Tierhorror

Subgenre des Horrorfilms

Der Genrebegriff Tierhorror bezeichnet Horrorfilme, in denen Tiere eine zentrale Rolle spielen. Im englischen Sprachraum werden Tierhorrorfilme zumeist unter den weitergefassten Begriffen „natural horror“ oder auch „eco-horror“ („Öko-Horror“) zusammengefasst.[1] Das Subgenre blühte in den 1950er Jahren auf und brachte in der Folge eine Reihe von Thriller- und Horrorfilmklassikern, jedoch auch zahlreiche B-Movies hervor. Im neuen Jahrtausend beschränken sich die Produktionen überwiegend auf eine komödien- und parodiehafte Bearbeitung des Sujets sowie auf Beiträge für das Trashgenre.

GeschichteBearbeiten

Die ersten Produktionen mit Tierhorror-Motiven waren Verfilmungen von literarischen Vorlagen wie Arthur Conan Doyles Der Hund von Baskerville (erstmals 1914 von Rudolf Meinert oder die besonders bekannte Fassung Der Hund von Baskerville (1939) mit Basil Rathbone) oder H.G. Wells Die Insel des Dr. Moreau, etwa Die Insel der verlorenen Seelen (The Island of the Lost Souls, 1932). In den Fünfzigern begannen mit Formicula (Them!, 1954) und Tarantula (1955) erstmals Insekten bzw. Spinnen, die Horrorfilme zu bevölkern. Sie bildeten den Ausgangspunkt für eine bis heute immer wieder erfolgreiche Sparte des Tierhorrors, die besetzungstechnisch namhafte Produktionen wie etwa Der tödliche Schwarm (1978), Arachnophobia (1990), Anaconda (1997), Deep Blue Sea (1999), Octalus – Der Tod aus der Tiefe (1998) und Arac Attack (2002) hervorbrachte.

Prägend und stilbildend für viele spätere Tierhorrorfilme wurde Alfred Hitchcocks Die Vögel (The Birds, 1963)[2], obschon der Film nicht auf das Horrorgenre zu reduzieren ist. Der Publikumserfolg des Films war überragend. Ähnlich subtil behandelte Saul Bass das Thema einer unbarmherzig zurückschlagenden Natur in seinem Science-Fiction-Film Phase IV (1974).

Spätestens seit Steven Spielbergs später dreifach fortgesetztem Film Der weiße Hai (Jaws, 1974) etablierte sich eine wahre Flut an Tierhorrorfilmen, deren Protagonisten im Wasser zuhause sind. Der Erfolg von Der weiße Hai zog Nachahmer wie Tintorera! Meeresungeheuer greifen an (1977) oder The Last Jaws – Der weiße Killer (1980) nach sich, die sich bis heute fortsetzen, darunter Shark Attack 3: Megalodon (2002), Der weiße Hai in Venedig (2008), Deep Blue Sea (1999) und The Reef (2010).

Neben Haien und anderen Fischen wie Piranhas (etwa Joe Dantes vier Jahre später erschienener Piranhas und der späteren Hommage aus dem Jahr 2010, Piranha 3D), waren und sind vor allem Reptilien wie Krokodile und Seeschlangen oder auch Riesenkraken häufig auf der Leinwand zu sehen. Die Anaconda-Filmreihe, beginnend im Jahr 1997, stellte Riesenschlangen in das Zentrum der Handlung. Auch diesem Trend folgten unterschiedliche Filme, etwa Killer Kobra aus dem Jahr 1998 oder Python – Lautlos kommt der Tod aus dem Jahr 2000. Im Jahr 2004 wurden in Boa vs. Python zwei Riesenschlangen aufeinander losgelassen.

Auch Alligatoren wurden als Filmmonster auserkoren. Frühere Beispiele sind die US-amerikanische Produktion Der Horror-Alligator aus dem Jahr 1980, der im selben Jahr erschienene Die heilige Bestie der Kumas und weitere in Italien produzierte Filme wie Der Mörder-Alligator (1989). In den meisten Filmen mutieren normale Alligatoren auf Grund von Menschen verursachten Verschmutzungen zu Bestien heran. Ein späterer Nachkomme dieser Entwicklung ist die US-amerikanische Lake Placid-Filmreihe.

Auch fliegende Insekten und andere geflügelte Tiere wurden zu Bedrohungen in entsprechenden Horrorfilmen stilisiert. 1966 entstand der britische Horrorthriller Die tödlichen Bienen, der auf einer literarischen Vorlage beruht. Einige Produktionen überschritten hierbei auch die Grenzen zu Genres wie Trash und Science-Fiction. 1973 entstand beispielsweise der Film Invasion der Bienenmädchen, in dem eine Wissenschaftlerin mit einer Bienenkönigin Experimente durchführt und Männer als Drohnen verwendet. Ein Nachzügler ist die deutsche Produktion Die Bienen – Tödliche Bedrohung aus dem Jahr 2008. Ein anderes Beispiele sind Filme, in denen Fledermäuse im Mittelpunkt stehen. 1999 inszenierte Louis Morneau den Horrorfilm Bats – Fliegende Teufel. 2007 folgte diesem eine späte Fortsetzung mit Bats 2: Blutige Ernte. In dem 2001 entstandenen Film Bat Attack – Angriff der Fledermäuse stehen genmanipulierte Fledermäuse im Zentrum der Geschichte.

Allgemein wurden und werden im Tierhorror-Genre zahlreiche kostengünstige B-Movie- und Trashfilme produziert.[3] Im Jahr 2008 wurde der Billigproduktion Birdemic: Shock and Terror gar die zweifelhafte Ehre zuteil, von diversen Filmkritikern als der vielleicht schlechteste Film aller Zeiten bezeichnet zu werden.[4][5] Die Filmproduktionsfirma The Asylum veröffentlichte im Jahr 2009 mit Mega Shark vs. Giant Octopus einen ersten eigenen Tierhorrorfilm, dem eine ganze Welle weiterer Veröffentlichungen folgte. Diese Filme sind alle für den DVD-Markt produziert und richten sich praktisch ausschließlich an Genre- und Trashfilmfans. Häufig treten dabei zwei unterschiedliche, monsterartige Tiere gegeneinander an. So wurde 2010 mit Mega Shark vs. Crocosaurus eine Fortsetzung des ersteren gedreht. Roger Corman schloss sich dieser Entwicklung mit einigen Produktionen an und ließ 2010 den Film Dinoshark drehen. Im selben Jahr entstand unter seiner Produktion auch Sharktopus, das ein Mischwesen aus Hai und Oktopus zum Thema hat. 2011 drehte Jim Wynorski für Corman die B-Filme Piranhaconda und Camel Spiders – Angriff der Monsterspinnen, in denen wiederum unterschiedliche Tiere gekreuzt wurden oder mutierten.

MotiveBearbeiten

In seinem Buch Horror Geschichte und Mythologie des Horrorfilms unterteilt der deutsche Filmkritiker Georg Seeßlen Tierhorrorfilme in zwei Hauptmotive. Das erste ist die Verwandlung des Menschen in ein Tier oder umgekehrt. Dies schließt auch die zahlreichen im Horrorgenre fest etablierten Tiermenschen wie Affen- und Katzenmenschen, Werwölfe oder das berühmte Schuppenwesen aus Der Schrecken vom Amazonas (Creature from the Black Lagoon, 1954) mit ein. Das Motiv der Metamorphose durch menschliche Einflüsse wie wissenschaftliche Experimente, Umweltverschmutzung, atomare Strahlung und so weiter überschneidet sich mit anderen Filmgenres wie der Science Fiction.[6]

Das zweite Hauptmotiv ist das den Menschen bedrohende Tier. Die Bedrohung wird in der Regel als vom Menschen direkt oder indirekt provoziert dargestellt. Das Tier wird durch Magie, Experimente oder andere menschliche Einflüsse besonders aggressiv und gefährlich, die Natur schlägt zurück. Dazu stellt Seeßlen fest, dass „diese hochmoralische Botschaft selten mehr ist als ein schöner Vorwand, unseren alten Albträumen ein neues kinematographisches Gewand zu verleihen“.

Die Bedrohung durch ein Tier unterscheidet Seeßlen wiederum in zwei verschiedene Typen: Den Horror aus der Nähe und aus der Entfernung. Das heißt, dass das Tier entweder dadurch gefährlich und beängstigend wirkt oder ist, weil es anfängt, sich wie ein Mensch zu verhalten, oder weil das Tier durch die völlige Abwesenheit jeglicher menschlicher Eigenschaften die gefühls-, rücksichts- und mitleidlose Natur verkörpert.[7]

Tierhorrorfilme (Auswahl)Bearbeiten

LiteraturBearbeiten

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. Barry Langford: Film genre. Hollywood and beyond. Edinburgh University Press, Edinburgh 2005, ISBN 0-7486-1903-8, S. 169.
  2. Seeßlen, Jung: Horror. 2006, S. 587.
  3. Seeßlen, Jung: Horror. 2006, S. 596.
  4. Denise Jeitziner: Unsäglich schlechter Film füllt amerikanische Kino-Säle. In: Tages-Anzeiger, vom 13. April 2010. Auf www.tagesanzeiger.ch.
  5. Michael Bee: Horrorfilm „Birdemic“. Trash-Fans feiern skurrilen Hitchcock-Verschnitt. 9. April 2010. Auf www.welt.de.
  6. Fernand Jung, Claudius Weil, Georg Seeßlen: Der Horror-Film. Regisseure, Stars, Autoren, Spezialisten, Themen und Filme von A – Z (= Enzyklopädie des populären Films. Band 2). Roloff und Seesslen, München 1977, ISBN 3-88144-122-0.
  7. So wie der Alien in Science Fiction einen Schrecken auslösen kann, weil er dem Menschen zu ähnlich, oder weil er dem Menschen zu entfernt ist, so kann im Tierhorror die amoklaufende Natur zu menschlich werden […] oder doch einfach zu „natürlic“h ist (sic). Seeßlen, Jung: Horror. 2006, S. 614.