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Suizid durch Sprung aus der Höhe

Selbstmordmethode
Gesundheitshinweis Dieser Artikel behandelt das Thema Suizid. Er dient nicht als Anleitung. Für Betroffene existiert ein breites Netz an Hilfsangeboten, bei welchen Alternativen aufgezeigt werden. So sind in akuten Notfällen die Telefonseelsorge wie auch der Euronotruf 112 durchgängig und kostenlos erreichbar. Nach einer ersten Krisenintervention erfolgt eine qualifizierte Weitervermittlung zu geeigneten Beratungsstellen.

Der Suizid durch Sturz aus der Höhe, kurz Sturz aus der Höhe (in der Fachliteratur auch als Todessprung, [Suizid durch] Sturz in die Tiefe, [Suizid durch] Sprung aus der Höhe und [Suizid durch] Sprung in die Tiefe bezeichnet) ist eine Form des Suizides, bei der ein Mensch sich das Leben nimmt, indem er sich in der Absicht zu sterben von einer natürlichen (z. B. einem Berg oder einer Klippe) oder künstlichen (z. B. einem Haus oder einer Brücke) Erhöhung oder aus einem Flugzeug stürzt. In der Bundesrepublik Deutschland werden rund 9,1 % der erfassten Suizide durch Stürze aus der Höhe vollzogen (Stand 2013).[1]

HäufigkeitBearbeiten

In der Bundesrepublik Deutschland ist der Sturz aus der Höhe nach dem Erhängen und der Selbstvergiftung mit Medikamenten gegenwärtig die dritthäufigste Suizidmethode aller tödlich endenden Suizidhandlungen (Stand: Erhebungen für die Jahre 1998 bis 2013). Die Zahl aller auf diese Weise durchgeführten Suizide liegt in den letzten Jahren stets bei über 900 pro Jahr (2011: 917; 2012: 996; 2013: 915). Die Gesamtzahl der zwischen 1998 und 2012 durch Suizid durch Sturz aus der Höhe in Deutschland verstorbenen Personen liegt bei 14.679 Personen.

Seine höchste Verbreitung erreichte der Suizid durch Sturz aus der Höhe im Jahr 2002, in dem in Deutschland 1.105 Personen auf diese Weise starben. In der Folge war die Zahl der auf diese Weise vollendeten Suizide bis 2008 beständig rückläufig (2008: 883), um sich nach einem Tief im Jahr 2010 (850 Personen) vorläufig bei einer Quantität von mehr als 900 und weniger als 1.000 Toten pro Jahr einzupendeln.

Geschlechtsspezifisch ist der Sturz aus der Höhe kontinuierlich die von Frauen in Deutschland am dritthäufigsten und die von Männern am vierthäufigsten gewählte Suizidmethode bei den vollendeten Suiziden: In den Jahren 2011 bis 2013 starben in Deutschland respektive 308, 366, 320 Frauen und 609, 630, 595 Männer auf diese Weise.[2] Auch um 1900 galt Suizid durch Sturz aus der Höhe bereits als eine in der „Frauenwelt“ bevorzugte Suizidmethode.[3]

In Österreich liegt der Sturz aus der Höhe ebenfalls an dritter Stelle bei den häufigsten von Frauen gewählten Suizidmethoden und an vierter Stelle bei den häufigsten Suizidmethoden der Männer (14 % aller männlichen Suizide).

Für England und Wales wird die Zahl der durch Sprung aus der Höhe vollzogenen Suizide mit einem Anteil von 5 % aller Suizide angegeben.[4]

Am häufigsten ist die Altersgruppe der 31- bis 40-Jährigen von Suizid durch Sturz aus der Höhe betroffen.[5]

Medizinische Erkenntnisse und BewertungBearbeiten

In der Internationalen Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme (ICD) wird der Suizid durch Sturz aus der Höhe unter den Chiffren E957 (9. Revision, 1980) bzw. X80 (10. Revision 2006) verzeichnet.

Suizid durch Sturz aus der Höhe gilt als eine „harte Suizidmethode“, das heißt als eine besonders gewalttätige und Selbstüberwindung erfordernde Praxis, sich das Leben zu nehmen. Erhebungen zur Frage des psychischen Zustandes von Suizidenten, die auf diese Weise starben, kamen zu dem Ergebnis, dass bei knapp 50 % aller untersuchten Fälle von Personen, die durch Suizid durch Sturz aus der Höhe ums Leben kamen, eine psychiatrische Anamnese vorlag.[6] Bei Suizidenten, die durch Sturz aus der Höhe umkommen, wird den Auswertungen von Obduktionsberichten zufolge nur selten eine Alkoholisierung zum Sturzzeitpunkt festgestellt, was darauf hindeutet, dass die Handlung impulsiv und spontan vollzogen wird oder dass der Todeswunsch des Suizidenten derart übermächtig ist, dass er eine Selbstbetäubung oder sich Mut anzutrinken als nicht erforderlich ansieht.[7]

Der Tod wird beim Sturz aus der Höhe in der Regel durch Zerschmetterung des Körpers oder durch Zerstörung/Beschädigung einzelner lebenswichtiger Organe verursacht.

Personen, die einen Suizidversuch durch Sturz aus der Höhe überleben, erleiden in den meisten Fällen schwere, oft bleibende, gesundheitliche Schäden. So werden 3–5 % aller Querschnittlähmungen im deutschsprachigen Raum durch Suizidversuche verursacht, die meisten hiervon durch gescheiterte Suizidversuche durch Sprung aus der Höhe.[8]

Unterscheidung der Todesursachen „Suizid durch Sturz aus der Höhe“ und „Unfalltod durch Sturz aus der Höhe“Bearbeiten

Daten, die am Beispiel der Stadt Berlin für die Jahre 1988 bis 2004 erhoben wurden, legen nahe, dass mehr als 2/3 aller Todesfälle durch Sturz aus der Höhe Suizide darstellen: So war dies bei 68,7 % der für die genannten Jahre in Berlin gezählten Fälle der Fall (gegenüber 18,4 % nachweislichen Unfällen und 12,9 % Fällen, in denen die Todesursache retrospektiv nicht mehr eindeutig als Suizid oder Unfall identifiziert werden konnte).[9]

In der forensischen Medizin ist als Merkmal zur Unterscheidung von Suiziden und Unfällen durch Sturz aus der Höhe, auf Grundlage von Erfahrungswerten, die bei tödlichen Fensterstürzen erworben wurden, festgestellt worden, dass der Körper des Toten bei Suiziden durch Fenstersturz aus großer Höhe in der Regel mehr nach der Straßenmitte hin (also vom Gebäude verhältnismäßig weit entfernt) liegt, da er mit einem gewissen Anlauf abgesprungen ist, während Opfer von Fensterstürzen, bei denen es sich um Unfälle handelte, eher die Tendenz haben, sich während sie im Begriff sind zu stürzen noch festzuhalten, so dass sie relativ gebäudenah zum Liegen kommen.

G. Berghaus kam 1979 bei der Auswertung von 185 Todesfällen nach Sturz aus der Höhe, bei denen eine eindeutige kriminologische Identifikation der diversen Einzelfälle als Suizid oder Unfall vorlag, zu dem Ergebnis, dass in 19 von 20 Fällen, in denen der Gestürzte mehr als 1–2 Meter von der Senkrechten zur Absturzstelle aufgefunden wurde, ein Suizid vorlag, während dies bei Distanzen von weniger als 1–2 Metern nur in zwei von achtzehn Fällen der Fall war. Auch deutet seinen Untersuchungen zufolge das Fehlen von vorspringenden Gebäudeteilen im Verlauf der Sturzbahn auf einen Suizid hin: Unter zwanzig von ihm betrachteten Fällen, die diese äußeren Merkmale aufwiesen, waren siebzehn Suizide.[10]

Auch wurde festgestellt, dass Stürze aus der Höhe mit steigender Sturzhöhe häufiger Suizide und seltener Unfälle darstellen: So waren bei den in Berlin in den Jahren 1988 bis 2004 festgestellten tödlichen Stürzen aus dem 1. Obergeschoss nur 23 % Suizide, während unter den Stürzen aus dem 3. Stock im selben Zeitraum 77 %, bei den Stürzen aus dem 4.–8. Stock 83 %, bei den Stürzen aus dem 9.–15. Stock 92 % und bei allen Stürzen aus noch höheren Stockwerken 100 % Suizide darstellten.[11]

PräventionBearbeiten

Zur Verhinderung von Suiziden durch Sturz aus der Höhe sind in den letzten Jahrzehnten in zahlreichen Ländern Aussichtsplattformen auf Hochhäusern, auf Berggipfeln und anderen Plätzen, die erfahrungsgemäß potentielle Suizidenten anziehen, mit hohen Sicherheitszäunen oder Gittern ausgestattet worden. Häufig sind diese Zäune und Gitter so konstruiert, dass sie sich in ihren oberen Abschnitten nach innen krümmen, wodurch ein Überwinden des Zaunes durch Erklettern zusätzlich erschwert werden soll.

Brücken werden in jüngerer Zeit vermehrt mit fest installierten stählernen Fangnetzen ausgestattet, die „Springer“ auffangen sollen. So wurde im Jahr 2018 damit begonnen, ein solches Netz flächendeckend unterhalb der gesamten Strecke des Fußgängerweges der Golden Gate Bridge in San Francisco, von der sich seit ihrer Erbauung 1937 bis zu diesem Zeitpunkt mehr als 1700 Menschen in den Tod gestürzt hatten, zu montieren. Das Netz wird sich für Fußgänger und Autofahrer weitgehend unsichtbar sieben Meter unterhalb des Fußgängerweges befinden und sieben Meter herausragen. Die Fertigstellung ist für Januar 2021 geplant.[12][13][14]

In Deutschland wurden ähnliche Netze z. B. an der Hochbrücke in Rottweil 2015 angebracht,[15] wobei Denkmalschutz, Statik sowie Brückenwartung zu bedenken sind.[16]

Die Netze sollen der Prävention dienen und Suizidenten davon abhalten überhaupt zu springen. Falls doch jemand springt, landet er auf dem Netz, hier ist die Hoffnung, dass er seinen Suizidversuch hier beende, entweder freiwillig oder weil er stecken bleibt oder zu verletzt ist, um weiter in die Tiefe zu springen. Verhindern lassen sich die Suizide nicht, nur ihre Anzahl senken. In Rottweil sprang jemand am 13. August 2015 zuerst ins Fangnetz, dann von dort aus zu Boden und starb dabei.[17][18]

Nach demselben Prinzip wie die Brücken-Fangnetze funktioniert ein Netz, das 1998 sieben Meter unterhalb der mittelalterlichen Terrassenmauer der Aussichtsterrasse des Münsters der Schweizer Stadt Bern angebracht wurde, seitdem hat sich dort (Stand 2015) niemand mehr getötet.[18]

An der Sydney-Harbour-Bridge wurde durch die Installation von Zugangsbarrieren 1934, die Zahl der Suizide von 15/Jahr auf 1/Jahr gesenkt.[19]

LiteraturBearbeiten

  • Annette L. Beautrais/ Madelyn S. Gould/ Eric D. Caine: Preventing Suicide by Jumping from Bridges owned by the City of Ithaca and by Cornell University. Consultation to Cornell University "Extended Report", 2010.
  • G. Berghaus: "Mathematisch-statistische Differenzierungsmöglichkeiten zwischen Selbstmord und Unfall bei Sturz aus der Höhe", in: Zeitschrift für Rechtsmedizin, Jg. 80 (1979), S. 273–286.
  • Ellen Pauline Fischer: Suicide by Jumping in the City of New York, Johns Hopkins University, 1988.
  • D. Gunnell/ M. Nowers: "Suicide by Jumping", in: Acta Psychiatrica Scandinavica, Bd. 96(1), 1997, S. 1–6.
  • M. Smerling: "Rechtsmedizinische und kriminalistische Aspekte beim Sturz aus der Höhe", in: Archiv für Kriminologie, 1977, S. 40–50, 66–77, 177–187.
  • Henning von Rosen, "Sprung oder Leben", Novum Pro Verlag, 2011

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. Von 10.076 erfassten Suiziden wurden 915 durch Sturz aus der Höhe vollzogen, siehe Nationales Suizid Präventions Programm für Deutschland: Suizide in Deutschland 2013.
  2. Nationales Suizid Präventions Programm für Deutschland: Suizide in Deutschland 2012; Nationales Suizid Präventions Programm für Deutschland: Suizide in Deutschland 2012; Nationales Suizid Präventions Programm für Deutschland: Suizide in Deutschland 2013.
  3. Hans Rost: Der Selbstmord als sozialstatistische Erscheinung, 1905, S. 80.
  4. D. Gunnell, M. Nowers: Suicide by Jumping (Abstract) bei Wiley Online Library.
  5. Stefanie Last: Tödliche Höhenstürze im Land Berlin von 1988 bis 2004. Verletzungsmuster in Abhängigkeit von der Sturzhöhe, Berlin 2013, S. 94.
  6. E.E. Türk/ M Tsokos: Pathologic Features of Fatal Falls from Height, in: American Journal of Forensic Medicine 2004, Bd. 25, S. 194–199.
  7. M. Smerling: Rechtsmedizinische und kriminalistische Aspekte beim Sturz aus der Höhe, in: Archiv für Kriminologie 1977, S. 40–50, 66–77, 177–187; H. Elbel: Über Sturzverletzungen, in: Lebensversicherungsmedizin, 1. Sonderheft, 40 (1966), S. 40f.
  8. J. Eisenhuth: Suizid und Querschnittlähmung, Abstract eines Vortrags, gehalten anlässlich der 25. Jahrestagung der Deutschsprachigen Medizinischen Gesellschaft für Paraplegie am 22. Juni 2012@1@2Vorlage:Toter Link/registration.akm.ch (Seite nicht mehr abrufbar, Suche in Webarchiven  Info: Der Link wurde automatisch als defekt markiert. Bitte prüfe den Link gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis..
  9. Stefanie Last: Tödliche Höhenstürze im Land Berlin von 1988 bis 2004. Verletzungsmuster in Abhängigkeit von der Sturzhöhe, Berlin 2013, S. 25.
  10. G. Berghaus: Mathematisch-statistische Differenzierungsmöglichkeiten zwischen Selbstmord und Unfall bei Sturz aus der Höhe, in: Zeitschrift für Rechtsmedizin, Jg. 80 (1979), S. 273–286.
  11. Stefanie Last: Tödliche Höhenstürze im Land Berlin von 1988 bis 2004. Verletzungsmuster in Abhängigkeit von der Sturzhöhe, Berlin 2013, S. 27.
  12. Tagesschau.de
  13. Golden Gate Bridge in San Francisco. Fangnetz soll Selbstmörder aufhalten.
  14. Golden Gate Bridge erhält Schutzvorrichtung für Lebensmüde. In: Die Welt. 28. Juni 2014. Abgerufen am 29. Juli 2014.
  15. Schwarzwälder Bote
  16. Zollern-Alb-Kurier
  17. Schwäbische 17. August 2015 Fangnetz kann Todessprung nicht verhindern
  18. a b Schwarzwälder Bote
  19. Suizidprävention an einer Brücke: Beispiel Müngstener Brücke