Stiftsarchiv St. Gallen

Klosterarchiv in St. Gallen (Schweiz)

Das Stiftsarchiv St. Gallen, ist das Archiv der ehemaligen Fürstabtei St. Gallen und umfasst die Weltliches und Kirchliches betreffenden Rechtsdokumente und Verwaltungsakten der Abtei St. Gallen etwa vom Jahre 720 bis zu ihrer Aufhebung im Jahr 1805.[1][2][3] Das Archiv ist heute gemeinsames Eigentum von Kanton und Katholischem Konfessionsteil, im Ganzen enthält es rund 20 000 Originalurkunden, über 2500 handgeschriebene Bücher und ungezählte Aktenstücke, dazu Karten und Pläne sowie eine Siegelstempelsammlung. Davon stammen über 700 pergamentene Traditionsurkunden (Schenkungsurkunden) sowie fast 100 karolingische (etwa zwei Drittel der heute existierenden karolingischen Urkunden[4]) und ottonische Herrscherdiplome aus der Zeit vor dem Jahr 1000.

Stiftsarchiv St. Gallen
— StiASG —

Stiftsarchiv (Zeughausflügel)
Stiftsarchiv (Zeughausflügel)
Archivtyp Kirchliches Archiv
Koordinaten 47° 25′ 26,6″ N, 9° 22′ 40,1″ OKoordinaten: 47° 25′ 26,6″ N, 9° 22′ 40,1″ O; CH1903: 746307 / 254391
Ort St. Gallen
Besucheradresse Regierungsgebäude
Klosterhof 1
9001 St.Gallen
Gründung ca. 770
ISIL CH-000233-X
Träger Kanton St. Gallen / Katholischer Konfessionsteil des Kantons St. Gallen
Website Stiftsarchiv

ArchivbeständeBearbeiten

Anhand von Vermerken auf der Rückseite der Urkunden (sogenannte Dorsalnotizen) die der erste fassbare Stiftsarchivar Waldo vorgenommen hat, kann davon ausgegangen werden, dass das Archiv mindestens seit den 770er-Jahren ununterbrochen besteht.[2][5] Mit diesem nördlich der Alpen einzigartigen frühen Bestand sind nur ganz wenige, wie etwa derjenige des Staatsarchivs Mailand, vergleichbar. Für die quellenarme Zeit des ersten nachchristlichen Jahrtausends sind diese Dokumente von Bedeutung für das Gebiet der heutigen Kantone St. Gallen, beide Appenzell, Thurgau, Schaffhausen, Zürich, Aargau, beide Basel, Bern, für das Elsass, für Süddeutschland (Baden-Württemberg und Bayern) und für Vorarlberg. Die Archivbestände umfassen insgesamt über 1000 Ersterwähnungen von Städten, Dörfern und Weilern in diesen Gebieten.[4]

Bis zur Französischen Revolution birgt das Stiftsarchiv für grosse Gebiete des heutigen Kantons St. Gallen und einige angrenzende Regionen den bedeutendsten Teil an historischen Quellen und Zeugnissen. Es erfüllt damit für diesen Zeitraum zu einem grossen Teil die Funktion eines Staatsarchivs. In der Stiftsbibliothek hingegen liegt, räumlich, rechtlich und administrativ wie schon in der Klosterzeit vom Archiv getrennt, die ebenso weit zurückreichende Sammlung von theologischen, wissenschaftlichen und literarischen Handschriften der Abtei St. Gallen.

Als zweiten Hauptbestand verwaltet das Stiftsarchiv die Archivalien der 1838 aufgehobenen Abtei Pfäfers (gegründet etwa 750) samt ihrer durch einen Brand im 17. Jahrhundert dezimierten Bibliothek, die noch rund 40, zum Teil frühmittelalterliche Handschriften zählt. Die Bestände des von St. Gallen abhängigen Frauenkloster St. Wiborada in St. Georgen (1834 aufgehoben) sind, neben den Beständen des Klosters St. Johann im Thurtal (1555 in die Abbtei St. Gallen inkorporiert) zu finden.[6][7]

Als wichtigste Codices seien genannt: im St. Galler Archiv das Verbrüderungsbuch und das Professbuch aus dem 9. Jahrhundert;[1] im Pfäferser Archiv der karolingische „Liber Viventium“ (Buch der Lebenden), der „Liber Aureus“ (Goldenes Buch) sowie ein unter Abt Johannes Heider 1590 angefertigtes, reich illuminiertes Kopialbuch („Vidimus Heider“).

Unter den neueren Beständen des St. Galler Archivs sind besonders zu erwähnen die Tage- und Rechnungsbücher der Fürstäbte, die von Abt Bernhard Müller (Abt 1594–1630) bis zu Abt Beda Angehrn (Abt 1767–1796) reichen. Sie stellen erstklassige Quellen dar für alle möglichen Teilgebiete der Geschichte, gerade auch für die Kunstgeschichte. Als Depositum der Katholischen Administration liegt im Stiftsarchiv auch der Nachlass des letzten St. Galler Abts Pankraz Vorster (Abt 1796–1805, gestorben 1829), mit dessen Tagebuch und einer umfangreichen Brief- und Aktensammlung.[8][9]

Die Überlieferung eines so reichen Bestandes ist allein der Tatsache der durch die Jahrhunderte der Abteigeschichte ununterbrochenen sorgfältigen Aufbewahrung zu verdanken, heute in einem feuer- und einbruchgeschützten, günstige raumklimatische Bedingungen (Vermeidung von Feuchtigkeit) bietenden Kulturgüter-Schutzraum.

LageBearbeiten

 
Ausstellungssaal des Stiftsarchivs

Das Archiv befindet sich im Nordflügel (Zeughausflügel) des Regierungsgebäudes im Stiftsbezirk. Das Archiv verfügt auch über einen Ausstellungssaal für wechselnde Ausstellungen sowie eine Dauerausstellung.[10]

AufgabenBearbeiten

Die wichtigsten Aufgaben des Stiftsarchivs sind die Erschliessung und Bereitstellung seiner Dokumente für die historische Forschung sowie die Beantwortung wissenschaftlicher Anfragen. In temporären Ausstellungen und mit Publikationen soll versucht werden, auch weitere interessierte Kreise an die historischen Quellen der St. Galler Geschichte heranzuführen.

Das Stiftsarchiv wird gemeinsam von den Rechtsnachfolgern des St. Galler Klosters, dem Kanton und Katholischem Konfessionsteil getragen.[3][1][11] Das Archiv ist dem Departement des Inneren als eigenständiges Amt unterstellt.[12]

Das Archiv führt in seinen Räumen auf Anmeldung Seminare für Universitäten oder Führungen für eine breitere Gruppe von Interessierten durch. Vor allem Gruppen aus Ortschaften mit der Ersterwähnung im Stiftsarchiv sind immer wieder zu Gast. Das Archiv gibt die Edition Chartularium Sangallense heraus.

Im Lesesaal stehen die Archivbestände Fachleuten und Laien für Forschungszwecke offen. Die Archivare beraten im Rahmen eines vernünftigen Zeitaufwandes die Archivbenützer und legen ihnen die einschlägigen Archivalien zum Studium bereit. Beratung und Archivbenützung sind kostenlos, die Forschungsarbeit ist aber vom Benützer selbst zu leisten.

Die Dokumente im Stiftsarchiv und in der Stiftsbibliothek St. Gallen wurden 2017 zum Weltdokumentenerbe erklärt.[13] Der Nordflügel gehört zum St. Galler Weltkulturerbe.

StiftsarchivareBearbeiten

LiteraturBearbeiten

  • Albert Bruckner: Die Anfänge des St.Galler Stiftsarchivs. In: Festschrift Binz, Basel 1935, S. 119–31.
  • Johannes Häne: Inventar des Stiftsarchivs St. Gallen. In: Inventare Schweizerischer Archive, Bern 1898.
  • Franz Perret: Von der vornehmen Bedeutung des Stiftsarchivs St.Gallen vor 1200 Jahren. In: Gallusstadt 1971, St. Gallen 1971, S. 81-99. (Online verfügbar)
  • Rafael Wagner: Armarium Sangallense. Das Stiftsarchiv St. Gallen und seine Schätze. In: Traverse 21/1, 2016, S. 123–132. (Online verfügbar)
  • Werner Vogler: Das Stiftsarchiv St. Gallen. Ein Brennpunkt der abendländischen Überlieferung. In: Librarium. Zeitschrift der Schweizerischen Bibliophilen-Gesellschaft/Revue de la Société Suisse des Bibliophiles 31/2, 1988, S. 97-105. (Online verfügbar)
  • Werner Vogler: Der Nachlass des letzten St.Galler Abtes als Depositum im Stiftsarchiv St.Gallen. In: Mitteilungen der Vereinigung Schweizerischer Archivare 34, 1982, S. 17-20. (Online verfügbar)
  • Werner Vogler: Der St.Galler Stiftsbezirk. Weltkulturgut und Brennpunkt abendländischer Überlieferung. In: Gallusstadt 1991, St. Gallen 1991, S. 65-80. (Online verfügbar)
  • Werner Vogler: Kostbarkeiten aus dem Stiftarchiv St. Gallen in Abbildung und Texten, St. Gallen 1987.

WeblinksBearbeiten

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. a b c Vogler, 1988, S. 97.
  2. a b Wagner, 2016, S. 123.
  3. a b Vogler, 1987, S. 7.
  4. a b Wagner, 2016, S. 125.
  5. Perret, 1971, S. 81.
  6. Wagner, 2016, S. 127.
  7. Vogler, 1987, S. 7f.
  8. Vogler, 1982.
  9. Vogler, 1988, S. 105.
  10. Ausstellungssaal, auf Stiftsbezirk.ch, abgerufen am 29. Mai 2020.
  11. sGS 271.3 - Übereinkunft betreffend das Eigentum und die Verwaltung des Stiftsarchives St.Gallen vom 02.06.1953, auf Gesetzessammlung.sg.ch, abgerufen am 29. Mai 2020.
  12. Siehe Organigramm: Departement des Inneren, auf sg.ch, abgerufen am 29. Mai 2020.
  13. Documentary heritage of the former Abbey of Saint Gall in the Abbey Archives and the Abbey Library of Saint Gall, UNESCO Memory of the World, abgerufen am 26. Juni 2019.