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St. Michael (Pforzheim)

Kirchengebäude in Pforzheim
Schloss- und Stiftskirche St. Michael Westseite restauriert mit Sonnenuhr und romanischem Rundbogenportal

Die Schloss- und Stiftskirche St. Michael in Pforzheim in Baden-Württemberg ist mit dem nebenan gelegenen Archivturm der einzige größere Rest des mittelalterlichen Stadtbilds der im Dreißigjährigen Krieg, im Pfälzischen Erbfolgekrieg und zuletzt im Zweiten Weltkrieg jeweils nahezu vollständig zerstörten Stadt Pforzheim.

Inhaltsverzeichnis

GeschichteBearbeiten

 
Blick in den Chor um 1840 mit Grabmalen der badischen Markgrafen

Die Burgkirche St. Michael, die durch ihr gewaltiges Volumen ihre Mutterkirche, die Altstädter Pfarrkirche St. Martin, in den Schatten stellt wurde mit dem Übergang Pforzheims an das Haus Baden 1219 auf einem älteren Bau errichtet, von dem noch der spätromanische Westbau erhalten ist (1220/1230). Um 1270 ist das Langhaus (Kirchenschiff) in seiner heutigen Form vollendet worden. Diagonalchöre und Margarethenkapelle wurden zwischen 1290 und 1310 errichtet. Der Neubau eines Chores wurde nach der Erhebung zur Stiftskirche zwischen 1460 und 1475 durch den badischen Hofbaumeister Hans Spryß von Zaberfeld angebaut. Die Baugeschichte im Einzelnen ist noch weitgehend ungeklärt. Die subtil gearbeiteten Skulpturen in Innern (Gesichter und Haare) verraten die oberrheinische Ausbildung des Meisters Hans Spryß.

 
Lettner mit spätgotischem Figurentabernakel des St. Petrus (1460) und Maßwerkbrüstung mit Fischblase. Die Schlosskirche wurde durch päpstliche Genehmigung zur Stiftskirche ernannt und erhielt den Lettner zur Abtrennung zum Chorneubau. Zugang zum Obergeschoss der Sakristei und zum Archiv der Bücher-Stiftung des Johannes Reuchlin.

Stilistisch sind an der Maulbronner Klosterkirche Anklänge zu finden wie die Steinmetzzeichen bezeugen, die um 1200 auch in Maulbronn angebracht wurden.[1]

Die Margarethenkapelle wurde zur Aufnahme des Denkmals der Märtyrerin Margaretha erbaut. Vermutet wird, dass ein Steinsarg des Kindes Margaretha, verehrt als Opfer eines Ritualmordes und als Märtyrerin zur Schau gestellt wurde. Die Inschrift wird angegeben mit: MARGARETHA A IVDEIS OCCISA OB(IIT) FELICITER ANNO D(OMI)NI M CC LX VII CAL(ENDAS) IVLII FER(IA) VI. Übersetzung: Margaretha, von Juden getötet, starb glückselig im Jahr des Herrn 1260 am 7. Tag vor den Kalenden des Juli (25. Juni), an einem Freitag. Die Existenz einer Judengemeinde in Pforzheim um die Mitte des 13. Jahrhunderts wird dadurch dokumentiert, sowie der Hass, mit dem die christliche Bürgerschaft, geleitet vom Dominikanerorden, der jüdischen Minderheit begegnete.[2]

 
Südportal

An der Südseite befindet sich ein Portal in frühgotischer Ausführung. Das Gewände ist in doppelter Abtreppung ausgeführt und zwei eingestellte Dienste werden durch die Archivolten des Bogens fortgesetzt. Ein Tympanon ohne Sturz aus rotem Sandstein wird in der Fläche durch Blendmaßwerk gegliedert und enthält auf dem Bogen eine unvollständige Inschrift: PETITE · ET ACCIPIETIS (übersetzt: Bittet und ihr werdet empfangen).[3]

Ab 1535 war die Kirche Grablege der badischen Markgrafen aus der evangelischen Linie (ab 1515 Baden-Durlach). Die letzte in der Kirche bestattete Angehörige des Herrscherhauses war 1860 Stéphanie de Beauharnais. Folgende Grabdenkmale im Stiftschor sind Kulturdenkmale:

Das die Kirche umgebende Residenzschloss in Pforzheim ging ab dem 18. Jahrhundert sukzessive verloren, lediglich der Archivbau blieb erhalten.

In einem spätgotischen Anbau der Kirche, dem so genannten Reuchlinkolleg, wurde 1922 das Reuchlinmuseum eingerichtet, das Johannes Reuchlins Bibliothek der Öffentlichkeit zugänglich machte.

Beim Luftangriff auf Pforzheim am 23. Februar 1945 wurde die Kirche schwer beschädigt. Ihre Wiederherstellung unter Leitung des Staatlichen Hochbauamtes und mit Unterstützung der Stiftung der Freunde der Schlosskirche erfolgte bis 1957. Die Bauplastik wurde von Oskar Loos rekonstruiert.

Die Glasfenster des Chores schuf Charles Crodel. Das mit Bronzeplatten beschlagene Portal der Schlosskirche schuf 1959 der Stuttgarter Bildhauer Jürgen Weber. Es sind sechs biblische Szenen eingewoben. Die Kanzel gestaltete Valentin Peter Feuerstein.

Museum Johannes ReuchlinBearbeiten

Von 2006 bis 2008 entstand ein Erweiterungsbau nach Plänen des Hamburger Architekten Bernhard Hirche an der Südseite. Der Neubau stellt die ursprüngliche Kubatur des Reuchlinkollegs in der ehemaligen Sakristei der Kirche wieder her. Die nach dem Zweiten Weltkrieg errichteten Strebebögen sind in den Neubau einbezogen worden und illustrieren somit die historische Vielschichtigkeit. Am 6. September 2008 wurde das neue Museum Johannes Reuchlin eingeweiht.

LiteraturBearbeiten

  • Pfarramt Lutherpfarrei Pforzheim (Hrsg.): Schloßkirche St. Michael, Pforzheim 1967
  • Hermann Diruff und Christoph Timm: Kunst- und Kulturdenkmale in Pforzheim und im Enzkreis, Stuttgart 1991, S. 43–47.

WeblinksBearbeiten

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. EVANGELISCHE LANDESKIRCHE IN BADEN: DIE SCHLOSSKIRCHE ST. MICHAEL IN PFORZHEIM EIN ZEITZEUGE AUS DEM MITTELALTER. Abgerufen am 26. Oktober 2018.
  2. INSCHRIFTENKATALOG: STADT PFORZHEIM: Ev. Schloßkirche (Stiftskirche St. Michael). DEUTSCHE INSCHRIFTEN ONLINE Baden-Württemberg / Pforzheim, abgerufen am 26. Oktober 2018.
  3. INSCHRIFTENKATALOG: STADT PFORZHEIM: Ev. Schloßkirche (Stiftskirche St. Michael). DEUTSCHE INSCHRIFTEN ONLINE Baden-Württemberg / Pforzheim, abgerufen am 19. Januar 2019.

Koordinaten: 48° 53′ 33″ N, 8° 42′ 13″ O