Steppenreich oder auch Nomadenreich ist die moderne Bezeichnung für eine Herrschaftsform, die für die Eurasische Steppe von der Antike bis in die Frühe Neuzeit prägend war und von diversen Reitervölkern betrieben wurde. Ein Steppenreich vereinte Eigenschaften nomadischer und sesshafter Kulturen und interagierte insbesondere mit den benachbarten sesshaften Kultur- und Herrschaftsräumen.

Herrschaftsbildungen von Reitervölkern waren oft Stammesföderationen, deren tragende Stämme sich mitunter recht schnell wieder voneinander trennten. Andererseits konnten Steppenreiche auch durchaus zu recht dauerhaften Reichen werden, deren innere Struktur jedoch oft sehr locker aufgebaut war. Steppenvölker kannten zwar Zentralorte, doch waren ihre eigenen Herrschaftsräume in der Regel nur wenig urbanisiert. Dies konnte sich allerdings durch Eroberungen ändern, wenn diese Gebiete urbanisiert und materiell bedeutend waren. Mit zunehmender Dauer der Herrschaft und dem Übergang hin zu einer (Teil-)Sesshaftwerdung entstanden sogar einige neue Städte in der Steppe, wie Karabalgasun und Karakorum (beide in der heutigen Mongolei). Einige Steppenreiche umfassten daher nicht nur nomadische, sondern auch sesshafte, teils sogar städtische Bevölkerungsgruppen.

Die eurasische Steppenzone umfasst zwar einen gewaltigen Raum, dennoch waren die großen Distanzen für mehrere Gruppen aus dem Steppenraum, die ethnisch oft heterogen zusammengesetzt waren, kein unüberbrückbares Hindernis.[1] In antiken und mittelalterlichen Berichten werden unterschiedlich umfangreiche Vorstöße von Kriegergruppen aus dem Steppenraum geschildert, die teilweise weit nach Westen vordrangen. Dabei handelte es sich teilweise um unterschiedlich umfangreiche Migrationen, bei denen umweltgeschichtliche Faktoren eine Rolle spielen konnten. Oft waren es jedoch Kriegszüge, um Land zu erobern und/oder materiellen Gewinn zu erzielen.

Besonders seit der Spätantike sind Konflikte zwischen diesen mobilen und (halb)nomadischen Gruppen mit den angrenzenden Reichen gut belegt, wie diverser Steppenvölker mit dem Römischen Reich (bzw. Ostrom/Byzanz), dem Sassanidenreich und China.[2] Besonders Byzanz schloss aber durchaus kurzfristige Bündnisse mit einer Gruppe gegen eine andere Gruppe aus dem Steppenraum, um sie gegeneinander auszuspielen, wie unter anderem das Bündnis mit den Utiguren gegen die Kutriguren 559 oder den Chasaren um 700 belegt.[3] Im Mittelalter und der beginnenden Frühen Neuzeit kam es ebenfalls immer wieder zu Konflikten, diesmal mit altrussischen Fürstentümern bzw. Russland (Mongolische Invasion der Rus), islamischen Reichen in Mittelasien und dem Kaiserreich China als Gegner diverser Steppenvölker.[4] Die waffentechnische Überlegenheit der sesshaften Gesellschaften nahm in der Frühen Neuzeit immer mehr zu, sodass sie militärisch die Oberhand gegenüber den Steppenvölkern gewannen.[5]

Die Herrschaftssicherung vieler Steppenreiche beruhte vor allem auf der militärischen Macht der Reichselite und deren Gehorsam gegenüber dem Herrscher bzw. der Spitzengruppe. Der Herrscher wiederum war auf materielle Gewinne zwingend angewiesen, mit denen er seine Gefolgschaft an sich band und so seine Herrschaftsposition legitimierte. Dabei konnte es sich um Gewinne aus Kriegszügen oder um Tributleistungen aus den benachbarten Reichen sesshafter Gesellschaften handeln. Genauso wie die westlichen Hunnen zur Zeit Attilas von den Römern Zahlungen einforderten,[6] taten dies im Osten bereits zuvor die Xiongnu gegenüber China (siehe auch heqin). Insofern haben Reichtümer anderer Reiche (speziell Chinas) nicht unwesentlich zur Bildung nomadischer Steppenreiche beigetragen.

Die innere Struktur der Steppenreiche war recht unterschiedlich, wobei oft auch kaum Informationen vorliegen (wie im Fall der iranischen Hunnen). Die Kök-Türken, Uiguren und Mongolen verfügten offenbar über gewisse interne Verwaltungsstrukturen: Bei den Kök-Türken und Uiguren spielten die Sogdier eine zentrale Rolle,[7] die mongolische Yuan-Dynastie in China wiederum orientierte sich an der chinesischen Staatsverwaltung, setzte aber unter anderem auch Türken und Perser in wichtigen Positionen ein.[8] Aber selbst ein mongolischer Khagan in China war nicht gleichzusetzen mit dem chinesischen Kaiser, denn es bestanden nicht nur in der Verwaltung, sondern auch in der Ideologie, dem realpolitischen Handeln und der Nachfolgeregelung bedeutende Unterschiede. Die Yuan-Kaiser trennte politisch und kulturell vieles von der traditionellen chinesischen Kaiseridee.[9] Das Hunnenreich Attilas hingegen verfügte nur über eine kleine königliche Kanzlei und beruhte ansonsten auf personalen Bindungen, die mit dem Tod Attilas 453 aufhörten zu existieren.[10] Die Goldene Horde in Russland überließ Fürsten oft ihre Herrschaft und setzte nur Bevollmächtigte ein (baskaki), um Truppen auszuheben, Tribute einzufordern und die Lage vor Ort im Blick zu behalten.[11]

Aufgrund der Quellenlage sind die Beziehungen der Steppenvölker gegenüber China mit seiner kulturellen und ökonomischen Entwicklung sowie einer ausdifferenzierten politischen Struktur gut erforscht. Hierbei traten oft „Konföderationen“ von Reitervölkern auf, die sich rudimentär unter einer Führungsgruppe organisiert hatten und nun die chinesische Grenzzone überfielen, um vom chinesischen Kaiser vertraglich Tribute und Handelsrechte zu erzwingen. Derartige Verbände hatten aber aufgrund des in der Regel sehr lockeren Aufbaus und beschränkten Zielsetzungen nur eine begrenzte Lebensdauer.[12] So waren die Mongolen die einzige Gruppe der zentralen Steppenzone, der es gelang, das chinesische Kernland zu erobern, womit sie eine Ausnahme und nicht die Regel darstellen.[13]

BeispieleBearbeiten

Steppenreiche entstanden entlang der gesamten eurasischen Steppenzone, einige weiter westlich (wie die Hunnen), andere mit einem Schwerpunkt in Zentralasien oder an der Nordgrenze Chinas. Dazu gehörten viele Khanate und Khaghanate.

Beispiele sind unter anderem:

LiteraturBearbeiten

  • Christoph Baumer: The History of Central Asia. 4 Bände. I.B. Tauris, London 2012–2018.
  • Thomas Barfield: Perilous Frontier: Nomadic Empires and China. Blackwell, Cambridge (MA)/Oxford 1989 (ND 1992).
  • Nicola Di Cosmo, Michael Maas (Hrsg.): Empires and Exchanges in Eurasian Late Antiquity. Rome, China, Iran, and the Steppe, ca. 250–750. Cambridge University Press, Cambridge 2018.
  • René Grousset: Die Steppenvölker. München 1970.
  • Jürgen Paul: Zentralasien. Frankfurt am Main 2012 (= Neue Fischer Weltgeschichte, Band 10).

AnmerkungenBearbeiten

  1. Zu ihrer historischen Rolle siehe etwa Anatoly M. Khazanov: The Eurasian Steppe Nomads in World Military History. In: Jürgen Paul (Hrsg.): Nomad Aristocrats in a World of Empires. Wiesbaden 2013, S. 187–207; Nikolay Kradin: Ancient Steppe Nomad Societies. In: Oxford Research Encyclopedia of Asian History (2018), Artikelvorschau.
  2. Siehe auch die Beiträge in Nicola Di Cosmo, Michael Maas (Hrsg.): Empires and Exchanges in Eurasian Late Antiquity. Rome, China, Iran, and the Steppe, ca. 250–750. Cambridge 2018.
  3. Vgl. auch Walter Pohl: Die Awaren. Ein Steppenvolk in Mitteleuropa 567–822 n. Chr. 3., mit einem aktualisierten Vorwort versehene Auflage. München 2015, S. 21ff.
  4. Materialreicher, allerdings nicht mehr ganz aktueller Überblick bei René Grousset: Die Steppenvölker. München 1970.
  5. Vgl. Anatoly M. Khazanov: The Eurasian Steppe Nomads in World Military History. In: Jürgen Paul (Hrsg.): Nomad Aristocrats in a World of Empires. Wiesbaden 2013, S. 187–207, hier S. 202f.
  6. Vgl. dazu Timo Stickler: Die Hunnen. München 2007, S. 14ff.
  7. Étienne de la Vaissière: Sogdian Traders. A History. Leiden/Boston 2005.
  8. Helwig Schmidt-Glintzer: China. Vielvölkerreich und Einheitsstaat. München 1997, S. 170–172.
  9. Vgl. Timothy Brook: The Troubled Empire. China in the Yuan and Ming Dynasties. Cambridge (Mass.) 2010, S. 79ff.
  10. Klaus Rosen: Attila. Der Schrecken der Welt. München 2016; zur Kanzlei: ebd., S. 127f.
  11. Charles J. Halperin: Russia and the Golden Horde. The Mongol Impact on Medieval Russian History. Bloomington 1985, S. 33ff.
  12. Vgl. Thomas Barfield: Perilous Frontier: Nomadic Empires and China. Cambridge (MA)/Oxford 1989, S. 8ff.
  13. Thomas Barfield: Perilous Frontier: Nomadic Empires and China. Cambridge (MA)/Oxford 1989, S. 187ff.