfen. (siehe auch abgegangene Burg Tieringen)

Tieringen gehörte zu Zeiten des Herzogtums und des Königreichs Württemberg zum Oberamt Balingen, nach der Gebietsreform 1938 zum gleichnamigen Landkreis.

Seine kargen und steinigen Böden zwangen im 19. Jahrhundert zahlreiche Einwohner, den damals landwirtschaftlich strukturierten Marktflecken zu verlassen. Dies war auch der Grund, weshalb nach anderen Erwerbsquellen gesucht werden musste, die sich damals in Form von Webereien und Spinnereien darboten, zu denen sich wenig später auch die Mechanik gesellte. Heute bietet der Ort über 900 Arbeitsplätze.

Bei der 1973 durchgeführten Kreisreform kam Tieringen mit dem gesamten Landkreis Balingen zum neuen Zollernalbkreis. Am 1. Januar 1974 wurde Tieringen nach Meßstetten eingemeindet.[12]

1978 wurde das alte Rathaus abgebrochen und ein neuer Zweckbau mit Feuerwehrhaus erstellt. Das Feuerwehrhaus wurde 1998 vergrößert und renoviert. In der Umgebung gibt es mehrere Wanderparkplätze und -wege.

TourismusBearbeiten

 
Barfußpfad Tieringen

Tieringen ist ein anerkannter Erholungsort mit Familienferiendorf (Hallenbad und Sauna), Skilift, Langlaufloipen, Nordic Walking, Tennisplatz, Barfußpfad und Wanderwegen.

Im Sommer verkehrt an Sonn- und Feiertagen der Schlichem-Rad-Wander-Bus 17/38 von Balingen über die Lochen und Tieringen nach Schömberg und Rotenzimmern und zurück. Der Bus bietet damit in Balingen und Schömberg Anschluss an die Angebote des Rad-Wander-Shuttles der Zollern-Alb-Bahn.[13]

Der Ort liegt auf der Europäischen Wasserscheide Rhein-Donau, nach Süden zur Donau hin entwässert die Bära, zum Neckar hin die Schlichem.

Wander- und RadwegeBearbeiten

Tieringen besitzt ein ausgedehntes Wanderwegenetz, das vom Schwäbischen Albverein angelegt wurde. Der Schwäbische-Alb-Nordrand-Weg sowie Rundwanderwege und Radwege sind ausgeschildert. Der Schlichemwanderweg startet in Tieringen. Bereits 1896 wurden siebentägige Wanderungen in Kombination mit Bahnfahrten beworben.[14] Julius Wais beschreibt in Albführer im Jahre 1901 eine Wanderung vom Bahnhof Laufen zum Gräbelesberg über das Lochenhörnle zum Lochenstein und weiter zum Balinger Bahnhof.[15] J Heutzutage können weniger geübte Wanderer den Weg im Sommer mit dem Rad-Wander-Shuttle in Etappen einteilen.[16]

Wirtschaft und InfrastrukturBearbeiten

 
Mattes & Ammann in Tieringen (2019)

Die wichtigsten Unternehmen sind Interstuhl Büromöbel GmbH & Co. KG (Sitzmöbel), Mattes & Ammann GmbH & CO. KG (Technische Textilien), Cura CNC-Präzisionsteile GmbH und die Robert Koch GmbH (Präzisionswerkzeuge).

Mit dem Familienferiendorf Tieringen, das gemeinnützige Familienerholung bietet, und dem Tagungshaus Bittenhalde der Evangelischen Landeskirche besitzt Tieringen auch überregional bekannte touristische Einrichtungen.

Die Wasserversorgung wird durch den Zweckverband Wasserversorgung Hohenberggruppe gewährleistet, die ihren Sitz in Meßstetten hat.

SagenBearbeiten

Scheintrauung vom 28. Januar 1711Bearbeiten

Nach einer Scheinehe der Wilhelmine von Grävenitz im Schloss Oberhausen bei Tieringen 1711 durch den Tieringer Pfarrer werden wichtige Urkunden von Tieringen vernichtet.[17] Die Geliebte des Landesvaters wollte auch ihren Einfluss in der Evangelischen Kirche geltend machen. Dies misslang ihr bei dem tief religiösen Superintendenten jedoch. Auf ihre Bitte, man möge sie namentlich ins Gebet in der Evangelischen Kirche in Württemberg aufnehmen antwortet Pfarrer Osiander in der Stuttgarter Stiftskirche, das sei schon der Fall bei jedem Gottesdienst in der siebten Bitte des Vaterunsers (mit den Worten: ‚Erlöse uns von dem Übel‘). Seine Lohnzahlung (damals auch über landwirtschaftliche Eigenbetriebe) wurde sofort eingestellt.

ReligionBearbeiten

Es gibt in Tieringen eine evangelische Kirche und ein Käpelle.

SportBearbeiten

Der Sportverein Tieringen entstand im Herbst 1963 aus den Reihen des Kegelclubs. Neben der Fußball- wurde gleichzeitig die bis dahin beim Heimatverein Kohlraisle angesiedelte Skiabteilung übernommen. Anfang der 1970er Jahre kam die Abteilung Damengymnastik hinzu. Von den rund 500 Mitgliedern wurden auf dem Sportgelände Goldrain im Laufe der Jahre zwei Rasenplätze und ein Sportheim gebaut.

VerkehrBearbeiten

Ein Eisenbahnprojekt zu Beginn des 20. Jahrhunderts sah den Bau einer Bahnstrecke vom industriell prosperierenden Ebingen über Meßstetten nach Nusplingen vor, wo an die ebenfalls noch zu bauende Heubergbahn von Spaichingen angeschlossen werden sollte.[18] Im Jahr 1909 wurden dazu detaillierte Pläne ausgearbeitet, nach denen auch Tieringen einen eigenen Bahnhof erhalten sollte. Das Projekt wurde jedoch nicht verwirklicht.[19]

PersönlichkeitenBearbeiten

WeblinksBearbeiten

  Commons: Tieringen – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. Bestand Ho156 T1 Nr3 auf Landesarchiv-BW.de
  2. Jähnichen Hans: Der Landkreis Balingen 1960. Amtliche Kreisbeschreibung. Hrsg.: Statistisches Landesamt Baden-Württemberg. S. 231.
  3. Bestand A602 Nr6592 auf Landesarchiv-BW.de
  4. landesarchiv-bw.de auf Landesarchiv-BW.de
  5. Oberbadisches Geschlechterbuch, S. 222. Digitalisat, UB Uni Heidelberg
  6. Hermann Krauß: Orts und Kirchengeschichte von Meßstetten. 75 jähriges Bestehen der Kirche. Hrsg.: Orgelfonds-Pfarrer Peter Gall. Meßstetten, S. 17.
  7. Oberbadisches Geschlechterbuch, S. 223. Digitalisat, UB Uni Heidelberg
  8. Hermann Krauß: Orts und Kirchengeschichte von Meßstetten. 75 jähriges Bestehen der Kirche. Hrsg.: Orgelfonds-Pfarrer Peter Gall. Meßstetten 1989, S. 24.
  9. Gottlob Hummel: Die Geschichte der Stadt Ebingen. Hrsg.: Genossenschaftsdruckerei. 1923, S. 59.
  10. Jähnichen Hans: Der Landkreis Balingen. Amtliche Kreisbeschreibung. Hrsg.: Statistisches Landesamt Baden-Württemberg. 1960, S. 265.
  11. Bestand A44 U101 auf Landesarchiv-BW.de
  12. Statistisches Bundesamt (Hrsg.): Historisches Gemeindeverzeichnis für die Bundesrepublik Deutschland. Namens-, Grenz- und Schlüsselnummernänderungen bei Gemeinden, Kreisen und Regierungsbezirken vom 27.5.1970 bis 31.12.1982. W. Kohlhammer, Stuttgart/Mainz 1983, ISBN 3-17-003263-1, S. 540.
  13. zollernalb.com (Memento2des Originals vom 18. Mai 2015 im Webarchiv archive.is)   Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/www.zollernalb.com
  14. Lutz, Saager, Widenmann: Albvereinsblätter 7tägige Wanderung. Hrsg.: Schwäbischer Albverein Stuttgart. S. 362–363.
  15. Julius Wais: Albführer. Hrsg.: Union Deutsche Verlagsgesellschaft Stuttgart. S. 360.
  16. Premiere. In: Schwarzwälder Bote. 28. April 2015.
  17. Ernst Wintergerst: Scheinehe 1711.
  18. Vereinbarung zwischen den Gemeinden Ebingen, Meßstetten, Unterdigisheim, Oberdigisheim, Tieringen und Hossingen einerseits und dem Regierungsbaumeister M. Wallersteiner, Nürnberg anderseits. In: Stadtarchiv Albstadt, Bestand HR-E. Band 787.11/01-04.
  19. Ministerium der auswärtigen Angelegenheiten, Verkehrsabteilung: Korrespondenz der Königlichen Generaldirektion der Staatseisenbahnen an das Ministerium der auswärtigen Angelegenheiten, Verkehrsabteilung – Nr. 39235 /12 1 Bd. In: Landesarchiv Baden-Württemberg, Hauptstaatsarchiv Stuttgart, Archivarieneinheit E 57. E 57 Bü 21, 1913.