Tanjev Schultz

deutscher Journalist und Publizist

Tanjev Schultz (* 13. Mai 1974 in Berlin) ist ein deutscher Hochschullehrer, Journalist und Publizist. Der frühere Redakteur der Süddeutschen Zeitung ist seit 2016 Professor für Journalistik an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. Zu seinen Themenschwerpunkten gehören die Qualität und Ethik des Journalismus. Publizistisch ist er auch durch Bücher und Interviews über den Rechtsextremismus und die deutschen Sicherheitsbehörden hervorgetreten.

Tanjev Schultz auf der Frankfurter Buchmesse 2018

LebenBearbeiten

Schultz erwarb sein Abitur an der Thomas-Mann-Schule in Lübeck, anschließend studierte er nach dem Zivildienst Philosophie, Psychologie, Kommunikationswissenschaft, Politikwissenschaft und Germanistik an der Freien Universität Berlin, der FernUniversität in Hagen und der Indiana University Bloomington und wurde an der Universität Bremen in Politikwissenschaft mit der Dissertation Geschwätz oder Diskurs? Die Rationalität politischer Talkshows im Fernsehen zum Dr. rer. pol. promoviert. Am Institut für Interkulturelle und Internationale Studien der Universität Bremen war er vier Jahre wissenschaftlicher Mitarbeiter und u. a. beteiligt an einer von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) geförderten Studie über Identitäten türkischer Einwanderer.[1] Schultz war Mitarbeiter im Arbeitsbereich des Soziologen Bernhard Peters. Er veröffentlichte Aufsätze in verschiedenen Fachzeitschriften, unter anderem in der Zeitschrift für Soziologie[2], der Publizistik[3] und im Journal of Computer-Mediated Communication.[4]

Während und nach dem Studium arbeitete Schultz als freier Journalist und Hospitant u. a. für den Spiegel, den Tagesspiegel und den WDR.[5] Er war ab 2005 Redakteur, zuständig für Bildungs- und Hochschulpolitik, bei der Süddeutschen Zeitung sowie Mitherausgeber der Reihe „Pädagogische Streitschriften“ und Autor mehrerer Bücher, u. a. zur Plagiatsaffäre Guttenberg. Gemeinsam mit seinem Kollegen Roland Preuß hatte er als Erster über die Plagiate in der Doktorarbeit des damaligen Bundesverteidigungsministers Karl Theodor zu Guttenberg geschrieben und damit dessen Plagiatsaffäre ausgelöst. Als bildungspolitischer Redakteur berichtete Schultz in zahlreichen Artikeln u. a. über die Pisa-Studien und über die Missbrauchsfälle an der Odenwaldschule.

Ab 2012 berichtete Schultz für die Süddeutsche Zeitung schwerpunktmäßig über Themen der Inneren Sicherheit, vor allem über den Terrorismus des „Nationalsozialistischen Untergrunds“ (NSU). Er begleitete die NSU-Untersuchungsausschüsse im Bundestag und den Landtagen und berichtete regelmäßig aus dem NSU-Prozess am Oberlandesgericht München. Schultz gehörte mit Annette Ramelsberger, Wiebke Ramm und Rainer Stadler zu einem Team, das zu jedem NSU-Prozessjahr Protokolle im SZ-Magazin veröffentlichte.[6] Auf mehr als 2000 Seiten dokumentierte das Team den NSU-Prozess auch in Buchform, publiziert im Kunstmann-Verlag[7] und von der Bundeszentrale für politische Bildung.[8]

Schultz arbeitete bei der SZ eng mit der Online-Redaktion und dem Investigativressort zusammen und war an Rechercheprojekten und -serien beteiligt, unter anderem zur Arbeit der Geheimdienste (Geheimer Krieg)[9] sowie der Arbeit zu Swiss-Leaks.[10]

Schultz nahm einen Ruf auf eine reguläre Professur am Journalistischen Seminar der Johannes Gutenberg-Universität Mainz an, in dem er seit Februar 2016 forscht und lehrt.[11] Mit einem Forschungsteam veröffentlicht er regelmäßig Daten zum Vertrauen der Bevölkerung in die Medien.[12] Schultz ist einer der Gründer und Mitherausgeber der Fachzeitschrift Journalistik (Journalism Research).[13] Nebenher arbeitet er weiter als Autor journalistischer Beiträge und Bücher.[14] Er gehört zur Jury des Deutschen Journalistenpreises sowie zur Jury des Medium Magazins für die „Journalisten des Jahres“.

Gemeinsam mit dem Journalisten Frederik Obermaier veröffentlichte er 2017 ein Buch über den Ku-Klux-Klan in Deutschland, 2018 erschien Schultz’ Gesamtdarstellung der rechtsextremen Terrorgruppe Nationalsozialistischer Untergrund (NSU). In Presse und Rundfunk gab er zahlreiche Interviews zu diesen Themen und allgemein zum Rechtsextremismus und zu den deutschen Sicherheitsbehörden, u. a. bei Kulturzeit (3Sat) und im Deutschlandfunk. 2019 beteiligte er sich mit einem Beitrag an einem Sammelband über rechtsradikale Umtriebe im Sicherheitsapparat.[15] In Zusammenarbeit mit der University of Oxford brachte Schultz ebenfalls 2019 eine Studie über die Suche von Redaktionen nach journalistischen Talenten heraus.[16]

AuszeichnungenBearbeiten

  • 2008: DeGEval-Medienpreis (Gesellschaft für Evaluation)[17]
  • 2010: Emma-Journalistinnen-Preis, Kategorie: Männerpreis[18]
  • 2011: Shortlist Henri-Nannen-Preis, Kategorie Reportage (Egon-Erwin-Kisch-Preis)
  • 2012: Goethe-Preis für wissenschafts- und hochschulpolitischen Journalismus[19]
  • 2013: Universitas-Preis für Wissenschaftsjournalismus[20]
  • 2014: Lead Award (Gold) in der Kategorie „Beitrag des Jahres“ (Team SZ-Magazin zu NSU)[21]
  • 2014: Shortlist Henri-Nannen-Preis, Kategorie „Investigation“[22]
  • 2015: Lead Award (Bronze) in der Kategorie „Beitrag des Jahres“[23]
  • 2016: Lead Award (Bronze) in der Kategorie „Beitrag des Jahres“[24]
  • 2018: „Würdigende Hervorhebung“ beim Richard-Schmid-Preis
  • 2018: „Journalisten und Journalistinnen des Jahres“ (als „Team des Jahres“)[25]
  • 2019: Nannen-Preis (Sonderpreis) für die Berichterstattung über den NSU-Prozess in den Jahren 2013–2018[26]

Schriften (Auswahl)Bearbeiten

WeblinksBearbeiten

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. Kollektive Identität türkischer Migranten in Deutschland? Abgerufen am 13. April 2018.
  2. Mediatisierte Verständigung – Distance Communication (Memento vom 3. Februar 2016 im Internet Archive) In: Zeitschrift für Soziologie, April 2001 (PDF)
  3. Tanjev Schultz: Die Moderation politischer Gesprächsrunden im Fernsehen. In: Publizistik. https://doi.org/10.1007/s11616-004-0073-5. Band 49, S. 292 ff.
  4. Tanjev Schultz: Interactive Options in Online Journalism: a Content Analysis of 100 U.S. Newspapers. doi:10.1111/j.1083-6101.1999.tb00331.x
  5. Tanjev Schultz, Reporter Forum, abgerufen am 23. März 2014.
  6. »Bitte schön, was sollen die Mätzchen!«, 11. Januar 2016, SZ-Magazin
  7. Annette Ramelsberger, Wiebke Ramm, Tanjev Schultz, Rainer Stadler: Der NSU-Prozess. Das Protokoll. Kunstmann, ISBN 978-3-95614-112-6.
  8. Annette Ramelsberger, Wiebke Ramm, Tanjev Schultz, Rainer Stadler: Der NSU-Prozess. Das Protokoll. Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn 2019, ISBN 978-3-7425-0372-5.
  9. John Goetz, Christian Fuchs, Frederik Obermaier und Tanjev Schultz: Geheimer Krieg: US-Beamte überprüfen Reisende in Deutschland. In: Süddeutsche Zeitung. 18. November 2013, abgerufen am 9. September 2019.
  10. Swiss-Leaks: Dokumente enthüllen die Geschäfte der HSBC. In: sueddeutsche.de. Abgerufen am 13. Oktober 2018.
  11. Tanjev Schultz. Journalistisches Seminar, Johannes Gutenberg-Universität Mainz, abgerufen am 9. September 2019.
  12. Jackob, Nikolaus; Schultz, Tanjev et al.: Medienvertrauen im Zeitalter der Polarisierung. In: Media Perspektiven. Nr. 5, 2019 (ard-werbung.de [PDF; abgerufen am 9. September 2019]).
  13. Herausgeber & Redaktion. In: journalistik.online. Abgerufen am 9. September 2019.
  14. Michael Jacobs: Guter Stil und ethische Sensibilität. In: Allgemeine Zeitung. 14. Januar 2016, archiviert vom Original am 4. Februar 2016;.
  15. Matthias Meisner, Heike Kleffner (Hrsg.): Extreme Sicherheit. Rechtsradikale in Polizei, Verfassungsschutz, Bundeswehr und Justiz. Herder, Freiburg 2019, ISBN 978-3-451-38561-2.
  16. „Vielen Redaktionen dämmert inzwischen, dass sie sich um den Nachwuchs bemühen müssen“, in: Journalist, 9.2019, S. 18.
  17. DeGEval-Nachwuchspreis/ DeGEval-Medienpreis, DeGEval, abgerufen am 23. März 2014.
  18. Der 11. JournalistInnenpreis: Die PreisträgerInnen, EMMA, abgerufen am 23. März 2014.
  19. Goethe-Medienpreis – ein wissenschaftspolitischer Journalistenpreis für Deutschland, Universität Frankfurt am Main, abgerufen am 23. März 2014.
  20. Forum Berlin, 13. Dezember 2013, Hanns Martin Schleyer-Stiftung (Memento vom 28. März 2014 im Internet Archive) (PDF)
  21. Die Preisträger. In: Lead Awards 2014. Abgerufen am 9. September 2019.
  22. stern/Gruner + Jahr (Hrsg.): Henri Nannen Preis 2014: Die besten Arbeiten der deutschsprachigen Presse. Gruner + Jahr, Hamburg 2014.
  23. Die Preisträger. In: Lead Awards 2015. Abgerufen am 9. September 2019.
  24. Die Preisträger. In: Lead Awards 2016. Abgerufen am 9. September 2019.
  25. Die Journalisten und Journalistinnen des Jahres 2018. In: Medium Magazin. 18. Dezember 2018, abgerufen am 9. September 2019.
  26. NANNEN PREIS 2019. (PDF) Abgerufen am 9. September 2019.